07.12.1992

ManagerFlagge gezeigt

Politische Sensibilität scheint nicht die Stärke deutscher Führungskräfte zu sein. Nun muß Dasa-Manager Karl Dersch die Konsequenzen ziehen.
Karl Dersch, 57, war bester Laune, als er am Freitag vorvergangener Woche aus seinem Dienstwagen telefonierte. "Ja, das ist meine Fahne", bestätigte der Vorstand der Deutschen Aerospace (Dasa) dem SPIEGEL. Er habe sie selbst aufgehängt.
Bei Wind weithin sichtbar wehte vor der Villa des Managers in München-Solln die schwarzweißrote Reichskriegsflagge. Die Fahne mit Eisernem Kreuz und Reichsadler, die im Ersten Weltkrieg auf deutschen Schlachtschiffen hing, wird in jüngster Zeit vor allem von Neonazis und Skinheads bei ihren Krawallen mitgeführt.
"Dann muß ich sie jetzt wohl runternehmen", sagte Dersch und fügte noch an, daß er dem SPIEGEL "für den Hinweis direkt dankbar" sei. Vier Tage später, am Dienstag vergangener Woche, trat Dersch zurück.
Es war nicht Einsicht, die Karl Dersch zu diesem Schritt bewegte. Bis 19.30 Uhr noch wehrte er sich mit Macht und vielen Worten gegen den Rücktritt. Seit 15 Jahren schon habe er die Fahne, erklärte er seinem Chef, dem Dasa-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp. Er habe gar nicht gemerkt, daß sie nun als Symbol der Rechtsradikalen gilt.
Schrempp mußte ihn zur Aufgabe drängen. Nur so konnte weiterer Schaden für das Unternehmen verhindert werden. Denn der Vorgang sorgte nicht nur in Deutschland für Wirbel. Der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff schimpfte: "Der Dersch muß verrückt sein." Auch in Frankreich und den USA wurde aufmerksam registriert, was in München-Solln geschah. Die International Herald Tribune bemerkte lakonisch: "Deutscher Industrieller zeigt Flagge - die falsche."
Der Sturz des Karl Dersch geriet zugleich zu einem peinlichen Lehrstück über die mangelnde Sensibilität deutscher Führungskräfte. Noch am Montag, die Vorwürfe gegen den Dasa-Vorstand waren längst bekannt, wählte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) den Manager in sein Präsidium.
Dies sei ein Routineakt gewesen, rechtfertigte sich der BDI später. Die Erklärung macht es nicht besser; sie zeigt nur, daß die Routine beim Spitzenverband der deutschen Industrie offenbar größer ist als der politische Verstand.
Mit dem Rücktritt von Dersch ist eine ganz besondere bayerische Karriere beendet, die mit den beruflichen Stationen - Lehrjunge, Leiter der Mercedes-Niederlassung in München, Vorstandsmitglied der Dasa - nur höchst unzulänglich beschrieben ist.
In München ist Dersch seit Jahren fast so etwas wie eine Institution: Der "Karli", wie er von vielen genannt wird, ist auf den Festen der Wichtigen und der Schönen der Gaudi-Bursche, einer der Lauten und Witzigen, mit besten Kontakten in die oberen Etagen von Wirtschaft und Politik.
Einen guten Teil seiner Bedeutung zog Dersch aus seiner intimen Freundschaft zum damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Mehrmals verbrachten die Ehepaare Strauß und Dersch gemeinsam den Urlaub, wovon beide etwas hatten: Strauß bekam von der Mercedes-Vertretung kostenlos einen Geländewagen zur Verfügung gestellt; Dersch gelang es im Windschatten des Ministerpräsidenten oft, gewinnträchtige Aufträge für seine Firma zu ergattern.
Mit seinen Kontakten, großzügigen Geschenken und Rabatten sorgte Dersch dafür, daß die Mercedes-Niederlassung in München zu einer der erfolgreichsten Deutschlands wurde. In jener Zeit entwickelte sich auch eine enge Beziehung zwischen Dersch und dem Daimler-Benz-Manager Edzard Reuter, der damals noch Finanzvorstand war.
Reuter suchte vor der Übernahme von Dornier und MBB über den Münchner Statthalter Dersch stets Kontakt zu Strauß, denn gegen den Willen des CSU-Herrschers lief in der bayerischen Industrie kaum etwas.
Später will Dersch, so erzählte er Freunden, sogar dazu beigetragen haben, daß Reuter überhaupt Daimler-Chef werden konnte. Bei Strauß habe er stets Elogen auf das SPD-Mitglied Reuter gehalten. Erst nachdem der Ministerpräsident bei einflußreichen Industriellen signalisierte, daß auch er den Sozialdemokraten für den geeigneten Daimler-Chef hielt, wichen bei vielen die letzten Vorbehalte gegen Reuter.
Nun fühlt sich Dersch im Stich gelassen von seinem Duzfreund Edzard Reuter, der ihn gemeinsam mit Schrempp zum Rücktritt drängte. Er mag nicht einsehen, daß für den Sturz des Karl Dersch vor allem ein Mann sorgte: Karl Dersch.
Daß er ein Neonazi sei, kann niemand behaupten. Doch auch seine Freunde sagen von ihm, daß er "ein Waffennarr" ist und sich vor allem für militärische Leistungen in der deutschen Vergangenheit begeistert.
Reuter sah zwar, daß dieser Dersch nicht "zur Philosophie und Ausstrahlung unseres Hauses" passe. Auf seine Lobby-Dienste aber wollte er nicht verzichten.
Solange Dersch seine Ansichten über Kriege und Schlachten beim Umtrunk mit Freunden äußerte, entstand ihm daraus nie ein Problem. Doch seit er im Vorstand der Daimler-Benz-Tochter Deutsche Aerospace saß, brachte er das Unternehmen und sich selbst immer häufiger in Schwierigkeiten.
Als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie sorgte Dersch dafür, daß ein Modell des Jäger 90 auf der Luftfahrtschau in Berlin aufgestellt wurde. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe weigerte sich deshalb, die Messe zu eröffnen.
Dersch drängte auch darauf, in Peenemünde eine Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des ersten Abschusses einer A-4-Rakete, des Vorläufers der V-2, zu veranstalten. Proteste britischer Politiker empfand er als "hysterische Attacken".
Nach dem Peenemünde-Skandal bereits hätte sich der Konzern von seinem Vorstand trennen müssen. Für Dersch selbst mag es nun tatsächlich unverständlich sein, daß ausgerechnet die Reichskriegsflagge in seinem Garten für den Sturz sorgte.
Gast bei ihm zu Hause waren häufig auch Daimler-Benz-Manager. Keiner drängte ihn, die Flagge abzunehmen. Einer habe, so erzählen Dersch-Freunde, sogar unter dem Fahnenmast salutiert.

DER SPIEGEL 50/1992
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