07.12.1992

„Die größte Mitgift seit Kleopatra“

Wenn es irgendwo auf der Welt nach Geld riecht, dann nachts in dieser Stadt mit ihren hellerleuchteten Wolkenkratzern. Den funkelnden Limousinen entsteigen Männer im Smoking und Frauen in bizarren Abendkleidern. Sie steuern auf die Marmortreppen der edlen Hotels zu. Es ist Freitagnacht und die Zeit der Wohltätigkeitsgalas. Die Lichter von mehreren hundert Booten flimmern über dem Wasser des "duftenden Hafens" - Hongkong.
Im 13. Stock des finsteren alten Gebäudes der Bank of China, die jahrzehntelang als unerschütterliche Bastion des Kommunismus galt, weil nur hier in der britischen Kolonie die rote Flagge gehißt wurde, lassen sich ausgewanderte Geschäftsleute und chinesische Funktionäre zum Dinner nieder. Die Kellner im neuen, von eleganter Dekadenz geprägten China Club tragen Mao-Anzüge.
Ein örtlicher Unternehmer hat den oberen Teil des Gebäudes von den Pekinger Behörden gemietet und im Stil des vorkommunistischen Schanghai eingerichtet. Die dreißiger Jahre werden beschworen, und zwischen Porträts des Großen Vorsitzenden Mao hängen Bilder nackter Frauen; einen Stock höher stehen für Klubmitglieder Separees mit rotem Teppich, bequemen Sofas und Badezimmer zur Verfügung - für "mittägliche Privatspiele", wie es heißt.
"Drei Dinge beherrschen jetzt diese Stadt", sagt ein junger Hongkong-Chinese, der mit dicker Zigarre in einem Ledersessel der Klubbibliothek lümmelt: "Geld, Geld und noch mal Geld." Der Großteil des Geldes, das nach Hongkong fließt, ist "made in China".
Durch die Reformen Deng Xiaopings, die Öffnung Chinas für ausländische Investoren und die Schaffung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen ist die britische Kolonie Hongkong das wichtigste Tor zur chinesischen Festung geworden. Hongkong ist die Ausstellungshalle der chinesischen Wirtschaft und Geburtstätte einer Zunft junger Millionäre - Hongkong-Chinesen, die vor zehn Jahren begonnen haben, ihre Fabriken jenseits der Grenze zu bauen.
Dort sind die Löhne niedrig und die Profite hoch. Viele haben in Immobilien investiert und mit bis zu 5000 Prozent Gewinn wieder verkauft. Ihr Geld ist nun überall in Hongkong, in den Klubs, Hotels und auf den Straßen. Es gibt 300 Ferraris hier und pro Kopf der Bevölkerung gerechnet mehr Mercedes-Limousinen als in Deutschland. Die neuen Wolkenkratzer von Hongkong sehen aus wie Kopien derer im alten Schanghai. "Die Menschen hier haben ein Schanghai-Syndrom", sagt ein Europäer, "alles soll so werden, wie es dort war, bevor die Kommunisten kamen."
Nach Hongkong wollen die chinesischen Kommunisten 1997 kommen. Wenn dann am 30. Juni um Mitternacht die britische Flagge in der letzten Kronkolonie eingezogen wird, gerät das Gebiet mit seinen sechs Millionen Menschen unter die Obhut Pekings.
"Wir sollten die Zeit nutzen, um den Grundstein für ein demokratisches Hongkong zu legen", sagt Christine Loh, 36, leitende Angestellte einer Handelsfirma und eine der radikalsten Vordenkerinnen in der Kronkolonie. Sie spricht damit dem mächtigsten Mann von Hongkong aus der Seele, der seit kurzem in einer Prachtvilla mit tropischem Garten und 56 Mann Personal lebt. Er verdient vergleichsweise bescheidene 22 000 Hongkong-Dollar monatlich, verfügt dafür aber über einen weiß livrierten Chauffeur. Chris Patten, 48, ist der letzte britische Gouverneur von Hongkong.
Die Queen hat ihn als Statthalter des britischen Empire nach Hongkong geschickt. Doch überraschenderweise hat Patten sich nun den Interessen jener Leute verschrieben, die keine Galas besuchen, kein Geld in China machen und die in winzigen, von der Regierung geförderten Wohnungen zu Hause sind: der Mehrheit der Hongkong-Chinesen. Er spricht vom Wahlrecht für alle und davon, eine breite demokratische Basis zu schaffen, ehe England die Kolonie an China zurückgibt.
"Der Mann ist verrückt", heißt es in der Geschäftswelt von Hongkong. Hier ist die Furcht groß, Demokratie könne höhere Produktionskosten bedeuten und das Ende der Konkurrenzfähigkeit. Ein System, das 150 Jahre lang funktioniert habe, sagen die Broker und Business-Leute, müsse nicht verändert werden.
