07.12.1992

Das große Spiel der Bereicherung

Der lächelnde Wladimir Iljitsch an der Kreuzung des Andropow-Prospekts mit der Kaschira-Chaussee bietet Moskau-Besuchern aus dem Südosten keine Orientierung mehr. Im Jahre 1 des russischen Kapitalismus verschwand das Relief Lenins hinter dicker Werbepappe, obenauf in Buntpapier die "Aktiengesellschaft Dialog", zuständig für elementare "Waren des Bevölkerungsbedarfs" wie Hi-Fi und Computer.
Die Figur des Revolutionärs, der Rußland dem Staatskapitalismus ausgeliefert hatte, ist unsichtbar geworden. Sie ist verkleistert von der Propaganda einer neuen Klasse privater Kapitalisten, die aus dem Untergrund wieder ans Licht traten - zur Zeit der Leninisten versorgten sie, als "Spekulanten" gejagt und mit Todesstrafe bedroht, den schwarzen Markt, füllten Versorgungslücken und hielten mit illegalen Tauschgeschäften der Staatsbetriebe sogar die Planwirtschaft in Gang.
Jetzt ist ihr Gewerbe legal, die Schattenwirtschaft als freier Markt das geltende System. Die Schicht der ehemaligen Schieber, angereichert um wendige Funktionäre und unternehmungslustige Berufswechsler aus allen Ständen, wirft sich zur herrschenden Klasse auf: eine neue Bourgeoisie der Makler und Raffer.
"Wir müssen die Kommandohöhen der Macht besetzen", tönt ein postkommunistischer Schnaps- und Jeans-Importeur im "Business-Club", der in der Großen Kommunistischen Straße domiziliert, "dann wird Rußland wieder respektiert werden." Die Runde der "Kommersanten" röhrt Zustimmung und läßt die Kristallgläser klirren. Ein Prosit allen großen Russen: "Auf Peter den Großen, auf Stolypin", den Reformpremier des letzten Zaren, gar "auf Stalin, auf uns".
Sie haben schon viel erreicht, vor allem sich selbst hinlänglich bereichert. Aber sie haben auch die Läden mit Waren gefüllt, die dort seit Jahren nicht gesichtet wurden: gleich mehrere Sorten Wurst und Käse, Importwaren zuhauf, Textilien aus Asien und Getränke aus dem Westen, zu Preisen freilich, die oftmals nur die neuen Reichen selbst bezahlen können.
Sie haben die Trottoirs ganzer Straßenzüge in riesige Märkte fürs einfache Volk verwandelt, wo alle Dinge des Massenbedarfs gehandelt werden. Auch dies war strafbar, als Lenins Leute regierten. Von der Gewerbefreiheit lebt Jekaterina Stepanowna, 69, die dem Bodensatz der neuen Entrepreneurs zugehört.
Am U-Bahnhof Tagankaplatz, einen Steinwurf entfernt vom Business-Clubhaus, bezieht sie jeden Tag pünktlich um 14 Uhr Posten. Die Vorbereitungsprozedur für ihr Wirken in den Niederungen der verordneten Marktwirtschaft ist immer dieselbe:
Ein Stück Plastikfolie auf dem Boden gegen die Nässe, darauf die ausgebeulte große Kunstledertasche mit dem verblichenen Aufdruck "CCCP" (dem kyrillischen Kürzel für "UdSSR"), hat sie die Ware mit den größten Verkaufschancen fest unter den Arm geklemmt wie ein Sturmgewehr: eine Flasche Wein, einen Beutel Konfekt, ein Glas Babynahrung oder eine Dauerwurst.
Vormittags geht die Rentnerin auf Hamsterfahrt quer durch die Stadt: In Staatsläden, auf Märkten, bei Straßenhändlern kauft sie auf, was am eigenen Standort einen kleinen Profit erwarten läßt. Selten bleibt sie auf etwas sitzen.
