17.05.1993

Der neue kalte Krieg

Der Junge hat eine große, spitze Nase, ein energisches Kinn, fleischige Ohren und flinke Augen. Nennen wir ihn Kurt. Im kleinen Spiegel, der vor ihm auf dem Tisch steht, prüft er den Schwung seiner linken Augenbraue, fährt mit dem Mittelfinger an ihr entlang und versucht dem Tonkopf vor ihm vorsichtig, mit Daumen und Zeigefinger, dieselbe Linie über den Augenhöhlen einzukneten.
Sie gerät ihm zu streng, zu unwirsch, so übertrieben wie fast alles an seinem Ebenbild. Die Lippen sind zu schmal, die Ohren zu abstehend, der Hals ist zu gedrungen, der Schädel zu kahl.
Das Mädchen neben ihm zeigt Kurt, wie man Haare in den Tonkopf ritzt; aber er glättet den Schädel wieder mit streichelnden Bewegungen, schaut Kurt II prüfend ins Gesicht und scheint zufrieden, daß sein Skinhead mindestens 50 Jahre älter aussieht als er.
Sie finde es toll, sagt die Kunststudentin, die hinter Kurt steht und auf seinen und neun andere Tonköpfe blickt, "daß ihr euch nicht so schön dargestellt habt". Die 15jährigen Realschüler, die ihr Klassenlehrer in diesen Workshop der, von der Bundesregierung geförderten, "Aktionstage gegen Gewalt" getrieben hat, nehmen das zweifelhafte Kompliment ohne Anzeichen von Freude entgegen und beginnen, nächste Aufgabe, das Selbstporträt ihrer Nachbarn noch häßlicher zu machen.
So wachsen die Nasen, sprießen die Pickel, bersten die Lippen. Eine Runde von tönernen Individualisten blickt schließlich zu den Schülern auf, lächelnd, flehend oder Zunge zeigend.
Als die Aufforderung kommt, die Köpfe zu zerstören, zögern die Schüler. Erst nachdem Kurt beginnt, auf seinen Kopf mit wuchtigen Fausthieben einzuschlagen, fallen auch die anderen Schüler über sich her. Sie quetschen die Augen, zertrümmern die Nasen, schlitzen die Wangen; sie stechen eine Schere in den Kopf, spalten den Schädel mit Hammer und Messer, stecken Schneebesen ins Hirn.
Es entbrennt ein verbissener, bisweilen fröhlicher Wettkampf um die gröbste Gemeinheit, den Kurt gewinnt - sein Kopf ist am Ende nur noch eine dicke Scheibe, einem mächtigen Kotelett ähnlich.
Im Gespräch über den Gewaltakt bleibt er so still wie die meisten Jungen und Mädchen der Klasse 9b. Seine Wut würde er zu Hause an der Fernbedienung auslassen, antwortet er schließlich widerwillig, als die Kunststudentin nicht aufhört, nach der "Gewalt im Alltag" zu fragen.
Nur weil sie aus einem Klumpen Ton ihren Kopf kneten dürfen, öffnen Fünfzehnjährige nicht gleich ihre Seele. Später auf dem Schulhof würden die Schüler über ihre Selbstbetrachtung reden, glaubt die Kunststudentin. Auf dem Schulhof - dort, wo die Zehnjährigen "Skin und Neger" spielen, wo die Zwölfjährigen die Schmächtigen "Jude" rufen, wo die Vierzehnjährigen mit der Zahl verprügelter Ausländer prahlen.
Weil in Greifswald nur 70 000 deutsche Bürger, aber 309 ausländische Studenten leben, ist es nicht schwer, Fremde in die Finger zu kriegen. Ein Marockaner wurde von zwölf Jugendlichen so zugerichtet, daß beide Hände gelähmt blieben. Zehn Jahre alt war der jüngste Gewalttäter, den die Polizei festnahm, nachdem 200 Jugendliche tagelang das Wohnheim der ausländischen Studenten belagert hatten. Er trug Wurfsterne in der Tasche seiner Trainingshose.
Wenn man die Kinder nach der Tat bei den Eltern abliefere, klagen Greifswalder Polizisten, würden nicht die Kinder, sondern sie beschimpft.
Wenn man nach einem Überfall bei der Polizei Anzeige erstatten wolle, klagen ausländische Studenten, höre man: "Sie sind doch keine Steuerzahler!"
Wenn man an einem Nachmittag auf dem Weg ins Cafe gleich zwei überfallene Schwerverletzte finde und sie ins Krankenhaus bringe, klagt der Sprecher der ausländischen Studenten, lese man darüber am nächsten Tag nichts in der Zeitung.
Wenn Fremde, "die aussehen wie Zigeuner", das Lebensmittelgeschäft von Dieter Reimer betreten, "gehen wir militärisch vor". Reimer zückt seine Pistole, schmeißt die Ausländer raus und alarmiert die Einzelhändler in der Umgebung.
Gegen Asylanten schützen sich Greifswalds wehrhafte Kaufleute mit einem Brief, der an den Eingangstüren und Kassen ihrer Läden hängt. Er ist vom Sozialsenator unterschrieben, wendet sich (auf deutsch) an die "Asylbewerber in unserer Stadt" und fordert diese auf, "die Diebstähle sofort zu unterlassen". Ob ihnen nicht klar sei, daß sie "die Geduld und das Verständnis der Einwohner Greifswalds provozieren"?
Natürlich sind der Sozialsenator, die Kaufleute und auch Dieter Reimer "nicht ausländerfeindlich", wie sie beteuern. Der 52jährige Jungunternehmer Reimer kann schon deshalb nichts gegen Fremde haben, weil er früher als "Sonderbeauftragter für den Einsatz ausländischer Arbeiter" Tausende von ihnen in die DDR geholt hat.
Seine Waffe richtet er ohne Ansehen der Rasse auch gegen Deutsche, gegen die "Assis", die am Schnapsregal die Flaschen an den Hals setzen. Wenn er bei der Polizei anrufe, klagt der Krämer, sagten die ihm: Schmeiß den selber raus!
"Zuviel Demokratie führt zum Chaos" - diese Weisheit, in drei Jahren BRD gewachsen, trägt der ehemalige Sonderbeauftragte der DDR-Regierung wie eine Standarte vor sich her. "Ich halt'' mich auch nicht mehr an 80 Stundenkilometer!"
Die 14jährigen Gesetzesbrecher, die er beim Klauen erwischt und der Polizei übergibt, sind am nächsten Tag "mit 20 Mann wieder da und schmeißen die Scheibe ein". Für Reimer ist klar, daß diese Typen, "die jeden Respekt vor jeder Autorität" verloren haben, auch Steine in die Wohnheime der ausländischen Studenten werfen.
Weil das öfter passiert ist, weil auch das Asylantenheim in Flammen aufging, weil in den düsteren Straßen des 752 Jahre alten Städtchens immer mal einer blutend auf dem Kopfsteinpflaster gefunden wird, gehört Greifswald zu den Stätten des Schreckens, an denen die Bundesregierung mit 60 Millionen Mark der Gewalt im Osten Herr zu werden versucht.
Das Kneten von Ton wird zu diesem Zweck finanziert, das Anmalen von Häusern und das Drehen von Filmen. Wenn Greifswalder Jugendliche sich selbst filmen und interviewen, sprechen sie von dem "Abschaum auf deutschen Straßen" und meinen damit Elfjährige, die ältere Damen niederschlagen. Ein deutscher Junge tue so etwas nicht, das mache nur ein Ausländerkind oder eines, das Ausländer nachahme.
