14.09.1992

„Jeden Dreck, jeden Blödsinn reingehauen“

Die Pharmaindustrie und ihre Helfer taten alles, um einen Freispruch zu erreichen. Doch der Leichtathletik-Verband sperrte die Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe wegen Dopings. Jetzt droht ein neuer Juristenstreit.
Der Tag hatte hoffnungsvoll begonnen für Katrin Krabbe. Der Bürgermeister von Anklam, Wolfgang Stifft, überreichte der Sprint-Weltmeisterin am letzten Freitag mit warmen Worten den Schlüssel für das fertiggestellte zweite Sportgeschäft, die Olympiasieger Katarina Witt und Jürgen Schult klatschten Beifall, und die blonde Katrin staunte: "Im Zeichen der Marktwirtschaft ist heute eben alles möglich."
Doch auch in der kapitalistischen Welt der Konzerne, erfuhr Katrin Krabbe nur Stunden später, ist trotz der Hilfe mächtiger Freunde eben doch nicht alles möglich. Das Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) sperrte die Sportlerin wegen Dopings für vier Jahre, obgleich Pharmaindustrie, Wissenschaftler und Sportmediziner gegen die drohende Suspendierung Front gemacht hatten.
Die DLV-Spitze folgte damit dem Antrag ihres Anti-Doping-Beauftragten _(* Bei Eröffnung ihres Sportgeschäfts am ) _(vergangenen Freitag in Anklam mit ) _(Bürgermeister Wolfgang Stifft. ) Rüdiger Nickel, der, gestützt auf Gutachten des Leichtathletik-Weltverbandes und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die Einnahme des Kälbermastmittels Clenbuterol wie Anabolikamißbrauch bewertet hatte.
Das Urteil von Darmstadt ist aber nur ein vorläufiger Sieg der Dopinggegner. Haben am vergangenen Freitag noch Sportpraktiker vornehmlich das Ziel bewertet, mit dem Katrin Krabbe und ihre Neubrandenburger Kolleginnen Grit Breuer und Manuela Derr über Wochen das Asthmamittel Spiropent in sich hineinschaufelten, so kommt jetzt die hohe Zeit spitzfindiger Juristen und willfähriger Doktoren.
Schon hat Krabbe-Anwalt Peter Wössner angekündigt, den Präsidiumsspruch durch den DLV-Rechtsausschuß überprüfen zu lassen - jenes Gremium, das die Neubrandenburger Sportlerinnen bereits bei ihrer ersten Manipulation Anfang des Jahres aus Verfahrensgründen freigesprochen hatte. Was damals nur nach aberwitzigen juristischen Spiegelfechtereien gegen die tatsächliche Überzeugung mancher Sportrichter gelang, könnte diesmal viel reibungsloser vonstatten gehen.
Denn in den letzten Wochen ist die Allianz, die sich den Dopingkontrolleuren entgegenstellt, um ein mächtiges Mitglied gewachsen: Die Pharmaindustrie hat, um einen Absatzmarkt in Milliardenhöhe nicht zu gefährden, eindeutig Partei ergriffen. Sie inszenierte eine PR-Kampagne, die selbst Katrin Krabbe verblüffte.
Hatte sie nach ihrer Enttarnung nicht mehr auf eine Fortsetzung ihrer Karriere gehofft, so war die Sprinterin bereits vor der DLV-Verhandlung überzeugt, es könne nur "einen Freispruch geben, bei dem alle erkennen, daß ich zu Unrecht angeklagt wurde".
Krabbe hatte nur zu gern geglaubt, was die angestellten Pharmaforscher ebenso wie ausgesuchte Gutachter und scheinbar freie und kompetente Sportmediziner in einer bisher beispiellosen konzertierten Aktion der Verharmloser verkündet hatten: Der in Spiropent enthaltene Wirkstoff Clenbuterol lasse zwar, wie in der Fachliteratur und im westfälischen Kälbermastskandal bewiesen, bei Tieren die Muskeln wachsen - aber wie der Mensch darauf reagiere, sei noch nicht erforscht.
Deshalb könne Clenbuterol-Einnahme nicht als anaboles Doping, sondern wegen seiner Stimulanz-Wirkung nur als Aufputschdoping bestraft werden.
