07.12.1992

StahlindustrieGlotze und Kneipe

Die Stahlarbeiter der Bremer Klöckner-Hütte kämpfen um den Erhalt ihres Werkes.
Knatternd frißt sich der Bohrer in die Ofenwand, dann ist der Weg für das geschmolzene Eisen frei. Der Strahl schießt heraus und fließt in einem glühenden Bach die schmale Rinne im Boden entlang.
Jede Stunde, rund um die Uhr, ist Abstich an den beiden Hochöfen bei Klöckner Stahl in Bremen. Die Arbeiter in den staubigen Anzügen zapfen die bis zu 1500 Grad heiße Masse ab, die später als dünnes Stahlblech das Werk verlassen wird. "Das ist keine Arbeit für jedermann", sagt Schmelzer Tarkan Tas. Für ihn und seine Kumpel, meint er bedrückt, wohl bald auch nicht mehr.
Die Nachricht, daß der Duisburger Vorstand der Klöckner-Werke AG mit dem niederländischen Stahlkonzern Hoogovens Gespräche über eine Kooperation führt, traf die knapp 6000 Stahlkocher an der Weser wie ein Schock. Durch Zufall erfuhren die Bremer von den stillen Planspielen des Vorstandes, seitdem wird in der Hütte düster spekuliert.
Die Kooperation, meint Betriebsrat Eike Hemmer, würde für die Bremer der erste Schritt ins Aus bedeuten. "Die Duisburger", ahnt er, "wollen den Stahl loswerden."
Für die strukturschwache Region, in der 12 000 Arbeitsplätze mit dem Stahlwerk verknüpft sind, wäre das katastrophal. 7000 besorgte Bremer trieb die Angst in der vergangenen Woche auf die Straße. "Die Hütte", stand auf den Transparenten, "muß bleiben."
Auf der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember wollen die Arbeitnehmervertreter Klarheit über die Zukunft des Bremer Standortes haben. Viel werden sie dort kaum erfahren. "Klöckner möchte als Konzern überleben", sagt Stahl-Vorstand Jürgen Großmann, 40, "und Klöckner Stahl auch."
Die Zusammenarbeit mit Hoogovens, versichert Großmann, sei nur eines von mehreren Modellen, über die der Vorstand nachdenke. Sicher ist nur: Das Unternehmen muß handeln, die Lage ist ernst.
Die Klöckner-Werke AG, sagen Insider, erwarte für das Geschäftsjahr 1992/93 ein Verlust von rund 300 Millionen Mark. Die Anteilseigner pochen auf drastische Maßnahmen, Branchenkenner rechnen sogar mit einem Kapitalschnitt.
Vor allem die teure Stahlproduktion kann sich der angeschlagene Konzern nicht mehr leisten. Etwa 200 Millionen Mark Verlust lasten auf der Bremer Hütte. "Dem Stahlmarkt geht es schlecht", formuliert Großmann dezent, "und wir sind ein schwaches Unternehmen."
Die Kooperation mit Hoogovens wäre ein eleganter Weg, das Problem loszuwerden. "Sie wäre aber auch", so der Stahl-Chef, "der schmerzhafteste."
Die Niederländer, so sieht das Modell vor, liefern den Stahl, die Bremer walzen und verzinken ihn. Hochöfen und Stahlwerk würden in der Weser-Hütte dann nicht mehr gebraucht, die Walzanlage müßte auf den geringeren Bedarf der Niederländer heruntergefahren werden.
Mindestens 3000 Arbeitsplätze fielen auf einen Schlag weg, die Zukunft der restlichen bliebe ungewiß. Die aufgeschreckten Arbeitnehmervertreter haben sich schnell kundig gemacht. Hoogovens, hat der Betriebsrat erfahren, baue die eigenen Walzkapazitäten aus. Interesse hätten die Niederländer dann vor allem nur noch an der neuen Bremer Verzinkungsanlage. "Und die", so Betriebsrat Hemmer, "läuft mit 140 Leuten."
Stahl-Vorstand Großmann, der seit gut einem Jahr die Bremer Hütte führt, bestreitet die trüben Aussichten. Viele Millionen, betont er, habe Klöckner in das Werk an der Weser investiert. Der Standort gehöre zu den modernsten und produktivsten in Europa. Mit ein paar einschneidenden Sparmaßnahmen hätte das Werk auch allein Chancen, die Krise zu überleben - vorausgesetzt allerdings, der Konzern oder andere Geldgeber entschuldeten die Hütte.
"Zusammen", appelliert der Manager an die Bremer, "können wir eine Lösung finden." Doch die Belegschaft vertraut ihm nicht; die Stahlkocher fühlen sich hingehalten. "Großmann", sagt ein Arbeiter, "steht für Duisburg und nicht für Bremen."
Mitte Januar will der Vorstand in Duisburg mit dem Nachdenken so weit sein, daß er den Arbeitnehmern Konkreteres über die Zukunft ihrer Stahlhütte sagen kann. "Mit einem Federstrich unter einen Vertrag", droht der Betriebsrat, "werden die das Problem nicht loswerden."
Hemmer kennt die verödeten Industrieregionen im Norden Englands, die Bilder wird der Betriebsrat nie vergessen. "Da konnte ich mir angucken, wie es aussieht, wenn eine Region kollabiert", sagt er. "Da gibt es nur noch die Glotze und die Kneipe."
Die hochspezialisierten Stahlarbeiter von der Weser haben im Raum Bremen kaum Chancen auf neue Jobs. Sie wollen, vom Direktor bis zum Schmelzer, geschlossen um den Erhalt der kompletten Hütte kämpfen.
Kollegen vom Krupp-Stahlwerk in Rheinhausen waren schon da, um Mut zu machen. Als Geschenk überreichten sie den Bremern den eisernen Kokskorb, der während des 160 Tage dauernden Kampfes um das Rheinhausener Werk gebrannt hat.
"Wir haben denen versprochen", sagt Hemmer, "daß wir das Feuer nicht ausmachen, bevor der Kampf um unsere Hütte beendet ist."

DER SPIEGEL 50/1992
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