23.11.1992

KindesmißbrauchGehütetes Geheimnis

Unaufhaltsam steigt in Deutschland die Zahl der sexuell mißbrauchten Kinder - in Wirklichkeit? Oder nur auf geduldigem Papier?
Wenn ein kleines Mädchen dem nackten Papa an den Schwanz faßt, weil es das interessant findet, dann ist das sicher keine Inzest-Situation", erläutert Teschaw, Hamburger Soziologiestudentin und selber ein Opfer sexuellen Mißbrauchs. Aber: "Wenn Papa dann anfängt, die Hand des Kindes festzuhalten und an seinem Schwanz zu reiben, um sich einen Orgasmus zu verschaffen, dann ist es das."
Nach Paragraph 176 des Strafgesetzbuches ist eine solche Handlung strafbar. Umstritten ist neuerdings, wie häufig das Verbrechen in der Realität vorkommt. Ist das Dunkelfeld, wie engagierte Frauen der Selbsthilfegruppen sagen, "unvorstellbar groß"? Ist sexueller Mißbrauch von - überwiegend weiblichen - Kindern also "das bestgehütete Geheimnis der Gesellschaft"?
Oder werden, wie andere Experten meinen, die Zahlen der angeblichen Opfer maßlos übertrieben, um Stimmung gegen Männer und den Sex zu machen?
Der Streit, durch eine Veröffentlichung der Berliner Publizistin und Pädagogin Katharina Rutschky, 51, angeheizt, hat im Umfeld von Feministinnen erregte Debatten ausgelöst. Die Angst vor dem Mißbrauch, so Rutschkys Kernthese, grassiere wie "ein ideologischer Virus", betrieben werde "Panikmache", die zur "Verteufelung alles Sexuellen" führen solle*. _(* Katharina Rutschky: "Erregte ) _(Aufklärung. Kindesmißbrauch: Fakten & ) _(Fiktionen". Klein Verlag, Hamburg; 120 ) _(Seiten; 28 Mark. )
Letztlich geht es bei dem Disput um die sogenannte Dunkelziffer. Darunter verstehen die Kriminologen die Zahl der begangenen Straftaten, die nicht erkannt und nicht angezeigt werden und deshalb in keiner Statistik auftauchen. Im allgemeinen sind sich die Experten über das "Dunkelfeld" verschiedener Straftaten einig. Es ist groß beispielsweise bei folgenloser Trunkenheit am Steuer und bei Warenhausdiebstahl, eher klein hingegen bei schweren Verbrechen wie Mord; von den meisten Rechtsmedizinern wird sie bei Mord auf 1:3 geschätzt: Auf einen erkannten Mord kommen drei unentdeckte.
Über Ausmaß und Art des sexuellen Mißbrauchs bei Kindern geben zwei offizielle Statistiken Auskunft: die Statistik der Polizei über eingegangene Anzeigen und die Verurteiltenstatistik der Justizbehörden. Die Zahlen sind vergleichsweise niedrig. Im Jahr 1990 wurden in den alten Bundesländern 12 741 Anzeigen wegen sexuellen Mißbrauchs gestellt (1980: 13 165; 1960: 17 908).
Verurteilt wurden im Jahre 1990 (dem letzten Jahr, für welches die Statistik vorliegt) 1565 Täter, 99 Prozent von ihnen Männer. Für 1985 belegt die Statistik 1418 Verurteilte, 1980 waren es 1789. Die Zahl der angezeigten und verurteilten Täter ist lächerlich gering im Vergleich zur Zahl der Opfer des sexuellen Mißbrauchs, wie sie von Selbsthilfegruppen und angesehenen Experten angegeben werden.
So ist die Düsseldorfer Rechtsmedizinerin Elisabeth Trube-Becker, 73, fest davon überzeugt, daß jede vierte deutsche Frau als Kind sexuell mißbraucht wurde; "Vater-Tochter-Inzest ist das häufigste." In Deutschland leben derzeit rund sechs Millionen Mädchen unter 14 Jahren; die Zahl der sexuell Mißbrauchten betrüge nach dieser Dunkelfeld-Berechnung rund 1,5 Millionen.
