07.12.1992

„Gewalt macht aufmerksam“

Franz, Henry und Anne* sind 17 Jahre alt und gehören zur rechtsextremen Szene. In Radebeul bei Dresden haben sie nach der Wende 1990 eine rechte "Kameradschaft" gegründet und sich im Oktober der "Nationalen Offensive" (NO) angeschlossen, einer überregionalen Neonazi-Organisation.
SPIEGEL: Betrachtet ihr euch als Neonazis?
HENRY: Man bezeichnet uns als rechtsradikal, als Neonazis oder als Faschisten, wir selbst sehen uns als Nationalsozialisten oder als nationale Jugendliche.
SPIEGEL: Was versteht ihr darunter?
FRANZ: Volksverbundenheit, das Bestreben, das Beste für unser Volk zu erreichen. Wir wollen wieder zu einer Nation gehören, in der zu leben sich lohnt.
SPIEGEL: Gehört dazu Krieg gegen Ausländer und Asylbewerber?
ANNE: Ich persönlich habe Angst vor der Überfremdung des deutschen Volkes. Der Zuwachs der Scheinasylanten muß gestoppt werden.
SPIEGEL: Auch mit Gewalt?
ANNE: Gewalt löst keine Probleme, aber Gewalt macht auf Probleme oftmals aufmerksam. Wäre das Thema Scheinasylanten auch ohne die Ereignisse von Rostock so in die politische Diskussion gekommen? Daß in Mölln Leute gestorben sind, ist meiner Meinung nach nicht schön. Alle reden von Mölln, aber wer spricht davon, daß sich jetzt schon in unserem Land Türken und _(* Namen von der Redaktion geändert. ) Kurden gegenseitig den Schädel einschlagen?
SPIEGEL: Ihr wart noch vor einigen Jahren Mitglieder der Jungen Pioniere.
HENRY: Das Pionierleben in der DDR war nicht schlecht. Uns wurden zwar falsche Ideale vorgesetzt, aber man gab uns Freizeitmöglichkeiten wie Disco, Jugendklub und Fahrten, ohne daß wir viel Geld bezahlen mußten. Das fehlt uns jetzt.
FRANZ: Die Jungen Pioniere wie auch die Hitlerjugend haben es geschafft, die heranwachsenden Jugendlichen von der Straße wegzubekommen.
SPIEGEL: Was mißfällt euch am bundesdeutschen System?
FRANZ: In unserer Weltanschauung, die national und sozialistisch ist, haben ideelle Werte den Vorrang vor materiellen Werten. Diese Gesellschaft baut dagegen fast ausschließlich auf materiellen Dingen auf. Jeder ist bestrebt, sich Geld und damit dicke Autos, Designerklamotten oder teure Wohnungen zu beschaffen. Das kann nicht so weitergehen und nicht der Sinn des Lebens sein. Kameradschaft und Zusammengehörigkeit sind uns dagegen wichtiger.
HENRY: Bei uns gibt es eine wirkliche Gemeinschaft, auch wenn es leider noch keine Volksgemeinschaft für alle Deutschen ist.
ANNE: Die zwischenmenschlichen Beziehungen hier bei uns waren und sind anders als in den alten Bundesländern, nicht nur aufs Geld ausgerichtet. Zu DDR-Zeiten brauchten wir uns alle, waren aufeinander angewiesen, es gab ein Gemeinschaftsgefühl.
SPIEGEL: Wenn euch so vieles an der DDR gefällt, warum seid ihr dann nicht bei der PDS?
HENRY: Es gehört zu den Zerrbildern, die über uns verbreitet werden, daß wir gegen alles seien, was von links kommt. Genau betrachtet stimmen wir mit vielem bei den Linken überein. Wenn es allerdings ums Völkische, ums Nationale geht, sind wir Gegner der PDS.
SPIEGEL: Wie soll das nationalsozialistische Deutschland aussehen, das du dir vorstellst?
ANNE: Im Staat müssen gut funktionierende soziale Strukturen bestehen. Es darf zum Beispiel nicht sein, daß Leute sich Kinder nicht mehr leisten können, wie es inzwischen bei uns der Fall ist.
SPIEGEL: Was haltet ihr von den Republikanern und von der Deutschen Volksunion, die inzwischen in westdeutschen Landtagen sitzen?
ANNE: Herr Schönhuber mit den Republikanern oder der Herr Frey von der DVU können mir nichts vom sozialen Notstand erzählen. Die beiden sind sehr reich, die sollen sich nicht als bürgernah aufspielen.
FRANZ: Schönhuber ist ziemlich spät eingefallen, daß er dabei war bei der Waffen-SS. Vorher hat er jahrelang linke Standpunkte vertreten, so jemanden können wir nicht gebrauchen.
SPIEGEL: Aus was für Familien kommt ihr?
ANNE: Wenn Sie erwarten, daß wir aus zerrütteten Elternhäusern kommen, müssen wir Sie leider enttäuschen.
FRANZ: Mein Vater ist Technischer Leiter bei einer sehr großen Firma, und meine Mutter hat eine führende Funktion in der Bildung.
HENRY: Mein Vater ist Angestellter, meine Mutter arbeitet als Bürokraft.
ANNE: Und meine Eltern arbeiten im Sozialwesen als Erzieher.
SPIEGEL: Wie reagieren Mitschüler und Lehrer auf eure politischen Überzeugungen?
ANNE: Mir hat mal ein Lehrer gesagt: Ich akzeptiere deine Meinung, aber ich toleriere sie nicht. Das kann ich sogar verstehen.
HENRY: Auf dem Gymnasium sind viele anderer Meinung als ich, aber ich kann mit denen gut reden.
SPIEGEL: Wie stehst du zu den jüdischen Bürgern?
ANNE: Das Judentum oder auch ein Herr Ignatz Bubis sollte sich lieber damit auseinandersetzen, was Juden den Palästinensern antun, als von jungen Deutschen noch Geld zu verlangen für angebliche frühere Untaten. Juden beherrschen den reichsten Staat der Welt, die USA, häufen Reichtümer an und profitieren von der Arbeit anderer Völker, die riesige Zinszahlungen aufbringen müssen. Das bedeutet aber nicht, daß ich einzelne Juden, die mir begegnen, deshalb beschimpfe oder angreife. Das wäre Quatsch.
SPIEGEL: Kennst du persönlich Juden?
ANNE: Nein.
* Namen von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 50/1992
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