22.11.1993

KönigshausBellend in die Büsche

Die Dänen suchen Zenobie, den verschollenen Dackel ihrer Königin. Tot oder noch am Leben - die Fahndung dauert an.
Er war zu häßlich, als daß ihn einer wollte, und auch der Hellste schien er nicht zu sein - ein echter Aschenblödel. Doch als die Königin ihn sah, entflammte ihr Herz in Liebe. Sie nahm ihn mit in ihr Schloß, wo er aus Silber speiste und des Nachts die Teppiche zerbiß.
Doch finster ist die Unbegreiflichkeit, mit der das Schicksal seine Lose streut: Was so märchenhaft begann, endet jetzt mit Tränen auf Schloß Fredensborg, wo sich Margrethe II. von Dänemark um ihren Dackel grämt. Der heißt Zenobie, ist drei Jahre alt und wahrscheinlich mausetot, wie man leider, aber mit Grund befürchten muß - jedenfalls hat keiner ihn gesehen, seit er, seinem blinden Glück und seinem noch blinderen Verstand vertrauend, einem Fuchse folgte und im Wald verschwand.
"Hvor er min lille tax?" fragte die Königin, 53, Mitte vorletzter Woche ihre Untertanen - und sofort machten sich die Dänen auf, um nach der Dachshündin zu suchen, die Margrethe so über alles liebt. Seitdem schnüren sie, die Fahndungsfotos aus der Presse mit sich tragend, in Scharen über Wiesen und Felder, durch die Gassen und Straßen von Dorf und Stadt, wo immer wieder Volkes Stimme sich erhebt: "Zenobie, god Zenobie, kom her."
Auch Streifkommandos aus Mitgliedern der Feuerwehr, der Polizei, der Forstverwaltung sowie der Landesverteidigung durchkämmten Tann und Flur, versehen mit den bevorzugten Speisen der Vermißten.
Mit der gebotenen Rührung nahm das Volk bei dieser Gelegenheit zur Kenntnis, daß auch der Hund der Königin es versteht, Bürgernähe mit aristokratischer Gebarung aufs schönste zu verquicken - denn am liebsten frißt er Leberpastete mit eingebackenen Wachteleiern, andererseits aber auch die guten "Pölser", jene roten Knackwürste, die der gemeine Däne so gern verzehrt.
Abgängig ist Zenobie schon seit dem 21. Oktober, als sie nach Verrichtung ihrer Notdurft im Park von Schloß Fredensborg die Spur besagten Fuchses aufnahm und sich bellend in die Büsche schlug. Die umgehend alarmierte Leibgarde durchsuchte das Gelände, in den folgenden Wochen wurden in weitem Umkreis Schnüffeldepots angelegt - neben Futter und Malzbier, das Zenobie gern schlabbert, auch Kleidungsstücke, die Margrethe ganz nah am Körper trug.
Als all dies nichts verschlug, sah sich Hofmarschall Sören Haslund-Christensen gezwungen, die Öffentlichkeit um Suchhilfe zu bitten. "Berücksichtigen Sie aber bei Ihren Bemühungen", gab er übers Radio bekannt, "daß der Hund sich nicht gern ansprechen läßt" - Höflinge wissen aus blutiger Erfahrung, was damit gemeint ist: Zenobie tendiert dazu, nach allem zu schnappen, was ihr vor die Schnauze kommt.
Bei Hofe berüchtigt war der Dackel auch wegen seines unbedingten Zerstörungswillens, der sich vornehmlich gegen Textilien richtete - eine Eigenart, die zumindest den dänischen Bischöfen nicht ungelegen kam. Denn die hobbykünstlerisch ambitionierte Margrethe pflegt die Kirchenherren gern mit selbstgemachten Meßgewändern zu beglücken, über deren Gestaltung nicht nur im Klerus geteilte Meinung herrscht.
Unterstützt in ihrem Tun wurde Zenobie stets von Asterix, dem Dackel des Prinzgemahls Henrik, der mit seinem Herrchen eins gemeinsam hat: Beide pflegen eine Aversion gegen Marie-Louise Aamund, die Freundin von Kronprinz Frederik - Vater Henrik, weil das Mädel Fotomodell und auch sonst nicht standesgemäß ist; der Hund, _(* Rechts: Dackel Asterix. ) weil er außer Henrik und Margrethe grundsätzlich niemanden leiden kann.
Kaum jemals seit dem Jahre 1912, als Frederik VIII., der damalige König und Margrethens Urgroßvater, nach einem Bordellbesuch auf dem Hamburger Gänsemarkt entseelt zu Boden sank, stand die dänische Monarchie derart im Mittelpunkt des Weltinteresses wie jetzt, nach Zenobies Verschwinden. In ganz Europa und in den USA nahmen die Medien Anteil an dem Geschehen - wenngleich sie dabei meist die gebotene Ernstnahme vermissen ließen.
"Es fehlt etwas im Staate Dänemark", konstatierte etwa die Chicago Tribune - doch die Dänen konnten darüber ebensowenig lachen wie über die Häme des Houston Chronicle, der herzensroh mutmaßte: "Wahrscheinlich hat der Fuchs den Hund längst aufgefressen." Der amerikanische TV-Sender NBC sprach in seinen Abendnachrichten von der "Reichsratte" - Anspielung auf Zenobies Äußeres, das einer gewissen Leibesfülle wegen einen in der Tat schönheitlich wenig ausgeglichenen Eindruck macht.
Doch auch die Abendzeitung aus München, die schon aus landsmannschaftlichen Gründen ein Herz für Dackel haben sollte, mochte es sich nicht versagen, Zenobies Schicksal zu bekalauern: "Da kommen einem ja die Dänen."
Ende letzter Woche war der Hund immer noch verschollen, die Königin in Trauer und jeder Hoffnung bar. Dabei gilt auch für Zenobie, womit ein jedes Märchen endet: Wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute. Y
* Rechts: Dackel Asterix.

DER SPIEGEL 47/1993
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