07.12.1992

„Kleiner als ein Stück Dreck“

Mirza, ehemals Holzarbeiter, jetzt Flüchtling, sitzt auf einer Holzpalette im hinteren Eck der Baracke 7 des Flüchtlingslagers Resnik bei Zagreb und äußert einen merkwürdigen Wunsch. "Er möchte gern eine Frau sein", übersetzt unsere Dolmetscherin. "Er sagt, er will kein Mann mehr sein, lieber wäre er eine Frau."
Nach all dem, was uns die neun Frauen in dieser Baracke gerade erzählt haben, ist das tatsächlich sonderbar. Im bosnischen Kriegsgebiet Frau zu sein ist kein Schicksal, dem man sich gern anschließen möchte. Aber Mirza, ein ausgehungerter 60jähriger Mann mit Nickelbrille und einem grauen, müden Gesicht, kann seinen Wunsch begründen: Seit er in einem Lager war, sagt er, schämt er sich, ein Mann zu sein. Dort lag er im Schlafsaal der Männer, Nacht für Nacht, und erlebte mit, was andere Männer mit Frauen machten. Den Gefangenen war es verboten zu sprechen. Es war totenstill, und in dieser Stille hörte er, Nacht für Nacht, die Schreie der Frauen.
"Sie haben sich bevorzugt die 12jährigen, die 13jährigen Mädchen ausgesucht", _(* Im Flüchtlingslager Tuzla bei Zagreb. ) berichtet Semsa, 40, über das Lager Trnopolje. "Am nächsten Morgen haben sie sie zurückgebracht, sie haben sie einfach vor die Tür geworfen. Sie konnten kaum stehen, konnten nicht gehen. Wir haben versucht, sie zu trösten, aber sie konnten nicht sprechen."
Fahma, 38, war mit ihrer Tochter im Lager Trnopolje eingesperrt: _____" Ich wurde von der Lagerbaracke weggeschleppt und " _____" vergewaltigt und geschlagen, danach waren meine Beine " _____" ganz schwarz von den Schlägen. Die Soldaten waren sehr " _____" grob, sie haben uns verflucht. Am selben Tag haben sie " _____" viele Leute getötet, sie haben ihnen den Hals " _____" aufgeschlitzt, und die Menschen sind tot " _____" aufeinandergepurzelt, einer auf den anderen. Dann haben " _____" die Tschetniks meine Jasminka genommen, meine 14jährige. " _____" Ich stand mit Jasminka da, und ein Tschetnik kam, er war " _____" vollgehängt mit Waffen. Er hat meine Jasminka genommen. " _____" Er hat mich weggestoßen, und ich bin auf den Boden " _____" gefallen. Ich habe geschrien, bringt mich um, erschießt " _____" mich, aber trennt mich nicht von meinem Kind, wozu " _____" braucht ihr sie, sie ist ein Kind, sie ist nichts für " _____" Soldaten. Aber er hat sein Gewehr auf mich gerichtet und " _____" mich weggestoßen. Seine Freunde haben anfangs " _____" versucht, ihn davon abzuhalten, und sie haben gestritten. " _____" Doch dann haben sie sich alle daran beteiligt, sie haben " _____" meine Jasminka auf einen Lastwagen geworfen, und alle " _____" haben sie angefaßt, und danach sind sie mit ihr " _____" weggefahren. Die Soldaten sind später wiedergekommen, " _____" aber mein Kind haben sie nicht zurückgebracht, und ich " _____" weiß nicht, wo es ist. "
Geht es, wie Mirza angewidert meint, um das Wesen der Männer? Oder, vielleicht akkurater, um Männer mit Gewehren? Wenn Männer Waffen haben, stellt sich die Welt auf den Kopf, und das Bild, das wir uns hoffnungsvoll von der Zivilisation machen, verwandelt sich in einen Alptraum: Der Anblick von kleinen Kindern ruft keine Schutzinstinkte mehr hervor, sondern weckt die Idee, ihnen die Finger abzuschneiden und sie sich auf einer Schnur um den Hals zu hängen.
Ein alter Mann, der während der Vertreibung stolpert, bekommt keine Hilfe, sondern eine Kugel in den Kopf und sterbend noch einen Tritt in den Magen. Und der Geschlechtsverkehr, eigentlich der intimste Akt zwischen zwei Menschen, erzeugt nicht Nähe, sondern das Bedürfnis, die Frau anschließend in den Wald zu zerren und totzuschießen, nachdem man sie vorher mit Zigarettenstummeln verbrannt, ihr Kreuze in die Haut geritzt und sie mit 15 anderen Männern geteilt hat.
