07.12.1992

ImmobilienZettel in die Hand

Der Bauunternehmer Doblinger hat Ärger mit seinen Mietern. Die wehren sich erfolgreich gegen den Verkauf ihrer Wohnungen.
Alfons Doblinger und Reiner Uhl haben nicht viel gemein. Der eine zählt zu den reichsten Männern der Bundesrepublik, der andere, bis vor kurzem noch arbeitslos, schlägt sich als Krimiautor und freier Unternehmensberater durch.
Daß Doblinger mit einem wie Uhl überhaupt zu tun hat, liegt an seinem Gewerbe: Doblinger verdient sein Geld mit Immobilien. Vor zwei Jahren erwarb er zum Beispiel rund 33 000 Wohnungen vom Gewerkschaftskonzern Neue Heimat in Bayern.
Eine davon, im Münchner Stadtteil Bogenhausen, bewohnt der frühere Sozialarbeiter und Schiffssteward Uhl. Und der macht Doblinger zur Zeit schwer zu schaffen.
Doblinger möchte seine Wohnungen in dem Münchner Stadtteil verkaufen. Uhl, Vorsitzender eines Mietervereins in Bogenhausen, und seine Mitstreiter hindern ihn daran - mit Erfolg.
Der Bauunternehmer ist auf das Geld dringend angewiesen. In den vergangenen Monaten hat der Immobilienexperte in Ostdeutschland auf Pump riesige Industrieparks und Einkaufszentren errichtet. Die Läden und Büros wollte er an finanzstarke Mieter und Investoren weiterreichen.
Doch wegen der schlechten Konjunkturlage halten sich die Interessenten zurück. Manche warten darauf, daß die Grundstückspreise in den neuen Ländern weiter fallen.
Den Hausbanken Doblingers, darunter die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank, die Berliner Bank und die Bayerische Landesbank, blieb das nicht verborgen. Sie fürchten, daß die Immobilien als Gegenwert für ihre Kredite irgendwann nicht mehr ausreichen.
Doblinger soll deshalb, so forderten es die Banken, einen Teil seines Besitzes abstoßen. Nach anfänglichem Zögern willigte er ein.
Mit dem Verkauf von 350 Wohnungen in der Parkstadt Bogenhausen, einem Hochhauskomplex im Münchner Osten, wollte Doblinger beginnen. Die ein bis drei Zimmer großen Wohnungen sollen 5000 Mark pro Quadratmeter kosten. Das gilt in diesem Stadtteil Münchens schon als günstig.
Uhl und rund 300 von ihm organisierte Mieter wehren sich mit allerlei Tricks gegen den Verkauf ihrer Wohnungen; potentielle Käufer werden systematisch in die Flucht geschlagen.
Hat sich ein Wohnungsinteressent angekündigt, alarmiert der Mieter sofort andere Mitglieder des Mietervereins. Sie erwarten den potentiellen Kunden zusammen mit dem Bewohner.
Trifft der Kaufinteressent ein, drückt ein Vereinsmitglied dem verdutzten Besucher einen Zettel in die Hand. In dem Merkblatt rechnen Fachleute vor, daß sich der Erwerb einer Parkstadt-Wohnung für den Käufer finanziell gar nicht lohnt. Außerdem drohen die Vereinsmitglieder mit Prozessen, falls der neue Eigentümer selbst in seine Wohnung einziehen will.
Bis vor kurzem stellten Uhl und seine Mitstreiter sogar Plakate auf oder beklebten die Haustüren, um die Kaufinteressenten abzuschrecken. Auf Druck Doblingers mußten sie den Aufruf inzwischen abhängen.
Der Bauunternehmer selbst hat ihn offenbar sorgfältig gelesen. Vor kurzem ging er höchstpersönlich von Haus zu Haus, um die Mieter zu besänftigen. Die meisten machten einfach nicht auf. Das hatten die Bewohner vorher so besprochen.
Vereinschef Uhl hofft, daß sein Beispiel demnächst auch in anderen Städten Schule macht. "Schließlich arbeiten die Eigentümer doch mit ähnlichen Methoden, um mißliebige Mieter loszuwerden", sagt er.
Die Chancen, daß Reiner Uhls Wunsch in Erfüllung geht, stehen nicht schlecht. Seitdem Ende Juni die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen per Gerichtsurteil erleichtert wurde, droht mehr als 200 000 Bundesbürgern die Vertreibung aus den vertrauten vier Wänden. Da könnten viele von ihnen den Münchnern nacheifern.
Die Bogenhauser konnten inzwischen sogar einen weiteren Erfolg verbuchen. Uhl und seine Kollegen verhandeln mit Doblinger über einen Kompromiß.
Der Bauunternehmer will den Bewohnern entgegenkommen und ihnen einen Zusatz zum Mietvertrag anbieten. Nach der Vereinbarung darf der neue Eigentümer dem Mieter auch dann nicht kündigen, wenn er selbst einziehen will.
Im Gegenzug sollen die Bogenhauser etwas mehr Miete zahlen. "Früher oder später", wirbt Uhl für den Kompromiß, "wäre es ohnehin zu Mieterhöhungen gekommen."
Doblingers Banken dürften von der Regelung wenig begeistert sein: Mit der Schutzklausel sind die Wohnungen in der Parkstadt künftig noch schwerer verkäuflich als vorher.

DER SPIEGEL 50/1992
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