16.08.1993

Söldner„Mit dem Tod spielen“

Hunderte von ausländischen Landsknechten kämpfen im Balkan-Krieg auf allen Seiten. Nur wenige haben politische Motive, die meisten fliehen vor inneren Nöten - so auch der deutsche Legionär Heinz Wiesenack, dessen Odyssee sich aus Briefen und Dokumenten rekonstruieren läßt.
Im Krieg, in dem er auf der Seite der kroatischen Bosnier gegen die Serben kämpfte, kam der deutsche Söldner Heinz Wiesenack zu einer unvermutet klaren Sicht von sich selbst.
"Ich habe die Schnauze voll, von allem wegzurennen, vor Problemen einfach zu kapitulieren. In diesem einen Jahr hier habe ich gesehen, was wirkliche Probleme sind", schrieb er am 26. Mai an Günther Fichtweiler, einen Polizisten aus dem bayerischen Oberstaufen, der ihn wegen etlicher Vergehen daheim immer wieder vorgeladen hatte.
"Da geht ein Moslem an die Front, die hier dicht bei Gradacac verläuft, um sein Haus zu verteidigen", heißt es in dem Brief, "24 Stunden später kommt er zurück, sein Haus wurde von einer Fliegerbombe getroffen, seine Frau und zwei seiner drei Kinder sind tot."
Und Wiesenack, 27, ein blonder Gigant von 2,16 Meter Größe, gelobte: "Ich werde zwischen dem 1. und 10. Juni nach Deutschland kommen und mich den deutschen Behörden freiwillig stellen, die sicher schon Sehnsucht haben nach mir - wegen des Golfs der Firma Ford Hartmann aus Sonthofen und verschiedener anderer Kleinigkeiten."
Seinen guten Vorsatz hat Wiesenack nicht ausgeführt. Am 5. Juni setzte er sich in der Bar Metropol im nordbosnischen Städtchen Srebrenica eine Pistole an die Schläfe und drückte ab.
Als der Schuß fiel, blickten seine Kumpel erst mal nach oben. Die Gäste ballern gern mal in die Decke. Aber dann merkte der Tischnachbar von Heinz, der hier "Hans" genannt wurde, wie der Kopf des Deutschen gegen seine Schulter sank. Aus dem rechten Ohr floß Blut, und schließlich sackte der Hüne mit dumpfem Gepolter auf den Fußboden - Opfer eines Konflikts, in dem er nichts verloren hatte und in den er wie die meisten ausländischen Söldner nur geraten war, weil er sich auf der Flucht vor sich selbst befand.
Wie meistens in seinen letzten Tagen war Hans auch bei seinem Tod sturzbetrunken. "Er hatte geweint, er war bleich und verstört hier angekommen", erzählt Sabrina, eine Barfrau im Metropol, die seine Freundin war.
Selbstmordversuche, die in Wahrheit nicht gelingen sollten, hatte Hans schon öfter in seinem Leben unternommen. Bevor er die Waffe an seine Schläfe hob, entfernte er das Magazin. "Vielleicht hatte er einfach vergessen, daß im Lauf noch eine Kugel steckte", sagt ein junger Kroate, der dabei war.
In Oberstaufen war Wiesenack 1989 aufgetaucht, 24 Jahre alt und schon damals leicht auszumachen als Gestrandeter, dem im Leben nichts gelingen wollte. Er stammte aus der DDR, in Dresden am 6. Juli 1965 geboren, Sohn einer vielköpfigen Familie, die in den Augen der Behörden als asozial galt. Mit sechs Jahren wurde er in eine Pflegefamilie gesteckt.
Als er 20 Jahre alt war, verpflichtete sich Wiesenack für zehn Jahre in die Nationale Volksarmee. Aber er hielt die strenge Zucht nicht aus. Vermutlich wegen Fahnenflucht saß er drei Jahre lang in der DDR im Gefängnis.
Nach der Entlassung und dem Fall der Mauer ging er in den Westen, ohne Ausbildung, ohne Arbeit. In Oberstaufen schlug er sich mit allerlei Aushilfsjobs durch, meist in Kneipen. In einer italienischen Nudelfabrik in Kempten arbeitete er eine Zeitlang als Fahrer. Wenn er längere Touren machte, hatte er hinterher viel Geld in der Tasche.
