07.12.1992

„Kampf gegen die neue Barbarei“

Aloni, 63, ist Rechtsanwältin und für das Linksbündnis Merez Abgeordnete in der Knesset.
SPIEGEL: Nach den jüngsten Angriffen gegen Ausländer in Deutschland, Brandanschlägen auf Asylantenwohnheime und Verwüstungen von jüdischen Friedhöfen haben Sie Ihre Landsleute aufgefordert, Deutschland zu boykottieren. Was hat das für Konsequenzen?
ALONI: Ich habe keinen Boykott gefordert. Ich erwähnte die Möglichkeit unter der Voraussetzung, daß es weitere Ausschreitungen Deutscher gegen Ausländer gibt und die Bundesregierung nichts dagegen unternimmt. Ich glaube aber, daß sie - nach den weltweiten Reaktionen auf die Vorfälle - einen Anstoß bekommen hat, zu handeln.
SPIEGEL: Nach Ihrem Deutschland-Besuch vor einigen Wochen klangen Sie nicht so alarmiert.
ALONI: Ich denke, daß die Situation nicht so schlimm war wie jetzt, aber ich habe auch damals Stellung bezogen - zum Beispiel bei einer Protestkundgebung im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Ich habe es damals gesagt, und ich wiederhole es heute: Wir müssen unsere Stimme erheben, wo immer Menschenrechte verletzt werden.
SPIEGEL: Drei Knesset-Abgeordnete haben ihren geplanten Besuch in der Bundesrepublik erst einmal abgesagt. Ist das die richtige Reaktion?
ALONI: Ich bin für Kontakte. Wir brauchen Treffen von jungen Leuten an den Universitäten, den Dialog zwischen Intellektuellen: Wir müssen die Vergangenheit in Büchern und Bildern vermitteln und über die gegenwärtigen Probleme reden. Aber ich bin sehr zufrieden, daß die drei Abgeordneten des israelischen Parlaments, die Deutschland besuchen sollten, zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht reisen.
SPIEGEL: Was halten Sie von der Empfehlung israelischer Politiker, Jagd auf Neonazis zu machen oder Geheimdienstleute in die Bundesrepublik zu schicken?
ALONI: Das wäre sicherlich falsch. Es würde sich um eine Einmischung in innere Angelegenheiten handeln.
SPIEGEL: Hat Bonn zu spät auf die Angriffe der Neonazis reagiert?
ALONI: Ich meine, daß die Bundesregierung - obwohl sie das Recht hat, solche Gruppen zu verbieten und gegen sie vorzugehen - lange so reagierte, als handele es sich um ein nebensächliches Problem. Dadurch wurden diese Rechtsradikalen zunehmend extremer und mächtiger.
SPIEGEL: Stärker wird auch der Protest der Bevölkerung gegen den Ausländerhaß. Zeigen die Kundgebungen der letzten Zeit denn nicht, wo die Mehrheit der Deutschen steht?
ALONI: Ich freue mich über die Reaktion, aber sie kommt spät. Bei meinem Besuch in Deutschland habe ich festgestellt, daß gerade die Intellektuellen, die sich früher öffentlich engagierten, jetzt in ihren Häusern, Universitäten und hinter ihren Büchern verschanzt sind und nicht am Kampf gegen diese neue Barbarei teilnehmen.
SPIEGEL: Sehen Sie die Juden in Deutschland in Gefahr?
ALONI: Noch geht es in erster Linie nicht um Antisemitismus - die häufigsten Opfer der Neonazis sind Türken, Osteuropäer oder andere Fremde. Aber es ist bemerkenswert, daß die Rechtsradikalen eine antisemitische Rhetorik benutzen: Sie tun das, weil sie keine andere Sprache haben, um ihre Ausländerfeindlichkeit auszudrücken. Damit wird langfristig Antisemitismus geweckt, selbst wenn sich die Übergriffe zunächst nicht gegen Juden richten.
SPIEGEL: Raten Sie deutschen Juden, die Bundesrepublik zu verlassen?
ALONI: Jeder kann leben, wo er will, aber ich als Israeli, die im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hat, kann nicht verstehen, daß Juden jetzt, da es einen sicheren Platz für uns gibt, anderswo leben - zumal in Deutschland. Andererseits kann ich niemandem vorschreiben, was er zu tun hat. Ich bin nur verblüfft, daß Juden noch immer in Deutschland leben.
SPIEGEL: Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, glaubt, in der jetzigen Lage die Bundesrepublik zu verlassen hieße den Rechtsradikalen nachzugeben.
ALONI: Die Frage ist, ob die Juden Deutschland retten wollen oder sich selbst. Wenn sie sich als deutsche Bürger fühlen, dann sollten sie Schulter an Schulter mit allen aufrechten Deutschen stehen, um gegen den Neonazismus zu kämpfen. Wenn sie sich als Juden betrachten und da es einen eigenen souveränen Staat gibt, können sie hierher kommen: Die Tore stehen ihnen offen.
SPIEGEL: Sehen Sie Parallelen zur Weimarer Republik?
ALONI: Ich glaube nicht. In den dreißiger Jahren wußte man nicht, was folgen würde - Hitler und der Holocaust. Heute sind wir klüger. Und weil wir dies wissen, hoffe ich, daß sich die Geschichte nicht wiederholen wird. Aber damit sie sich nicht wiederholt, müssen wir handeln.

DER SPIEGEL 50/1992
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