Die Cliquen, die ihren Altersgenossen die Meinung in die Kamera sagten, sind nicht die Banden der Glatzköpfe, sondern Gruppen von "Stinos", von Stinknormalen, wie die Skins sie nennen.
Politiker sind für die Stinos "Fehlgeburten", die nichts geregelt kriegen; deshalb findet es der 13jährige Thomas "blamabel, daß in Rostock so viele Leute zugeguckt haben". Das ganze Volk wollte den Dreck weghaben, aber nur Jugendliche hätten was dafür getan.
Seid ihr stolz, Deutsche zu sein, fragt die kieksige Stimme des 15jährigen Interviewers.
Jo, antworten die Jungen.
Seid ihr stolz, daß Deutsche die Atombombe entwickelt haben? Joho, rufen sie entschlossen. Seid ihr stolz, daß die Deutschen die Juden vergast haben? Joohoo, jauchzen sie, und es klingt, als würden sich Rapper die Sätze zuwerfen.
Dirk würde gern mal mit Juden reden. Er möchte sie fragen, warum sie so komisch herumlaufen. Daß viele von ihnen vergast wurden, stört ihn "nicht so sehr". Juden sind keine Deutschen. Daß der "Herr Hitler" auch Deutsche ins KZ gesteckt hat, findet er allerdings übel.
Dirk lernt Einzelhandelskaufmann und lebt in Grevesmühlen, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die von Rostock etwa so weit entfernt ist wie Greifswald. Keine Juden, keine Ausländer, keine Asylanten belästigen die 10 000 Deutschen; deshalb hat es die Ortsjugend nie bis in die Nachrichtenshows gebracht; deshalb hat die Bundesregierung auch keine Videokameras und Knetkurse spendiert.
Durch das Dritte Programm der ARD hat Dirk bescheidenen Ruhm erlangt. In dem Film "Die müßten strenger mit uns sein", der bisher dichtesten Annäherung an die Jugend des Ostens, trat er einem Trabi-Fahrer mit seinem Militärstiefel so effektvoll ins Gesicht, daß ihn seine Freunde seither voller Neid verprügeln.
Im Fernsehen war er der Brutalste, obwohl er das im Leben nicht ist. Deshalb traut er sich nun abends nicht mehr raus.
"Anderen Leuten angst machen", hatte er im Fernsehen seine Lieblingsbeschäftigung genannt. Diejenigen seiner Freunde, die ihre Haare so kurz tragen wie er, haben ihn seither ein paarmal zusammengeschlagen. Ihn wieder hochgehoben, ihm seine Pistole abgenommen, ihm wieder und wieder ins Gesicht geschlagen, ihm Gas in die Augen gesprüht, ihm die Beine weggetreten, seinen Magen traktiert, seinen Kopf mit weit ausholenden, knirschenden Stiefeltritten so lange getroffen, bis er bewußtlos war.
Warum macht ihr das, hat er zwischen den Tritten gefragt, so lange er konnte. Doch die Gewalt war so stumm über ihm zusammengeschlagen wie über einem Ausländer.
Deutsche Frauen sind für Dirk die schönsten Frauen der Welt. Lieber würde er ins Grab steigen als zu einer Negerin ins Bett. "Bööäh", stöhnt er, als würde er kotzen. Chinesin? "Bööäh!" Französin? "Bööäh."
Nie will er mit seiner Freundin ins Ausland verreisen. Ihr beider Traumurlaub: 10 000 Mark haben und in den Süden, nach Bayern.
Schon die Bahnfahrt ins 40 Kilometer entfernte Lübeck allerdings tritt er nicht gern an. Als er das erste Mal drüben war, zeigten drei Jungen auf seine Füße und lachten ihn aus: "Guck mal, ein Ossi-Skin!" Die Kappen seiner Stiefel waren aus Hartpappe, nicht aus Stahl.
Wenn Dirk darüber redet, wie Westdeutsche ihn wohl sehen, klingt es, als rede er darüber, wie er Asylanten sieht - "faul", "schlecht", "Abschaum".
Die richtigen Stiefel und ein paar rechte Platten hat er von seinen wenigen Westausflügen mitgebracht und den Wunsch, ein richtiger Deutscher zu sein. Seinen Eltern konnte er mit seinem neuen Aufzug auf den Nerven herumtrampeln, in Daniel fand er einen Gleichgesinnten und so Anschluß an rechte Skins.
In Grevesmühlen ist es so wie in anderen Städten der Ostzone. Der Meinungszwang ist vom Staat auf Banden übergegangen; als wollten sie Meinungsfreiheit bestrafen, schlagen Jugendliche auf Andersdenkende ein. Weil "rechts" und "links" als Feindbilder nicht ausreichen, gibt es in Grevesmühlen auch die "Markant"-Gruppe und die "Göring"-Clique und andere nach ihren Treffpunkten benannte Banden.
"Ohne Gewalt kannst du auf der Straße nicht leben", sagt ein 15jähriger aus der Göring-Truppe, so weise, als wohnte er nicht in Grevesmühlen, sondern in der Bronx, und so schwärmerisch, als redete er von einem wundervollen neuen Stoff.
Eine Massenschlägerei ist für Daniel, Dirks Freund, wie ein Rausch. Er genießt das Kreischen der Mädchen, die Angst und das Gedränge und die plötzliche Leere der Disco, die eben noch voll war.
"Keine Gewalt!" war der Schlachtruf der ostdeutschen Pastoren-Revolte, "Seid nett zueinander" ist das Credo der westdeutschen Hallo-Partner-Demokratie - die Gewaltverherrlichung der Ostjugend schafft es, gleich zwei Autoritäten ins Gesicht zu schlagen.
Weil die Reisefreiheit ihren Preis hat und die Konsumfreiheit ihre Grenzen, sehen viele Jugendliche den Wert der neuen Gesellschaft in der Gewaltfreiheit. Sie nehmen sich die Freiheit zuzuschlagen, wann immer ihnen danach ist.
"Die haben mitgekriegt", sagten die Ordnungshüter von Grevesmühlen den Filmemacherinnen Svea Andersson und Anke Möller ins Mikrofon, "daß sie mit uns machen können, was sie wollen. Es passiert ihnen nichts!" Nicht alle Staatsgewalt, alle Gewalt geht vom Volke aus in Grevesmühlen und anderswo.
Seit Dirk den Rausch der Gewalt vom Kopfsteinpflaster aus betrachtet, findet er es eklig, wenn ein Skinhead auf dem Marktplatz einem Vietnamesen auf dem Kopf herumtanzt.
Daniel, der sein Freund war und nun sein Peiniger ist, reicht die Gewalt nicht mehr. Kurze Haare, schwere Stiefel und gelegentlich Krawall, "das kann nicht alles sein". Der 17jährige Lehrling mit dem sensiblen Gesicht eines Gymnasiasten braucht inzwischen härteren Stoff, Kassetten von Frank Rennicke zum Beispiel, dem rechten Klampfer, der von Volkstreue und geschändeter Heimat singt. Wie so viele Ostkids, die nach Rostock so selig herumlaufen wie viele Westkids nach Woodstock, verwandelt Daniel seinen Haß nun still und leise in Ideologie. Vor den Asylbewerberheimen herrscht Ruhe, aber in den Kinderzimmern marschiert die SA.
