22.11.1993

DirigentenDER SPUMANTE VERFLIEGT

Scheu und artig, die Hände vor dem korrekt geschlossenen Jackett gefaltet, steht er abseits, und wenn ihm jemand näherzukommen droht, verdrückt er sich in eine schützende Nische. Der italienische Dirigent Claudio Abbado, dem der Empfang gilt, kneift.
Offiziell nur ihm zu Ehren, in Wahrheit, um seinen Dax an der Interpreten-Börse hochzujubeln, ist geladen worden. So sieht er auch aus: ein sauertöpfisches Opfer des Marketing.
Wenn seine PR-Strategen in Wien, Luzern, Salzburg oder auf einem anderen Rummelplatz der Klassik-Kirmes auftragen und abfragen lassen, mögen sich die Gäste an Krabbenhäufchen und Lachsröllchen gütlich tun. Mit vollem Mund spricht keiner und, Hauptsache, keiner ihn an. Maestro Abbado, dem gehuldigt wird, sagt allenfalls, piano und dolce, "Guten Tag" und macht mit seinem großen Kopf einen kleinen Diener.
Kaum zu glauben: Vor ein paar Jahren noch hat er, unter den Bravi seiner Fans, in der Mailänder Scala-Elf Fußball gespielt, und er findet auch nichts dabei, im Restaurant vom Teller seines Kollegen Daniel Barenboim ein paar Ravioli zu kosten. Aber er mag nicht, daß ihm jemand mit Fragen zu Leibe rückt, selbst Small talk ist für ihn ein großer Lauschangriff.
Dabei ist der Unberührbare heute der mächtigste Kapellmeister der Welt. Die Podien der Konzertsäle, die Opernhäuser, die den Ton angeben, die Festivals und Plattenstudios - überall, wo die Musik spielt, da spielt er mit. Ämterhäufung ist seine Domäne, nicht aber sein Thema.
Ein Schädel wie Fernandel, immer noch mit jungenhaften Zügen. Dabei ist er 60 und Großvater, ein alter Knabe, der sich ziert wie ein Kommunionkind unter großen Leuten. Er hat es weit gebracht, und das hat er nun davon: nur Theater, nur seinetwegen.
Auch nach über vier Jahren steht die Überraschung noch in seinem Gesicht, als ihm - Oktober 1989 - beim Spiel um Deutschlands erlesenste Band der Jackpot zugefallen und er in freier, gleicher, geheimer Wahl zum Chefdirigenten des Berliner Philharmonischen Orchesters gewählt worden war, "tief gerührt" und "besonders geehrt", wie er beteuerte.
Alle die Ehrgeizlinge der Zunft waren seinerzeit im Rennen gewesen, manche hatten sich peinlich selbst ins Gerede getrickst. Hansdampf Barenboim, Quicky Maazel, der Bulldozer Levine - kaum ein Stabführer, den es nicht zum Gral zog.
Alle waren sie durchgefallen, und ausgerechnet er, der Virtuose des Ritardando, fand sich im weißen Rauch der Berliner Papstfindung auf dem heiligen Stuhl des Konzertbetriebs wieder, als Statthalter des toten Allmächtigen.
Seitdem thront er auf Herbert von Karajans Hochsitz, urbi et orbi und deren hohen Erwartungen ausgeliefert: Ist er, der kleine Mailänder, der Übergröße des kleinen Salzburgers gewachsen? Er ist es wohl kaum.
Sicher, aus den Feuilletons klang auch Zuspruch. "Neuen Schwung" spürte Die Welt, "hinreißend vital" erschien der Süddeutschen Zeitung, wie sich der Außenseiter ins Zeug legte. Auf Tournee, zwischen Paris und Moskau, füllten die Kritiker Ruhmesblätter. "Ich habe manchmal wirklich das Gefühl, man kann zusammen mit den Berlinern fliegen, unglaublich", konstatierte Abbado und nahm Kurs auf den Olymp.
Doch dann schmierte seine Crew, mitten im Höhenflug, plötzlich ab. Die Wiener Presse diagnostizierte "schwere Anämie" und monierte, "Bonjour Fadesse", "ödes Grau eines klanglichen Einheitsbreis": Mozart sei "dahingeperlt wie kohlensäurearmes Mineralwasser".