Macht korrumpiert, heißt es; und Gewalt über Waffen zu haben steigt Männern offenbar zu Kopf. In das Lager Trnopolje, erzählen die Frauen, haben die serbischen Soldaten stolz ihre Söhne mitgebracht. Auch Sechs- und Siebenjährige bekamen ein Gewehr umgehängt und durften hinter ihren Vätern einherstolzieren, kleine Sieger.
Die 31jährige Sabina beschreibt das allnächtliche Ritual der Machtausübung, mit Soldaten als Akteuren und Frauen als Requisiten: _____" Sie sind gekommen und haben uns aus den Zimmern " _____" geholt. Der schrecklichste Augenblick ist nicht einmal " _____" der, wenn sie das alles mit dir machen, sondern der " _____" schrecklichste Augenblick ist vorher, wenn sie ihre Waffe " _____" auf dich richten und sagen, daß du mitgehen mußt. Und du " _____" hast keine andere Wahl. Es war ihnen ganz bestimmt " _____" erlaubt, mit uns Frauen alles zu machen. Sie kamen nicht " _____" heimlich, sie traten sehr selbstsicher auf und waren " _____" laut. Sie sagten, ich bin ein Soldat, und du mußt mir " _____" gehorchen. Sie verwendeten ordinäre Worte. Sie waren sehr " _____" stolz, und sie hatten viele Waffen, und wir fühlten uns " _____" kleiner als ein Stück Dreck. "
Wenn Männer aber keine Gewehre haben, dann sind ihre Kinder und ihre Frauen denjenigen Männern ausgeliefert, die doch welche haben. Dieses primitivste Gesetz der Gattung Mensch glaubten wir hinter uns gelassen zu haben, aufgelöst in den eleganten Abstraktionen des ausklingenden 20. Jahrhunderts. Krieg? Dann höchstens ein High-Tech-Krieg mit intelligenten Raketen, die sich präzise dem militärischen Objekt ihrer Feindschaft nähern.
Der Balkan holt uns auf den Boden, in den Schlamm der Wahrheit zurück: daß es das, was es nie mehr geben sollte, ungehindert wieder gibt, daß die Stärkeren keine Gnade und die Schwächeren keine Freunde haben, daß nur gerettet wird, wer Erdöl hat, daß es auch 1992 wieder ein Pogrom geben kann, daß die Zivilisation insgesamt eine "dünne, eine sehr dünne Lackschicht" ist und die Menschheit "weder von den Fehlern anderer noch von den eigenen Fehlern zu lernen imstande ist" (Präsident Grosz, Israelitische Kultusgemeinde Wien). Daß Frauen letztlich nicht Bildung und Gleichberechtigung und eine Frauenbewegung brauchen, sondern Männer mit Gewehren, die sie vor anderen Männern beschützen.
"Wenn Europa den Frauen in Bosnien helfen will", schreit der Direktor der islamischen Hilfsorganisation "Merhamet", Faruk Redzepagic, uns an, "muß es ihren Männern Munition schicken." Dann sackt er in seinem Sessel zusammen und entschuldigt sich. Vor kurzer Zeit noch, sagt er, habe er ein ganz normales Leben geführt. Redzepagic war Mitglied der kroatischen Regierung. Er war Linker.
Jetzt arbeitet er für eine islamische Organisation, weil ein Freund ihn angefleht hat, seine Talente zur Verfügung zu stellen, hört jeden Tag Greuelgeschichten, verteilt Essen aus Deutschland und gespendete Kleider aus Österreich und schaut fassungslos zu, wie das 20. Jahrhundert vor seinen Augen zu Ende und zugrunde geht. Schaut zu, wie Menschen, die modern waren wie er, weltlich wie er, plötzlich einer religiösen Verfolgung ausgesetzt sind.