Aber für das wöchentliche Zusatzeinkommen von rund 900 Rubel zur gerade aufgestockten Monatsrente (2250 Rubel) könnte sie sich gegenüber, wo die Erfolgreichen tafeln, kaum die Vorspeise leisten. Die Rente ist zwölf Kilo Rindfleisch wert, das Zubrot allein fünf Kilo - so kommt sie auf soviel Kaufkraft, wie in der Breschnew-Ära eine Mindestrente barg.
Die Polizei hat die ehemalige Buchhalterin Stepanowna noch nie wegen illegalen Lebensmittelverkaufs behelligt. Halbstarke Schutzgelderpresser ließen sie bislang in Ruhe. "Meine Nachbarin Marija, die hier manchmal selbstgestrickte Socken verkauft, haben sie schon bedroht", berichtet Jekaterina Stepanowna und schlägt zur Abwehr böser Geister instinktiv das Kreuz: "Die lebt von ehrlicher Arbeit."
Was Rußlands Reformer als erste, lustvolle Regungen russischen Händlergeistes deuten - den Auftrieb Hunderttausender, die sich auf den entkriminalisierten Trödelmärkten drängen -, steht oft nur für den Verkauf der letzten, nicht lebensnotwendigen Habe.
Das ist nur eine Erleichterung des Gepäcks auf dem Marsch in die Armut der Dritten Welt. Deutsche Ökonomen, vom Bonner Wirtschaftsministerium mit einer Bestandsaufnahme der russischen Reformen beauftragt, beschrieben die Verelendung unter dem Ex-Kommunisten Boris Jelzin mit vornehmer Untertreibung als "sukzessives Entsparen". Bald sind Reserven, Ersparnisse und Hamstervorräte abgebaut. Dann herrscht existentielle Not.
Vorbei die Perestroika-Hoffnung, mit dem Verschwinden des politischen Parteimonopols, dem Ende der Abschottung vom Westen ließe sich rasch Annäherung finden an den Lebensstandard der Deutschen, Dänen, Finnen oder Franzosen. Der konservative Zentralbankchef Wiktor Geraschtschenko gab vorsichtshalber die Losung aus, sich "alles Nützliche aus der Erfahrung von Entwicklungsländern" anzueignen.
Doch der Kriegsinvalide Jewgenij Leontjew, der mit seinen drei Ordensspangen am Kiewer Bahnhof bettelt, glaubt weiter: "Unsere Ohnmacht kann nicht lange dauern, sie wird sich bald wieder in Macht verwandeln."
Er teilt den Optimismus von Vizepremier Wladimir Schumeiko, 47, die russische Zukunft werde keinesfalls der brasilianischen Gegenwart ähneln, "mit wenigen Reichen, die Mehrheit bettelarm". Kein Grund zur Sorge, sagt Präsident Jelzin: "Rußland ist eine Großmacht, die einfach vorübergehende Schwierigkeiten hat."
"Wir sind schließlich keine Analphabeten", begründet Schumeiko (KPdSU-Mitglied von 1967 bis August 1991), ehemals Generaldirektor einer Meßgeräte-Fabrik, seine Prognose: "Deshalb lernen wir, vom Präsidenten bis zur Oma im letzten Dorf, so schnell die neuen Begriffe wie Aktien, Fonds, Börsen - eben die ganze Privatisierung."
Beim Schnellkurs, Marktwirtschaft wie eine Fremdsprache allein über Vokabeln zu pauken, ohne Rücksicht auf Syntax und Grammatik, sprich Sozialverträglichkeit und Gemeinnutz, erweist sich am gelehrigsten die Generation der 25- bis 35jährigen. Sie war gerade noch durch die Schule des Parteijugendverbandes Komsomol gegangen und kann sich bestens der Untauglichkeit des Erlernten für eine moderne Welt erinnern.
"Ich glaube an keine Ideologie und an keine Ideale", sagt Mark Nowikow, 28, "nur an die Wolfsgesetze des Marktes, wo der Starke überlebt und der Schwache liquidiert wird."
