22.02.1993

„Ich hoffe auf Unsterblichkeit“

SPIEGEL: Herr Dr. Clarke, Sie sind einer der wenigen Sciencefiction-Autoren, deren Visionen teilweise schon Realität geworden sind. Haben Sie ein paar Tips für das Jahr 2050?
CLARKE: Prinzipiell sind nur technologische Mutmaßungen möglich; alles, was mit Politik zu tun hat, ist total unvorhersagbar. Im Jahre 2050, schätze ich, werden wir auf dem Mars eine permanent bemannte Station haben, auf dem Mond bestimmt auch eine.
SPIEGEL: Und auf der Erde?
CLARKE: Ja, richtig, ich hoffe, wir haben auch auf Erden bemannte Stationen. Es wird höchste Zeit, daß wir beispielsweise New York "terraformen" - es bewohnbar machen. Ich träume viel und oft von New York, vor allem vom Chelsea-Hotel . . .
SPIEGEL: . . . wo Sie vor 30 Jahren gemeinsam mit Stanley Kubrick das Script für den Film "2001 - Odyssee im Weltraum" geschrieben haben. Eine Ihrer bekanntesten Vorhersagen, die Stationierung von Nachrichtensatelliten im Weltraum, war damals bereits realisiert worden. Die Kommunikationssatelliten sollten viele Reisen überflüssig machen.
CLARKE: Dieser Aspekt der Vorhersage hat sich nicht so recht erfüllt.
SPIEGEL: Die Leute sind mehr denn je unterwegs. Da ist doch etwas falsch gelaufen, oder?
CLARKE: Alles sicher nicht. Die Nachrichtensatelliten machen eine enorme Anzahl von Geschäfts- und Politikreisen entbehrlich. Es werden noch weniger werden, wenn die Telekonferenzen technisch ausgereift sind. Ich teile die Ansicht eines ehemaligen Sowjetdiplomaten, der es für unverzichtbar hielt, den Gesprächspartner, mit dem man verhandeln oder Geschäfte machen will, wenigstens einmal zu sehen, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat.
SPIEGEL: Also sind nur deshalb so viele Menschen auf Reisen, weil jeder jeden wenigstens einmal sehen will?
CLARKE: Die meisten haben doch Spaß am Rumreisen. Aber auch das wird zurückgehen, wenn erst einmal die Technik der Virtual Reality voll entwickelt ist.
SPIEGEL: Dann bleibt jeder Mensch dort, wo er ist, in Colombo oder in Bodenwerder, sitzt mit einem Sichthelm auf dem Kopf am Computer und kümmert _(* Am Strand bei Colombo (Sri Lanka). ) mit vielen bunten Bildern vor den Augen vor sich hin?
CLARKE: Aber nein. Er hat im Gegenteil viel Zeit für wichtigere Dinge, etwa die Erforschung und Erkundung des Weltraums.
SPIEGEL: Eine der jüngsten Erfindungen ist die Fax-Maschine, die Briefe überflüssig machen sollte. Das Gegenteil ist der Fall. Es werden Faxe verschickt, um Telefongespräche zu bestätigen, per Fax übermittelte Berichte werden im Original per Post nachgesandt. Steht bald in jedem Haushalt ein Fax-Gerät?
CLARKE: Nein, dazu ist diese Erfindung noch zu jung. Es ist schwer vorherzusagen, was eine neue Erfindung bewirken wird. Als in England die Nachricht von der Erfindung des Telefons eintraf, einigte sich eine Parlamentskommission, der auch der Chef der königlichen Post angehörte, darauf, daß die Amerikaner das Telefon vielleicht benötigen, die Engländer hingegen nicht, weil sie immer noch genug Postboten und Kuriere hätten.
Der Bürgermeister einer amerikanischen Stadt bewertete die neue Erfindung damals optimistischer. Er sah den Tag kommen, an dem in jeder Stadt ein Telefon vorhanden wäre.
SPIEGEL: Gemeinsam mit anderen erhofften Sie sich von einem weltumspannenden TV-Satellitennetz den Durchbruch für die Erziehung und Bildung aller Erdbewohner, namentlich der Unterprivilegierten. Obwohl die Anzahl der TV-Programme in die Tausende geht, ist die TV-Bildungskampagne nie richtig in Gang gekommen. Amerikas Schwarze und Latinos fallen sogar immer weiter zurück. Was lief da schief?
CLARKE: Die Nutzung des Fernsehens als Medium zur Schulung und Weiterbildung ist eine Geschichte der verpaßten Gelegenheiten. Dennoch ist jedes TV-Programm bis zu einem gewissen Grade ein Erziehungsmittel, und ein bißchen Bildungsfernsehen existiert ja. Denken Sie nur an die Sesamstraße, die Serie, die Millionen von Kindern das Lesen und Rechnen näherbrachte.
SPIEGEL: Die Sesamstraße liegt nun schon mehr als 20 Jahre zurück, viel Neues und vergleichbar Gutes ist seither nicht produziert worden.
CLARKE: Das meiste, was jetzt über die Schirme flimmert, ist großer Mist. Das kommt nicht überraschend. Als der Buchdruck erfunden wurde, hoffte man, daß fortan jedermann gute Bücher würde lesen können. Als sich das neue Medium durchgesetzt hatte, kam natürlich auch Müll auf den Markt, aber auch die guten Bücher blieben. Beim Fernsehen wird''s wohl so ähnlich sein.
SPIEGEL: Je perfekter die gesamte Kommunikationstechnik wird, desto größer scheint die elektronische Müllmenge zu werden - Ramschangebote per Fax, Seifenopern im Fernsehen und Computerspiele, bei denen so viele Feinde wie möglich in kürzester Zeit abgeschossen werden müssen. Gibt es einen Weg aus dieser Sackgasse?
