16.08.1993

BiographienDer Mann mit der Maus

Hollywoods Traumfabrikant Walt Disney tyrannisierte seine Mitarbeiter und spitzelte für das FBI - Ende einer Legende?
Vom Nobody zum nationalen Idol, zum Oscar-Preisträger und Klassiker jugendfreier Familienunterhaltung: Kaum je, so schien es, hatte der amerikanische Traum sich so fabulös erfüllt wie in der Karriere des kleinen Farmersohns Walter Elias Disney.
Nun, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Mannes, der für seine Freunde und die Öffentlichkeit nur der gute "Uncle Walt" war, verdirbt ein skandalträchtiges Buch das blütenweiße Bild, an dem Disneys Biographen bislang festhielten: "Hollywoods dunkler Prinz" lautet der Titel des Disney-Porträts von Marc Eliot, das jetzt in den USA erschienen ist*.
Eliot beschreibt den Liebling Hollywoods als neurotischen Zwangscharakter, der von quälenden Identitätsängsten heimgesucht wurde und der - was dem Ruf Disneys besonders abträglich sein dürfte - über Jahrzehnte dem FBI als informeller Mitarbeiter und zuverlässiger Denunziant diente.
Vergeblich versuchten Disney-Erben und Nachlaßverwalter die Publikation der Eliot-Biographie zu verhindern. Öffentlich beschuldigten die Witwe und die Tochter Walt Disneys den Biographen, die Wahrheit entstellt zu haben.
Tatsächlich war die Versuchung, dem strahlenden, aus einem Guß geformten Walt Disney der Legende einen ebenso widerspruchsfreien Düsterling entgegenzustellen, für Eliot offenbar zu groß, als daß er ihr hätte widerstehen können. Andererseits ist die Liste seiner Gewährsleute so lang, daß das bisher vorherrschende Disney-Bild selbst dann zu revidieren ist, wenn auch das neue manchmal einem Holzschnitt gleicht.
Geboren 1901, erlebte der jüngste Sohn des erfolglosen Farmer-Ehepaares Elias und Flora Disney eine unglückliche Kindheit. Vom harten Vater regelmäßig mit dem Ledergürtel gezüchtigt, flüchtete der Junge sich immer wieder in _(* Marc Eliot: "Walt Disney. Hollywood''s ) _(Dark Prince". Birch Lane Press, New ) _(York. 308 Seiten; 21,95 Dollar. Die ) _(deutsche Übersetzung erscheint im ) _(Februar 1994 im Heyne-Verlag, München. ) die Phantasie, der Peiniger könne sein wahrer Vater gar nicht sein. Als Teenager vernarrt sich Walt Disney in die Comics aus Tageszeitungen. Und er begeistert sich für einen komischen kleinen Stummfilm-Tramp, der damals gerade berühmt wird: für Charlie Chaplin.
Als die USA 1917 in den Krieg eintreten, meldet sich Disney freiwillig zur Armee. Aber die angeforderte Geburtsurkunde kann er nicht beibringen. Statt dessen taucht ein mysteriöses Dokument aus dem Jahr 1891 auf, das die Geburt eines Sohnes von Elis und Flora Disney namens Walter bescheinigt. Diese Episode, deutet Eliot, habe Disneys frühe Zweifel an seinem Vater erneut heraufbeschworen und ein lebenslanges Trauma hinterlassen: die existentielle Unsicherheit über seine Identität.
Im Schatten dieser Obsession, so sein Biograph, vollzieht sich Walt Disneys Aufstieg zum Ruhm. Mit einer geliehenen Handkamera experimentiert er in einer Garage, um seine Cartoons das Laufen zu lehren. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Roy, der das Startkapital von 200 Dollar beisteuert, gründet er in Los Angeles 1923 das Unternehmen "Disney Brothers".
Blitzschnell reagiert Walt Disney auf die Tonfilm-Revolution: Seinen bereits fertiggestellten Film "Steamboat Willie" läßt er nachträglich mit Ton unterlegen. Riecher und Risikofreude zahlen sich aus: Die mit der Stimme Walt Disneys sprechende Maus Mickey in "Steamboat Willie" wird 1928 zur Filmsensation.
Kaum jemand ahnt, daß der junge Hollywood-Heros, der mit gerade 30 Jahren seine beiden ersten Oscars einheimst, privat alles andere als ein Glückspilz ist. Seine Nervosität äußert sich in zahllosen Ticks und einem ausgeprägten Waschzwang, der ihn bis zu 30mal in der Stunde ans Waschbecken treibt. Er konsumiert drei Schachteln Zigaretten am Tag und trinkt ebenso hart wie heimlich.
Bei Geldnöten schickt Walt Disney seine weiblichen Angestellten spontan eine Woche in den unbezahlten Urlaub - und dennoch wird er von ihnen vergöttert. Sein Entlohnungssystem ist extrem hierarchisch und undurchsichtig. Argwöhnisch wacht der Puritaner Walt Disney über die Moral seiner Angestellten. Wer aufmuckt, fliegt.
Gewerkschaftler, die sich ihm entgegenstellen, sieht Disney nur als Zerstörer der großen Studio-Familie - auch seine berühmtesten Zeichentrickfilme, "Schneewittchen", "Pinocchio" und "Bambi", kreisen um die Heiligkeit der Familie und die tragischen Folgen ihrer Auflösung.
