22.11.1993

WohnungenVermauert und verputzt

Mißwirtschaft und fehlende Kontrolle bei ihrer Wohnungsgesellschaft kosten die Stadt Leipzig einige hundert Millionen Mark.
Hinrich Lehmann-Grube war von Anfang an skeptisch. "Gewinn", das ahnte der Leipziger Oberbürgermeister, "ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten."
Doch das irritierte weder ihn noch die Stadtverordneten. Mit großer Mehrheit beschlossen sie die Gründung der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft mbH (LWB). "Für die Bürger dieser Stadt", meinte Lehmann-Grube (SPD), "ist das von existentieller Bedeutung."
Genau drei Jahre nach ihrem Start ist die größte deutsche Wohnungsgesellschaft, die in Leipzig 120 000 Wohnungen verwaltet, hoffnungslos verschuldet. Wenigstens 400 Millionen Mark verschwendeten die Geschäftsführer der LWB. Für die überfällige Sanierung Zehntausender Wohnungen ist kein Geld mehr da.
"Der Aufsichtsrat war überfordert", stellte Lehmann-Grube vergangene Woche in vertrauter Stadtverordnetenrunde fest. Der bereits im vergangenen Jahr gefeuerte LWB-Geschäftsführer Karl Trabalski habe "im Cäsarenwahn gehandelt".
Trabalski, 70, war in Leipzig aufgewachsen und Anfang der fünfziger Jahre in den Westen gegangen. Dort machte er schnell Karriere in der nordrheinwestfälischen SPD, saß 24 Jahre lang als Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag.
Als Lehmann-Grube, aus Hannover auf den Stuhl des Leipziger Oberbürgermeisters gewechselt, einen Mann für die Wohnungs- und Baugesellschaft suchte, kam er auf Trabalski. Der hatte in verschiedenen Wohnungsverbänden gearbeitet und konnte eine Empfehlung seines Parteifreundes und Ministerpräsidenten Johannes Rau vorweisen.
Doch ein Unternehmen konnte der Polit-Rentner, den seine Untergebenen gern "Trabi" nannten, offenbar nicht führen. Während seiner Amtszeit herrschte in der LWB das Chaos. Es gab weder einen "abgestimmten Investitionsplan", heißt es in einem internen Zwischenbericht der LWB, noch ein "geordnetes Ausschreibungswesen".
Über 800 Millionen Mark wurden 1991 und 1992 vermauert und verputzt, für neue Türen und Kloschüsseln ausgegeben. Eine ordentliche Kontrolle der Ausgaben fand nicht statt.
Etwa die Hälfte des Geldes floß in Immobilien, die der LWB gar nicht gehörten. In blindem Aktionismus ließ Trabalski auch Häuser renovieren, von denen klar war, daß die Alteigentümer sie zurückbekommen würden.
Doch bei solchen Objekten ist lediglich eine sogenannte Notgeschäftsführung erlaubt. Nur wenn etwa das Dach einzustürzen droht oder ein Wasserrohr bricht, darf repariert werden.
Großzügig ignorierte "Trabi" die Paragraphen, sein Unternehmen zahlte alles. Daß die Hauseigentümer das Geld zurückerstatten, glaubt der neue Finanzgeschäftsführer Frank Nitzsche, 38, nicht: "Wir werden wohl nur den kleinsten Teil wiederkriegen." Auf Leipzigs Richter kommt demnächst viel Arbeit zu, denn die Stadt will notfalls gegen die neuen Besitzer klagen.
Die Folgen von Trabalskis Mißwirtschaft spüren nun die Mieter in noch nicht sanierten Wohnungen - und das sind die meisten. Sie frieren vor kaputten Kohleöfen oder sitzen in Räumen, in denen der Putz von den Wänden fällt, ohne Hoffnung auf Besserung. In diesem Jahr kann die Wohnungsgesellschaft gerade noch 100 Millionen Mark für Reparaturen ausgeben. Viel zu wenig bei dem desolaten Zustand der Häuser.
Bei einem geschätzten Sanierungsbedarf (Nitzsche: "Dann haben die Wohnungen aber noch keinen Weststandard") von rund vier Milliarden Mark reicht das kaum, um die Substanz zu erhalten. Schon jetzt stehen rund 14 000 LWB-Wohnungen ganz leer, weil sie unbewohnbar sind und das Geld für die nötigsten Reparaturen fehlt.
Die Schulden der Leipziger Wohnungsgesellschaft wuchsen infolge der Mißwirtschaft unaufhaltsam. Für das vergangene Jahr weist die Bilanz ein Minus von 791 Millionen Mark aus.
Auf Jahrzehnte werden Zinsen und Tilgungen das Unternehmen knebeln. Allein an die Kreditanstalt für Wiederaufbau sind ab 1996 jährlich rund 50 Millionen Mark zu zahlen. Die jetzt vierköpfige Geschäftsführung wird die besten Immobilien verkaufen müssen, um den maroden Rest erhalten zu können.
Allerdings braucht kein Gläubiger um sein Geld zu bangen. Einen Konkurs ihres Unternehmens können sich die Stadtväter nicht leisten. Sie stecken nicht nur mit einer Bürgschaft über mehr als eine Milliarde Mark in der Sache drin.
Im 15köpfigen Aufsichtsrat haben auch 10 Lokalpolitiker von SPD, CDU und Bündnis 90/Grüne geschlafen. Den Vorsitzenden stellt die Union, einen Sitz hat auch der Stadtkämmerer, ebenfalls CDU. Damit ist die große Schweigekoalition perfekt.
Der inzwischen eingesetzte Untersuchungsausschuß kommt nur zäh voran. "Viele versuchen unsere Arbeit zu behindern", klagt die Vorsitzende Rita Selitrenny von den Grünen.
Für den Oberbürgermeister scheint die ganze Sache glimpflich abzugehen. "Ich habe mich in dem Mann getäuscht", sagt Hinrich Lehmann-Grube entschuldigend. Auf Schadensersatz will er seinen nach Düsseldorf emigrierten Parteikollegen Trabalski aber nicht verklagen. Lehmann-Grube: "Da würden wir höchstens ein paar hunderttausend Mark rausholen." Y

DER SPIEGEL 47/1993
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