Die Konsequenz dieser Argumentation, die ebenso beharrlich die weltweite Verwendung des Mittels bei der Sportlermast (siehe Kasten) ignoriert wie in der internationalen Fachliteratur veröffentlichte Forschungsergebnisse unterschlägt: Die Sprinterinnen müßten freigesprochen werden, da Aufputschmittel im Training nicht verboten sind.
Aber längst geht es nicht mehr um die Sportkarriere der gedopten Weltmeisterin und ihrer beiden Kolleginnen, die wie Versuchskaninchen alles schluckten, was ihnen ihr Trainer Thomas Springstein zur Leistungssteigerung vom Pharmamarkt holte. Der Fall Krabbe dient jetzt nur noch dazu, den Umsatz versprechenden Wirkstoff Clenbuterol vom Hauch des Bösen zu befreien.
Diese Wende zeigt sich exemplarisch am Einsatz des Professors Norbert Rietbrock, der vom Krabbe-Anwalt als Gutachter engagiert war. Nach seinen ersten Gesprächen mit den Athletinnen zeigte sich der Ordinarius von seinem Einblick in das Gruselkabinett des Sports entsetzt.
"Jeden Dreck" hätten die Pillenhörigen "reingehauen": neben Spiropent noch Aspirin, dazu ein Immunstimulans und ein Magenmittel sowie, um die tägliche chemische Keule zu verkraften, auch noch ein rezeptpflichtiges Mittel zur Ruhigstellung von Magen und Darm - eben "jeden Blödsinn", den man sich vorstellen könne.
Die Einnahme von Spiropent beurteilte Pharmakologe Rietbrock zunächst "natürlich" als Dopingfall. Er vermutete in Fachgesprächen auch, daß Katrin Krabbe aufgrund der bei der Urinanalyse festgestellten Werte täglich über zehn, mindestens aber vier Tabletten Spiropent geschluckt haben müsse: eine Dosis, die weit über das therapeutische Quantum für Asthmatiker hinausgeht.
Doch dann sah der Leiter der Abteilung für Klinische Pharmakologie der Frankfurter Universität ("Die Sportlerinnen sind mir völlig gleichgültig") den Fall plötzlich ganz anders. Die Einnahmemenge wurde eilig heruntergerechnet, schon bald lag Rietbrock auf einer Linie mit dem Spiropent-Hersteller.
Die Karl Thomae GmbH in Biberach hatte sofort nach Bekanntwerden des Mastmittel-Dopens in Neubrandenburg reagiert - um ihr Medikament vor Rufschaden zu bewahren und um aufgeschreckte Alltagspatienten zu beruhigen. Immer wieder betont die Firma, das Asthmamittel sei bei Einhaltung der zugelassenen Dosierungen ein "gut verträgliches Medikament ohne anabole Wirkung".
Da aber kaum zu vermitteln ist, daß jemand, der kein Asthmatiker ist und sich das Medikament eingestandenermaßen auf dem Schwarzmarkt besorgt hat, penibel den Empfehlungen des Beipackzettels folgt, ging Rietbrock das Problem grundsätzlich an. Er machte sich daran nachzuweisen, daß Spiropent nicht zu den Anabolika gerechnet werden könne.
Weil er zudem eine Lücke "im schlampigen Regelwerk" des IOC zu erkennen glaubte, faxte der eifrige Pharmakologe an alle Kontroll-Labors des IOC von Oslo bis Los Angeles, ausgenommen nur London und Köln, einen Fragebogen. Darin erbat er "unverzüglich" Antwort, ob dort überhaupt nach Clenbuterol gesucht werde.
Auf Veranlassung von Krabbe-Anwalt Wössner wurde in der vorvergangenen Woche ein weiterer Helfer nach Frankfurt eingeflogen. In seinem Dienstzimmer traf sich Rietbrock mit einem beleibten älteren Herrn aus England, der als Verteidiger von zwei des Clenbuterol-Dopings überführten britischen Gewichthebern bekannt ist.
Der Pharmakologe Professor Arnold Beckett, Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC und zuletzt Miteigentümer einer Pharmafirma in England, gilt zudem als vehementer Gegner des Kölner Dopinganalytikers Manfred Donike. Der hatte die Krabbe-Gruppe der Manipulation überführt.