Der Briefträger bringt die Broschüren und Uniformen ins Haus, mit denen die Zonen-Teenies sich rüsten für den nächsten Sturm. Über Daniel, den 17jährigen, hat Daniel, der 14jährige, Kontakt zur "Nationalistischen Front" bekommen und sich aus deren Versandhauskatalog eine stramme Tracht zusammengestellt: weißes Hemd mit Jungsturm-Emblem, schwarzer Gürtel mit Messer.
Aufkleber wie "Wollt ihr Deutsche sein, laßt keine Parasiten rein" schmücken seinen Schrank; unter der Parole "Der Wind schlägt um" legt er sich schlafen. Eine Ortsgruppe der "Nationalistischen Front" wollte der Schüler gründen, aber mit dem angekündigten Besuch aus der Zentrale klappte es nicht mehr rechtzeitig vor dem Verbot.
Die nationale Front läuft quer durch das Kinderzimmer. In der anderen Hälfte des Raumes lebt Daniels drei Jahre älterer Bruder Niko, ein Skin, der die Freunde seines Bruders, solche, die Ausländer jagen und erschlagen, gehängt sehen möchte - "und danach noch in einen Eimer Scheiße".
"Links" will der bullige Glatzkopf mit den gütigen Augen nicht genannt werden, aber "antirassistisch". Früher war er ein rechter Ausländerhasser, aber dann hat er sich "einen Kopf gemacht". Das rät er auch seinem Bruder, wenn sie mal miteinander reden. "Wollt ihr nicht denken, oder könnt ihr nicht?" - "Wir können, aber wir wollen nicht."
Während ihrer Freizeitbeschäftigung - "den anderen auf die Glocke schlagen" - gehen sich die Brüder aus dem Weg. Als ihre Truppen doch mal aufeinandertrafen, suchte der Jüngere das Weite, der Ältere brüllte "Scheiß-Nazi" hinterher. Wenn zu Hause die Kampflieder aus der rechten Hälfte des winzigen Zimmers zu laut werden, zieht der Stärkere wortlos den Stecker heraus.
Jeweils 50 bis 60 Jungs glauben beide Brüder für ihre Sache mobilisieren zu können, und natürlich halten beide die Truppenstärke des anderen für Angeberei. Da bräuchten sich ein paar Leute nur eine Woche lang vor der Kaufhalle zu treffen, schon gelten die als Gruppe, lästert Daniel. "Im Westen kann man allein was machen", sagt Niko, "im Osten hat man nur die Gruppe."
Die Enttäuschung aus fast drei Jahren Bundesrepublik eint den rechten und linken Teil des Kinderzimmers. "Daß man Wohlstand hat wie im Westen, daß man frei leben kann, daß man aufeinander zugehen kann", das sind die Hoffnungen der Brüder gewesen, "aber das genaue Gegenteil ist eingetreten."
In der Enttäuschung und im Neid sieht Niko den Haß begründet, der die Jugendlichen des Ostens aufeinander einschlagen und "gegen den Westen" marschieren läßt. Ihre Sehnsucht nach Deutschtum und nach Ideologie, nach Ordnung und nach Führung ist ein Generalangriff auf die ihnen verschlossene Gesellschaft und deren Friede, Freude und Toleranz.
Indem sie die Symbole des bösen Deutschland entstauben, üben sie Rache. Vom neuen Staat sind sie inzwischen weiter entfernt als vom alten: Die Sicht auf die gute, alte DDR ist verklärt wie der Blick zurück auf eine strenge Schulzeit.
Mit dem Gespür von Provokateuren wissen sie die feine neue Gesellschaft an ihrer empfindlichsten Stelle zu treffen und dabei erfahrener mit den Medien umzugehen als die Medien mit ihnen.
Sie weiden sich daran, das Entsetzliche ins Mikrofon zu sagen, dem Neger mit Worten den Kopf zu zerschlagen, den Juden zu vergasen, den Asylanten abzufackeln. Sie hantieren mit Messer und Pistole wie andere mit Messer und Gabel.
Zwei Drittel der ostdeutschen Jugendlichen akzeptieren Gewalt als Mittel der Meinungsäußerung, fand das Potsdamer Institut für Familien- und Kindheitsforschung heraus, ein Fünftel sympathisiert mit terroristischer Gewalt.
Was die Kids in der Küche, der Kneipe und dem Fernseher aufschnappen, bestimmt das Ziel ihrer Wut. Die Asylanten verlieren an Schockwert, eine neue Randgruppe von Prügelknaben gerät ins Fadenkreuz: "die Politiker".
Die müßten was auf den Arsch kriegen, fordert Niko, sonst machten die nichts. "Schlagt doch die Politiker zusammen", rät er seinem Bruder. "Soll ich hingehen, klingeln, hallo, ich möchte Herrn Kohl zusammenprügeln?" - "Auf irgendeiner Demo. Nimmst eine Knarre und erschießt ihn vom Fleck. Ganz einfach."
Der Politiker aus dem Westen ist der Feind hoch zwei, er ist der jüdische Neger. Helmut Kohl ist der schwule, jüdische Neger. In Greifswald, dort, wo die 14jährigen zusammensaßen und ihren Haß an Tonköpfen auslassen sollten, hing ein Meckerbrett - übersät mit gedanklichen Attentaten: "Kohl, nimm den Finger aus dem Arsch" - "Wir kotzen auf dich!" - "Kohl, das nächste mal sind''s keine Eier, sondern Steine!"
Was Helmut Kohl für Deutschland ist Steffen Gloge für Pockau*. Irgendeiner mußte die Verantwortung übernehmen, "sich in die Pflicht nehmen lassen" (Kohl), "sich breitschlagen lassen" (Gloge), und darum wurde der Schwarze Bürgermeister.
Wenn in einem Dorf zwischen Berlin und Polen ein Neger zum obersten Deutschen gewählt wird, muß das schon ein besonderes Dorf sein, soll man annehmen, aber das ist ein Irrtum. Pockau hat 380 Einwohner, eine Kneipe und viele Arbeitslose; der Friseur, der Konsum und die Post sind zu; die Videothek ist neu, die Telefonzelle auch. Und die Friedhofsmauer wurde restauriert, mit ABM-Geldern.
Die Wende, wie der Neuanfang hier noch genannt wird, hat soviel und sowenig gewendet wie überall sonst im Osten. Die LPG heißt nun GmbH & Co. KG, _(* Dorfname von der Redaktion geändert. ) von 100 Landarbeitern machte sich einer selbständig, 64 wurden entlassen, die restlichen 35 Negerlein arbeiten kurz. Die Dorfkneipe hat eine neue Theke, die so schön blitzt, als habe sie vorher in einer Deichkate auf Sylt gestanden. Und jeden Sonnabend ist jetzt Jugendtanz.
Anfangs fielen die Auswärtigen in den grünen Jacken nur dadurch auf, daß sie versuchten, billiges Bier in den Tanzsaal zu schmuggeln. Dann fragte einer der Glatzköpfe den Rausschmeißer nach dem Bürgermeister. Kommt der noch? Wo wohnt denn der?
Steffen Gloge, Sohn einer Dresdnerin und eines Ghanaers, lebt seit acht Jahren in Pockau. Er war Berufssoldat, jetzt arbeitet er als Baumaschinenführer. Das Bürgermeisterwissen, auch die bescheidenen Schreibmaschinenfertigkeiten, hat sich der Parteilose selbst beigebracht, seit ihn die Bürger von Pockau mit hoher Stimmenzahl in den Gemeinderat wählten.
