16.08.1993

LeichtathletikSCHWARZBROT UND MÖHREN

Ein blonder Hüne aus Velbert will in dieser Woche bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart neuer „König der Athleten“ werden. Doch der Zehnkämpfer Paul Meier ist mehr als nur eine Medaillenhoffnung der deutschen Leichtathletik: Im Kampf gegen Doping gilt er als „erstes Produkt einer neuen Zeitrechnung“.
Der Große Bruder wacht im siebten Stock der Kölner Sporthochschule. Per Computer wird der Urin des Sportlers analysiert und in seine biochemischen Einzelteile zerlegt. Auf Dutzenden von Tabellen entsteht das Steroidprofil, ein "etwas verschwommener Fingerabdruck", sagt Professor Manfred Donike. Damit könne er "auf einen Blick" jede Dopingmanipulation entdecken.
Die Linien des Athleten mit der Code-Nummer 10010 dokumentieren indes mehr als den Testosteron-Wert eines jungen Mannes. Seine intimen Daten befördern ihn zum Vorbild einer unbeschadeten Leichtathletik: Paul Meier, 22, der neue deutsche Zehnkampf-Heros, ist garantiert drogenfrei, makellos rein.
Donikes Reinheitsstempel hebt den Mehrkämpfer aus Velbert über den Status einer bloßen Medaillenhoffnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart hinaus. DLV-Präsident Helmut Digel sieht in Meier den "Beweis für die Trendwende". Bundestrainer Claus Marek annonciert den blonden Hünen als "unser erstes Produkt einer neuen Zeitrechnung".
Auch die Sponsoren haben schnell den Öffentlichkeitswert eines sauberen Sportlers entdeckt. Die Sparkassen illustrieren mit Meier eine Imagekampagne zum Fair play - in Zeitungsanzeigen lächelt er süßlich, die Deutschlandfahne in der rechten Hand.
Meier kam zur rechten Zeit. Denn ähnlich wie die Politaffären die Verdrossenheit der Bürger über ihre Regierungen bestärken, drohte die Leichtathletik im Sumpf ihrer Dopingskandale zu ersticken. Der Verband schaute dem Untergang gelähmt zu.
Erst eine Initiative von unten entwickelte die Strategie zum Überleben. Die Zehnkämpfer zogen einen Strich unter die Vergangenheit, indem sie freimütig erklärten, daß auch in ihrer Disziplin früher kräftig gedopt wurde.
Dann organisierten sie sich, abgekoppelt von den ungeliebten Funktionären, im "Zehnkampf-Team", suchten eigene Sponsoren und förderten eine neue Philosophie des Leistungssports, deren erstes Dogma die absolute Dopingfreiheit ist. Als Beweis, daß "Weltklasse auch mit Schwarzbrot und Möhren" (Marek) möglich ist, entwickelten sie zusammen mit Donike das Pilotprojekt Steroidprofil, eine Art Register für die Hormone der Athleten.
Besuchern, die es genau wissen wollen, legt Meier heute seinen Dopingpaß auf den Tisch. Jeder soll sehen, wie streng die Kontrollen sind. 24mal haben die Dopingfahnder im vergangenen Jahr mit ihren Unterschriften die ordnungsgemäße Urinabgabe protokolliert. "Selbst bei meiner Freundin", erzählt Meier, habe ihn der Fahnder schon mal am Sonntagmorgen rausgeklingelt - wer wirklich sauberen Sport wolle, müsse eben "Einschnitte ins Privatleben hinnehmen".
Für seinen Trainer, den Leverkusener Bayer-Angestellten Axel Berndt, sind die lückenlosen Kontrollen "ein Glücksfall". Gedankenschwer legt der Coach den Kopf zur Seite, wenn er über die Gefahren von Meiers Blitzkarriere redet - gerade so, als spreche er über die Geheimformel einer neuen Bayer-Pille. "Die gewaltigen Leistungssprünge von Paul", sagt Berndt, "weckten anfangs Mißtrauen." Das umfassende Überwachungssystem sei deshalb "für meinen Job existentiell wichtig" gewesen - "Verdächtigungen und Anfeindungen" prallen jetzt ab.
Erst vor drei Jahren war Meier zu Bayer Leverkusen gewechselt. Von Jugendtrainer Berndt zum Zehnkampf "überredet", machte das Talent schnell eine "kolossale Entwicklung", die durch das Trainingsprogramm allein kaum erklärbar gewesen sei. "Solch ein Juwel", sagt Berndt und verfolgt entspannt, wie Meier einen Medizinball unter das Dach der Trainingshalle schleudert, "bekommt man eben nur alle paar Jahre."
Der rasche Aufstieg von der Junioren- in die Weltklasse erstaunte die Fachwelt derart, daß Experten wie US-Trainer Frank Zarnowski Meier heute zutrauen, als erster Zehnkämpfer 9000 Punkte zu erreichen und die verwaiste Rolle des "Königs der Athleten" neu zu besetzen.