Die sozialdarwinistische Sentenz des Jungmanagers, der sich pompös "Marketingdirektor einer kommerziellen Struktur" nennt, könnte gut aus einem leninistisch-stalinistischen Lehrbuch stammen - und der Verkaufsstratege für Taiwan-Textilien weiß das auch: "Was uns die Bolschewiken über den Kapitalismus beigebracht haben, ist nicht falsch", philosophiert er, "nur das Minuszeichen davor war es."
So bauen die cleversten, zynischsten Komsomolzen, einst als "Kaderreserve der Partei" vorgesehen, an einem Kapitalismus, dessen Versatzstücke sich auf KP-Traktate stützen, die ins Positive gewendet sind.
Und auch die ideologischen Postillione sind von gestern: "Es ist hohe Zeit, die Wissenschaft des Business zu erlernen", ruft Ökonom Gennadij Lissitschkin alle unter der Sowjetmacht Irregeleiteten zur Umkehr auf. Er empfiehlt als Lektüre seine Banal-Broschüre von 64 Seiten "mit Weltniveau" und dem Titel "Wie werde ich Geschäftsmann?"
Wer nicht am verpackten Lenin vorbei von Südosten nach Moskau kommt, sondern aus nordwestlicher Richtung vom Flughafen Scheremetjewo, findet den Weg stadteinwärts von Dutzenden Reklametafeln gesäumt. Sie erwecken den Eindruck, als seien derlei mickrige Ratgeber wie Lissitschkins Handbuch zur Volkslektüre geworden, als hätten die "bisnesmeni" längst die Macht ergriffen: Von der Unicom- bis zur "Wiedergeburts"-Bank, von Ölhändlern ("Wir machen nur, was wir am besten können") bis zu Spielkasino-Betreibern ("Roulett, Black Jack, Slots") plakatieren alle, alle den russischen Boom - so, als ob er gleich um die Ecke, noch in diesem Jahrhundert stattfinde.
Die Wirklichkeit sieht im Moment ganz anders aus. Produktion und Lebensstandard fallen unaufhörlich: Nach Einbußen von 8 Prozent 1991 wird der Industrieausstoß bis Ende dieses Jahres um weitere 20 Prozent abnehmen. Für elementare Lebensmittel müssen Arbeiter- und Angestelltenhaushalte inzwischen mehr als die Hälfte ihres Einkommens aufwenden (1990: 25 Prozent), Rentner sogar 90 Prozent.
Die monatliche Inflationsrate überstieg 20 Prozent. Nach Berechnungen des Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs hat sie 10 Prozent in der Woche erreicht - das wären 14 000 Prozent im Jahr. In den öffentlichen Haushalten Rußlands klafft eine Lücke von 2870 Milliarden Rubel. Zum Vergleich: Das ist die Summe der Altersrenten von 40 Millionen Bürgern für drei Jahre.
Bis Ende des Jahres rechnet die Internationale Arbeitsorganisation in Genf mit zehn Millionen Beschäftigungslosen. Sozialprogramme, etwa zur Umschulung, fehlen. Gesucht werden per Inserat "gerissene Buchhalter" und "hübsche Mädchen ohne Komplexe". _(* Mit Geschäftsfreunden in der Bar eines ) _(Moskauer Hotels. )
Die Moskauer Jung-Unternehmer aber glauben fest daran, daß ein goldenes Zeitalter schon begonnen habe. "Die Zukunft gehört uns Russen", verkündet etwa Artjom, der sich "Dynamit" nennt. Seinen bürgerlichen Familiennamen läßt er ebenso im dunkeln wie die genaue Art seiner Geschäfte: "vom Bauwesen über Holzexporte bis zum Metall- und Autohandel". Die Westeuropäer, voran Schweden, Franzosen und Deutsche, leiden laut Dynamit alle an "sozialistischer Knochenerweichung a la ,sozialer Marktwirtschaft''".