Bei ihren Nachforschungen darüber, wer wann welche Zahlen über den sexuellen Mißbrauch in die Welt gesetzt hat und wie diese Zahlen fortgeschrieben wurden, stieß Katharina Rutschky auf verblüffende Ergebnisse: In den offiziellen Kriminalstatistiken nimmt die Zahl der Opfer kontinuierlich ab, hingegen wird die Dunkelziffer seit einem Jahrzehnt immer größer.
1983 ging das Bundeskriminalamt von einer sechs- bis achtfachen Dunkelziffer aus. 1985 steigerte die Bundesregierung die Hell-/Dunkelfeld-Relation auf 1:8 bis 1:15. Dabei blieb es nicht. Die baden-württembergische Landesregierung hält neuerdings 1:20 für möglich. Als Rita Süssmuth noch Bundesgesundheitsministerin war, setzte ihr Ministerium in die Welt, es würden in der Republik "bis zu 300 000 Kinder im Jahr" sexuell mißbraucht. Die Relation der Hell- zur Dunkelziffer - errechnet aus dem Verhältnis von rund 1500 verurteilten Tätern zu 300 000 Opfern - betrüge demnach 1:200.
Dem Sprecher des Bundeskriminalamtes ist das alles völlig rätselhaft: "Wir leben in immer aufgeklärteren Zeiten. Und gleichzeitig soll die Dunkelziffer immer größer werden?"
"Alle Zahlen sind Fiktion", urteilt Katharina Rutschky. Sie sollen die Gesellschaft "anfällig machen für eine ganz und gar phantastische Welt, in der die Sexualität der Feind Nummer eins im Leben der Kinder (und Frauen) ist".
Die Entwicklung habe, sagt Autorin Rutschky, außerdem ökonomische Effekte. Seit der sexuelle Mißbrauch diskutiert wird, expandieren auch die "einschlägigen Forschungsvorhaben und therapeutischen Einrichtungen".
Eine neu etablierte "Wissenschaftsindustrie" verstehe es "sehr eindrucksvoll, öffentliches Interesse und öffentliches Geld zu mobilisieren". Hunderte von frisch diplomierten Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen haben in den Beratungsstellen _(* Zum Nachstellen von ) _(Mißbrauch-Situationen. ) für sexuell mißbrauchte Kinder einen festen Arbeitsplatz gefunden. Im niederrheinischen Moers (7200 Mädchen) gibt es zwei Beratungsstellen, in der badischen Uni-Stadt Freiburg (12 200 Mädchen) sogar drei.
Installiert haben sich auch die Zulieferer. So vertreibt die Firma "Donna Vita" nicht nur spezielle Sach- und Fachbücher, Broschüren, Theaterstücke und Biographien. Im Angebot sind auch "anatomisch ausgebildete Puppen", die dazu dienen, mit Kindern die traumatisierenden Erlebnisse in der Psycho-Praxis nachzustellen.
Die Psychologin und Gerichtsgutachterin Marie-Luise Kluck, 42, urteilt aufgrund ihrer Erfahrungen mit den Mißbrauchsberatungsstellen, daß dort oft "Leute sitzen, deren gesamtes Rüstzeug emotionale Betroffenheit ist".
Katharina Rutschky würde sich nicht wundern, wenn die fiktiven Zahlen nochmals eskalierten. Schon zirkuliere bei den Helferinnen die Idee, sexueller Mißbrauch beginne "im Grunde bei allen Verhaltensweisen, die dem Mädchen vermitteln, daß Männer frei über es verfügen können, beispielsweise lüsterne Blicke, das Klatschen auf den Po oder das Betasten und Begutachten körperlicher Rundungen".
"Da wundert man sich gar nicht", fährt die Publizistin fort, wenn ein US-Wissenschaftler schon zu der Überzeugung komme, daß "mehr als die Hälfte aller amerikanischen Frauen in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht wurden".
Rutschky: "Warum nicht alle?"
* Katharina Rutschky: "Erregte Aufklärung. Kindesmißbrauch: Fakten & Fiktionen". Klein Verlag, Hamburg; 120 Seiten; 28 Mark. * Zum Nachstellen von Mißbrauch-Situationen.

DER SPIEGEL 48/1992
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