In einem gemeinsamen "Kommentar" zogen Beckett und Rietbrock den Schluß, daß eine Sperre der Läuferinnen wegen der Einnahme muskelaufbauender Substanzen nicht "begründbar" sei, sogar "gegen Ehrlichkeit und Fair play" verstoße.
Nicht nur die beiden Pharmakologen trafen sich auf wundersame Weise mit den Interessen der Pharmaindustrie. Als der Verband der hessischen Arzneimittelfirmen sein bereits länger konzipiertes "Fachforum" mit dem aktuellen Thema Clenbuterol vertraut machen wollte, sprang Professor Joseph Keul, Chefarzt der deutschen Olympiamannschaft, eilfertig als Verteidiger des Umsatzes ein.
Keul stimmte die geladenen Apotheker und Pharmavertreter zunächst mit Medizinerhäme ein und spottete ausgiebig über den selbsternannten "Dopingkrösus" Donike. Weil der "nur Biochemiker" sei, könne er ebensowenig kompetent über die Wirkung von Medikamenten sprechen wie der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des IOC, der belgische Prinz Alexandre de Merode, der schließlich "dreimal durchs Physikum gefallen" sei.
Dann erwies sich Keul einmal mehr als der "große Verniedlicher" (Donike). So, als gebe es nicht längst jene US-Studien, die das Gegenteil beweisen, verkündete der weißhaarige Arzt, daß Clenbuterol nicht die Proteinsynthese in den Muskeln beeinflusse. Dabei hat schon seit 1986 sogar die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa Forschungsarbeiten finanziert, die sich mit der anabolen Wirkung von Clenbuterol zur Minderung des Muskelschwundes, auch bei Schwerelosigkeit im Weltall, befaßten.
Keuls Erkenntnis, daß mit Clenbuterol "kein Leistungsvorteil zu erzielen sei", zeugt von frappierender Ignoranz der Sportwirklichkeit. Der amerikanische Hammerwerfer Jud Logan, der in Barcelona mit Clenbuterol im Urin erwischt wurde, sieht in dem Mittel eine "sichere Alternative zu den anabolen Steroiden".
Krabbe-Trainer Springstein verkündete gar schon 1991 stolz, er experimentiere mit einem Stoff, der "das Unterhautfettgewebe abbaue" und seine Sprinterinnen "richtig kernig" aussehen lasse. Diese Reaktionen sind geradezu typisch für Clenbuterol.
Springstein wußte zudem genau, was er tat: In der letzten Dopingliste, die der Sportmedizinische Dienst der DDR im April 1990 in der Fachzeitschrift Der Leichtathlet veröffentlichte, ist Clenbuterol ausdrücklich als Dopingpräparat aufgeführt.
Obwohl längst offensichtlich ist, daß sich der Clenbuterol-Mißbrauch im Sport "wie eine Krake", so der Dopingfahnder Donike, von Kalifornien über die gesamte Welt ausdehnt, wiegeln Keul und seine Kollegen weiter ab. Auch Professor Wilfried Kindermann, Arzt der deutschen Leichtathleten und der Fußball-Nationalelf, behauptete milde, es gehe nur um "Medikamentenmißbrauch, nicht aber Doping".
Das Verhalten der Sportmediziner-Prominenz im Sinne der Pharmaindustrie erinnert peinlich an die Einstellung zu den anabolen Steroiden vor 20 Jahren. Auch damals beteiligte sich Keul an der Verharmlosung ("ein Verbot ist nicht empfehlenswert") und förderte so den systematischen Einsatz der Muskeldrogen.
Daß die Droge inzwischen Sportler zu Tode gebracht hat, gibt Keul mittlerweile zu, rechtfertigt aber seine alte Rolle als Dopingpromotor "mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen", die er erfahren habe.
Die Mediziner ermöglichten damals Konzernen wie Ciba-Geigy aus der Schweiz und den US-Firmen Searle und Winthrop mit ihren Präparaten Dianabol, Anavar und Stanozolol Absatzmöglichkeiten sowohl auf dem legalen wie auf dem illegalen Markt. Die Muskelstärker, ursprünglich für Krebskranke oder Osteoporose-Patienten gedacht, fanden bald vor allem Sportler als Abnehmer.