Die unfreiwilligen Teilnehmerländer am bolschewistischen Experiment UdSSR dagegen hätten "den Bazillus 70 Jahre lang ausgeschwitzt": Deren junge Kämpfer für einen echten Kapitalismus seien nun "hart, aggressiv und unsentimental: Denen gehört die Zukunft in Europa und Asien". Dynamit muß es wissen. Er macht, wie Freund und Feind andächtig raunen, auf diese Weise jeden Tag rund eine Million. Rubel zwar, aber in dieser Menge bringen sie trotz Inflation immer noch 3750 Mark.
Bei 4000 Rubel (21 Kilo Fleisch), aber pro Monat, wird nach Berechnungen des russischen Arbeitsministeriums zum Jahresende die Armutsgrenze verlaufen: Existenzminimum für rund 50 Millionen Menschen, jeden dritten Bürger der Russischen Föderation. An dieser sozialen Demarkationslinie wächst die Explosionsgefahr.
Die Reichen von gestern, die führenden Genossen, hatten ihre etwas größere Gleichheit vorsichtshalber in Nomenklatur-Landhäusern hinter harmlos-grünen Bretterzäunen versteckt. Heute dagegen zeigen die neuen Herren auf provozierende Weise gern her, was ihnen ihre Art der Tüchtigkeit beschert hat: den Daimler, die beflissenen Leibwächter, den Pelz für die Dame, Gold an Hals und Hand, den Smoking aus Hongkong, die Villa außerhalb der Stadt.
Die Zahl der Restaurants in Moskau hat sich in den letzten fünf Jahren fast verzehnfacht. Die Kellner schreiben fünfstellige Rechnungen, dennoch ist abends kaum Platz zu finden. "Zehntausende Millionäre", so die Tageszeitung Trud, demonstrierten ungeniert Reichtum, Einfluß und schlechten Geschmack.
"Die neue Klasse", wie auch das Wirtschaftsblatt Kommersant seine Stammleserschaft offen definiert, macht maximal drei Prozent der russischen Bevölkerung aus: 4,5 Millionen Kapitalisten. Die Polarisierung zwischen Armen und Reichen gewinnt mit jedem Tag an Tempo. Mithalten kann nur, wer etwas Wertbeständiges zu verscherbeln hat; die eigene Arbeitskraft gehört in der Regel nicht dazu.
Das Einkommensgefälle zwischen Perestroika-Gewinnlern und -Verlierern ist auf das Siebeneinhalbfache angewachsen. Für Ende 1993 rechnet die Sozialstatistik mit einem fast zehnfachen Auseinanderklaffen der Einkünfte von lohnabhängigen Massen und selbständig wirtschaftenden Individuen. Das Entstehen einer Mittelschicht als Puffer zwischen den Extremen ist nicht in Sicht.
Die neuen Geschäftsleute widmen sich vornehmlich dem Handel - ärgster Schwachpunkt der verabschiedeten Staatswirtschaft: Die Privatisierung der Produktion kommt nicht voran. Jelzin-Vize Alexander Ruzkoi verdächtigt die Kommersanten, nur geschickt das allgemeine Chaos und den Preiswirrwarr auszunutzen und "zu 90 Prozent heiße Luft hin- und herzujagen".
Die neuen Reichen wissen um den tiefverwurzelten Neid ihrer Landsleute auf alle, denen es bessergeht, zumal ohne handarbeitende Leistungen. Deshalb stellen die Handelsleute ihre guten Werke heraus - als selbstlose Sponsoren im Kampf wider die öffentliche Armut.
Die Gebrüder Sterligow, Betreiber der Firmengruppe "Alissa", rühmen sich der Nothilfe für alte Frauen und herrenlose Hunde. Wiktor Droschin, 38, Herr über die "Wiktor-Corporation" nebst gleichnamiger Bank (Stammkapital: zehn Milliarden Rubel), bedenkt regelmäßig einen Eishockey- und einen Fußballklub sowie das Bolschoi-Ballett mit Zuwendungen.
Den Titel "Mäzenat ''91" indessen sicherte sich Bankier Jurij Agapow, 33, Chef der "Kredobank". Sein Geldsegen von "einigen Millionen Rubel" regnet auf ein Symphonieorchester, ein Theater, das Institut für Internationale Beziehungen, eine Wirtschaftsakademie und die Kirche der Heiligen Sophie in Puschkin bei St. Petersburg.