CLARKE: Der Müll muß vermutlich erst einen Sättigungspunkt erreichen. Auch auf die Informationsgesellschaft trifft die Erkenntnis des großen Science-fiction-Autors H. G. Wells zu, daß es einen "Wettlauf zwischen Erziehung und Katastrophe" geben werde. Natürlich sind Erziehung und Bildung der einzige Weg aus dem derzeitigen Dilemma. Von diesem Ziel sind wir in den Industrieländern noch meilenweit entfernt.
SPIEGEL: In den TV-Entwicklungsländern sieht es nicht besser aus.
CLARKE: Nicht auszuschließen, daß unsere Hoffnungen womöglich von den Chinesen erfüllt werden. Dieses Kulturvolk hat jahrtausendelang alles erfunden, ohne viel davon bis zum praktischen Nutzen weiterzuentwickeln. Vielleicht gelingt es ihnen diesmal, das Fernsehen in vernünftige Bahnen zu entwickeln.
SPIEGEL: Sie nahmen - 1956 - für sich in Anspruch, durch Ihre Bücher die Fortschritte der Raumfahrt um Jahrzehnte beschleunigt zu haben. Aber die Eroberung der Planeten ist nicht so vorangeschritten, wie Sie und andere es vorhersagten. Gibt es für die Menschheit noch eine Zukunft im Weltraum?
CLARKE: Wenn es eine Zukunft für uns gibt, liegt sie im All.
SPIEGEL: Nicht auf der Erde?
CLARKE: Nein. Die Vorstellung einer geschlossenen Gesellschaft auf diesem Planeten ist absurd. Die Chinesen haben es einmal versucht, als sie ihr Reich von der übrigen Welt abschotteten. Die Folge war die Entwicklung einer dekadenten Gesellschaft. Eine ähnliche Gefahr besteht, wenn wir nicht in den Raum hinausstreben.
SPIEGEL: Die amerikanischen Voyager-Sonden schickten brillante Fotos von den Planeten zur Erde. Das Bewußtsein der Menschen, auf einem kleinen Planeten mit begrenzten Ressourcen zu leben, ist dadurch aber wenig befördert worden. Wie kann ein Bewußtseinswandel erreicht werden?
CLARKE: Nun seien Sie doch nicht so pessimistisch. Dieser Bewußtseinswandel hat ja schon eingesetzt. Die ersten Fotos, welche die Erde als blauen Planeten im All zeigten, änderten die Herzen und Hirne der Menschheit gewaltig. Und wenn wir heute die globalen TV-Wetterkarten sehen, versetzt das sogar mich noch immer in Erstaunen.
SPIEGEL: Sie setzen große Hoffnungen in die Erfindung von Maschinen, die intelligenter sind als der Mensch. Hat das menschliche Hirn die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit erreicht?
CLARKE: Sicher nicht. Das wird schon deutlich daran, daß immer wieder Menschen geboren werden, die in außerordentlicher Weise zeigen, was das menschliche Gehirn leisten kann; denken Sie nur an Naturwissenschaftler und Mathematiker wie John von Neumann oder Stephen Hawking. Sie beweisen, daß Raum für weiterführende Entwicklungen vorhanden ist.
SPIEGEL: Die Computerhelm-Technologie der Virtual Reality zählen Sie auch dazu?
CLARKE: Werden Virtual Reality und ähnliche Techniken weiterentwickelt und klug eingesetzt, kann dies tatsächlich eine Revolution der Informationsverarbeitung herbeiführen. Als nächster Schritt käme dann die direkte Verbindung der Apparate zum menschlichen Gehirn - was allerdings auch wieder Horrorvisionen hervorruft.
SPIEGEL: Sie halten künstliche Intelligenz für machbar und wünschenswert?
CLARKE: Natürlich. Die Welt ist voll davon, obwohl sich im Augenblick mehr künstlicher Blödsinn als künstliche Intelligenz ausbreitet.
SPIEGEL: Die künstliche Dummheit läßt sich nicht vermeiden?
CLARKE: Sie ist die Zwillingsschwester der künstlichen Intelligenz, die andere Seite derselben Münze.
SPIEGEL: Vor ein paar Jahren sagten Sie, die Menschen würden schon bald mit Außerirdischen Kontakt aufnehmen. Glauben Sie das heute immer noch?
CLARKE: Ich bin ja in der glücklichen Lage, meine Vorhersagen fortlaufend revidieren zu können.
Die Kontaktaufnahme mit extraterrestrischem Leben kann heute nachmittag stattfinden, in 1000 Jahren oder niemals, das ist absolut unvorhersagbar. Im Augenblick wird die Möglichkeit, daß es Leben irgendwo im All gibt, von den Experten allerdings eher verneint.
SPIEGEL: In nunmehr 100 Jahren, so erklärten Sie in demselben Zukunftsfahrplan, werde wohl die Unsterblichkeit machbar sein?
CLARKE: Was wir in den vergangenen 100 Jahren entwickelt haben, läßt mich hoffen, daß wir in den nächsten 100 Jahren auch die Unsterblichkeit des Menschen erreichen werden.
SPIEGEL: Sollen wir uns das wünschen?
CLARKE: Die Geschichte hat gezeigt, daß jede aussichtsreiche Entdeckung den Wunsch hervorruft, sie auch zu nutzen. So dürfte es auch sein, wenn die Gentechnologen nun die Unsterblichkeit in Aussicht stellen. Es sei denn, mit der Menschheit geht es so bergab, daß sie ihre einzige Hoffnung auf einen Gott setzt oder auf ein besseres Leben nach dem Tode.
* Am Strand bei Colombo (Sri Lanka).

DER SPIEGEL 8/1993
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DER SPIEGEL 8/1993
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