07.12.1992

Land der Witwen

Die Militärs in Guatemala setzen im Auftrag der rassistischen Oberschicht den Terror gegen die Maya-Indianer fort. Ziel ist der Endsieg über die linke Guerilla. Friedensnobelpreisträgerin Menchu will zwischen den Parteien vermitteln.
Der Körper ganz am Rand, das ist mein Bruder Hipolito Hernandez", sagt die zierliche Indianerin leise. Ein Dolmetscher übersetzt ihre Worte aus der Maya-Sprache Quiche für den Untersuchungsrichter. Der fragt, woran sie ihn erkenne. "Es sind sein Hemd und seine Hose."
In einer Schlucht im Hochland von Guatemala identifizieren Indianerinnen ihre toten Verwandten. Zu ihren Füßen klafft eine Grube mit vier Skeletten. Kleidungsreste hängen an den Knochen, die Schädel sind zum Teil zertrümmert.
Hipolito Hernandez, so erzählt seine Schwester, verließ am Morgen des 20. März 1983 seine Hütte im Weiler Tunaja, um einzukaufen. Auf dem Weg in das Dorf nahm ihn eine Militärpatrouille fest. "Sie haben ihn wie einen Hund totgeprügelt", erzählt sie. "Dann haben sie ihn hier verscharrt."
In der Provinz Quiche liegen Guatemalas Killing Fields. Zehn Jahre nach dem versuchten Völkermord an einem Teil der Maya-Indianer gräbt das Land seine Toten aus. 13 geheime Friedhöfe haben die Campesinos allein in Tunaja ausgemacht. Etwa 250 sind es in der Provinz, mehrere tausend im ganzen Land.
Über 100 000 Menschen fielen in den vergangenen 30 Jahren der staatlichen Unterdrückung zum Opfer, die meisten in der Zeit der schlimmsten Repression Anfang der achtziger Jahre. Allein in Tunaja verschwanden so etwa hundert Menschen, darunter Kinder, Frauen und Alte. Vor allem metzelten die Soldaten jedoch junge Männer nieder, die sich der Zwangsrekrutierung widersetzten oder im Verdacht standen, mit der linken Guerilla zusammenzuarbeiten.
Die Provinz Quiche, eine fruchtbare Berglandschaft, ist heute ein Land der Witwen und Waisen. 11 000 Frauen repräsentiert allein die Witwenorganisation Conavigua. Sie führen die Anthropologen zu den Gräbern, in denen sie ihre Männer und Kinder vermuten.
Gerichtsmediziner aus den USA und Argentinien leiten die guatemaltekischen Teams an. Anhand der oft verstümmelten Skelette rekonstruieren sie die Greuel, die die Gemarterten vor ihrem Tod erleiden mußten. Wenn es gelingt, die Leichen zu identifizieren, dürfen die Angehörigen sie bestatten. Doch nur wenige erhalten Gewißheit.
Ein Trauerzug mit 22 blumengeschmückten Holzsärgen schiebt sich über die Landstraße von der Provinzhauptstadt Santa Cruz in das wenige Kilometer entfernte Dorf Lemoa. "Wir fordern Gerechtigkeit für die Opfer der Repression", steht auf einem Transparent, das die Campesinos vor sich hertragen. Darunter sind die Namen von 26 Menschen verzeichnet, die 1980 und 1981 von bewaffneten Zivilpatrouillen erschossen oder mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt wurden.
Die Mörder sind im Dorf bekannt. Sie drohen jetzt den Überlebenden mit Rache, sollten sie zur Rechenschaft gezogen werden. "Sie wollen verhindern, daß noch mehr Gräber geöffnet werden", sagt Aldela Tujal von der indianischen Selbsthilfeorganisation Grupo de apoyo mutuo (Gam) und spricht dabei aus eigener Erfahrung: Soldaten haben ihren Mann, ihre Schwiegereltern und einen Cousin umgebracht. Die Leichen wurden jedoch nie gefunden. Aldela vermutet sie in einem geheimen Massengrab.
Die Landarbeiterin beschreibt den lebensgefährlichen Alltag einer indianischen Hilfsorganisation in Guatemala. Der letzte Bombenanschlag gegen das Büro der Gam in Guatemala-Stadt fand am 12. Oktober statt, dem Gedenktag der Eroberung Amerikas durch die Spanier vor 500 Jahren. "Der Nobelpreis für Rigoberta Menchu wird uns helfen", sagt sie deshalb hoffnungsvoll. Es ist schließlich das erstemal, daß eine Indianerin so geehrt wird.
Die Herrschenden allerdings machen kein Hehl aus ihrer Verachtung für die Indianerführerin, die an diesem Donnerstag in Oslo den Friedensnobelpreis überreicht erhält. Die Ladinos, wie die Mestizen in Guatemala genannt werden, zügelten ihren Rassismus kaum, als sie von der Auszeichnung erfuhren. Für sie sind die Ureinwohner - 65 Prozent der neun Millionen Guatemalteken - kaum mehr als Tiere, die mit ihren farbenfrohen Trachten allenfalls Touristen anlocken und billig Hausarbeit verrichten.
Staatspräsident Jorge Serrano ElIas bereitete Rigoberta Menchu denn auch bei ihrem Kurzbesuch in der Hauptstadt einen kühlen Empfang. Für die Oberschicht Guatemalas ist die "panzona", das "dicke Indioweib", eine Kommunistin und Guerrillera. Nur mit Glück entkam sie 1981 den Schergen der Militärdiktatur nach Mexiko.