Mit dem Zusammenbruch der staatlichen Umverteilung, argwöhnt ein Moskauer Politologe, "basteln unsere Kommersanten an einer Art unverbindlichem Wohltätigkeitskapitalismus, der den Bürger erneut zum gefügigen Bittsteller machen würde", statt ihm soziale Rechte zu garantieren. "Kredo"-Banker Agapow hat dafür als nächstes Experimentierfeld bereits das marode Gesundheitswesen im Blick.
Er schlägt vor, die inzwischen mehr als 2000 russischen Kommerzbanken - nach einer Westanalyse zumeist "in irreparablen Schieflagen" - sowie Jointventures, Konzerne, Aktiengesellschaften, also der neokapitalistische Kern Rußlands von 50 000 bis 60 000 solcher Organisationen, sollten sich insgesamt verpflichten, je einen Schwerkranken pro Jahr zur Heilung ins Ausland zu schicken - ja, schwärmt Agapow, "das wäre doch schon was".
Die Namen der korporativen Wohltäter, rät Agapow, solle eine "Gesellschaft Mäzenat" jedes Jahr in einem "Goldenen Buch" veröffentlichen. Dort fände auch Garegin Tosunjan einen Ehrenplatz: Der Chef der Technobank lobte unlängst für Ex-Präsident Michail Gorbatschow eine Pension in Höhe seiner Staatsrente aus - "zum Dank dafür, daß ich Millionär werden konnte".
Bis auf wenige Ausnahmen gründen die Karrieren des neuen Geldadels, so meditiert ein Moskauer Ökonomieprofessor, "auf konsequenter Anwendung des Weizen-Prinzips": Rußland läßt im Ausland arbeiten. Die korrupte sowjetische Führung gewöhnte ihr Volk über Jahrzehnte an die Vorstellung, das russische Brot wachse in Nordamerika und sei mit Öl oder Gold nicht zu teuer bezahlt. Da kann kaum verwundern, daß die mit Unterwelt und Bürokratie gleichermaßen verwobenen Händlercliquen genauso verfahren.
Das Prinzip ist einfach: Mit Hilfe gekaufter Genehmigungen und geschmierter Staatsdiener werden vor allem Rohstoffe, aber auch Waffen, Antiquitäten, Maschinen, Technologien außer Landes gebracht. Die Devisenerlöse, soweit sie nicht gleich auf Auslandskonten fließen, werden in Billigländern eingesetzt für den Kauf von Konsumgütern, die durch die aufgerissenen GUS-Grenzen nach Rußland zurückgelangen.
Über Kioske und neue Privatläden, die in den großen Städten wuchern wie architektonisches Unkraut, gelangt der Ramsch unters Volk: Fuselwodka mit Phantasienamen von "Bankerclub" bis "Rasputin", Kunststoffjacken aus Korea (30 000 Rubel), flüchtig genähte Schuhe aus Marokko (16 000 Rubel), giftgrüne Liköre von den Philippinen (1500 Rubel), Säfte und Süßigkeiten aus Deutschland mit oft längst abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.
Die "Kiosk-Lumpen", wie ein aufgebrachter Abgeordneter die Besitzer dieser Konsumtempel tituliert, machen gute Geschäfte. Nach verdeckten Ermittlungen Moskauer Steuerfahnder kann der Tagesgewinn bis zu 300 000 Rubel betragen. Davon muß etwa ein Drittel für Schutz- und Schmiergelder reinvestiert werden.
Das Volk liebt nicht gerade seine neueste Elite mit dem Faible für schwarze Lederjacken wie einst die bolschewistischen Kommissare. Aber widerwillig zollt der Bürger den lässigen Ware-Geld-Jongleuren dennoch so etwas wie Anerkennung: dafür, daß sich in den Regalen überhaupt wieder Waren stapeln, daß der Rubel langsam wieder an Kaufkraft gewinnt, daß manch verloren geglaubtes vaterländisches Produkt wieder in den Läden auftaucht. Allein die Sichtbarkeit eines noch fernen Schlaraffenlands vertagt die soziale Explosion.
