01.03.1993

SportmedizinImmer so gemacht

Die Stadt Freiburg überläßt dem früheren Olympiaarzt Armin Klümper ein Institut - und verzichtet auf eine halbe Million Mark Mieteinnahme im Jahr.
Spitzensportler wie Hochsprung-Olympiasieger Dietmar Mögenburg verehrten Armin Klümper als "eine Art Wunderdoktor". Als der Professor aus Freiburg Schulden hatte, spendeten Fußball-Profis großzügig für ihn. Und noch vor den Olympischen Spielen 1988 bat der deutsche Athletensprecher den prominenten Mediziner: "Bitte lassen Sie uns nicht im Stich!"
Auch Klümper selber förderte den Mythos vom selbstlosen Doktor. Die Wände seiner Praxis tapezierte er mit Danksagungen der Patienten. Für die Athleten, verkündete der Mann mit der Nickelbrille, "gebe ich mein letztes Hemd".
Wenn der Radiologe, der sich gern als Knochenspezialist ausgibt, jetzt zur Arbeit vorfährt, warten kaum noch Spitzenathleten auf ihn. Doch darben muß der Mediziner deshalb nicht.
Wie schon so oft in seiner umstrittenen Karriere profitiert Klümper, 57, auch auf der letzten Etappe seines Arbeitslebens noch einmal von seinem Ruf als Athleten-Guru - getreu seiner Maxime, daß Nehmen allemal heilbringender sei als Geben.
Um "die ambulante Betreuung der deutschen Spitzensportler" zu sichern, überließ die Stadt Freiburg dem früheren Olympiaarzt mietfrei die "Sporttraumatologische Spezialambulanz", die bis zum März 1990 der Universität unterstellt war. Doch zur Behandlung erscheinen heute vornehmlich Patienten mit Rücken- oder Gelenkmolesten, unter ihnen der Erzbischof von Freiburg. Klümpers Honorare zahlen die Privatkassen, seine Miete der Steuerzahler.
Das Institut war 1982 mit acht Millionen Mark aus öffentlichen Kassen eigens für den "guten Menschen von Freiburg" (Frankfurter Rundschau) errichtet worden. Denn Klümper hatte viele Freunde. Der damalige Ministerpräsident Lothar Späth gehörte ebenso zu seinen Förderern wie Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder. Justizminister Heinz Eyrich war Klümpers Patient. Erich Schaible, der Leiter der Sportabteilung im Bundesinnenministerium, ließ beim "Köhnlechner des Klinikums" (Uni-Kanzler Friedrich-Wilhelm Siburg) sein Knie behandeln.
So behütet, überstand Klümper alle Affären. Mehrmals war der für seine eigentümlichen Medikamenten-Mixturen - die "Klümper-Cocktails" - berüchtigte Spritzenfreund in Dopingfälle verwickelt. Keiner, bestätigte das Landgericht Heidelberg nach einer Attacke auf den Doping-Rezepteur, könne ihm "die Anabol-Krone streitig machen".
Wegen Rezeptbetrug wurde Klümper vor vier Jahren zu einer Geldstrafe von 157 000 Mark verurteilt. Der Mediziner mußte auch zugeben, 1,2 Millionen Mark, die er aus seiner privatärztlichen Nebentätigkeit eingenommen hatte, nicht an die Universität abgeführt zu haben.
Sogar nach seinem Wechsel in die Privatwirtschaft konnte Klümper von Tricks nicht lassen. Als 1990 neben seiner Sporttraumatologie für 40 Millionen Mark ein hochmodernes Rehabilitationszentrum entstand, wurde der Radiologe Ärztlicher Direktor der Mooswald-Klinik und bezog ein Millionengehalt.
Doch aufgrund seiner Statistik wurde die Klinik viel zu voluminös gebaut. Er hatte die Zahl der Behandlungen schlicht mit der Zahl der Patienten gleichgesetzt. Vor seinen neuen Arbeitgebern rechtfertigte er sich, er habe das immer so gemacht, um leichter von der Universität oder von Dritten Finanzmittel zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Als die Investoren feststellten, daß sich aufgrund des "irreführenden Zählverfahrens" hinter den angeblich rund 30 000 Kunden allenfalls 3600 Klümper-Patienten verbargen, war es zu spät. Die Mooswald-Klinik mußte schließen.
Nur Klümpers Absturz wurde sanft abgefedert. Der Bonner Freund Schaible hatte ihn als Berater des privat betriebenen, aber mit 48 Millionen Mark Steuergeldern zu finanzierenden Regenerationszentrums Königsbrunn vorgesehen. Erst nach massivem Protest von Bundestagsabgeordneten (SPIEGEL 46/91) wurde das Bauvorhaben vorläufig zurückgestellt.
Dafür überließ die Stadt Freiburg dem vorbestraften Finanzjongleur sein ehemaliges Institut kostenfrei. In seiner 1000 Quadratmeter großen Privatklinik mit Behandlungszimmern, Labors und Gymnastikräumen kann Klümper nun unkontrolliert nach eigenem "medizinischem Konzept" werkeln. Der Kontrakt gilt auf "unbestimmte Zeit", und die Stadt "verzichtet für die Dauer der Nutzung auf die Erhebung eines Mietzinses". Das finanziell marode Freiburg schenkt dem mehrfachen Umsatzmillionär somit annähernd eine halbe Million Mark im Jahr.
Dabei läßt sich nicht einmal mehr ein Dutzend Spitzensportler von Klümper, der einst 80 Prozent aller Topathleten betreut hatte, behandeln. Da der "Hackethal der Sportmedizin" (Die Zeit) keine Kassenzulassung mehr besitzt, ist er für die Sportverbände mit seinen Privatabrechnungen zu teuer.
Das ficht den "außerplanmäßigen Professor", der seinen Titel führen darf, obwohl er seit Jahren weder ernsthafte wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht noch Vorlesungen gehalten hat, nicht an. Klümper hält sich auch auf seinem neuen Arbeitsgebiet für einmalig: "Ich bin der einzige Arzt in Europa, der Multiple Sklerose heilen kann."

DER SPIEGEL 9/1993
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