"Ich bin ein echter Deutscher", sagt Gloge leicht sächselnd, "auch wenn man es mir nicht ansieht", schiebt der 27jährige hinterher, weil er zu oft erlebt hat, daß man einem Schwarzen keinen deutschen Paß zutraut. Nicht nur Kahlschädel, auch Familienväter, "denen man es nicht ansieht", pflegen ihn zu trösten, "du kannst ja nichts dafür".
Die 16jährigen, die im Bürgermeister-Büro aufkreuzen, um ihm klarzumachen, sie seien drei Rassen besser als er; die Aufgeblasenen, die vor seiner Wohnungstür pöbeln; die Idioten, die mit Gaspistolen rumballern; die Schweine, die seine drei "Bambinos" bedrohen, lassen den Bürgermeister kalt. Sagt er.
Die etwa 20 Skinheads, die erst ihr billiges Bier tranken und dann einen Molotowcocktail auf das Dach des Tanzsaales warfen, wurden von der Dorfjugend vertrieben: Angefeuert von dem Rausschmeißer Frank Thäle, bewaffnet mit Gummiknüppeln aus Vopo-Beständen, schlagen sie die Angreifer in die Flucht. Ein Trabi mit Skins kommt nicht mehr weg, die Traktoristen und Melker halten ihn fest. "Der hat gewühlt und gekratzt", wie Thäle, der Hüne, immer wieder gern zu berichten weiß, "dann haben wir ihn umgekippt."
Sie treten die Lichter kaputt und die Insassen. Weil es keinen Polizisten gibt in Pockau und Umgebung, erreichen die Ordnungshüter erst nach 40 Minuten das Dorf. Sie sammeln die Skins ein und einen Bierkasten voller Molotowcocktails. Ein Opfer der Skins stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus: Das Auto, in dem der Schwerverletzte liegt, kommt von der Fahrbahn ab.
15 Feuerlöscher warten seither hinter der Theke der Dorfkneipe auf die Rückkehr der kahlen Invasoren. Und im Keller der Bürgermeisterei, in den Räumen der Videothek, zwischen "Nobody ist der Größte" und "Der Teufel kennt kein Hallelujah" sitzen Thäle und seine Companeros beim Bier. Und warten.
Anders als in der Stadt kenne hier jeder jeden, lobt der Bürgermeister. Er zum Beispiel trainiere die jüngsten Fußballer des Dorfes. "Die sind immer da, die freuen sich, die putzen ihre Schuhe, die lernen Ordnung. Besser als klauen." Die Lustlosigkeit macht ihm Sorgen; das Sich-hängen-Lassen, das sich im Dorf einnistet; das jeden Morgen gleich nach dem Hahnenschrei erwacht, wenn man merkt, man hat heute wieder nichts zu tun; das schon die Zwölfjährigen von zu Hause mit in die Schule bringen; das die etwas Älteren, die keine Lehrstelle erwischen, in die Dorfkneipe tragen. Wenn die sich aufraffen, kann''s schon mal eine Schlägerei im Nachbardorf geben.
Thäle, der zur Zeit den Kühen die Klauen schneidet, arbeitet nebenbei in den Tanzsälen der Umgebung als Rausschmeißer. Andere fahren bis nach West-Berlin, um als Lagerarbeiter ein bißchen Geld zu verdienen.
Daß die Leute arbeiten wollen, "damit steht und fällt hier alles", weiß der Bürgermeister.
Darum hauen einige ab, darum zermartert er sich den Kopf, darum wollen sich die Bauern "ein bißchen für den Tourismus interessieren", und darum wollen sie eigentlich nicht berühmt werden als das Dorf, das den Rassismus in die Flucht schlug.
Als die Ministerin sich der Menschenmasse nähert, schlägt ihr jener warme Applaus entgegen, den gewöhnlicherweise nur das Parteivolk seinen Helden schenkt. Doch an diesem Abend stehen ganz normale Bürger vor dem Tor der Märkischen Faser AG in Premnitz. Sie erwarten Trost und Zuversicht von der Ministerin, eine andernorts von Politikern kaum noch erhoffte Gabe. Aber zum einen stehen hier Menschen zusammen, die keine Hoffnung mehr haben, und zum anderen kommt die brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt, die Heilige Johanna der Schlachthöfe, die Mutter Teresa der Ostzone, vor der das Menschenmeer sich teilt wie die See vor Mose.
Den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet, lauscht die Ministerin oben auf dem Lkw-Anhänger der Begrüßung durch den Betriebsratsvorsitzenden und lächelt verzeihend, als dieser warnt, die Hildebrandt werde geschickt, um schlechte Nachrichten zu verkünden; Ministerpräsident Stolpe komme nur, wenn es gute gebe.
Die Sozialministerin hat den Chemie-Arbeitern und ihren Familien, die ihren Betrieb besetzt halten, weil er geschlossen werden soll, nicht das Todesurteil zu verkünden.
Sie will sie ermuntern, weiter Tag und Nacht vor den Toren zu stehen, damit "die" begreifen, daß man eine ganze Stadt mit 11 000 Einwohnern nicht einfach dichtmachen kann.
Die Märkische Faser ist mit ehemals 6700 Beschäftigten der einzige Großbetrieb weit und breit; nur noch 1800 Arbeiter bekommen Lohn. "Die" - das ist die Schweizer Firma Alcor Chemie AG, die den ehemaligen "VEB Friedrich Engels" im Januar 1992 für fünf Millionen Mark gekauft hat. "Die" - das ist die Treuhand, die das Unternehmen nicht mehr zurückkaufen will. "Die" - das ist vor allem die Bonner Regierung, die Millionensubventionen zur Rettung der Märkischen Faser verweigert.
Wenn die Ministerin auf dem Lastwagen von den Regierenden am Rhein redet, spricht sie von Wesen, die nicht nur von jenseits der Elbe, sondern aus der Tiefe des Universums über den Osten gekommen sein dürften. Die Herrscher müssen Monster ohne Ohren und Augen sein, ohne Hirn und Herz, aber mit gierigen Pranken und riesigen Füßen, äußerlich halb Yeti, halb Kohl, mit der Seele einer Digitalkasse.
Einer dieser Kerle hängt am Betriebstor; neben seinem Foto, in der Höhe seiner schwarzen, buschigen Augenbrauen, prangt einer seiner Sprüche: "Die Märkische Faser - Beispiel entschlossener Sanierung mit Hilfe der Treuhand".
Die Treuhand habe einem Kleinunternehmer den 200-Millionen-Großbetrieb geschenkt, um ihn los zu sein, klagen die Premnitzer. Die Alcor sei nur an dem Grundstück interessiert.
In den Augen der Verbitterten rund um die Ministerin ist die Treuhand der Vollstrecker des Westens. "Die Treuhandleute, die unsere Sanierungsfähigkeit untersucht haben, waren von Bayer", klagt der Betriebsrat. "Die wollten uns als Konkurrenten loswerden, um Arbeitsplätze im Westen zu sichern."
In den Blicken der Premnitzer liegt mal schiere Angst und mal der Unglaube, daß es so schlimm kommen könnte, wie die Resignierten ihnen ins Ohr flüstern: "Premnitz wird wieder Fischerdorf." Zur Jahrhundertwende hatte der Ort 650 Einwohner; 3000 Premnitzer sind bis jetzt schon auf und davon.
Die stille Furcht jedes Ostdeutschen, im neuen Deutschland eigentlich nicht gebraucht zu werden, ist in Premnitz unüberhörbar. "Wir wollen produzieren, nicht nur konsumieren", steht auf den Spruchbändern. Und: "Wir sind keine Jäger und Sammler." Und: "Hoch leben die Premnitzer, an jedem Baum einer."
Die Ungewißheit eines Asylbewerberlagers liegt über dieser wie über so vielen Kleinstädten des Ostens, deren Insassen darum bangen, von irgendeinem barmherzigen Kleinkapitalisten als Wirtschaftsflüchtlinge des Sozialismus anerkannt zu werden.
Noch 1988 war Erich Honecker in Premnitz zur Stelle, um die angeblich modernste Acrylfaser-Straße Europas einzuweihen; fünf Jahre später steht der 54jährige Ingenieur aus der Investitionsabteilung, 30 Jahre im Betrieb, mit einer Kerze in der Hand vor dem Tor und muß sich von der Sozialministerin raten lassen, er und die anderen Arbeitslosen sollten sich immer wieder beim Arbeitsamt melden, auch wenn sie nur noch Sozialhilfe bekämen, "weil sie sonst aus der Arbeitslosenstatistik fallen und die in Bonn dann denken, es geht aufwärts".
Hinter dem Tor der Märkischen Faser steht: "Die Arbeit ist die erste Grundbedingung allen menschlichen Lebens", zu einer Zeit in Stein gemeißelt, als es mehr Arbeit als Arbeiter gab; von Friedrich Engels zu Papier gebracht, als es mehr Arbeiter als Arbeit gab.
Mit einer Mischung aus Kirchenpredigt und Büttenrede spendet Regine Hildebrandt Hoffnung, sie flucht, lacht und fleht: "Das kriegen wir hin, wir müssen uns nur Mut machen."
Nach einer Stunde, nachdem die Ministerin den Arbeiterinnen um sie herum die Vorzüge der Arbeitslosigkeit ("Ruht euch mal aus!"), der Umschulung ("Lernt Buchhaltung!") und der Selbständigkeit ("Werdet Kaufmann!") nähergebracht hat, nachdem die Skepsis in den Gesichtern und in den Fragen ("Wo soll die Arbeit herkommen, hier?") gewachsen ist, wandern die Gedanken wieder "auf die andere Seite", "nach drüben", "in den Westen". Daß man "da" nicht hinziehen kann, scheint den meisten klar zu sein: Dann hätten wir schon ''89 gehen können, die wollen uns doch nicht, die nehmen lieber Türken, die machen solche wie uns doch klein - diese Leute da drüben im fernen, feindlichen Land, das von Brandenburg so weit entfernt ist wie Serbien von Kroatien.
Kleine Konsum-Oasen hat der Westen im Osten erblühen lassen, Konsulate der Zukunft, bunte Schnellbauhallen, die "WUP" heißen ("Ware unglaublich preiswert") oder "McMöbel" oder "McService" oder "McBillig".
In Premnitz hat man die Verheißung "Laden-Ranch" getauft, wohl weil sie mitten auf einer Wiese steht. Im Osten ist die Versorgung mit Geldautomaten, Sonnenstudios und Tankstellen inzwischen so dicht, als habe die Zentralverwaltungsbehörde des Konsumismus den Plan übererfüllt.
Das "Fit-Point" in Premnitz, gleich gegenüber dem neuen Restaurant "Dolce vita", sticht korallenbunt aus dem Braunkohlendunst der Stadt, ein Freizeitzentrum mit Schwimmbad, Sauna und Fitneßraum. Noch unter der Diktatur des Proletariats geplant, dann wegen Devisenmangels stillgelegt, schließlich nach der Einheit mit öffentlichen Geldern aus dem Westen vollendet, ist das "Fit-Point" nun die Südsee-Insel für Kurzarbeiter und Arbeitslose. Body-Building kostet, ermäßigt, 40 Mark im Monat. Hier bearbeiten die Jugendlichen der Stadt nicht nur ihre Muskeln, hier lernen sie arbeitslos zu sein, ohne gleich über Asylbewerber herzufallen.
Die Skinheads stehen brav vor dem Tor der Märkischen Faser, keine Mollis, sondern Kerzen in der Hand. Von der Ministerin lassen sie sich mit gesenktem Blick darüber informieren, daß Ausländer "Menschen wie wir" seien, und danach befragen, wie der Muskelaufbau vorankomme.
Der Betriebsratsvorsitzende lobt die Kahlköpfe, die sich in den 72 Tagen der Torblockade oft zu den Wachen gestellt haben. Den Protest gegen die Schließung des Werkes friedlich gehalten zu haben schreibt Mathias Hohmann dem harten Kern von knapp 70 Aktivisten zu. Bis nach Potsdam und Berlin trieb die Premnitzer die Sorge um ihr Werk; 1300 Arbeiter fuhren mit dem Zug sogar in die Zentrale des Bösen, nach Bonn - die Märkische Faser stand auf der Tagesordnung des Hohen Hauses.
Daß die Bundesregierung seit einigen Monaten häufiger davon spricht, der Markt dürfe nicht ganze Landstriche des Ostens entindustrialisieren, verbuchen die Chemiearbeiter als ihren Erfolg, obwohl ihrem eigenen Betrieb nur bis Ende Mai Hilfe von der Landesregierung und der Treuhand zugesichert wurde. Stück für Stück wird das riesige Betriebsgelände verkauft, um die Löhne zahlen zu können.
Als Kanzleramtsminister Friedrich Bohl Ende Januar aus Bonn einschwebte, aber 15 Minuten vor der Belegschaftsversammlung wieder aus Premnitz abhob, sprachen sie von der "Flucht vor dem Feind". Für den Solidarpakt sei das Werk "nicht paßfähig", war dem Betriebsrat erklärt worden, weil nur Treuhandbetriebe subventioniert werden könnten. Den Rückkauf aber lehnt die Treuhand ab. "Ein Pokerspiel" laufe nun, kritisiert Hohmann, bei dem es nicht wirklich darum gehe, Industriekerne zu erhalten, sondern die Verantwortung loszuwerden.
Der Westen, glauben die Premnitzer, will den Osten erledigen, die westdeutschen Chemiekonkurrenten wollen den drittgrößten Faserproduzenten des neuen Deutschland aus dem Markt werfen.
Der Arbeitskampf ist zum kalten Krieg geworden.
"Die in Köln", klagen die seit zwei Wochen streikenden Metallarbeiter, wollten sie, die Ostdeutschen, in Armut halten; die Wucht ihres Lohnkampfs kommt aus der Wut über "den Westen".
Obwohl Hohmann in den Nächten am Tor, wenn der Zorn am bittersten war und der Haß am dunkelsten, der "Ossi-Wessi-Debatte" immer entgegengetreten ist, glaubt der 30jährige, "daß wir jetzt von den Westdeutschen weiter entfernt sind als zur Mauerzeit".
Drei Jahre lang seien "derbe Demütigungen über den Ostdeutschen ausgekippt worden". Nicht vom Aufbau Ost, von seelischer Demontage müsse man sprechen. Der unausrottbare Vorwurf, die Ostdeutschen könnten nicht hart arbeiten, läßt ihn sarkastisch lächeln: "Überall werden zwei Drittel der Arbeiter rausgeschmissen, da läuft eine knallharte Auslese. Und die, die überleben, die knöcheln, die kriechen sogar krank zur Arbeit."