Im Haushaltswarengeschäft in der Tagankastraße stürzen sich Kunden mit ungläubigen Gesichtern auf mehrere Heimwerker-Kreissägen, die dort nach Aussage eines älteren Mannes "mindestens seit zehn Jahren nicht mehr im Angebot waren" - und prallen mit ebenso fassungslosen Mienen zurück, wenn sie den Preis sehen: 85 000 Rubel, ein durchschnittliches Jahreseinkommen.
Oder im Möbelladen am Lenin-Prospekt: Die biedere Schrankwand "Zentr" aus heimischer Herstellung kostet 200 000 Rubel. Im angrenzenden "Valuta-Sektor", wo nur Devisen gelten, ist ein Couchtisch, von der Holz-und-Möbel-Handelsgesellschaft in Berlin zur Behaglichkeit der Neureichen nach Moskau geschafft, für 1998 Dollar feil, mehr als eine dreiviertel Million Rubel.
Und eine Einbauküche, die den weiten Weg aus dem Städtchen Wertheim am Main hinter sich hat, wäre von Iwan Normalverbraucher gegenwärtig nur durch fast 30jähriges Sparen des gesamten Lohns zu finanzieren.
Supermärkte westlicher Machart, betrieben mittels Joint-ventures westeuropäischer Partner, lassen die russische Devisenbesitzer-Klasse an Lüneburger Joghurt, Brüsseler Bier und Mailänder Schinken teilhaben. Im Parterre des Kaufhauses "Welt des Kindes" gegenüber der ehemaligen KGB-Zentrale haben sich Autoverkäufer eingemietet, die blitzende Westwagen offerieren. Gutbetuchte Russen blättern dafür schon mal zwischen 10 und 20 Millionen Rubel hin - bis zu 64 Jahresgehälter ihres Präsidenten Jelzin.
Die Moskauer Superreichen pflegen ihre Prestige-Oasen. Rotary-Klubs, Debütantinnenbälle mit zaristischem Pomp und ein Dutzend privater Spielhöllen sind en vogue. Ein Golfklub mit Landhäusern, Kasino, Fitneß-Center ist im Bau; die lebenslängliche Mitgliedschaft kostet 75 000 Dollar plus 84 500 Dollar Jahresmiete für eine Datsche. Der Niederlassungsleiter der All Nippon Airways protestierte öffentlich: "Das ist zuviel." Ein russischer Banker befand: "Nicht billig, aber erschwinglich."
Alte und neue Bourgeoisie arbeiten bei der Sicherung von Pfründen und Exklusivität Hand in Hand: Städtische Grundstücke und Gebäude werden obskuren Aktiengesellschaften "geschlossenen Typs" zugeschanzt. Mit deren Hilfe steigen die Verwalter von gestern diskret zu Eigentümern auf.
Westliche Firmenvertreter in der russischen Hauptstadt sprechen unter Freunden vom "korruptesten Regime", das sie in diesem Lande je erlebt hätten - und beobachten zugleich argwöhnisch, ob die Konkurrenz womöglich erfolgreicher schmiert.
Ein stellvertretender Gesundheitsminister mußte wegen seiner Version von einem Zubrot den Dienst quittieren; mit Kreditkarte, Landsitz und 500er Mercedes konnte er auf die kärglichen Beamtenbezüge leicht verzichten. Zwei Vize-Erziehungsminister wurden suspendiert, weil sie Schulräume an Privatfirmen vermietet hatten und die Einnahmen anschließend in dunklen Kanälen verschwunden waren.
"Ich verkaufe Genehmigungen, die ich eigentlich umsonst erteilen müßte", erzählt mit schiefem Lächeln, aber ohne Unrechtsbewußtsein ein Beamter der Wirtschaftsbehörde: "Um anständig leben zu können, müßte ich 80 000 Rubel im Monat verdienen - und nicht wie zur Zeit 8000."
Während jeder Bürger vom Säugling bis zum Greis mit einem "Privatisierungsscheck" in Höhe von 10 000 Rubel für seinen Anteil am Volksvermögen abgefunden wird, haben sich die an der Quelle bereits selbst bedient. Das Ministerium für elektrotechnische Geräte verschwand. An seiner Stelle erschienen Konzerne und Assoziationen mit so schönen Namen wie "Roselprom" oder "Elektroswetotechnika" auf dem angeblichen Markt, der jetzt eine Schatten-Staatswirtschaft ist.
Gemeinsam organisierten sie eine "Börse" im ehemaligen Ministeriumsgebäude, fünf Minuten vom Kreml entfernt, das die Ex-Ministerialen rasch noch für 9000 Rubel Jahresmiete - den Gegenwert eines Herrenanzugs - sich selbst überlassen hatten. Dort treiben sie nun, mit neuen Visitenkarten und "privatwirtschaftlichen" Gehältern, untereinander "Handel": der ehemalige Minister als Hausherr, sein Vize als Börsenpräsident, die vormaligen Abteilungsleiter als Makler der von ihnen verwalteten Betriebe.
Die US-Detektei Kroll Associates, die im Auftrag der Moskauer Regierung verschwundenen KPdSU-Geldern nachforschte (ergebnislos), fand statt dessen reichlich Dollar-Millionen, die russische Firmen illegal auf verschiedenen Westkonten bunkern. Bereits dreimal ging einschlägiges Beweismaterial auf dem Weg zum Staatsanwalt verloren.
"Geld stinkt nicht", urteilte mit dem Wort des römischen Kaisers Vespasian der Schriftsteller Alexander Kabakow voriges Jahr in einem Manifest "Ich liebe den Kapitalismus". Endlich müsse "Schluß sein mit der Gerechtigkeit - Freiheit soll herrschen". Es war keine Satire.
Seither haben die regierungsfrommen Medien wahre Feuerwerke für die Unternehmer-Freiheit abgebrannt: von Werbespots ("Werden Sie reich, machen Sie sich selbständig") über Quiz-Sendungen, in denen der talentierteste Jungmanager gesucht wird, bis zu regelmäßigen Kolumnen der Stars des schnellen Geldes ("Mein Gespür für Profite hat mich noch nie betrogen").
Die New York Times und Business Week erscheinen auf russisch, eine Moscow Times hält mit holländischer Beteiligung die ausländische Kolonie mobil und verspricht, "gemeinsam in Moskau Geschichte zu machen". Wer dafür 400 Dollar Gründungsspende aufbringen kann, darf auf "Zulassung zu feierlichen Abendessen mit Top-Russen" rechnen.
Doch die, ahnt ein deutscher Konzern-Repräsentant, "wissen gar nicht, was das ist: Marktwirtschaft. Sie betreiben die spielerische Nachahmung eines fremden Systems, dessen Früchte sie lieben, dessen Zwänge sie hassen". Eine alte russische Spruchweisheit sagt es kürzer: Was dem Deutschen guttut, ist des Russen Tod.
Der Moskauer Politologe Wiktor Scheinis beobachtete dabei "eine Art Imitation von Tätigkeit". Philosoph Oswald Spengler ("Der Untergang des Abendlandes") nannte dieselbe russische Neigung, sich Fremdes nur oberflächlich anzueignen, bereits zum Beginn des Jahrhunderts "Pseudomorphose": ein modisches Hantieren der russischen Eliten mit rationalen Zivilisations- und Verkehrsformen aus dem Westen, welche die mythisch geprägte nationale Mentalität in der Tiefe gar nicht erreichen.
Als Michail Gorbatschow vor Jahren im fernen Sibirien einen Arbeiter nach den Auswirkungen der Perestroika vor Ort befragte, hörte er, mit russischen Reformen sei das so wie mit dem Sturm in der Taiga: in den Wipfeln der Bäume großes Getöse, am Boden dagegen kein Hauch.
