14.09.1992

„Absoluter Wahnsinn, was da los ist“

Mitglieder der Scientology-Organisation, die im Westen der Republik zunehmend unter Druck gerät, setzen auf Ausbreitung im Osten. Zum Teil werden sie von Unternehmern unterstützt, die der Sekte zumindest nahestehen.
Die Durchsuchung war ein voller Erfolg. Als zehn Staatsanwälte und Steuerfahnder Mitte vergangenen Monats die Hamburger Geschäftsräume der Firma Hanse Werbe-Ideen filzten, fiel ihnen nicht nur jede Menge Aktenmaterial in die Hände, sondern auch ein Mann, der mit Haftbefehl gesucht wurde.
Dem festgenommenen Karl-Erich Heilig, 33, wird von der Staatsanwaltschaft Rostock Steuerhinterziehung von einigen hunderttausend Mark vorgeworfen. Im mecklenburgischen Schwaan hatte Heilig 1990 eine auf seinen Namen lautende Werbefirma mitbegründet und rasch hohe Umsätze erzielt.
Landete ein Teil des Geldes, offenbar am Fiskus vorbei, in den Kassen von Scientology? "In nur 6 Monaten haben wir Scientology mit ca. 6 000 000 DM (i. W. sechs Millionen) unterstützt", brüstete sich jedenfalls die Heilig-Firma in einem internen "Schwaan-Info-Letter". Heilig selbst wird in einer Spenderliste als Mitglied der "Ehrenlegion der Scientologen" ausgewiesen.
Die mecklenburgische Erfolgsfirma ist nur eines von vielen scientologisch orientierten Unternehmen, die in den neuen Bundesländern operieren. Zur Strategie des Psycho-Multis Scientology, der in den fünfziger Jahren in den USA gegründet worden war, gehört es, mit Tarnorganisationen in der Wirtschaft Fuß zu fassen (SPIEGEL 14/1991) - Motto: "Clear Germany".
Das Vorgehen stößt im Westen der Republik mittlerweile auf heftigen Widerstand. In Hamburg ermittelt bereits die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Aufgrund eines badenwürttembergischen Papiers beschloß die Justizministerkonferenz im Mai sogar eine Prüfung, ob die Scientology-Methoden "eine Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden notwendig machen". Im deutschen Osten dagegen, wo jede investierte Mark willkommen ist, sehen sich die Sektenstrategen vor einer neuen Gründerzeit. Scientology-Sprecherin Sabine Titzel registriert erfreut: "Absoluter Wahnsinn, was da los ist."
Einiges fällig war etwa auf der Ostsee-Insel Usedom, wo Anfang vergangenen Jahres der Berliner Unternehmensberater Peter-Uwe Krumholz auftauchte. Mit Hilfe des damaligen Bürgermeisters Bodo Kasten aus dem Insel-Örtchen Dargen rief Krumholz ein großangelegtes Arbeitsbeschaffungsprojekt für rund 500 Arbeitslose ins Leben.
Erst allmählich dämmerte den Dargenern, daß Krumholz mit scientologischen Methoden arbeitete. So forderte er Mitarbeiter zur Niederschrift von "Negativstimmungen mit den entsprechenden Wers" auf. Wer was über wen denkt und mit wem tut, wird bei Scientology in sogenannten Ethik-Akten festgehalten. Ethik im scientologischen Sinne verfolgt nach einer sekteninternen Definition den Zweck, "Gegenabsichten aus der Umgebung zu entfernen" - teilweise unter Benutzung einer grotesken Kunstsprache: "Out-2D" etwa steht für Ehebruch.
Ein evangelischer Pfarrer, der wegen solcher Spitzelmethoden Parallelen zur DDR-Staatssicherheit zog, wurde von Krumholz wegen Verleumdung und Geschäftsschädigung verklagt, im vergangenen Monat jedoch vor dem Landgericht Stralsund freigesprochen.
Inspekteure des Stralsunder Arbeitsamtes, das insgesamt mehr als drei Millionen Mark an das Krumholz-Projekt überwies, hatten bereits im Herbst vorigen Jahres "unübliche Vorgänge und Vergütungen" beanstandet. Die Konten der scientologisch inspirierten Arbeitsbeschaffung wurden daraufhin gesperrt. Nur knapp scheiterte kürzlich ein geplanter Coup im sächsischen Riesa. Gerhard Haag, Inhaber der Stahlbautechnik Neckar in der Nähe von Stuttgart und offenkundig Scientology-Anhänger, wollte in der Elbestadt einen Stahlbaubetrieb aus dem Besitz der Treuhand übernehmen.
Der Vertrag war bereits unterschrieben, als die Staatsholding erfuhr, daß gegen Haag wegen des Verdachts von Steuerhinterziehung und illegaler Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer ermittelt wird - die Treuhand stornierte den Verkauf des Riesaer Werks.