Meist lebte Hans indes auf Pump und zahlte selten zurück. Aber man lieh ihm weiter Geld: Das freundliche, hilfsbereite Riesenbaby war überall beliebt, er hatte immer eine Freundin, jeder kannte ihn in Oberstaufen. Nur sein melodramatisches, zuweilen rechtsradikal gefärbtes Gedröhn über die schrecklichen Leiden seines Lebens oder seine soldatischen Heldentaten störte seine Freunde ein bißchen.
Als der Krieg in Ex-Jugoslawien eskalierte, sah Wiesenack seine Chance gekommen, sich und seiner Umwelt zu beweisen, daß er nicht sinnlos auf dieser Welt war. Mit einem gemieteten Golf fuhr er im August 1992 nach Kroatien und von dort aus nach Bosnien weiter.
Dort fand er eine Truppe nach seinem Geschmack - eine internationale Sondereinheit der kroatischen Bosnier, geführt von einem richtigen Landsknecht: Gaston Besson, einem in Thailand geborenen Franzosen, der in südostasiatischen Dschungelkriegen gekämpft hatte.
Als Wiesenack dazustößt, besteht die Gruppe aus elf Männern - Franzosen, Engländern, Amerikanern und Australiern kroatischer Abstammung sowie einem Holländer. Aufgabe der fremden Legionäre in der 108. Brigade Brcko ist es, Aufklärungsmissionen und Sabotageakte hinter den feindlichen Linien durchzuführen.
Hans - "der blonde Riese" wird er nun genannt - ist begeistert. Endlich scheinen sich seine Träume mit der Wirklichkeit zu treffen, was ihn nicht hindert, diese immer wieder ein wenig für sich nachzubessern.
In langen Briefen, die er nach Oberstaufen schreibt, mischt er realistische und präzis beobachtete Schilderungen über die Lage in Bosnien mit überdrehten Szenen aus jenem heroischen, endlosen Landserroman, der immer noch in seinem Kopf spielt.
In seinem ersten - undatierten - Brief an die Freunde daheim, der wahrscheinlich im Herbst entstand, heißt es zum Beispiel: "Ich habe nun gemerkt, daß ich eigentlich nur richtig leben und lernen kann in einer Gruppe unter strengster militärischer Führung."
Hans steht seinen Mann. "Nicht selten fand ich mich allein in einer Stellung, die gehalten werden mußte; kein Funk, kein Sichtkontakt, die gegnerischen Granaten und Kugeln pfeifen einem um die Ohren, aber du mußt in deiner Stellung bleiben, es gibt kein Zurück. Ich habe in unserer Gruppe als einziger ein Maschinengewehr M84, das ist ziemlich groß und schwer, die Wirkung beeindruckend, und ich kann damit aus der Hüfte schießen, was im großen und ganzen eine Seltenheit ist, was man in Filmen sieht und was ich hier als einziger produziere."
Besson, der Kommandeur der Truppe, schilderte in einem Interview mit dem französischen Nouvel Observateur das Söldnerdasein weniger heroisch: "Sobald ich von der Front weg konnte, war ich 24 Stunden am Tag betrunken. Um die Grausamkeiten zu vergessen, die der anderen und die eigenen. Jedesmal wenn man aus dem Kampf zurückkommt, stellt man fest, daß man nicht die Person von vorher ist. Also trinkt man."
Die meisten der laut Besson etwa 500 ausländischen Kämpfer in Kroatien und Bosnien sind kaputte Figuren. Geld verdienen sie wenig: etwa 100 Mark im Monat.
Die "idealistischen Abenteurer" (Besson) zogen nicht aus ideologischem Antrieb in den Krieg, sondern um sich selbst aus irgendwelchen inneren Nöten zu befreien. Besson über die Söldner-Psyche: "In ihrem Leben ist irgendwas zerbrochen, sie haben eine Niederlage erlitten oder einen Anfall von Schwermut, und so haben sie sich entschlossen, mit dem Tod zu spielen. Wenn sie nicht verwundet oder umgebracht werden, hauen sie nach zwei oder drei Monaten wieder ab."