Während mit Krediten und Konsumanreizen, mit Weltbank und Währungsfonds, gutem Rat und schlechten Filmen der Westen versucht, den kranken Nachbarn auf Kapital-Kurs zu halten, bereiten sich Nachdenkliche in Jelzins neuem Rußland bereits auf die nächste Wendekurve vor: "Was für London richtig sein mag, kommt für Moskau zu früh", befand der Publizist Maxim Sokolow.
Der St. Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak, Spezialist für Stimmungsumschwünge, mag ebenfalls nicht länger "den Kapitalismus als bestes Modell" gelten lassen: Rufe nach einem dritten, dem russischen Sonderweg erheben sich nicht nur unter stramm antiamerikanischen Rechten.
Eine Gesellschaft nur aus "Dieben und Elenden" könne nicht lange Bestand haben, vermutet der Dokumentarfilmer Stanislaw Goworuchin. Sergej Rodionow, er steht der russischen Imperial-Bank vor, hat immerhin bemerkt, daß "sehr viele Schwindler und Scharlatane" das Geschäftsleben verunsichern. Kinderkrankheiten einer Gründerzeit, ein unvermeidliches Stück Wilder Osten in der Übergangsphase - oder eine drohende Katastrophe, die neue Gewalt weckt?
"Wenn die Profiteure an Rußlands Ausplünderung bestraft werden", trommelte ein Agitator der KP-Nachfolgeorganisation "Arbeitendes Moskau" zum 75. Revolutionsfeiertag, "füllen sie nicht mehr als drei Güterzüge nach Sibirien." _(* Am Gorki-Park am 29. November. )
Straßenhandel in Moskau: Riesige Märkte
fürs einfache Volk
Warenangebot im Gum-Kaufhaus, Reklametafeln in Moskau: "Unsere Ohnmacht kann nicht lange dauern"
Bankier Agapow Eine Pension für Gorbatschow . . .
. . . zum Dank für den Aufstieg zum Millionär: Bankier Tosunjan (M.)*
Bettler in Moskau: "Der Starke überlebt"
Kapitalismus-Kritiker in Moskau*: "Was dem Deutschen guttut, ist des Russen Tod"
[Grafiktext]
_156_ Beispiele für die galoppierende Inflation in Rußland
[GrafiktextEnde]
Das Leiden der Russen
sind mit dem Ende des Kommunismus nicht ausgestanden: Die Monopolpartei ist abgetreten, die Meinungsfreiheit zwar erobert, doch der Lebensstandard der breiten Massen ist dramatisch gesunken. Die Volkswirtschaft steht vor dem Zusammenbruch, das Reich ist zerrissen und von blutigen Konflikten bedroht. Verzweifelt ringen die Politiker um den rechten Kurs, widersetzen sich im Verwaltungsapparat alte Machthaber der neuen Marktwirtschaft, deren Regeln kaum jemand kennt.
In Momentaufnahmen der russischen Wirklichkeit zeigt der SPIEGEL, wie die Bürger leben und denken, wie die neuen Herren sie regieren und auf welche Widernisse das weltgeschichtliche Experiment stößt, ein neues gesellschaftliches System für 150 Millionen Menschen zu finden. Die Reihe der Berichte, die in lockerer Folge erscheinen, beginnt mit einer Sozialkritik an der neuen Oberschicht privater Unternehmer und wird mit einer Bilanz schließen, die eine Antwort auf die Frage sucht: Wohin treibt Rußland?

* Mit Geschäftsfreunden in der Bar eines Moskauer Hotels.
* Am Gorki-Park am 29. November.
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 50/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Das große Spiel der Bereicherung

  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Super-Sandburg in Thailand: Gib mir die Hand, ich bau dir...
  • Schluss mit Dampfen: San Francisco verbietet E-Zigaretten
  • Hitzewelle in Deutschland: "Ein Hitzschlag ist immer noch zu 40 bis 50 Prozent tödlich"