Obwohl er sich zur Einschüchterung von aufbegehrenden Angestellten sogar der Mafia bedient, kann Disney nicht verhindern, daß 1941 in seinen Studios ein erbitterter Streik für das Recht auf gewerkschaftliche Organisation und bessere Bezahlung ausbricht, den am Ende nur Bruder Roy mit einem Kompromiß schlichten kann.
In diese Zeit fällt die Anwerbung Walt Disneys durch das FBI. Für einen Mann seines Kalibers fühlt sich der Chef der Organisation persönlich zuständig. Im November 1940 schließt J. Edgar Hoover, Eliot zufolge eine Art Ersatzvater für Disney, mit diesem ein ungewöhnliches Abkommen: Der Mann vom Film verpflichtet sich, das FBI über alle politisch verdächtigen Vorgänge im Show-Business zu unterrichten, insbesondere über gewerkschaftliche Aktivitäten und liberal oder sozialistisch denkende Personen. Im Gegenzug sichert Hoover Disney jede Hilfe des FBI bei der Aufklärung seiner wirklichen Herkunft zu - allerdings ohne Erfolg. An abenteuerlichen Spekulationen läßt Biograph Eliot es nicht fehlen. Er deutet an, in Wahrheit könne Walt Disney der Sohn einer Spanierin gewesen sein, die erst bei Disney senior, dann bei Disney junior als Haushälterin gedient habe.
Bis an sein Lebensende ist Disney als "Spezialagent" des FBI aktiv. Einen seiner besten Mitarbeiter etwa - er hatte sich als Streikführer hervorgetan - belastet Disney vor dem berüchtigten "Ausschuß für unamerikanische Umtriebe" mit dem vernichtenden Hinweis, er habe keine Religion und obendrein in seiner Jugend in Moskau studiert. Der Denunzierte steht 15 Jahre lang auf der schwarzen Liste des FBI und verliert, als Kommunist abgestempelt, immer wieder seinen Job.
Einiges spricht für die psychoanalytische Grundthese des Buches, in den Märchen-Figuren des besessenen Zauberers Walt Disney spiegle sich dessen Lebenskonflikt: in Schneewittchen, dem im Wald ausgesetzten Stiefkind; in der Holzpuppe Pinocchio, die sich danach sehnt, der leibliche Sohn ihres Erzeugers zu sein; im Rehkitz Bambi, das seine Mutter verliert und vom Vater getrennt wird.
Rastlos, wie gehetzt, setzte Walt Disney seinem Traum von einer heilen Welt immer neue Denkmäler. Eines der letzten war der gigantische "Disneyland"-Vergnügungspark bei Los Angeles. Er richtete sich darin ein Appartement ein, das bis in alle Details das Farmhaus seiner Kindheit reproduzierte.
Im November 1966 wurde Walt Disney ins St. Joseph''s Hospital eingeliefert, das seinen Studios in Los Angeles gegenüberlag. Die Ärzte entdeckten in der Lunge des Kettenrauchers walnußgroße Tumoren. Vom Bett aus hielt der Sterbende seine Traumfabrik bis zuletzt im Blick. Y
* Marc Eliot: "Walt Disney. Hollywood''s Dark Prince". Birch Lane Press, New York. 308 Seiten; 21,95 Dollar. Die deutsche Übersetzung erscheint im Februar 1994 im Heyne-Verlag, München.

DER SPIEGEL 33/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Biographien:
Der Mann mit der Maus

Video 01:07

New Orleans Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt

  • Video "Konzernchef aus Schweden: Ich habe einen Chip in meiner linken Hand" Video 01:52
    Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Video "50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie" Video 05:00
    50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie
  • Video "Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm" Video 01:01
    Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm
  • Video "19 Stunden, 16.000 Kilometer: Längster Nonstop-Passagierflug aller Zeiten gelandet" Video 02:15
    19 Stunden, 16.000 Kilometer: Längster Nonstop-Passagierflug aller Zeiten gelandet
  • Video "3000 Jahre alter Fund in Ägypten: Das Geheimnis der versteckten Särge" Video 01:10
    3000 Jahre alter Fund in Ägypten: Das Geheimnis der versteckten Särge
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus
  • Video "Videoanalyse nach dem Super Saturday: Die Nerven liegen blank" Video 01:43
    Videoanalyse nach dem "Super Saturday": "Die Nerven liegen blank"
  • Video "Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr" Video 07:56
    Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Video "Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll" Video 04:23
    Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt" Video 01:07
    New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt