23.08.1993

RaubkopienZorro der Software

Mit hinterhältigen Methoden lassen die Hersteller von Computerspielen jugendliche Raubkopierer verfolgen.
Hallo Martin", säuselte Michaela aus Gladbeck in einem Brief, "ich habe Deine Anzeige im Computer-Flohmarkt gelesen" und "mir gedacht", schreib mal, "vielleicht können wir ja Spiele tauschen". Fürs erste bat die Schülerin um die Computerspiele "Waterloo, Robocop und Last Ninja" und verhieß ("Mein Foto kannst Du behalten") für die Zukunft ein bißchen mehr - "bis dann Martin und tschüsssiii Michaela".
Tanja, wie Michaela aus Gladbeck und ebenfalls "fast 16 Jahre alt", schmachtete Computerfan Udo an. Kopien der PC-Spiele "Waterloo, Robocop und Last Ninja" hätte sie gern. Und ähnlich schmeichelte sich Monika aus Essen ("Ich bin 15 Jahre alt, 168 groß und wiege circa 59 Kilo") bei Kai ein, die PC-Spiele "Sim City, Bubble Bobble" oder "Barbarian" wünschte sie sich.
Was als Teenagerfreundschaft hätte beginnen können, fand rasch sein Ende. Wer arglos auf den Briefwunsch der Computermädchen einging, der erhielt vielfach Post von der Münchner Anwaltskanzlei Günter Freiherr von Gravenreuth & Partner.
"Sie haben Plagiate von Computerprogrammen vervielfältigt und verbreitet", ließ die Kanzlei darin wissen und bat dann, "die geltend gemachten Kosten" von "DM 1934,07" oder "DM 1114,54" zu begleichen.
Der Münchner Anwalt Gravenreuth, 45, ist seit Jahren mit Rahmenverträgen von Programmierfirmen wie Software United ausgestattet und macht Jagd auf Spiele-Piraten. Woher der Bayer die Herzenswünsche der Ruhrgewächse Michaela, Tanja und Monika kennt, deutet er nur an. "Gewisse Sachen", orakelt Gravenreuth, "kommen einfach zu uns."
Das überrascht. Die computerverliebten Teenies ("Hobbys hab' ich erst mal den PC") sind unter den angegebenen Namen und Adressen nämlich unbekannt. Die Software-Bettelbriefe an jugendliche Computerfreaks, so ermittelte das Computerfachblatt c't - Magazin für Computertechnik, hätten sich "allesamt als fingiert erwiesen".
Unter Michaelas und Tanjas Adresse in der Tunnelstraße etwa nahm der Gladbecker Ralf Bellendorf die Antwortschreiben an die fiktiven Empfängerinnen entgegen. Und weil die PC-Welt nun einmal klein ist, sind der Münchner Anwalt und der Gladbecker Briefkasten-Onkel einander nicht fremd - "man kennt sich", räumte Bellendorf ein.
Freimütig bekannte Gravenreuth dem Computermagazin c't, daß "mehrere Personen", die Tanjas Lockungen erlagen, von seiner Kanzlei auf "Schadensersatz in Anspruch genommen wurden". Insgesamt, so das Fachblatt über die Tanja-Masche, seien "Hunderte solcher Briefe" an Computerfans verschickt worden.
Den Trick, PC-Jünglinge mit Teenie-Lockbriefen zu verführen und sie als potentielle Raubkopierer zu entlarven, findet Gravenreuth schwer in Ordnung: "95 Prozent der Computerfreaks", so der Anwalt, "sind nun mal männlich." Der szenebekannte Streiter für saubere Software arbeitet, nach eigenem Bekenntnis, auch "mit Privatdetektiven und Ex-Raubkopierern zusammen".
Als "Testbesteller" filzen seine bekehrten Sünder zum Beispiel kenntnisreich Fachzeitschriften nach verdächtigen Anzeigen, um möglichen Software-Schwarzhändlern auf die Schliche zu kommen. Er habe schon Leute erwischt, sagt der Anwalt, die sich als Bit-Banditen "glatt einen Bungalow" verdient hätten.
Andere Ertappte hatten nicht einmal genug Bares, um ihre eigene Kleinanzeige aufzugeben. Der Düsseldorfer Computerexperte Volker König etwa weiß von einem 15 Jahre alten Schüler, der sich in Gravenreuths Schleppnetz verfing.
Der Junge erbat in einem Inserat, das seine Mutter bezahlt hatte, sogenannte Public-Domain- oder Demo-Programme für seinen Amiga-Computer. Solche Software wird von Hobby-Programmierern und Firmen unentgeltlich oder allenfalls gegen Schutzgebühr verschickt.
Gleichwohl kam eine Abmahnung von der Kanzlei Gravenreuth. Der Anwalt, so Computermann König, gebärde sich wie ein "selbsternannter Zorro der Software-Industrie".
Auch Steffen Roller, Jurist aus Schwerin, sieht Gravenreuth in einer fragwürdigen Rächer-Rolle. Über Mailboxen, das Schwarze Brett der PC-Szene, ließ Roller verbreiten, er sei an allen Gravenreuth-Fällen interessiert.
Zwar sei der Münchner Anwalt formal im Recht, sagt Roller, doch schnappe er sich offenbar stets die Schwächsten unter den Software-Frevlern. Er pflege dabei auch Methoden, die in einzelnen Fällen den Verdacht der Anstiftung zu einer Straftat erfüllen könnten.
Den gewieften bayerischen Rechtsvertreter focht Standesschelte bislang nicht an. Nur derbe Szene-Scherze strapazierten schon mal Gravenreuths Nerv.
So hätten "unbekannte Täter" jüngst die Schilder seiner Kanzlei abgeschraubt, klagte Gravenreuth. Und ein bit'terböser Anonymus schickte ihm das Computerspiel "Kill Gravenreuth" ins Haus. Bei dem elektronischen Dartspiel schleudert der Spieler Pfeile auf ein bewegtes Konterfei des Anwalts - bei Treffern färbt sich das Paßbild rot. Y

DER SPIEGEL 34/1993
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