07.12.1992

ChinaGerecht und unbesiegbar

In einer Geheimrede empfahl Staatschef Yang Aufrüstung und Konfrontationskurs gegenüber dem Westen - und mehr Spionage in Deutschland.
Sein Amt verdankt er einem Panzer-Massaker, aber auf dem Parteitag blies er die Schalmei: "Entwicklung braucht Frieden", Machtpolitik sei von Übel wie Expansion und Hegemonie und Abrüstung das Gebot der Stunde.
Doch seine Festrede vor fast 2000 Genossen und einigen hundert Millionen Fernsehzuschauern schloß Chinas Parteichef Jiang Zemin am 12. Oktober mit einer kämpferischen Attitüde: "Die gerechten Kräfte sind unbesiegbar."
Er kannte gewiß schon den Inhalt einer anderen Ansprache, die Chinas Staatschef und Oberbefehlshaber Yang Shangkun, 85, vor dem Generalstab der Armee gehalten hatte. Der Text, zwei Manuskriptseiten mit höchster Geheimhaltungsstufe, wurde Mitte Oktober allen Politbüromitgliedern zugeleitet.
Yang proklamierte den Kurswechsel zu einer aggressiven Hochrüstungspolitik, die ausdrücklich für das nächste Jahrzehnt militärische Konfrontationen mit Nachbarstaaten und sogar den USA nicht mehr ausschließt. Dazu soll zunächst viel mehr spioniert werden, besonders in Deutschland.
In seinem Referat empfahl der Betonkopf den Sicherheitskräften sorgfältigeres Auskundschaften, weil die USA dem Peking-Konkurrenten Taiwan 150 Kampfflugzeuge vom Typ F-16 verkaufen wollen. Da Frankreich noch 60 Mirage-2000 liefert, Deutschland und die Niederlande dem bösen Beispiel folgen könnten, soll ebendorthin das Zentrum der chinesischen Auslandsspionage verlegt werden.
Der Hardliner warnte vor der Gefahr eines Konflikts mit den USA: "Repressalien der Amerikaner werden wir entsprechend beantworten", heißt es im Geheimtext. Deshalb müsse die militärische Kraft Chinas gestärkt, der Rüstungshaushalt erhöht werden.
Yang, der im Frühjahr in den Ruhestand tritt, stand offenbar nicht allein. Er enthüllte, das ZK der KP Chinas habe "bereits beschlossen, einen Flugzeugträger zu kaufen", der in zehn Jahren einsatzfähig sein soll - es handelt sich um den halbfertigen Schiffskörper "Warjag" aus der Ukraine. Er führt seinen Namen nach dem Wikingerstamm der Waräger, welcher vor über tausend Jahren bis ans Schwarze Meer vordrang.
Aus Rußland kommen zunächst 24 Kampfflugzeuge des Modells SU-27 nach China; Russenpremier Jegor Gaidar empfahl sich vorige Woche der eigenen Rüstungsfraktion im Moskauer Volksdeputiertenkongreß mit der Zusage, Waffen im Wert von einer Milliarde Dollar an China zu verkaufen. Sein Vize-Verteidigungsminister Andrej Kokoschin hat in Peking einen Austausch zwischen den Generalstabsakademien vereinbart, auch die Schulung chinesischer Spezialisten am Militärinstitut von Krasnodar. Russische Rüstungswissenschaftler zieht es zuhauf nach China.
Die Entwicklung von chinesischen Mittelstreckenraketen soll laut Yang beschleunigt und eine Marineinfanterie aufgebaut werden, um schon vor 1997 einen Konflikt mit Vietnam um die Kontrolle des erdölreichen südchinesischen Meeres wagen zu können.
Chinas eigentliches Ziel sei aber, nicht nur eine Regional-, sondern eine Großmacht zu werden. Auch andere "feindliche Mächte in der internationalen Arena", stellte Yang in Aussicht, würden sich an China "verbrennen".
Nur Rußland wird nicht den Bataillonen der Gegner zugeordnet, sondern eher an Chinas Seite gesehen. Obwohl er in Moskau im August 1991 eine Konterrevolution wie in Peking verhindert hatte, gilt Präsident Boris Jelzin als Freund. Noch in diesem Jahr reist er in die Volksrepublik.

DER SPIEGEL 50/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

China:
Gerecht und unbesiegbar