23.08.1993

OperAmouröses Störfeuer

Zwei Briten entrümpeln Mozarts Opern. Mit einer „CosI fan tutte“ im Flieger-Milieu gastieren sie diese Woche in Hamburg.
Bei Mozart, im verspielten Rokoko, war der Lüstling noch ein arbeitsscheuer Schloßherr. Graf Almaviva stieg, von Skrupeln frei, einer Kammerzofe nach, und die gräfliche Gattin litt im verwaisten Himmelbett.
200 Jahre später ist aus dem spanischen Feudalherrn ein britischer Politiker geworden. Sir Cecil, Europaabgeordneter in Straßburg, muß seine außerehelichen Gelüste vor der Boulevardpresse verheimlichen, während die gefrustete Gattin derweil auf dem Hometrainer strampelt und ihre 196 Paar Schuhe zählt: "Figaros Hochzeit" light, lebensnah und lustig.
"Aus Liebe zum Komponisten" hat der britische Regisseur Nick Broadhurst, 38, beschlossen, Mozarts Opern in die General-Inspektion zu schicken und rundum zu erneuern: "Der Zuschauer soll wieder mitbekommen, was im Originaltext eigentlich an perfiden Pointen, Anspielungen und Zoten versteckt ist." Bei Broadhurst gilt das gesungene Wort.
Gemeinsam mit dem Dirigenten und Komponisten Tony Britten, 38, gründete der ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler Broadhurst 1992 das Music Theatre London, eine Truppe, der nach deutschem Maßstab alles fehlt, was Kunst erst möglich macht: Subventionen, eine feste Spielstätte sowie ein ständiges Ensemble.
Für ihre Mozart-Produktionen übersetzen sich die beiden Theaterchefs die Textbücher von Lorenzo da Ponte in moderne englische Reime und verpassen den Opern eine aktuelle Handlung, ohne dabei jedoch die Dramaturgie des Originals anzutasten.
Neuestes Projekt der Opern-Erneuerer ist Mozarts schwierige Partnertausch-Oper "CosI fan tutte". In einer Schule in Greenwich bei London probiert die Truppe die aberwitzige Parabel über Liebe und Betrug, Aufrichtigkeit und Treue, Hinhalten und Hingabe.
Auch wenige Tage vor der Premiere am 26. August in den, traditionell anglophilen, Hamburger Kammerspielen müssen sich die sechs Akteure ganz auf die eigene Phantasie, Markierungsstreifen am Boden und Broadhursts Regiekonzept verlassen: Das Bühnenbild und die Kostüme werden erst kurz vor der ersten Aufführung fertig - wie üblich beim englischen Privattheater.
Die Stimmung ist entspannt, obwohl Broadhurst seit Wochen nicht mehr selbst probiert - sein Magen rebellierte gegen den Streß. Und so paukt William Relton, der Produzent der Truppe, den Akteuren die Eingebungen des Mozart-Meisters ein.
Die zeitlose Beschreibung des Boogie-Woogies der Hormone, die da Ponte in einem neapolitanischen Kaffeehaus beginnen läßt, verlagert Broadhurst auf einen verschlafenen Fliegerhorst in der englischen Provinz. Ferrando und Guglielmo, Piloten der Royal Air Force, erhalten plötzlich einen Einsatzbefehl nach Bosnien oder Somalia. Rasch schwören sie noch ihren beiden Verlobten, Dorabella und Fiordiligi, ewige Treue, bevor ihre Trieb-Werke starten und das Verhängnis seinen Lauf nimmt.
Denn Alfonso, ein reicher Rentner aus der Nachbarschaft, hat längst eine grausame Wette eingefädelt. Er will den Piloten beweisen, wie leicht Frauen durch gezieltes amouröses Störfeuer vom eingeschworenen Liebeskurs abzubringen sind. Angestiftet von Alfonso, kehren die britischen Bomber als amerikanische _(* Bei der Probe in London. ) Soldaten zurück und flirten mit den gelangweilten Fliegerbräuten. Der Deal gelingt: Moralische Skrupel sind schnell überwunden, frischer Liebestrieb bricht aus. Allerdings wildert jeder Offizier im libidinösen Stammterrain des jeweils anderen.
Alfonso schürt den neuen Kreuzverkehr so lange, bis die Luftikusse ihr schlechtes Gewissen ereilt und sie den perfiden Schwindel auffliegen lassen - in letzter Minute.
Jeder "CosI"-Inszenierung fällt es schwer, die turbulente Verkleidungsnummer glaubwürdig zu machen, und auch Britten und Broadhurst schaffen dies nicht: "Das ist eben alles so unglaublich, daß man es schließlich glauben muß." Da Ponte habe, so Dirigent Britten, "zu allem Überfluß in diesem Libretto so schlampig gearbeitet wie nie zuvor". Die Wahrheit über den Gefühlswirrwarr erzähle "einzig Mozarts Musik".
Für das Musikalische brauchen die Briten keine Opernstars. Das tollkühne Duo heuert statt dessen junge Schauspieler an, die zufällig auch singen können. "Sänger, die nicht schauspielern können", so Britten, "gibt es schon genug."
Auf der mit wenigen Mehrweg-Kulissen dekorierten Bühne ist alles ein bißchen anders als in der großen Subventionsoper. Auch im Orchestergraben: Mit nur sechs Instrumentalisten - Britten dirigiert vom Keyboard - bieten die sparsamen Engländer Mozarts Melodien als durchsichtige Kammermusik dar - das klingt so dünn, daß man die Partitur wieder lesen kann.
Das Ergebnis, resümierte die Mozarttreue Wiener Presse nach einem "Figaro"-Gastspiel der Londoner beglückt, ist "eher Musical als Oper". Die Salzburger Nachrichten schwärmten gar: "Wem hier, wo er''s am wenigsten erwartet, das Mozart-Licht nicht aufgeht, dem wird es nie leuchten."
Opern-Beleuchter Nick Broadhurst ist ein Seiteneinsteiger des Belcanto. Der Absolvent der "London School of Economics" inszenierte zuerst an Londoner Experimentiertheatern und wurde erst durch seine erfolgreichen Mozart-Produktionen zum gefragten Gastregisseur an deutschsprachigen Bühnen.
Die Wiener beglückte er vor kurzem mit Offenbachs Antikenprojekt "Schöne Helena", das er als schräge Neunziger-Jahre-Revue aufmotzte. In der nächsten Saison gönnt er in Essen Rossinis "Barbier von Sevilla" eine zeitgemäße Fasson. Doch Mozart verehrt er als einzigartigen Mega-Star: "Er ist der Andrew Lloyd Webber des 18. Jahrhunderts."
Ein Mozart von heute ist der "Cats"-Weltmeister darum noch lange nicht. Y
* Bei der Probe in London.

DER SPIEGEL 34/1993
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