So ließen sich Tschetniks, bevor sie Hatizdas Mutter vergewaltigten, noch eine religiöse Demütigung einfallen. _____" Vier Soldaten sind in unser Haus eingedrungen und " _____" wollten mich ins Schlafzimmer zerren. Aber ein fünfter " _____" hat gesagt, daß ich ihn an seine Tochter erinnere und daß " _____" sie mich in Ruhe lassen sollen. Sie haben miteinander " _____" gestritten und herumgeschrien und sogar gedroht, ihn zu " _____" erschießen, aber er hat sich vor mich gestellt. Dann " _____" haben die anderen gesagt, gut, wenn wir die nicht haben " _____" können, dann nehmen wir eben ihre Mutter. Und meine " _____" Mutter wollte freiwillig mit ihnen gehen, an meiner " _____" Stelle. Aber dann haben sie ihr gesagt, daß sie zuerst " _____" beten muß. Ich habe noch gesehen, wie sie meine Mutter " _____" auf den Boden drückten und den Gewehrlauf gegen ihre " _____" Stirn hielten, damit sie sich auch ganz bestimmt nicht " _____" wehrt, und danach habe ich weggeschaut, ich konnte nicht " _____" zusehen. "
Dorf um Dorf, Stadt um Stadt, immer war der Ablauf derselbe: Sobald die serbischen Soldaten nahten, flohen die Männer. Frauen, Kinder und alte Leute hißten weiße Fahnen und blieben zurück in der Hoffnung, als unbewaffnete Zivilbevölkerung einen Sonderstatus zu genießen. Vereinzelt ging die naive Rechnung auf. Im allgemeinen aber ist, wer keine Waffen trägt, ganz besonders angreifbar.
Auf einem Stockbett im Zagreber Flüchtlingslager sitzt Dina. Stoisch hat sie von ihrer Verschleppung und den Vergewaltigungen erzählt, aber plötzlich bricht sie schluchzend zusammen. "Als die Soldaten kamen, sind alle Dorfbewohner davongelaufen. Die Soldaten haben ein paar kleinere Kinder eingefangen und uns zugerufen, daß wir sofort stehenbleiben sollen, daß sie sonst die Kinder erschießen. Die meisten von uns aber sind weitergelaufen. Wir haben sie nicht ernst genommen, denn wer erschießt schon ein kleines Kind? Aber sie haben sie erschossen, sie haben sie wirklich erschossen, die Kinder meiner Schwägerin, zehn, acht und drei Jahre alt." Danach, zu spät, sind die Frauen stehengeblieben.
Der Terror gegen die Kinder hat den Zweck, die Erwachsenen zu terrorisieren, aber die Kinder sind mehr als ein passives Instrument; sie hören, fühlen, fürchten sich, erinnern sich. "So Gott will, werdet ihr zwei bald tot sein", sagten die Soldaten zu Mirzetas Kindern, sechs Jahre und elf Monate alt. Danach wurden die Kinder von der Mutter getrennt und waren einen halben Tag mit den Soldaten allein, ehe sie der Großmutter ausgehändigt wurden. Was ist in dieser Zeit mit ihnen geschehen, in ihnen vorgegangen? Die Sechsjährige zittert auch zwei Monate später noch unaufhörlich und weint im Schlaf, kann aber nichts erzählen.
Asmiras dreijähriger Sohn wurde von Soldaten aus dem Konvoi gezerrt und als Spielzeug benutzt. "Sollen wir ihm den Hals aufschlitzen?" fragten sie und legten die Messerklinge an seinen Hals. "Oder erwürgen wir ihn lieber?" schlug ein anderer vor und wickelte die Kordel des kleinen Anoraks um seine Kehle. Am Schluß feuerten sie ihr Gewehr knapp über seinem Kopf ab. Hier, in der Moschee von Zagreb, klebt er an seiner Mutter und läßt nicht los, nicht einmal für eine einzige Sekunde. Wenn er einen Mann in Uniform sieht, fragt er: "Mama, wird der Onkel wieder auf mich schießen?"
Im Krieg werden Frauen vergewaltigt, "natürlich", immer. Und trotzdem ist es diesmal ein bißchen anders. Da ist zum Beispiel die Sache mit den schwangeren Vergewaltigungsopfern. Monatelang wartete ein engagiertes Team von Psychologen und Psychiatern im großen Zagreber Krankenhaus Nova Bolnica darauf, diese schwangeren Frauen zu betreuen. Denn welche Entscheidung sie auch treffen würden, Abtreibung in einem sehr vorangeschrittenen Stadium der Schwangerschaft oder Behalten des Kindes, der seelische Preis würde enorm sein. Das Team wartete vergeblich, bis die Meldung sie erreichte, daß die Serben die schwangeren Frauen nicht heimschicken, sondern bis zur Entbindung kasernieren wollten, um die Kinder zu behalten. Kann das wahr sein?
"Man hört die Geschichten, man glaubt sie nicht, und dann stellt man mal für mal fest, daß sie wahr waren." So beschreibt Rupert Neudeck von Cap Anamur seine Reaktion auf diese Meldungen. Endgültige Wahrheitsbeweise sind in solchen Situationen meist erst möglich, wenn alles vorüber ist, die noch lebenden Lagerinsassen befreit oder ihre gestapelten Leichen gefunden sind.