Ins Stocken geraten sind auch Haags Versuche, die Krupp Stahlbau im Westteil sowie die Bestahl Stahlbau im Ostteil Berlins zu übernehmen. Auf eine Scientology-Mitgliedschaft angesprochen, verweist Haag darauf, daß seine Religion reine Privatsache sei.
Welche Rolle die Lehre des 1986 gestorbenen Sektengründers Lafayette Ronald Hubbard in Haags Stahlunternehmen spielt, zeigen interne Unterlagen. Im Schreiben an einen Mitarbeiter wird beispielsweise die Lektüre von Hubbard-Werken empfohlen - etwa über die "Macht-Formel für die Dritte Dynamik". Darin heißt es: _____" Schieben Sie immer Macht in die Richtung eines jeden, " _____" von dessen Macht Sie abhängen . . . Es kann sogar darin " _____" bestehen, daß einer seiner Feinde in der Dunkelheit dumpf " _____" aufs Straßenpflaster klatscht oder das ganze feindliche " _____" Lager als Geburtstagsüberraschung in riesigen Flammen " _____" aufgeht. "
Haags zeitweilige kaufmännische Leiterin Jeanette Schweitzer, die Ende 1989 über die Scientology-Organisation an den Unternehmer geriet, wurde in dem Stahlbaubetrieb zum "Ethik-Offizier" bestimmt. Deutliche Worte mußte sie unter anderem von dem Unternehmensberater Reinhold Stricker hören, einem deutschen Mitglied des World Institute of Scientology Enterprises.
Weil sie den Anforderungen nicht genügte, mußte Jeanette Schweitzer, die inzwischen bei Haag wie bei Scientology ausgestiegen ist, mehrfach im englischen Sektenzentrum Saint Hill Manor Strafsitzungen über sich ergehen lassen. In stundenlangen Verhören werden dabei Fragen gestellt wie: "Bist du ein Tisch? Bist du vorbestraft? Hast du je mit einem Mitglied einer andersfarbigen Rasse geschlafen? Hast du je irgendeinem Scientologen geschadet?"
Als die Abtrünnige gegen ihren Chef arbeitsrechtliche Schritte unternahm, sah sie sich massivem Druck ausgesetzt. So schrieb ihr der Hamburger Immobilienmakler und Scientologe Götz Brase: "Wenn Du die Klage weiterlaufen läßt, verstößt Du gegen die grundlegende Regel in Scientology, daß ein Scientologe einen anderen Scientologen nicht verklagen darf." Renate Hartwig, Gründerin und Vorsitzende von "Robin Direkt", der ersten deutschen Schutzgemeinschaft für Scientologen-Opfer, kommt angesichts solcher Praktiken zu dem Schluß: "Scientology ist keine Sekte im üblichen Sinn und schon gar keine Religion." Vielmehr sei die Organisation, die in Deutschland als eingetragener Verein registriert ist, "ein verdeckt operierendes Wirtschaftssyndikat".
Soviel ist sicher: Schon bald nach Gründung durch Hubbard ging es bevorzugt ums Geld. Neben konfusen oder gefährlichen Sprüchen ("Die richtige Ausbildungseinstellung ist . . . ,Wir haben dich lieber tot als unfähig'") prägte der zeitweilige Sciencefiction-Autor handliche Anweisungen für knallharte Kapitalisten: "Mach Geld. Mach mehr Geld. Mach, daß andere Leute Geld machen." Wer viel Geld macht, gilt im Scientology-Sprachgebrauch als Mitarbeiter mit "hoher Statistik" und genießt in der Sektenhierarchie Privilegien.
Bei neuen Unternehmungen halten sich Scientologen gern im Hintergrund. So taucht im Zusammenhang mit Firmen, die vornehmlich im deutschen Osten operieren und mit Scientology in Verbindung stehen, immer wieder der Name des schleswig-holsteinischen Unternehmers und mehrfach ausgezeichneten Scientologen Detlef Foullois auf.
In einem Schreiben "Perspektiven 1992" des Unternehmens Cosmos Computer streicht der Scientologe und Firmengründer Stephan Koenig etwa die gute Verbindung zu Foullois heraus. Beispielsweise führt der Computermann an, daß "Herr Foullois 10 000 junge ostdeutsche Firmen, die er als Werbekunden hat, zur Verfügung" stelle.
Von der Werbefirma des jetzt verhafteten Unternehmers Heilig ließ sich Foullois für seine "Tätigkeiten im Jahr 1991" ein Honorar von 540 717,01 Mark anweisen. In der Anfang des Jahres gegründeten Hanse Werbe-Ideen, in deren Geschäftsräumen Heilig festgesetzt wurde, firmiert Foullois als Mehrheitseigner.
Foullois, der als CDU-Mitglied gegen einen drohenden Parteiausschluß wegen Scientology-Zugehörigkeit klagt, konnte auch mit seiner Hamburger P&B Management einen schönen Auftrag verbuchen.
Die Hanse Werbe-Ideen übertrug der P&B die "allgemeine Geschäftsberatung" - natürlich getreu den "Management-Richtlinien von L. Ron Hubbard".

DER SPIEGEL 38/1992
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