Gescheiterter Sozialismus und entzauberter Kapitalismus haben Hohmann zu einem Mitglied jener wachsenden Gruppe von Ostdeutschen gemacht, die aus der historischen Not, zwei Gesellschaftssysteme erfahren und erlitten zu haben, den Nutzen zu ziehen beginnen. Drei Jahre haben ihnen gereicht, das neue System zu durchschauen und die Angst vor ihm zu überwinden; nun mischen sie ihr Leben, bedienen sich nach Lust und Laune aus zwei Lebenswelten.
Den "Ossi", diesen Pappkameraden westdeutscher Verachtung, gibt es nicht mehr; es gibt drei Gruppen von Ostdeutschen, die sich ganz unterschiedlich auf das neue Deutschland einlassen: erstens den Mischtyp, Leute wie Hohmann; zweitens den West-Typ, der so riechen, reden und aussehen möchte wie ein Düsseldorfer - er ist hinter Greifswalder Kaufmannstresen ebenso zu finden wie in der Premnitzer Laden-Ranch oder der Pockauer Videothek; und drittens den Ost-Typ, der immer noch hinter der Mauer lebt und leben will - er kann Skinhead sein in Grevesmühlen, Rentner in Zittau oder Lehrer in Berlin.
Wenn ein ostdeutscher B etrieb dichtmacht, und das ist in den letzten zwei Jahren mehr als 165 000mal passiert, pflegen die Brigaden und Kollektive ein letztes Mal beieinanderzusitzen und neben Rotkäppchensekt und Radeberger Bier vor allem Nordhäuser Doppelkorn zu trinken. 1991 wurden 15 Millionen Flaschen geleert, 1992 bereits 20 Millionen.
Der "Echte Nordhäuser Doppelkorn" war neben Hammer und Zirkel das wahre Markenzeichen der verflossenen DDR und, wie man sieht, das weitaus beständigere. Schon als Vorzeige-Spirituose der Arbeiter-und-Bauern-Macht gelangten jährlich zwei Millionen Flaschen aus der größten Brennerei Europas gegen Devisen ins westliche Ausland; nach dem Fall der Mauer eroberte der Klare die Regale und Kehlen Westdeutschlands. Nordhäuser Doppelkorn gehört zu den wenigen Ostmarken, die auch im Westen Erfolg haben.
Wenn man Henriette glauben darf, dann ist es der Roggen, der den Nordhäuser siegen läßt. Weizenkörner verschmäht das Huhn dieses Namens, pickt lieber Roggenkörner und findet, am Ende eines preisgekrönten Werbespots, den Ostkorn in der Flasche.
Erfahrene Trinker loben den kräftigen Geschmack des Roggenbrandes, der sich vom westüblichen Weizenkorn unterscheiden soll wie Schwarzbrot von Weißbrot.
Jeden Tag um 14 Uhr sitzen im Harzstädtchen Nordhausen drei Kenner beieinander und trinken, damit das Weltniveau gehalten wird. Genauer gesagt sitzen sie nebeneinander, durch Holzblenden voneinander getrennt. Im Kerzenlicht prüfen sie die Klarheit der Tagesproduktion, den Geruch und den Geschmack. Wie beim Eiskunstlauf halten sie kleine Schildchen mit Noten von 1 bis 5 hoch. Ein Vierter, der Vortrinker sozusagen, zählt die neun Bewertungen zusammen und errechnet die Endnote.
Zu DDR-Zeiten half eine aufwendige Elektronik beim Richten, jetzt reicht der Kopf, obwohl wieder mehr Kessel zu verkosten sind als vor zwei Jahren. Damals ging der Verkauf des Echten Nordhäuser Doppelkorns in den Keller, weil die Ostdeutschen wissen wollten, wie der Westschnaps schmeckt.
Zudem fehlten dem ehemaligen "VEB Spiritus Nordhausen" das Knowhow und die Vertreter, um gegen die Konkurrenten bestehen zu können. Unter "Jägermeister", "Underberg", "Doornkaat" und anderen suchte die Geschäftsführung einen Partner und fand Eckes. Die Nieder-Olmer Brennerei ("Chantre", "Mariacron", "Zinn 40") kaufte das Unternehmen, entließ zwei Drittel der Arbeiter und versprach, 80 Millionen Mark zu investieren.
Geschäftsführer wurde Hans-Joachim Junker, wie alle Leitungskräfte des Werkes auch schon im Sozialismus an führender Stelle. 30 Kader bekamen im Westen den Managerschliff; nach 14 Schulungstagen waren sie fit für die Marktwirtschaft und das große Deutschland. Als "Gesamtdeutscher mit Wohnsitz in Thüringen" definiert sich der Geschäftsführer, obwohl er als kritischer Mischtyp glaubt, daß "die wahre Einheit" noch Generationen brauche.
Die Nieder-Olmer haben begonnen, ihren "Attache" wegen der wesentlich niedrigeren Löhne in Nordhausen abfüllen zu lassen, und das könnte - ähnlich wie bei Pfanni, Märklin oder Wiesenhof - die Einheit im Kleinen wie im Großen stören. "Ossis nehmen uns die Jobs weg", empörte sich eine Berliner Sonntagszeitung.
Daß ihr Doppelkorn auch dem Westen schmeckt, hat der Liebe der Ostdeutschen zum Nordhäuser nicht geschadet. Ihn trinken ist immer noch wie DDR-Hymne summen. Er ist zum Erfolg verdammt: Je schlechter es seinen Liebhabern geht, desto besser wird es ihm gehen. Daran mag es liegen, daß diese Erfolgsgeschichte der Vereinigung noch in keiner Broschüre der Bundesregierung zu finden ist.
Reformhaus" steht an dem alten Gebäude in Halles ehrwürdiger Innenstadt, obwohl "Revolutionshaus" ein angemessenerer Name wäre für den Sitz des "Neuen Forums", jener Bürgerinitiative, die der DDR den letzten Stoß versetzt hat. Wenn man allerdings im ersten Stock eine Weile Ingrid Köppes Bürgerstunde verfolgt hat, möchte man "Sozialstation" an das Haus schreiben.
In dem kleinen Büro der Bundestagsabgeordneten liegt einmal im Monat der Osten auf der Couch. Zusammen mit Heidi Bohley, der Hallenser Stadtparlamentsabgeordneten des Neuen Forums, lauscht Köppe den neuesten Zuckungen des Unrechts, des Wahnsinns und des Widerstands.
Der "IM Paket" fühlt sich verfolgt, ein Schlosser kann den Antrag auf Arbeitslosenhilfe nicht ausfüllen, ein junger Mann will 70 000 Mark für einen Fahrrad-Kongreß.
Eine Malerin, deren Mann nach dem Fall der Mauer zu den Zeugen Jehovas und deren Sohn zur Hare-Krishna-Sekte flohen, möchte Helmut Kohl vor Gericht bringen, weil die ostdeutsche Gesellschaft so verkommen sei, daß jede Sekte als das kleinere Übel empfunden werde.
Anfangs glaubten viele Besucher, ihre Abgeordnete könne in Bonn ihre Probleme lösen. Aber inzwischen haben alle begriffen, daß ein Parlament kein Olymp und eine Parlamentarierin keine Göttin ist. Wie es zugeht bei Hofe, wollen die Neugierigen nun wissen; den Enttäuschten reicht es, wenn Ingrid Köppe "denen da mal einheizt".