Für die Existenz eigener Lager mit schwangeren Frauen steht der Beweis noch aus. Gesichert ist hingegen, daß das serbische Militär die Vergewaltigungen in der Zivilbevölkerung und in den Lagern erlaubt, wenn nicht sogar fördert, und daß es darüber hinaus eigene Vergewaltigungslager gibt. _____" Sie haben uns in ein Zimmer gesperrt, Männer und " _____" Frauen gemeinsam, und jeder Soldat, der das wollte, " _____" konnte hereinkommen und die Männer schlagen und die " _____" Frauen vergewaltigen. Sie waren sehr ordinär und brutal. " _____" Einer Frau, die sich zunächst wehrte, haben sie die Zähne " _____" ausgeschlagen. Während die Soldaten die Frauen " _____" vergewaltigten, konnten unsere Männer nichts tun. Sie " _____" mußten sich dann immer an die Wand stellen, mit dem " _____" Gesicht zur Wand, und ihre Hände hinter dem Kopf " _____" verschränken, und sie durften keinen Laut von sich geben. " _____" Und die ganze Zeit über haben die Soldaten gesagt, daß " _____" sie uns am Schluß töten würden. "
Zu dem, was anders ist bei diesen Vergewaltigungen als Bestandteil der Kriegsführung, gehört auch die ungewöhnliche Publizität und Politisierung, die den Opfern in diesem Krieg endlich zukommen (so groß ist die öffentliche Erregung, daß neuerdings auch die Regierung in Belgrad behauptet, serbische Frauen seien von moslemischen Soldaten vergewaltigt worden).
Das hat zwei Ursachen: die europäische Frauenbewegung, die das Thema der sexuellen Gewalt bewußtgemacht hat, und die Zivilcourage der bosnischen Frauen, über das Geschehen zu sprechen. Was in allen Kriegen geschieht und alle von allen Kriegen wissen, wird diesmal zum erstenmal öffentlich diskutiert und angeklagt, nicht erst Jahrzehnte später. Daß der Diskurs alle Tücken unserer Epoche spiegelt, ist dabei wohl unausweichlich.
Das bosnische Innenministerium veröffentlicht Ziffern, die zwar erschrecken, gerade deshalb aber das Abstraktionsniveau so weit anheben, daß die Fähigkeit mitzufühlen versagt und sich statt dessen der innere Statistiker meldet und manchen auf gedankliche Nebengleise bringt: Statt herauszufinden, wie so etwas möglich ist, kommt die Frage auf, wie so etwas berechnet wurde.
Rund 60 000 Frauen, sagt das bosnische Innenministerium, seien vergewaltigt worden; mindestens 30 000 davon seien schwanger. Das werden eher Schätzungen als wissenschaftliche Hochrechnungen sein, aber schon Marcuse hat davor gewarnt, daß eine Gesellschaft, die solche Zahlenkolonnen braucht, bevor sie reagieren kann, für die Moral eigentlich schon verloren ist. Dazu kommen wohlmeinende populärethnologische Weisheiten darüber, was das alles "besonders für islamische Frauen" bedeutet. Die Grundthese: Für sie sei es aus kulturellen Gründen noch um Grade schrecklicher, weil ihre Familien damit nicht umgehen könnten und ihre Gemeinschaft sie verstoßen werde.
Schon die Tatsache, daß so viele Frauen so schnell den Mut finden, mit Journalisten über die erlebte Gewalt zu sprechen, widerlegt diese Annahme. Auch die Vorstellungen über die Reaktion von Angehörigen stimmen nicht. Der 33jährige Safet ist in tiefer Besorgnis um seine 17jährige Nichte. Die junge Frau wurde noch in ihrem Heimatort von Soldaten vergewaltigt, danach kam sie in das Lager Trnopolje, wo sie aufgrund ihrer Schönheit fast jede Nacht ausgesucht wurde.
Jetzt ist sie schwanger, konnte aber das umkreiste Travnik noch nicht verlassen, um in Zagreb die ersehnte Abtreibung zu bekommen. Die Vorstellung, ihre Familie könnte sich von ihr abwenden, findet Safet empörend. Es wissen doch alle, was mit ihr und unzähligen anderen Frauen geschehen ist. Außerdem waren auch bosnische Moslems vor dem Krieg schon ziemlich modern; es war zum Beispiel nicht mehr unbedingt _(* Mit bosnischen Flüchtlingen in einem ) _(Lager in Wien. ) notwendig, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Nein, das Problem seiner Nichte sieht er ausschließlich in der Frage, ob sie selber es jemals vergessen und eines Tages normal weiterleben kann.
