07.12.1992

PDSGuru und Wartburg

Verspäteter Abgang: Gregor Gysi überläßt die PDS ihren Flügelkämpfen.
Zu nächtlicher Stunde bekniete Gregor Gysi, 44, den brandenburgischen PDS-Chef Lothar Bisky: "Würdest du, wenn Not am Mann ist, den Vorsitz der Partei übernehmen?" Damals, "vor langer Zeit", sagte der stämmige Hinterpommer weder ja noch nein. Denn "ich mache gern Dinge", erklärt sich Bisky, 51, "die ich durchschaue".
Den Überblick muß Bisky jetzt rasch gewinnen. Als Gysi in der vergangenen Woche ankündigte, er werde beim Parteitag im Januar 1993 zurücktreten, designierte er gleich seinen Nachfolger - _(* Im Juni 1991 auf dem Parteitag der PDS ) _(in Berlin. ) Bisky. Und der ist keineswegs abgeneigt.
Trotz der Voranfrage war Bisky ebenso überrascht vom einsamen Entschluß seines Vorsitzenden wie viele Parteifreunde. Die Mehrzahl hält den kleinen Guru für unverzichtbar. Gysi ist eine öffentliche Figur auch in Westdeutschland, ein beliebter Gast in jedweder Talk-Show, das Aushängeschild der grauen PDS, die sich als Interessenvertretung all der Ostdeutschen versteht, die im vereinigten Land zu kurz kommen.
Allerdings hat Gysi, der im Dezember 1989 an die Spitze der damaligen SED spurtete, immer wieder über das schönere Leben als Rechtsanwalt sinniert oder auch, bei Streitereien, wütend mit Rücktritt gedroht. Skandale und Ausrutscher boten Anlässe, die er aber nicht nutzte.
So war es im Herbst 1990, als herauskam, daß die PDS 107 Millionen Mark ins Ausland verschoben hatte. So war es im Oktober dieses Jahres, als die langjährige Stasi-Mitarbeit seines Vize Andre Brie bekannt wurde; Gysi war eingeweiht gewesen und hatte dennoch geschwiegen. Damit verstieß der Parteichef gegen den eindeutigen Beschluß, daß Funktionäre ihre Dienste für die Mielke-Truppe offenbaren müssen.
Was Gysi für die PDS wollte, hat er oft genug beredt beschrieben: Aus Erich Honeckers Staatspartei sollte eine schlagkräftige, interessante Oppositionspartei werden. Damit ist er gescheitert.
Die PDS ringt noch immer mit ihrer Vergangenheit. Der Grundfehler des abdankenden Chefs, meint der stellvertretende SPD-Vorsitzende Wolfgang Thierse, bestehe darin, "das Erbe der SED aus Interesse an Machterhalt und Eigentum angetreten zu haben und jetzt kein Erbe sein zu wollen".
Das will Gysi nicht wahrhaben. Er werde "wie kaum eine andere politische Persönlichkeit in Deutschland verleumdet, negativ bewertet, ausgegrenzt oder negiert, nicht selten bekämpft", beschwerte sich Gysi im PDS-Vorstand.
Derlei Häme lastet der Sproß einer jüdischen DDR-Funktionärsfamilie dem "politischen Establishment" und einer "Vielzahl von Medien" an. Als Motiv vermutet der Jurist "verdeckten Antisemitismus und Intellektuellenfeindlichkeit".
Ertragen habe er die "Ein-Mann-Show" (Gysi über Gysi) wider alle Ungerechtigkeiten bislang vor allem dank der "Solidarität der Mitglieder der PDS". Die bröckelte nur minimal. Aber daß ihm das Neue Deutschland Ende Oktober vorwarf, er habe den unverhofft enttarnten Stasi-Mann Brie geopfert, um "mich selbst zu retten", hat ihn "sehr verletzt".
Die späte Resignation hat vor allem damit zu tun, daß es Gysi nicht gelungen ist, die Flügelkämpfe zwischen SED-Veteranen und Reformern zu beenden. "Nach außen habe ich alles zu vertreten", grollt er, "aber nach innen kann ich zunehmend weniger erreichen."
Neu ist die Ohnmacht nicht. Bereits im Juni 1991 hatte Gysi eingeräumt, ihm sei "die Sache aus der Hand geglitten". Das Klima in der PDS sei gekennzeichnet von "Mißtrauen, Unterstellungen bis hin zu Denunziationen". Etliche "Reformer" zogen sich nach und nach zurück. Jetzt ist niemand mehr da, der über die Berliner Stadtgrenzen hinaus bekannt ist.
Seine Parteifreunde beruhigt Gysi stets damit, daß die PDS sich stabilisiert habe. Laut ZDF-Politbarometer vom November liegt die Ostpartei im Bundesgebiet unverändert bei zwei Prozent. Zwischen Kap Arkona und dem Erzgebirge genießen die 170 000 Genossen, seit Juni nahezu gleich, neun Prozent der Wählergunst.
Damit sackte die PDS jedoch weit unter das Ergebnis der Berliner Bezirkswahlen vom Mai 1992, als sie im Ostteil der Stadt 29,7 Prozent der Stimmen errang. Noch weit mehr Menschen wählten die PDS damals vor allem in den Ost-Berliner Bezirken, wo das Haushaltseinkommen über 3000 Mark netto lag.
"Man könnte sagen", folgerten Experten des Statistischen Landesamtes, "die PDS ist eine Partei der Saturierten" - jener Mittelschicht, die sich trotz besseren Lebensstandards in der neuen Gesellschaft unwohl fühlt.
Diese Analyse widerspricht dem erwünschten Image der Ostpartei und ihres Anführers, den die Berliner Zeitung in der vergangenen Woche als "Robin Hood, der den Wunsch der Entrechteten nach sozialer Gerechtigkeit zu artikulieren vermag", verabschiedete.
Als Polit-Entertainer bleibt Gysi erhalten. Er will den Vorsitz der 15köpfigen PDS-Gruppe im Bundestag behalten. Dort muß er, voraussichtlich schon in dieser Woche, von neuem einen alten Vorwurf entkräften - im Ausschuß, der Abgeordnete auf mögliche Stasi-Verstrickungen überprüft.
Auf den schillernden Gysi soll nun Bisky folgen, der eher die Ausstrahlung eines naturfarbenen Wartburgs besitzt. Der Kandidat für den Vorsitz der Partei fühlt sich in Brandenburg "verwurzelt". Der Vorsitz im Stolpe-Untersuchungsausschuß des Potsdamer Landtages hat ihn einigermaßen bekannt gemacht.
Von 1986 bis zur Wende arbeitete Bisky als auch nachträglich geschätzter Rektor an der Babelsberger Filmhochschule. Und schon 1984 schrieb er einen "DDR-Bestseller", erinnert sich Bisky ironisch, in dem er eine gewisse Sympathie für die "unterhaltsame" Fernsehserie "Dallas", eine "handwerklich gut gefertigte Filmfolge" des Imperialismus, nicht verhehlte. Der Titel des kleinen Werkes: "The show must go on".
Ihre Show muß die PDS nun mit Bisky fortsetzen.
* Im Juni 1991 auf dem Parteitag der PDS in Berlin.

DER SPIEGEL 50/1992
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