Noch vor den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona höhnte Ex-Weltrekordler Daley Thompson als Kommentator der BBC über seine blassen Nachfolger. Und dessen ewig unterlegener Kontrahent aus den Achtzigern, Jürgen Hingsen, quasselte sich gockelgleich durch die Talk-Shows.
Nach den ersten Disziplinen des olympischen Zehnkampfs erlahmte jedoch das Interesse an dem mokanten Geschwätz der Alten - im Stadion hatte ihnen einer die Schau gestohlen, der ganz anders war als sie: Paul Meier. Am Ende machte es schon gar nichts mehr aus, daß dieser nach anfänglicher Führung nur sechster geworden war.
Seine über Nacht erworbene Popularität sieht Meier als Indiz dafür, daß die Zeit, in der Sportler wie Thompson und Hingsen "Showstars sein mußten", vorbei ist. Statt mit Medienwirbel, Psychotricks und Muskelmast zu glänzen, will der Nachfolger im Stadion "einfach nur Spaß haben, locker und lustig sein".
Sport ohne Spektakel, geht das heutzutage? Meier faltet die Hände und blickt ernst: "Natürlich." Er fühlt sich den Fans verpflichtet, er will sich "anstrengen und Mühe geben". Denn, so fragt er zurück: "Wann pfeifen die Zuschauer? Wenn sie das Gefühl haben, abgezockt zu werden."
Die kämpferische Bereitschaft eines Pete Sampras, des Tennis-Weltranglistenersten, möchte Purist Meier auch in seiner Sportart kultivieren. Natürlich gebe der Amerikaner "irgendwie nichts her", doch wie er "immer cool bleibt" und sein Spiel runterspule, das findet der deutsche Zehnkämpfer "einfach super".
Als Musterathlet der postanabolen Ära propagiert er den Sinneswandel bei Athleten und Medien: Trainingsspaß statt Qual, Wettkampf statt Rekorde, Teamgeist statt Egozentrik - wer kann so etwas besser vermitteln als einer, der Meier heißt und aussieht, als trage er der Rentnerin von nebenan die schwere Einkaufstasche nach Hause? Als "netten Gegentyp zu Hingsen" preist ihn Willi Holdorf, der 1964 olympisches Zehnkampf-Gold errang.
Hingsen hielt es noch für schick, vornehmlich in den USA zu trainieren. Die Ehefrau Jeannie, eine blonde Kalifornierin mit Hang zum Show-Business, paßte ins Bild des vermeintlichen Weltmannes aus Duisburg. Meier dagegen steht zu seiner rheinischen Provinzialität: "Ich bin gern zu Hause."
Weil er an der Gesamthochschule in Wuppertal Maschinenbau studiert, trainiert der gelernte Stahlformbauer vornehmlich in den Abendstunden. Das Dasein als Vollprofi lehnt er ab: "Nur Sport wäre mir zu langweilig."
Wenn Reporter ihm Kameradschaft, Bescheidenheit oder Familiensinn attestieren, fühlt Meier sich geschmeichelt. Vater und Mutter erledigen die Fanpost, der Großvater ("Mein größter Fan") hilft beim Archivieren der Zeitungsausschnitte, Freundin Karen bringt ihn gelegentlich zum Training nach Leverkusen. Und wenn "der Opi" Geburtstag hat, läßt Meier schon mal eine Übungseinheit ausfallen. Gerade seine engsten Bezugspersonen, die sich schon vor Monaten 20 WM-Eintrittskarten besorgten, will er nicht enttäuschen.
Aus dem vorigen Jahr, als ihn das Fernsehen durch stundenlange Übertragungen aus Barcelona zum Medienereignis aufbaute, hat er gelernt. Auch wenn er sich unablässig einredet, "auf dem Teppich zu bleiben", ahnt er, was in Stuttgart womöglich auf ihn zukommt.
Nach der Verletzung des Gold-Läufers Dieter Baumann ist Meier die letzte Zugnummer der deutschen Leichtathleten. Schon auf die einfache Frage nach seinen Chancen windet er sich seltsam verkrampft: "Ich bin mir selbst fast unheimlich." Meier bereitet es spürbar Unbehagen, den Kopf aus der Masse zu heben, die öffentliche Anteilnahme empfindet er als "lästig", bisweilen gar als "Bedrohung".
Als seine nationalen Kontrahenten bei den Deutschen Meisterschaften in Vaterstetten ermittelten, wer ihn zur WM begleiten dürfe, fuhr er eigens nach Bayern, um seine Solidarität mit den Kollegen ("Die Stimmung ist so toll") zu dokumentieren.
Auf dem Rückweg sah er sich bestätigt, als er ein lebendiges Beispiel für Selbstbescheidung entdeckte: Wie Steffi Graf auf dem Düsseldorfer Flughafen, "allein und ohne Allüren", durch die Hallen lief, "dat war einfach Klasse". Y

DER SPIEGEL 33/1993
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