Unter Honecker verteilte die 35jährige Bibliothekarin und Blumenbotin selbstgedruckte Flugblätter; in der Wendezeit setzte sie am "Runden Tisch" der Übergangsregierung zu und trieb beim Sturm auf die Berliner Stasi-Zentrale das Volk armschwingend wieder auf die Straße; im Bundestag sieht sie sich nicht als "Interessenvertreterin" der Ostdeutschen - "wer sagt mir, welche Interessen die haben"?
Wenn sie auf jene Wähler hören würde, die sich im Moment am lautesten zu Wort melden, müßte sie im Parlament "was gegen Ausländer tun". 80 Prozent aller Straftaten würden von Asylanten begangen, haben Leute auf einer Bürgerversammlung in Halle gebrüllt, bei der es um die Eröffnung eines neuen Heimes ging. Sie hat sich nicht getraut, als Bundestagsabgeordnete aufzutreten, "die waren hysterisch, die hätten mich verkloppt, da kam der Frust raus gegen alles, was oben ist".
Türken und Ausländer müssen raus, hat ihr ein Wähler geschrieben, "und wenn Sie nicht dafür sorgen, dann bringen wir erst die um und dann Sie!" Ingrid Köppe hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
Solche Ostdeutschen sind ihr so fern wie jene Westdeutschen, deren Leben sich um den Unterschied zwischen "Dash" und "Ariel" dreht. Köppe lebt an der Schnittstelle zweier Welten, pendelt zwischen zwei Deutschlands und hat das Gefühl, daß die Entfernung immer größer wird.
Wenn sie zur Bundestagsarbeit in den Westen eilt, lebt sie unter Deutschen, die in dem neuen Teil der Republik - je nach Intelligenz - nicht mehr sehen als ein Umerziehungslager oder ein Arbeitslager oder ein Asylantenlager. Erst als die Flammen von Rostock um die Welt gingen, haben sie begriffen, daß sie unwiederbringlich 16 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge im Land haben, die dabei sind, ihr Deutschland zu verändern. Intoleranz, Deutschtum und Untertanen sehen sie von Osten her die alte Bundesrepublik überschwemmen, all das, was man in zwei Jahrzehnten so mühsam kleingekriegt zu haben glaubte.
Von Halle, Leipzig und Greifswald aus betrachtet, sind die Bewohner der Westzone herrische Karrieristen. Sie sind kalt und gierig und verstehen vom Leben in der DDR so wenig, daß sie nicht darüber reden dürften, nicht einmal verständnisvoll.
50 Prozent der Ostdeutschen und 70 Prozent der Westdeutschen möchten die anderen Deutschen wieder loswerden. Das Problem: Zwei, die sich immer weniger leiden können, sollen immer mehr füreinander leiden - der eine verliert Arbeitsplätze und Kindergärten, der andere sein Geld.
Im Bundestag, wo das Ausmaß des Leids beschlossen und der Geist der Einheit beschworen wird, trifft Ingrid Köppe auf so viel Intoleranz und Ostblindheit, daß sie sich allenfalls geduldet, nicht aber gehört fühlt. "Haß ist ein Ergebnis sozialistischer Volksverdummung", überschrieb die CDU eine Erklärung zur Gewalt im Osten. Als Köppe im Innenausschuß des Bundestages nach der Mitverantwortung der Bonner Politik zu fragen wagte, erntete sie langanhaltendes Schweigen.
Wenn Ausländer im Bonner Regierungsviertel nur als Kellner oder Putzfrauen anzutreffen sind, wie soll da ein 13jähriger aus Halle in einem Türken einen Gleichberechtigten sehen, denkt sich die Bundestagsabgeordnete, wenn im Hohen Haus mal wieder laut über die unerklärliche Ausländerfeindlichkeit im Osten gerätselt wird.
Eine "wahnsinnige Wut" hat Ingrid Köppe bei den Jugendlichen ihres Wahlkreises bemerkt, bei den Rechten aus der Plattensiedlung Halle-Neustadt ebenso wie bei den Linken aus der Altstadt. Die Gewalt gegen Asylbewerber und Vietnamesen, gegen Leute mit Nickelbrillen und mit Glatze ist die Oberfläche, "unten drunter ist diese ungeheure Wut, aber sie können nicht genau sagen, worauf, wohl auf das trostlose Leben, das wir ihnen anbieten, im Osten wie im Westen".
Wer glaubt, daß am Ende dieses Jahrzehnts das 19. Jahrhundert beginnt, wer meint, daß seit dem Fall des Eisernen Vorhangs der Bürgerkrieg auf Mitteleuropa vorrückt, wer hofft, das Elend der deutschen Einheit in voller Blüte zu erleben, der besuche Zittau.
Zittau liegt tief im Südosten des Ostens und hat etwa 30 000 Einwohner, was keiner genauer sagen kann, weil jeden Tag 50 Asylbewerber aus Polen und der Tschechischen Republik über die grüne Grenze kommen und auf der anderen Seite unbekannt viele Einheimische der Stadt für immer entfliehen. Das Lastwagenwerk und die Textilfabriken stehen still; jeder zweite Zittauer geht, wie der Bürgermeister bedauert, "keiner geordneten Arbeit" nach; und die Geburtenrate halbierte sich in einem Jahr - selbst der Geschlechtsverkehr scheint zum Erliegen zu kommen in dieser regungslosen Stadt, die glauben machen kann, nach dem Sozialismus sei nun auch der Kapitalismus am Ende.
Wenn es im Osten einen Ort gibt, wo man den Traum von der Flucht in den Westen der Republik erwarten darf, ist das Zittau. Die Schüler der 12. Klasse des Gymnasiums I allerdings, demnächst nach dem Abitur auf dem Weg ins Leben, finden die, wie sie sagen, "alten Bundesländer" abstoßend.
"Lieber zum Bund" als dorthin, will Michael*. Keine Lust rüberzugehen hat Joachim, weil er "sein Geld nicht auch noch in den Westen tragen will". Grafiker würden im Osten dringender gebraucht, sagt Jens, schließlich sei er hier geboren.
Auch Karin "ist stolz, Ostdeutsche zu sein", irgendwann werde zwar der letzte Flecken im Osten westlich sein, aber ihre "Ostmentalität" werde sie bis zuletzt verteidigen. Darunter verstehen die Schüler, offener zu sein als Westdeutsche, selbstkritischer, nachdenklicher und menschlicher: "Wir verlangen nicht zuviel und sind nicht so voreingenommen."
Die Gymnasiasten, die sich äußern, werfen den anderen Deutschen vor, sich nicht in andere Menschen versetzen zu können, zum Beispiel nicht in sie, in die Ostdeutschen: "Sie wissen nichts über uns, aber sie tun so."
Vor drei Jahren fühlten sich zwei Drittel der Ostbürger in erster Linie als Deutsche, jetzt sieht sich die Mehrheit nicht als Deutsche, sondern als Ostdeutsche. Sie kaufen ostdeutsch, tragen ostdeutsch, singen ostdeutsch, hören ostdeutsch und feiern ostdeutsch, mit FDJ-Hemd und Puhdys-Platten.
Selbst jene Schüler der 12b, die sich von Westdeutschen weniger hart abgrenzen, zögern, da drüben eine Lehrstelle zu suchen. Obwohl den meisten klar ist, daß in Zittau und Umgebung "nur Bürogehilfen" gebraucht werden, hat sich noch keiner umgesehen. Sie wirken unentschlossen und verloren wie junge Türken in Deutschland, die nicht mehr genau wissen, wo sie hingehören.