Bei den Salzburger Festspielen wurde die FAZ durch eine "undifferenzierte Lärmorgie" voll "martialischem Getöse" aufgeschreckt, und die Süddeutsche Zeitung entsetzte sich über "reine Kraftmeierei": "Ein erschütternder Befund."
Vor drei Wochen erst, bei Abbados US-Debüt mit den Berlinern, kam es knüppeldick. Zumindest beim Eröffnungskonzert erschien der New York Times "die Technik bei Holz- und Blechbläsern lasch, als ob das Getriebe in Karajans berühmter Maschinerie etwas gestrafft werden müßte". Bereits der erste Trompeten-Einsatz in Mahlers fünfter Sinfonie ging daneben, Abbado habe seine Tutti "an der langen Leine spielen lassen" - Mahler "bombastisch und wichtigtuerisch". Im heimatlichen Tagesspiegel mochten die gebeutelten Philharmoniker zwar dann wieder Trost finden: "New Yorker Scharte ausgewetzt", schrieb das Blatt nach der Rückkehr auf den Stammplatz. Peinlich nur: Nicht Chef Abbado hatte wiedergutgemacht, sondern ein Gast aus Birmingham: Kollege Simon Rattle, der lockige Feuerkopf und knallharte Arbeiter.
Am kommenden Wochenende nun, bei seinem ersten wichtigen Heimspiel nach der New Yorker Wackelpartie, will auch Abbado noch mal auftrumpfen. Zweimal bietet er dem Berliner Publikum, mit Mussorgskis Zaren-Drama "Boris Godunow", große Oper konzertant, und sollte er dabei zu jener Hochform zurückfinden, in der er das Werk 1991 in Wien gemeistert hat, dann wäre, womöglich, das Amerika-Debakel erst einmal überspielt.
Dafür wird ein altes Übel wiederbelebt: das dubiose Gemauschel von öffentlichem Dienst und kommerziellem Profit - ein Fall für die Kulturfunktionäre mit dem modischen Rotstift. Denn Abbado hat "Boris Godunow" nicht nur den Konzertgängern der deutschen Hauptstadt, sondern auch dem tönenden Konservenhandel zugedacht.
Wenn am Samstag abend der erste Mussorgski-Chor einsetzt, hat Sony Classical das Stück schon größtenteils im Kasten. Aufnahme und Aufführung sind im philharmonischen Stundenplan raffiniert verbandelt: mal Dienst nach Vorschrift, mal Job gegen Mucke - Karajans alter Trick.
Das Doppelspiel läuft reibungslos. Beim Live-"Boris" dirigiert Abbado die nicht rechtsfähige Anstalt namens Berliner Philharmonisches Orchester. Deren Mitglieder beziehen - wie es sich gehört, nicht schlecht - ihr Gehalt vom Senat, dem der Elitetrupp in diesem Jahr 23,2 Millionen Steuer-Mark wert ist.
Doch von dem, was Abbado seinen Musikern in der Dienstzeit einpaukt, profitieren auch Sonys Plattenmacher: Szene für Szene nehmen sie auf, was ihnen die - personalidentische - Gesellschaft bürgerlichen Rechts namens Berliner Philharmoniker einspielt. Diesem Privatklub der öffentlich Bediensteten kann der Senat nicht dreinreden und nichts abnehmen. Sony zahlt extra, die Philharmoniker kassieren zweimal: Abbados "Boris" hat einen Januskopf.
Und weiter geht's. Wenn Berlins zwittriger Klangkörper die Partitur richtig drauf hat, macht Abbado mit ihm im kommenden Frühjahr eine vom Senat unterstützte Dienstreise nach Salzburg. Dort laufen zu Ostern, wie seit 1967 alljährlich, stets Europas betuchte Schöngeister zusammen, und Abbado tritt abermals in Karajans Fußstapfen.
Denn auch in der künstlerischen Leitung der "Osterfestspiele Salzburg GmbH" hat er seinen marktbeherrschenden Vorgänger längst beerbt, und das Erbteil rechnet sich: In den Salzburger Konzerten spielen wieder die Senatsangestellten, in der Oper "Boris" die Privatgesellschafter - gegen Löhnung aus der Festival-Kasse, versteht sich.
Abbado treibt sein Geschäft allerdings noch weiter. Im Sommer 1994 tauscht er die Philharmoniker aus Berlin einfach gegen die Philharmoniker aus Wien ein, führt dann mit ihnen "Boris" bei den Salzburger Sommerfestspielen auf und wird das Großunternehmen 1995 sogar nach Japan exportieren, wo Sony derweil den Absatz des Berliner "Boris" auf Schwung bringt.