Das Grauen, das er täglich erlebt, berührt auch Wiesenack: der blutüberströmte kroatische Mann, den serbische Soldaten an ein Scheunentor nagelten und sterben ließen, oder der Tod des 15jährigen Dragan, eines Serben, den Gaston, sein Boß, ohne Grund vor seinen Augen hinrichtete.
Aber daran, daß Töten jetzt sein Handwerk ist, gewöhnt er sich schnell. "Das ist wie bei einem Videospiel, wo du die Schatten, die sich auf dem Bildschirm bewegen, wegmachen mußt", erzählt er einem Freund. "Der andere denkt genauso wie du. Es kommt darauf an, daß du zuerst schießt."
Schon am 1. Januar dieses Jahres sind von Gastons Heldentrupp nur noch fünf Mann übrig, unter ihnen Hans. Zwei waren gefallen, fünf nach Hause gegangen, "weil sie die nackte Angst gepackt hat", schreibt Wiesenack am Neujahrstag an seine Freundinnen Babsi und Rosi heim nach Oberstaufen.
Dann verschwand auch Gaston. Er hatte davon gesprochen, daß er in Zagreb den Sold der Truppe kassieren und anschließend mit seinen Jungs Fronturlaub in Thailand machen wollte. Den wollte er dann wohl doch lieber allein genießen.
Schwer enttäuscht blieb Hans zurück, im Frühjahr schließlich als einziger. Er wohnte im Dörfchen Spioniza bei einer kroatischen Flüchtlingsfamilie. Die beiden Söhne Mirko und Zadic, 21 und 22, bewunderten den deutschen Hünen. Manchmal half er auch bei den Feldarbeiten.
Aber schließlich säuft er nur noch. Er mag nicht mehr kämpfen, schon weil er nicht weiß, für wen. In Bosnien sind inzwischen auch Kroaten und Moslems übereinander hergefallen. Er hat Freunde in beiden Gruppen. Die Militärpolizei greift den ständig alkoholisierten Deutschen auf, verwarnt ihn: Er demoralisiere die Truppe.
Am 24. Mai begegnet Wiesenack im Srebrenicer Metropol dem Italiener Bruno Zanin, 42, einem Zivilhelfer, der im Auftrag der Caritas und der christlichen Gemeinschaft "Emmaus" Konvois von je 20 Lastwagen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung ins schwer umkämpfte nordbosnische Gradacac schafft.
Den einsamen Deutschen in Kämpfermontur, der in den Bars herumhängt und auf seiner Gitarre wehmütige Lieder klimpert, findet Zanin faszinierend: "Hans war in der ganzen Gegend eine Legende. Wo immer er auftauchte, klammerten sich immer gleich drei Kinder an eine seiner Riesenhände. Obwohl er, als ich ihn kennenlernte, meistens betrunken war, galt er als Held."
Am Tag nach der Begegnung mit Zanin schrieb Hans den Brief, in dem er seine Rückkehr nach Deutschland ankündigte. Zanin hatte ihm versprochen, ihn in seinem Konvoi, getarnt als Fotograf, aus Bosnien herauszuschmuggeln. "Normalerweise wäre das ein Kinderspiel für mich gewesen", sagt Zanin heute, "ich habe auf diese Art und Weise schon Dutzende von Flüchtlingen herausgeholt."
Aber am 29. Mai wurden bei Novi Travnik drei italienische Helfer von marodierenden Milizsoldaten ausgeraubt und umgebracht. Die Caritas untersagte Zanin die Abfahrt. In den nächsten Tagen unternahm Wiesenack noch einen verzweifelten Fluchtversuch auf eigene Faust. Die Militärpolizei schnappte den Deserteur und schaffte ihn zurück ins Frontgebiet.
Das war am Tag, bevor in der Bar Metropol der Schuß fiel, mit dem Heinz Wiesenack sich umbrachte. Y

DER SPIEGEL 33/1993
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