Der Begriff der Schande spielt auffallend selten eine Rolle. Das Problem ist nicht, daß Frauen von ihren Familien verstoßen werden, sondern, daß viele Familien verzweifelt ihre verschleppten weiblichen Mitglieder suchen.
Isma sah ihre 16jährige Tochter zuletzt, als grölende Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren sie aus dem Flüchtlingskonvoi herauszerrten und mit ihr im Wald verschwanden. Seither, sagt sie, fühle sie sich "total vernichtet". Sie könne nicht mehr klar denken, ihre Gedanken drehten sich im Kreis.
Vor einiger Zeit gab es in einer kroatischen Zeitung einen Bericht über vergewaltigte Mädchen, illustriert mit Fotos. "Leute aus meinem Ort sind damit aufgeregt zu mir gerannt und haben gesagt, ist das nicht deine Tochter? Ich habe mich glücklich gefühlt und gleichzeitig verzweifelt. Ich freute mich, weil es ein Lebenszeichen von ihr war, und war verzweifelt, weil in der Zeitung all die grauenhaften Dinge beschrieben wurden, die meinem Kind angetan worden waren."
Mutmaßungen über die spezifische islamische Sensibilität der Vergewaltigungsopfer sollen im nichtislamischen Ausland die Anteilnahme erhöhen. Tatsächlich verfälschen sie die Wirklichkeit. Denn eine Haupteigenschaft der bosnischen Moslems ist nicht ihre fanatische Hingabe an eine fremde Religion, sondern die Tatsache, daß sie uns kulturell nahestehen, den westlichen Islam verkörpern. Sie sind in erster Linie Europäer. Bevor das alles geschah, lebten sie so modern wie wir; waren soviel oder sowenig fromm wie wir; waren "assimiliert" - so assimiliert, daß dieser Ausdruck ihnen nicht einmal in den Sinn gekommen wäre.
In all den Unterkünften, die sie auf ihrer Flucht gefunden haben, sitzen nicht fremdländische islamische Frauen mit Schleiern und Kopftüchern, sondern Frauen, die ohne jegliche Auffälligkeit im Straßenbild jeder deutschen Stadt untertauchen könnten. Sie waren zu Hause Hausfrauen und Briefträgerinnen, Fabrikarbeiterinnen, Lehrerinnen, Kosmetikerinnen. Sie sehen aus wie wir, sie formulieren wie wir: Sie haben sich sicher gefühlt wie wir - bis der Wahnsinn über sie hereinbrach.
Die 68jährige Dina hatte drei Söhne, drei Enkelsöhne, drei Neffen. Sie erzählt von dem Tag, an dem ihre neun Angehörigen vor ihren Augen niedergemetzelt wurden. "Aber wissen Sie", sagt sie dann, "welcher Gedanke mich am meisten verfolgt? Ständig muß ich daran denken, welche Angst ich um meinen jüngsten Enkelsohn hatte, als er den Führerschein machte und zum erstenmal mit dem Auto fuhr. Ich hatte solche Angst, daß er einen Autounfall haben könnte. Und nun ist er in einem Massaker gestorben."
Dina wundert sich, warum ihr Hirn sich an eine solche scheinbare Lappalie heftet, aber es ist keine Nebensächlichkeit. Es ist der Verlust des Bodens, auf dem alle Menschen stehen: die Annahme, daß man bei allen Unsicherheiten des Lebens auf ein Mindestmaß von Berechenbarkeit des Alltags zählen kann, daß Mitmenschen sich einigermaßen vorhersehbar benehmen werden.
Auch für die Vergewaltigungsopfer liegt der größte Schaden oft in diesem Verlust von Normalität; nicht ihre Ehre haben sie verloren, sondern ihr Vertrauen, daß die meisten Menschen sich relativ human verhalten werden.
Manche Frauen klammern sich, auf der desperaten Suche nach einem humanistischen Hoffnungsschimmer, an eine winzige Geste der Menschlichkeit, die ihre Peiniger zeigten. Zejna wurde von 30 Soldaten vergewaltigt, die in ihr Haus eindrangen und es in Brand setzten. Aber in Erinnerung ist ihr auch, daß einer der Soldaten, die sie in der Flammenhölle verbrennen lassen wollten, anders war: Er sorgte dafür, daß sie flüchten konnte.
* Im Flüchtlingslager Tuzla bei Zagreb. * Mit bosnischen Flüchtlingen in einem Lager in Wien.
Von Cheryl Benard und Edit Schlaffer

DER SPIEGEL 50/1992
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