Zwischendurch macht der Vielseitige noch an seinem ganzen Bruckner weiter, am ganzen Mahler, die Werke der Neuen Wiener Schule kommen komplett, die klassischen Schlager ohnehin, und auch der Job in Berlin, Wien, Salzburg, Chicago, London, bei diversen Jugendorchestern und auf seinem Privatfestival im italienischen Ferrara will ja getan sein. "Wann findet der Vielbeschäftigte Zeit, gute Musik zu machen?" sorgen sich die Salzburger Nachrichten.
Längst wird auch in der Berliner Philharmonie, hinter vorgehaltener Hand, genörgelt. Er probt zu wenig, kritisieren die Perfektionisten, er probiert zu lasch, finden die Hardliner. Seine Zeichen sind präzis, aber er setzt sie zu selten. Was seine Rechte schlägt - links ist er ohnehin oft abgeschlafft -, bringt eine sinfonische Hundertschaft nur schwer auf Zack. So liefert Abbado, wie die anderen Pultstars, nur noch Top-Qualität von der Stange, zuwenig für den Erbhof Furtwänglers und Karajans.
Sicher, auch unter der Regentschaft des verblichenen Sonnenkönigs Herbert hing der Himmel nicht immer voller Geigen. Trunken von Schönheit und von sich selbst hatte der Maestrissimo seinem Klangkörper die Kanten abgeschliffen, tönende Lotion aufgetragen und die Tonkunst exquisit parfümiert. Karajan war der fanatische Designer einer ff. Spielkultur.
Aber das Orchester machte mit dieser Ästhetik Furore, die Berliner Philharmonie zierten, als Hochburg des Orchester-Raffinements, drei Sterne im Michelin der E-Musik, und für die Welt war das ein absolutes Gütesiegel - Wohllaut made in Germany.
Es hat auch Vorteile, daß Abbado anders ist als der Alte: Daß er fürsorglich mit dem Nachwuchs arbeitet; daß er, als linker Bekenner, gratis vor Werktätigen aufgetreten ist; daß er Ohr und Herz hat für die Zeitgenossen; daß er in Fernost sogar das "Konzert vom Gelben Fluß" dargeboten hat und anschließend den Walzer von der schönen blauen Donau. Aber innovativer Elan und sozialer Touch helfen wenig, wenn ihm jetzt Brahms zerbröselt, Tschaikowski verdonnert und Mozart im Schongang entgleitet.
Noch umbuhlen ihn die Machthaber in den Plattenkontoren, noch kann er sie nett gegeneinander ausspielen: die Deutsche Grammophon, die ihm, lange exklusiv, alles abnahm, was er - manchmal zwei- und dreifach - produzierte, und deren frischen Erzkonkurrenten Sony, der sein Label stets mit dem güldenen Logo der Berliner Philharmonie dekoriert, wenn der Maestro in der Box rotiert.
Aber wenn der rastlose Abbado so weitermacht, klingen Berlins Philharmoniker bald wie die in London und New York, wie Boston Symphony und Chicago Symphony. Dann steckt die Weltmusik, diese kühne Metapher, in Uniform und Berlins ruhmreiche Orchesterkultur in der Krise.
Kann sein, daß Abbado auf den Abbado-Feiern deshalb die Häppchen meidet, am Spumante bloß nippt und sich vor den Fragestellern in Sicherheit bringt. Man könnte ihn ja auf den Niedergang ansprechen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die Berliner Philharmoniker *
treiben einer Götterdämmerung entgegen. Seit der italienische Dirigent Claudio Abbado 1989, als Nachfolger Karajans, Deutschlands Elite-Orchester übernommen hat, beanstanden internationale Kritiker an dem Klangkörper "schwere Anämie", "Ausrutscher" und "ödes Grau". Diese Vorwürfe will der überbeschäftigte Maestro am kommenden Wochenende mit dem konzertanten Opern-Spektakel "Boris Godunow" überspielen und das Stück zugleich, diesmal ganz a la Karajan, im Verbund mit der Schallplatte glänzend versilbern.
Berliner-Philharmoniker-Chef Abbado: Sauertopf mit Januskopf
Abbado-Vorgänger Karajan Dubioses Gemauschel auf dem heiligen Stuhl
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 47/1993
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