07.09.1992

VerbändePeinliche Vorstellung

BDI-Präsident Heinrich Weiss mußte gehen. Er unterlag im Machtkampf mit dem Hauptgeschäftsführer.
Heinrich Weiss wollte einen letzten großen Auftritt haben. Als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) diskutierte der alerte Manager noch am Sonntag vorvergangener Woche bei "Talk im Turm" von Sat 1.
Vier Tage zuvor hatte Weiss, 50, seinen acht Stellvertretern seinen Rücktritt angekündigt. Doch davon ahnten viele der rund 80 Referenten des BDI nichts, die ihren Chef am Montag nach dessen Fernsehauftritt zu einem Vortrag in der Kölner Verbandszentrale erwarteten.
Weiss kam nicht, statt dessen erschien sein Vorgänger, BDI-Vize Tyll Necker. Der informierte die Versammlung, sein Nachfolger sei zurückgetreten; er selbst führe den Verband bis zum Ablauf der Amtsperiode zum Ende des Jahres.
Die BDI-Mitarbeiter schienen erleichtert. Sie empfingen den Altpräsidenten mit Beifall und lautem Klopfen.
Mit dem abrupten Abgang des Präsidenten endete die Führungskrise, die den Lobby-Verband der Industrie monatelang gelähmt hatte. Zuletzt hatte Weiss, Mitinhaber des Düsseldorfer Maschinen- und Anlagenbau-Konzerns SMS Schloemann-Siemag, das Vertrauen seiner Vizepräsidenten verloren (SPIEGEL 34/1992).
Der BDI ist der Dachverband von 34 Branchenvertretungen. Ihnen sind 80 000 Unternehmen mit rund 10 Millionen Beschäftigten angeschlossen. Diese vielfältigen Interessen zu vertreten erfordert diplomatisches Geschick. Und das ist Weiss fremd. Intern verprellte er die Verbandsführer so wichtiger Branchen wie Auto, Chemie und Elektro. Karlheinz Kaske und Carl Hahn, die Chefs von Siemens und VW, zählten zu seinen schärfsten Kritikern.
Der Kontakt zur Politik war gestört. Kanzler Helmut Kohl akzeptierte Weiss nicht als Gesprächspartner. Ihm mißfiel die belehrende Art des Industriellen.
Insgesamt, so das Urteil der Kritiker, habe die Schlagkraft des BDI unter Weiss erheblich gelitten. Im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten versammelten sie sich deshalb am Donnerstag vorvergangener Woche zu einer Krisensitzung.
Die Vizes wollten mit ihrem Vorsitzer über die Unstimmigkeiten sprechen; der hatte vor, sein Interesse an einer Verlängerung seiner Amtszeit anzumelden. Weiss fand inzwischen, trotz aller Kritik, Gefallen an seinem Ehrenamt. Er wollte allerdings Bedingungen stellen.
Kaum hatten die Herren Platz genommen, forderte der BDI-Präsident die sofortige Beurlaubung seines Hauptgeschäftsführers. Ludolf von Wartenberg habe hausintern Stimmung gegen ihn gemacht und draußen an seiner Demontage gearbeitet.
Der frühere CDU-Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium war von Tyll Necker 1990 zum BDI geholt worden. Weiss, vermuten seine Gegner, habe seinem Manager die guten Drähte zu den politischen Stellen geneidet.
Mit seinen Vorwürfen, entgegnete Brillenfabrikant Rolf Rodenstock, falle Weiss bei jedem Arbeitsgericht durch. Eine solch peinliche Vorstellung, so der frühere BDI-Präsident, könne sich der Industrieverband nicht leisten.
Für die Stellvertreter kam der Vorstoß von Weiss überraschend. Noch Ende Juni hatte er über von Wartenberg geschrieben, das "persönliche Verhältnis" könne sich zu einem "notwendigen gegenseitigen Vertrauen" entwickeln.
Weiss ließ sich auf keinen Versöhnungsversuch ein und stellte ein Ultimatum. Das Vizepräsidium solle sich für ihn oder für von Wartenberg entscheiden. Der Präsident schätzte seine Position völlig falsch ein. Die acht Vizes stellten sich geschlossen hinter ihren Verbandsmanager.
Die Niederlage des erfolggewohnten Konzernchefs, der mit 28 Jahren das Unternehmen seines Vaters übernahm, geriet zur öffentlichen Schlammschlacht. Der Düsseldorfer Anlagen-Produzent fürchtete um sein Ansehen.
Er sei, erklärte Weiss deshalb öffentlich, mit seinen Vorschlägen zur Effizienz-Steigerung des Verbandes nicht bei seinen Stellvertretern durchgekommen. Die älteren Herren hätten kein Verständnis für seine modernen Management-Methoden.
Nun wird beim BDI ein Präsident gesucht, der intern und in Bonn Ansehen genießt. Bis Ende November soll der Kandidat für die nächste Amtsperiode gekürt werden. VW-Chef Carl Hahn, der zum Jahresende in den Ruhestand geht, wurde gefragt und signalisierte seine Bereitschaft, wenn Tyll Necker nicht weitermachen wolle.
Necker, 62, ein Mittelständler aus Bad Oldesloe, muß dazu noch überredet werden. Sein Unternehmen Hako, ein Hersteller von Reinigungsmaschinen, läuft hervorragend; er hätte wieder Zeit für den Job, den er schon einmal vier Jahre lang sehr erfolgreich ausübte.
Für Necker, einen Mann der leisen Töne, spricht seine Erfahrung im Umgang mit Funktionären und Politikern. Schon am vierten Tag seiner Amtsführung war er wegen der geplanten Zwangsanleihe im Kanzleramt.
Weiss hatte auf seinen Antrittstermin bei Kohl eineinhalb Jahre warten müssen.

DER SPIEGEL 37/1992
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