07.12.1992

AktienTrio infernale

Die deutsche Börse wird reformiert, doch an ihren Problemen ändert das wenig.
Beschlipste Männer und, wesentlich weniger, kostümierte Damen wuseln geschäftig übers Parkett; aufgeregt sprechen sie in tragbare Telefone oder schreiben Zahlen in Notizbücher. Viel Hektik und ein Hauch von Chaos - so erscheint Laien das Treiben an der Frankfurter Börse.
Der Eindruck täuscht: In Deutschlands Börsen ist nicht viel los.
Drei Viertel aller deutschen Aktiengesellschaften sind an der Börse gar nicht notiert. Selbst umsatzstarke Aktien wie Allianz oder Siemens werden, so Heinz-Jürgen Schäfer, Chef-Händler der Dresdner Bank, nicht genügend gehandelt. Künftig soll das anders werden. Nach langen Diskussionen wird das deutsche Börsenwesen reformiert, bisher zersplitterte Aktivitäten werden in einer Holding, der Deutsche Börse AG, zusammengefaßt.
Der neue Verbund soll den Aktienhandel in Deutschland attraktiver machen - und die Umsätze und Kurse hochtreiben. Soweit die Theorie, in der Praxis werden vor allem die großen Banken profitieren.
An der neuen Holding sind die deutschen Regional-Börsen mit zehn Prozent beteiligt. An der Provinzialität des deutschen Aktienhandels mit acht Börsen von Hamburg bis München ändert das nichts, nur Frankfurt wird etwas mächtiger.
Ausländische Kunden wird das kaum beeindrucken. Sie stört vor allem, daß es in Deutschland keine zentrale Börsenaufsicht und kein Gesetz gegen Insidergeschäfte gibt. Der Ruf der deutschen Börse im Ausland ist angekratzt, seit im Sommer 1991 Aktienhändler deutscher Banken auf eigene Faust gezockt hatten. Die Börsenplätze Paris und London haben es sogar abgelehnt, Bildschirme für die deutsche Terminbörse aufzustellen.
Ob die Reform das Geschäft belebt, ist deshalb fraglich. Sicher ist nur, daß die Kosten - und mittelfristig die Gebühren für die Kunden - steigen werden.
20 Millionen Mark kosten allein neue EDV-Systeme. Andererseits fallen Einnahmen der Börse in Millionenhöhe weg, weil ein Großteil ihrer zinsbringenden Rücklagen für Zukäufe benötigt wird.
Unter dem Dach der Holding sollen künftig auch die Institute Platz finden, die den Kauf und Verkauf von Wertpapieren abwickeln. Außerdem kommt die Deutsche Terminbörse dazu. Hier werden Papiere gehandelt, die erst zu einem späteren Termin geliefert werden müssen. Auf diese Weise lassen sich Kurse für die Zukunft sichern.
Insgesamt braucht die Deutsche Börse AG für solche Zukäufe 120 Millionen Mark; die Hälfte davon sollen die Aktionäre, also vor allem die Banken, aufbringen. Nicht alle wollen mitmachen. Einige kleinere Banken erwägen, an der geplanten Kapitalerhöhung gar nicht erst teilzunehmen. Ihnen nützt die neue Holding wenig.
Die Zusammenlegung mit der Terminbörse ist vor allem für große Banken interessant. Die winzigen Preisunterschiede zwischen beiden Märkten lassen sich nur bei sehr hohem Kapitaleinsatz nutzen. Und an Kapital mangelt es den kleinen Häusern ebenso wie an Experten für das risikoreiche Geschäft.
Doch die Großbanken sind im Wertpapiergeschäft so mächtig, daß Kritik nur sehr verhalten geäußert wird. Inzwischen stößt Rolf E. Breuer, Vorstand der Deutschen Bank und künftiger Aufsichtsratschef der Börse, allerdings auch im eigenen Haus auf Opposition: Viele monieren die hohen Kosten der Reform und die ständigen Pannen, zum Beispiel bei der Computerisierung des Aktienhandels.
Seit Jahren schon sollte die Zettelwirtschaft auf dem Parkett abgeschafft werden. Doch noch immer wird eine Order mehrmals ausgeschrieben und von Hand zu Hand weitergereicht. Das neue Computersystem, Boss genannt, funktioniert nicht richtig, Händler bezeichnen es als inflexibel und unbrauchbar.
Pannen zuhauf gab es auch in der Datenzentrale DWZ, über die alle Börsengeschäfte abgewickelt werden. Seit dem Start im August 1991 zeigten sich beim EDV-System Böga rund ein Dutzend Fehler.
Für die vielen Pannen an der Börse machen die Banker das Management verantwortlich. Die drei Manager, Klaus Hofmann, Dieter Mülhausen sowie Sprecher Rüdiger von Rosen, gelten in der Bankengemeinde als Trio infernale: zerstritten und inkompetent.
Doch Nachfolger zu finden ist schwieriger als erwartet: Auch als Arbeitgeber scheint der Ruf der deutschen Börse ramponiert.

DER SPIEGEL 50/1992
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