07.09.1992

Das Diktat der Bundesbank

Das Maastricht-Referendum in Frankreich steht unmittelbar bevor - und noch einmal wird allen, den Gegnern und den Befürwortern einer Europäischen Währungsunion, eindrucksvoll demonstriert, wie das jetzige Währungssystem in Europa funktioniert.
Die Bundesbank hält die Zinsen hoch, weil sie in Deutschland Geld verknappen und so die Geldentwertung bekämpfen will. Das macht die Mark attraktiv für Anleger in der ganzen Welt. Sie steigen aus anderen Währungen aus und kaufen sich in Deutschland ein. "The mighty Mark" (Newsweek) zeigt wieder einmal Zähne. Deutschland und seine Währung beherrschen Europa.
Schweden und Finnen mußten ihre Zinsen hoch setzen, um den Ausstieg aus der Krone und aus der Finnmark zu bremsen. Die Wirtschaftslage in den beiden Ländern, die dem Europäischen Währungssystem (EWS) nicht einmal angehören, erforderte eher das Gegenteil, billiges Geld.
Der britische Finanzminister lieh sich 20 Milliarden Mark, um damit Pfund einzukaufen; der Kurs sollte nicht weiter verfallen. Das Problem sei nicht britisch, giftete die Times, "es ist deutsch".
Die Franzosen zahlen zähneknirschend zehn Prozent Zinsen, obwohl ihre Inflationsrate unter der deutschen liegt.
Sie alle beugen sich dem Diktat der Bundesbank. Aber warum? Warum werten sie ihre Währungen nicht einfach ab?
Der Wechselkurs ist eine Art Puffer zwischen sich unterschiedlich entwickelnden Volkswirtschaften. Geht es einer Volkswirtschaft schlecht, kann sie schlicht den Preis für ausländische Währungen anheben. Eine Abwertung würde die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft stärken, ihre Produkte im Ausland billiger machen.
Dabei wird allerdings die Kehrseite von Abwertungen übersehen: Die Importe verteuern sich im selben Maße, wie die Exportpreise nachgeben.
Solange Deutschland einsame Stabilitätsinsel war, so lange bestand diese Gefahr nicht: Europa importierte Stabilität aus dem Land der Leitwährung.
Doch je mehr sich Stabilität um Deutschland herum ausbreitet, desto untauglicher wird das Instrument der Wechselkursänderungen. Diese leidvolle Erfahrung haben in der Vergangenheit Abwertungsländer gemacht: Die Geldentwertung nahm zu, ohne daß sich die reale Wirtschaftskraft dauerhaft verbesserte.
Eine Neubewertung der europäischen Währungen, und das hieße eine Abwertung der meisten Währungen gegenüber der D-Mark, zum derzeitigen Zeitpunkt würde tendenziell die Inflationsgefahr erhöhen. Unsicherheiten im Wechselkurssystem bergen bei eng miteinander verflochtenen Volkswirtschaften wie in Europa die Gefahr, daß ein Zinswettlauf einsetzt und die Preise steigen. So gesehen garantieren feste Wechselkurse am ehesten Preisstabilität.
Verzicht auf Wechselkursänderungen aber verlangen Opfer. Das EWS unter der Führung der Mark war so lange erfolgreich, wie die Leitwährung einen Stabilitätsvorsprung hatte und die politische Bereitschaft bei den Partnern Deutschlands bestand, diese Stabilitätsopfer zu bringen. Inzwischen haben sich die Grunddaten geändert. Die D-Mark ist nicht mehr das, was sie mal war, sie ist zur Zeit weit stärker als die Wirtschaft, die sie repräsentiert.
Wenn Europa dennoch noch einmal bereit war, das bislang so erfolgreiche EWS-Spiel mitzuspielen, dann nicht zuletzt, weil der Währungsgeleitzug sich auf dem Weg in eine Währungsunion befindet.
Warum aber sollten andere mit inzwischen stabileren Währungen in Zukunft dem Zwang aus Frankfurt noch folgen, wenn die Perspektive einer einheitlichen Währung genommen wird? Ohne diese Klammern nähere sich Europa geldpolitisch einer Situation, schlußfolgert Hans-Peter Fröhlich vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, in der Führer und bisher Geführte sich ablösen.
Ob das EWS durchhält, ob die Leitrolle der D-Mark weiter anerkannt wird - nicht zuletzt darüber entscheiden die Franzosen in ihrem Referendum am 20. September.
"Die D-Mark ist nicht mehr das, was sie mal war"
Von Heiko Martens

DER SPIEGEL 37/1992
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