Als die junge Schauspielerin Michaela Hinnenthal vor einem dreiviertel Jahr von Stuttgart nach Zittau zog, fühlte sie sich zunächst "wie im Ausland, fremder als in Italien". Die Stadt war so dunkel, das Leben so schwermütig, daß sie sich gelegentlich wunderte, deutsch zu hören und verstanden zu werden.
Weil gerade ein rechter Junge bei einem Angriff auf Asylbewerber erstochen worden war, marschierten die jungen Rechten in den ersten Wochen ihres Engagements am Gerhart-Hauptmann-Theater besonders laut über das Kopfsteinpflaster der Stadt, knatterten Polizeihubschrauber am Himmel, war die Luft in Zittau so aufgeladen, daß die 25jährige vor Angst kaum vor die Tür trat. "Ich dachte, da sind überall nur Skinheads, und die schlagen mir die Fresse ein."
Für viele Westdeutsche endet der multikulturelle Großraum an der Zonengrenze - die Schauspielerin und ihr Kollege Reimund Groß bezahlten ihre Neugier zunächst mit Mißtrauen, Schimpf ("rote Zicke") und Schande. Grelle Hemden und grüne Jeans traute sich der 29jährige Groß nicht mehr anzuziehen, weil er fürchtete, "was auf die Maske" zu kriegen.
"So sieht man nicht aus als Deutscher", mußte er sich sagen lassen, diese Vorsicht aus der Kindheit ("Das macht man nicht, was darf man nicht?") schlich sich wieder in seine Gedanken.
Die wechselseitigen Überheblichkeiten - Ost hat keine Ästhetik, West hat keine Kultur - bauten sich in der Arbeit am Theater ab, so zügig, daß Groß bald die Mauer im Kopf überstieg: Eines Abends hörte er, wie in seiner altsächsischen Stammkneipe ein Vertreter aus dem Westen der Kellnerin zurief: "Das ist so schön hier, ändern Sie bloß nichts!" Hält uns der Wessi für so blöd, daß wir das nicht selber sehen, fragte sich Groß.
Michaela Hinnenthal lernte, hinter die Masken der Jugendlichen zu schauen, die vielen Gleichgesinnten zu entdecken _(* Namen der Schüler von der Redaktion ) _(geändert. ) und die Menschlichkeit der Andersdenkenden.
Je öfter sie und ihr Kollege auf rechte Jugendliche trafen, desto mehr verloren sie ihren Schrecken; die Gewalt bekam Gesichter, Stimme und Ohren. "Was im Westen im Untergrund brodelt, passiert im Osten auf der Straße. Du kannst dich besser damit auseinandersetzen."
An die ostübliche Aufrüstung möchten sich die beiden Schauspieler nicht gewöhnen. Als sie nachts auf der Straße in einem Betrunkenen einen Freund erkannten und auf ihn zugehen wollten, "zückte der seine Knarre, weil er uns nicht gleich erkannte". Baseballschläger sind in Zittau als Waffe so verbreitet, daß der örtliche Baseballschlägerverkäufer nicht weiß, was ein Baseball ist.
Langes Holz und grüne Jacken standen auf den weihnachtlichen Wunschzetteln der jüngeren Gymnasiasten Zittaus ganz oben. Die Achtkläßler sind für die Schüler der 12. Klasse gemeingefährliche Zwerge, "die können nicht mehr argumentieren, nur noch schlagen". Für die Kleinen sei es "geil, Fascho zu sein" und beim Jungsturm mitzulaufen. Noch schlimmer seien eigentlich nur die Realschüler, die würden diejenigen Mitschüler verprügeln, die nicht den Hitlergruß im Repertoire haben.
Diese 78er waren elf Jahre alt, als ihnen die Pionierhalstücher und die Trommeln weggenommen wurden. Ihre Eltern und Lehrer widmeten sich fortan der persönlichen Wende, ihre Pionierleiter verschwanden im Westen oder im Nichts, der nette Onkel Erich entpuppte sich als Kinderschänder, und Polizisten waren nur noch Mützenständer.
Diese Kinder gerieten gleichzeitig in die Pubertät und in die Wende. Sie sind Bastarde zweier Gesellschaftsordnungen, groß geworden unter striktem Gehorsam, entlassen ins Vakuum.
Als "Babyskins" tauchen sie nun in den Newsshows wieder auf, präsentiert wie zweibeinige Pitbulls, die im Harz eine 13jährige foltern oder im thüringischen Arnstadt einen Parkwächter in den Tod treiben. In Greifswald machen sie das Ostseeviertel unsicher, in Pockau verfolgen sie den Bürgermeister, in Zittau malträtieren sie krebskranke Kinder aus Tschernobyl.
Ihre Gewalt scheint keinen Regeln zu folgen, und dennoch ist sie nicht sinnlos. "Was in den Dörfern rund um Zittau an Frust herrscht, das tragen die Kleinen in die Schule", sagt einer aus der 12. Klasse. Die Gewalt der Kinder ist die Angst der Eltern; und die grassiert in Pockau so wie in Premnitz, Nordhausen oder Grevesmühlen.
Jede Gesellschaft hat die Jugendbewegung, die sie verdient, auch wenn man in diesem Fall der Meinung sein kann, daß baseballschwingende 14jährige eine ziemlich harte Strafe sind für ein Volk, das nichts weiter wollte als die Einheit.
"Das Nazitum" sehen die Zwölftkläßler ausbrechen, wenn sie bald die Schule verlassen haben. Die Lehrer seien froh, daß sie nicht mehr wie früher agitieren müßten; von denen seien daher keine Argumente gegen jene rechtsradikalen Broschüren zu erwarten, die an der Schule kursieren und aus Aufsässigen Propagandisten machen.
Der Ostdeutsche sei der bessere Deutsche, ist aus dem Munde dieser jungen Stürmer zu hören. Er sei nicht amerikanisiert wie der Westdeutsche und nicht mit Italienern und Türken gekreuzt. Vom Osten werde daher die arische Erneuerung Deutschlands ausgehen.
Auch ihre erbitterten Gegner, diejenigen Gymnasiasten und Zittauer, die im "Multikulturellen Zentrum" ein- und ausgehen, sehen das Böse im Westen, geißeln den Materialismus und das Leben der Gesinnungslosen.
Daß das Gewissen Deutschlands zukünftig aus dem Osten kommt, davon sind Ostdeutsche so fest überzeugt, wie Westdeutsche glauben, die Zivilisation ende an der Zonengrenze - wie damals, als die Großeltern aus dem Krieg kamen und der Kalte Krieg begann.
Sein Kopf ist nur noch eine dicke Scheibe, einem Kotelett ähnlich
Ostkids, nach Rostock so selig wie Westkids nach Woodstock
Traktoristen und Melker schlagen die kahlen Invasoren in die Flucht
Der Westen, von Brandenburg so weit entfernt wie Serbien von Kroatien
Die Ungewißheit eines Asylantenlagers liegt über den Kleinstädten des Ostens
Den Ossi, den Pappkameraden der Verachtung, gibt es nicht mehr
Roggenkorn schlucken ist immer noch wie DDR-Hymne summen
Bastarde zweier Systeme, groß geworden im Gehorsam, entlassen ins Vakuum
* Dorfname von der Redaktion geändert. * Namen der Schüler von der Redaktion geändert.
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 20/1993
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