Wenn aber die Verbindung zum Doping offensichtlich wird, schadet das dem Image, und die Mittel sind auf dem therapeutischen Sektor nur schwer verkäuflich. Dann sind Verharmlosungsaktionen wie jetzt beim Clenbuterol gefragt. So engagierte sich der Freiburger Arzneimittelhersteller Farmitalia eilig in einer Anti-Doping-Aktion, nachdem publik wurde, daß seine Mittel Megagrisevit und Nicergolin von deutschen Sportlern eingesetzt wurden beziehungsweise erprobt werden sollten.
Ciba-Geigy stellte 1982 den Vertrieb von Dianabol in Deutschland ein, auch um nicht länger als Dopingförderer zu gelten. Dennoch schlucken die Athleten das anabole Steroid in großen Mengen weiter, da die Substanz in vielen Laboratorien nach wie vor produziert wird.
Mitunter helfen auch willfährige Gutachter, solche Imageprobleme elegant zu lösen. Als das Mittel Testosteron durch den Dopingfall des deutschen Kanu-Weltmeisters Detlef Hofmann im April ins Gerede kam, suchte der Hormon-Wissenschaftler Professor Hans Kuno Kley im Doppelpaßspiel mit dem Münsteraner Hormonologen Eberhard Nieschlag eine "Fehlbestimmung" in Donikes Labor nachzuweisen.
Nieschlag hatte ein ureigenes Interesse daran, Testosteron nicht in Mißkredit geraten zu lassen: Er ist wie die Berliner Schering AG an der Erprobung des Sexualsteroids als Pille für den Mann durch die Weltgesundheitsorganisation beteiligt.
Auch bei Clenbuterol sind angesichts der Nachfragen aus Tierhaltung, Humanmedizin und Sportwelt Millionenprofite zu erwarten. Nach den ersten Erfolgen in der Tierforschung und der praktischen Anwendung in den Kälberställen experimentieren inzwischen auch große Welt-Pharmafirmen wie Merck, Sharp & Dohme und American Cyanamid Company in den USA, aber auch die australische Meat and Livestock Corporation mit Clenbuterol. Denn die Substanz habe, so die britische Fachzeitschrift Lancet, auch bei Menschen ein "erhebliches therapeutisches Potential".
Bettlägrigen und Nervenverletzten verspricht Clenbuterol wahre Wunderdinge: Selbst mit niedrigen Dosierungen könnten medikamentös Muskeln aufgebaut werden, der Patient müsse sich , anders als bei Anabolika, nicht einmal viel bewegen. "Es wäre traurig", resümiert Lancet, wenn der zu erwartende Nutzen durch die "Idiotie einiger Sportler" aufs Spiel gesetzt würde.
Doch nicht allein die Athleten sorgen gleichermaßen für Umsatz wie für geschäftsschädigende Schlagzeilen. Nach neuesten Berechnungen des amerikanischen Justizsenats beträgt der Umsatz mit chemischen Muskelmachern allein in den USA 400 Millionen Dollar im Jahr.
Die Profisportler und Bodybuilder spielen in diesem Geschäft mit dem Muskelrausch, der schon im Teenie-Alter beginnt, eine Vorbildrolle. Mehrere Umfragen ergaben, daß an den US-Schulen zwischen sechs und elf Prozent der Schüler regelmäßig muskelaufbauende Präparate einnehmen.
Deutsche Zahlen gibt es bisher nicht. Als der Heidelberger Sportpädagoge Professor Gerhard Treutlein durch einen Artikel im Fachorgan Leistungssport auf das Problem aufmerksam machen wollte, wurde das von deutschen Sportmedizinern verhindert.
Dabei ist gerade eines der größten Idole der deutschen Kids vor einem Gericht in Los Angeles als Drogenkonsument enttarnt worden. Der Sänger und Schauspieler David Hasselhoff ("Knight Rider") bekam 1990 von seinem Arzt Walter Jekot Steroide injiziert, nur um in der Fernsehserie "Baywatch" als muskelbepackter Rettungsschwimmer beeindrucken zu können.
* Bei Eröffnung ihres Sportgeschäfts am vergangenen Freitag in Anklam mit Bürgermeister Wolfgang Stifft.

DER SPIEGEL 38/1992
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