24.05.1993

MinisterMoralisch erstrebenswert

Thüringens Kultusminister dürfte im eigenen Land kaum Lehrer werden - wegen seiner Vergangenheit im SED-Staat.
Der Schüler Matthias Redemann hatte einfach keine Lust - und außerdem "was gegen den Staat".
Im Juni 1985 sollte der damals 15 Jahre alte Eichsfelder mit elf Mitschülern an einem Wehrausbildungslager teilnehmen. Seit 1978 gehörte Kriegspielen zum festen Lehrplan der 9. und 10. Klassen in der DDR. Unterrichtet wurde, in freier Natur, der Umgang mit Kleinkalibergewehren, Tarnung vor dem Feind und Handgranatenweitwurf.
Schon im Herbst 1984 hatte Redemann seinem Lehrer erklärt, "daß ich da nicht mit will". Über ein dutzendmal versuchte der Pädagoge daraufhin, den Knaben zu überreden - ohne Erfolg, der Pennäler blieb stur.
Wenige Wochen vor Beginn des Trainingscamps zog Dieter Althaus, Lehrer an der Polytechnischen Oberschule im DDR-Grenzdorf Geismar bei Heiligenstadt, andere Saiten auf. "Sie sind ein staatsfeindliches Subjekt", schnauzte der Reserveleutnant seinen Schutzbefohlenen im Unterricht an. In der Klasse wurde es mucksmäuschenstill. Redemann: "Meine Klassenkameraden haben sich alle unheimlich erschrocken."
Im Grenzsperrgebiet Geismar war das Wort "Staatsfeind" ein schwerer Vorwurf. Als Klassenlehrer Althaus dann auch noch Redemanns Elternhaus aufsuchte, gab der Schüler nach: "Meine Mutter hatte große Angst, daß sie nicht mehr in den Westen durfte, wenn ich nicht zur Übung fahre."
Der Lehrer, der Matthias Redemann unter Druck gesetzt hatte, ist heute Kultusminister im Kabinett des thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU).
Althaus, 34, gilt in der CDU sogar als möglicher Nachfolger des Parteivorsitzenden Vogel. Auch als künftiger Ministerpräsidentenkandidat wurde er schon gehandelt.
Als Kultusminister trägt Althaus die politische Verantwortung für die Entlassung einstmals systemnaher Lehrer. Gern brüstet sich der Polit-Youngster damit, er habe nach der Wende "frischen Wind" ins Volksbildungssystem gebracht. Dabei umgibt ihn selber der DDR-Muff.
Wenige Monate vor der Wende war Althaus vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ) eine hohe Auszeichnung zuteil geworden: Als einziger Lehrer des Bezirks Erfurt wurde der bekennende Katholik für die _(* Vor seiner ehemaligen Schule in ) _(Geismar. ) "Medaille für hervorragende Leistungen bei der kommunistischen Erziehung in der Pionierorganisation Ernst Thälmann" in Gold vorgeschlagen.
Zu dieser Ehre kam Althaus nach eigenem Bekunden ganz ohne sein Zutun. "Ich habe mich als stellvertretender Direktor für außerunterrichtliche Tätigkeit sehr engagiert", sagt er heute - "zum Beispiel in den Schülerarbeitsgemeinschaften Modellbau und Eisenbahn." Deswegen, erzählt Althaus, hätten ihn Kollegen auch "Spielzeugdirektor" genannt.
Gebastelt hat Althaus vor allem an der eigenen Karriere. Mit 29 Jahren wurde er stellvertretender Schulleiter in Geismar. In dieser Eigenschaft war er zuständig für Pionier- und FDJ-Arbeit. Nebenbei leitete Althaus auch noch die Gewerkschaftsgruppe seines 24köpfigen Kollegiums. Volker Lauterbach, Rechtssekretär beim DGB in Erfurt, sieht darin einen "klaren Fall von systemnaher Ämterhäufung".
Im Juni 1989 durfte Althaus als Delegierter des IX. Pädagogischen Kongresses zu Margot Honecker in die Hauptstadt fahren, bis 1988 leitete er eine Jugendweihegruppe - im tief katholischen Eichsfeld eine nicht eben beliebte Tätigkeit. Auch im Bezirksausschuß für Jugendweihe wirkte das CDU-Mitglied.
Die FDJ-Medaille will Althaus "nie entgegengenommen" haben, die damit verbundenen 500 Mark dagegen schon. An die Drohung gegen den Schüler Redemann kann sich der Minister heute "nicht mehr genau erinnern".
Althaus, ein Mann mit feinem Gespür für politische Trends, brachte es schon im Januar 1990 zum Kreisschulrat in Heiligenstadt. Die Wende in Eichsfeld, behauptet er stolz, habe er mit herbeigeführt, als er im Oktober 1989 die Montagsdemonstrationen mit anführte.
Ein häßlicher Fleck in der bisher tadellosen Wende-Biographie des Dieter Althaus ist allerdings ein Artikel, der Mitte November 1989 in der FDGB-Gewerkschaftszeitung Unterricht und Erziehung erschien.
Die Mauer war in Berlin schon gefallen, da bewegte Althaus noch immer die Frage: "Wie schaffen wir es, unsere Schüler die Werte des Sozialismus als moralisch erstrebenswert erkennen zu lassen, um sich dafür zu entscheiden und entsprechend zu handeln?"
Wäre Althaus Lehrer geblieben, schätzt der Gewerkschafter Lauterbach, "dann hätte er mit dieser Vergangenheit Probleme bekommen". Lauterbach berät in der DGB-Rechtsstelle Lehrer, die durch ihre Vergangenheit belastet sind.
Rund 20 Prozent aller Pädagogen, die in Thüringen nach der Wende von Schulkommissionen als "bedenklich" eingestuft worden waren, haben, so Lauterbach, "nichts anderes gemacht als der Herr Minister".
* Vor seiner ehemaligen Schule in Geismar.

DER SPIEGEL 21/1993
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