21.09.1992

BankenBraune Flecken

Die Deutsche Bank verkaufte Hitlers angebliche Schreibmaschine. Das ist ihr nun peinlich.
Die Nummer 5217 galt unter Spekulanten als prachtvollstes Stück der Auktion, es handelte sich, so versicherte der Katalog, um die Schreibmaschine von Adolf Hitler.
Wenigstens 75 000 Mark sollte die Versteigerung einbringen, hoffte der Auktionator, vielleicht eine halbe Million. Doch zunächst wollte niemand des Führers Schreibgerät kaufen.
Der Anbieter ging leer aus, sein Name blieb streng geheim. Es war die Deutsche Bank.
Die Zurückhaltung des feinen Geldhauses ist verständlich. Die Bank will nicht in die Nähe obskurer Pfandleiher und Händler von Nazi-Devotionalien gerückt werden.
Fraglich ist zudem, ob die Hitler-Maschine überhaupt echt ist - und ob sie wirklich der Bank gehört. Kunsthändler wollen die Deutsche Bank auf Schadensersatz verklagen.
Der Zank geht um eine amerikanische Reiseschreibmaschine vom Typ "Remington Portable". Auf dem Apparat habe Hitler, behauptet das Münchner Auktionshaus Hermann Historica, während seiner Festungshaft 1924 in Landsberg "persönlich" das Buch "Mein Kampf" geschrieben.
Nach der vorzeitigen Freilassung habe der Führer, so die Katalog-Legende des Auktionshauses, die Remington 1925 seinem mitgefangenen Leibwächter und Duzfreund Emil Maurice vermacht. Das Präsent war ein "Andenken an die gemeinsame Festungshaft", wie dieser 1954 "eidesstattlich" erklärte.
Von Maurice gelangte die Schreibmaschine auf verschlungenen Wegen in den Tresor der Deutschen Bank. Zunächst kaufte sie das Offenbacher Kunsthaus Mars & Merkur 1987 für rund 125 000 Mark aus dem Nachlaß des Führer-Kumpans. Ein Anteil von 50 Prozent wurde an den Geschäftspartner Klaus Thies in Nürtingen abgetreten.
Die beiden wollten die Nazi-Maschine mit Gewinn verkaufen; doch die Spekulation ging schief.
Der schwäbische Antikhändler hatte sein expandierendes Geschäft überwiegend mit gepumptem Geld finanziert. Und das kam von der Deutschen Bank. Als Thies 1990 klamm wurde, sagt ein _(* 1924 auf der Festung Landsberg. ) Banksprecher, habe ihn das Institut "exekutiert".
Die Bank habe "einen großen Teil des Warenlagers ausgeräumt", klagt der Händler. Darunter waren neben der Schreibmaschine etliche Orden sowie eine silberne Kassette, die dem Führer von der Deutschen Kraftfahrzeugindustrie "in tiefer Dankbarkeit" zum 50. Geburtstag überreicht worden war.
Die Bank griff zu, und keiner weiß so recht, warum. Das Pfandleihgeschäft, versichert das Frankfurter Geldhaus glaubhaft, zähle eigentlich nicht zum Geschäftszweck.
Der Handel mit Hitler-Devotionalien paßt zudem schlecht zum Image der Bank - und zu deren Bemühen, die braunen Flecken in der eigenen Geschichte zu übersehen. Im Dritten Reich verdiente die Deutsche Bank an der Arisierung jüdischen Eigentums und an den Raubzügen der Nazis in den besetzten Staaten.
So ist der Handel mit Hitlers angeblicher Schreibmaschine der Bank ein wenig peinlich, und er könnte auch noch teuer werden. Das Kunsthaus Mars & Merkur pocht auf seine Eigentumsrechte und möchte die Deutsche Bank "haftbar" machen. Die Bank-Justitiare halten verbissen dagegen, ihr Institut habe "gutgläubig Eigentum an dieser Schreibmaschine erworben".
Händler Thies plant ebenfalls "rechtliche Schritte". Denn die Bank hat ihre Hitler-Maschine inzwischen diskret an einen Texaner für 55 000 Mark verkauft. Das seltene Stück wurde geradezu "verschleudert", sagt Thies, eigentlich sei es das Zehnfache wert.
Und so wird es möglicherweise Prozesse geben; vielleicht wird sich gar noch herausstellen, daß die Deutsche Bank einer Fälschung aufgesessen ist.
Das Schriftbild der Schreibmaschine nämlich paßt nicht so recht zu Hitlers Entwürfen. Schließlich hat der Führer sein Manuskript keineswegs selbst getippt, sagen Historiker, sondern dessen Kampfgefährte und Knastsekretär Rudolf Heß.
"Das ist doch ein Witz", meint Tagebuchfälscher Konrad Kujau, der die Gedanken des Führers so überzeugend nachempfinden konnte. "Die richtige Hitler-Maschine", so Kujau, "habe doch ich."
* 1924 auf der Festung Landsberg.

DER SPIEGEL 39/1992
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