Der Friedensnobelpreis für Rigoberta Menchu wirft ein Schlaglicht auf das letzte Schlachtfeld in Mittelamerika. Während die Nachbarstaaten Nicaragua und El Salvador mühsam den Frieden gestalten, herrscht in Guatemala weiterhin Bürgerkrieg. "Die Guerilla hat die Menschenrechtsorganisationen unterwandert und manipuliert die internationalen Massenmedien", behauptet Hauptmann Julio Yon, Sprecher der Streitkräfte.
Seit mehr als einem Jahr ringen die Regierung und die Widerstandskämpfer von der URNG erfolglos in Mexiko um ein Friedensabkommen. Gerade haben sich die Verhandlungen wieder festgefahren: Bevor sie ihre Waffen niederlegen, so fordern die Guerrilleros, soll eine "Wahrheitskommission" unter Aufsicht der Vereinten Nationen die Menschenrechtsverletzungen der Kriegsjahre untersuchen.
Das Militär dagegen will die Kommission erst arbeiten lassen, nachdem die Guerilla das Friedensabkommen unterzeichnet hat. "Laßt uns einen Schlußstrich ziehen und nach vorn blicken", sagt Hauptmann Yon. Kein Wunder, schließlich stehen die meisten Verantwortlichen für die Massaker an der Indianerbevölkerung immer noch im Dienst des Staates. Vor allem im sogenannten Dreieck von Ixil zittern die Mayas weiterhin vor den Streitkräften und den bewaffneten Zivilpatrouillen.
Keine andere Region Guatemalas hat unter den Vernichtungsfeldzügen gegen die Indianer dermaßen gelitten. In der Todeszone zwischen den Dörfern Nebaj, Chajul und Cotzal "verschwanden" Anfang der achtziger Jahre 10 000 bis 15 000 Menschen. Hier praktizierte die Militärregierung des Generals Lucas GarcIa ihre Strategie der verbrannten Erde.
Um die Guerilla auszutrocknen, ließen die Militärs unzählige Dörfer zerstören. Die Soldaten mordeten wahllos, verschonten auch Frauen und Kinder nicht.
Als die katholische Kirche aus Protest gegen den Terror ihre Priester aus der Region abzog, verwandelten die Militärs einige der leerstehenden Kirchen in Folterzentren. Um die Campesinos abzuschrecken, marterten und töteten sie ihre Gefangenen oft vor den Augen der Familienangehörigen. Auch Rigoberta Menchus jüngerer Bruder starb so im Todesdreieck.
Der Diktator General EfraIn RIos Montt, der 1982 gegen das Regime Lucas GarcIas geputscht hatte, führte im Ixil-Dreieck schließlich eine in Lateinamerika bis dahin unbekannte Variante der militärischen Kontrolle ein. Er ließ befestigte "Modelldörfer" errichten und bewaffnete Zivilpatrouillen aufstellen - angeblich, um die Campesinos zu schützen. Tausende von Indianern, die zumeist verstreut in den Bergen wohnten, wurden gezwungen, in die neugeschaffenen Dörfer zu ziehen.
Erst seit etwa zwei Jahren ist im Dreieck von Ixil relative Ruhe eingekehrt. Rund 84 000 vertriebene und entwurzelte Indianer suchen hier Land und Arbeit. Die Vereinten Nationen betreuen ihre Wiederansiedlung. Aber noch immer verschwinden unliebsame Campesinos, werden Jugendliche zwangsrekrutiert, gibt es Folter und Mord.
Rund 25 000 Flüchtlinge leben weiterhin in unzugänglichen "Widerstandsdörfern" in der Sierra und im Dschungel des Peten, um nicht in die Modellsiedlungen der Regierung gepreßt zu werden. Das Militär hat ihre Dörfer umstellt und läßt sie gelegentlich bombardieren, weil sie angeblich der Guerilla Unterschlupf bieten. Doch diese Anschuldigungen dienen der Regierung nur als Vorwand für brutale Übergriffe. Uno-Vertreter haben sich längst davon überzeugt, daß die Bewohner nichts weiter wünschen als Frieden und Abzug des Militärs.
Ohnehin schätzen sogar Offiziere die Zahl der Guerrilleros auf maximal tausend. Nie erlangte die URNG die Stärke der Sandinisten in Nicaragua oder der FMLN in El Salvador.
Jahrhundertelange Unterdrückung hat die Indianer außerdem gelehrt, daß Anpassung die beste Überlebenstaktik ist. Mayas leiden und schweigen - Rigoberta Menchu hat diese scheinbar ewig geltende Regel gebrochen. Bei den Friedensverhandlungen in Mexiko will sie vermitteln. Doch es ist nicht sicher, ob das Militär die verhaßte Indianerführerin bei den Gesprächen akzeptiert.
Im kommenden Jahr, so hat Rigoberta Menchu angedeutet, würde sie gern ihr Exil verlassen und wieder in ihrer Heimat leben. Noch stehen die Zeichen für die Rückkehr nicht gut: Unmittelbar nach ihrem Kurzbesuch in Guatemala im Oktober überfielen Unbekannte zwei Indio-Mädchen, weil sie an einer Feier zu Ehren der Friedensnobelpreisträgerin teilgenommen hatten.
[Grafiktext]
_194_ Guatemala: Quiché: Gebiete der Widerstandsdörfer
_____ Guatemala: Quiché und Petén
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 50/1992
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