Mitte des 19. Jahrhunderts fiel Hongkong als Beute aus den Opiumkriegen an die britische Krone. Seither galt es allen Herrschern in Peking als Symbol chinesischer Schwäche und schmerzlicher Erinnerung an die Demütigung durch die "Barbaren". Als Margaret Thatcher 1982 die Rückgabe zusagte und zwei Jahre später mit Pekings damaligem Premier Zhao Ziyang ein gemeinsames Abkommen unterzeichnete, feierte die kommunistische Führung Chinas dies als gewaltigen historischen Sieg.
Die Vereinbarung sieht vor, daß Hongkong 1997 als halbautonomes Verwaltungsgebiet ein Teil Chinas wird. Die Geschicke der Region sollen weiter in den Händen der Bewohner von Hongkong liegen, und das kapitalistische System bleibt auf weitere 50 Jahre festgeschrieben. Über allem steht die Formel Deng Xiaopings: "Ein Land, zwei Systeme."
"Wir sind nie gefragt worden, ob wir ein Teil von China werden wollen", sagt Emily Lau, eines der wenigen direkt gewählten Mitglieder im Mini-Parlament von Hongkong. "Von Anfang an wurde uns das Recht auf Selbstbestimmung verweigert. Wir müssen jetzt darum kämpfen, sonst ist es zu spät."
Bis vor kurzem wären solche Forderungen in Peking wie in London zurückgewiesen worden. Beide Seiten hatten sich schweigend über den Kurs in Sachen Hongkong verständigt: Die Briten ließen keine politische Aktivitäten zu, die China hätten schaden können, und Peking mischte sich nicht ein. Selbst auf dem Gipfel der Kulturrevolution sperrten die Chinesen nicht die Wasserleitungen, die Hongkong am Leben halten.
Seit Chris Pattens Ankunft ist alles anders geworden. Er ist weder Diplomat noch des Chinesischen kundig, ein Bruch mit der Tradition Londons. Patten ist ein zäher Politiker, Ex-Vorsitzender der Konservativen und Regisseur beim jüngsten Wahlsieg von John Major. Von der ersten Sekunde an hat er dem stereotyp formulierten Gouverneursauftrag vom "Erhalt der Stabilität und des Wohlstands in Hongkong" ein Wort hinzugefügt: Freiheit.
Im schlichten Anzug statt in Kolonialuniform mit Federhut leistete Patten seinen Eid. Er geht auch auf die Straße, schüttelt Hände, küßt Babys und fährt zur Rush-hour U-Bahn. Er amüsiert sich über die langweiligen Konferenzen mit den Chinesen und kontert launig ihren Vorwurf, die Briten verschwendeten das Geld der Kolonie: 1997, so Patten, erwarte China die "die größte Mitgift, die die Welt seit Kleopatra" gesehen habe.
Die prokommunistische chinesische Presse hat sich auf den Gouverneur eingeschossen. Sie nennt ihn kindisch, unverantwortlich, einen Lügner und Clown oder schlicht den Fetten.
Und die Regierung in Peking erklärte Anfang vergangener Woche alle von Hongkong unterzeichneten Verträge und Abkommen für ungültig, sofern sie nicht mit China abgestimmt seien.
Die Börsenkurse stürzten ab, und die Geschäftsleute in der Kronkolonie zittern. Einige haben Patten zu mehr Zurückhaltung aufgefordert. Der will weitergehen auf seinem Weg zu mehr Demokratie, doch er fühlt sich allein gelassen: "Es ist, als ob du Tennis spielst und auf der anderen Seite des Netzes ist keiner", sagt er. "Du spielst nicht Tennis, sondern Golf", erwidern die Chinesen, "und du hast deinen Ball in die Büsche geschlagen."
Die Verstimmung zwischen London und Peking platzt in eine Phase relativ reibungslosen Macht- und Eigentumswechsels in der Kolonie. Längst hat Peking eine Art fünfte Kolonne in die Politik und das Wirtschaftsleben Hongkongs eingeschleust, während sich die Briten zurückziehen. Die Regierung verkauft nach und nach ihre Immobilien, Unternehmer verlegen ihren Firmensitz. Nur noch 12 000 britische Bürger sind geblieben. Von den Zwei-Dollar-Münzen ist das Bild der Queen verschwunden.
"Die Briten zählen hier nicht mehr. Hongkong gehört längst den Chinesen", sagt Shaw Sin-ming, Chef einer Firma, die ausschließlich in China investiert. "Peking wird dafür sorgen, daß die Wirtschaft hier auf keinen Fall leidet. Es geht nicht nur um die Zukunft dieses winzigen Gebiets, sondern um die Zukunft von China selbst."
Wie viele andere ist er davon überzeugt, daß Chinas außergewöhnlicher Wirtschaftsboom weitgehend vom freien Zugang zu den kapitalistischen Märkten außerhalb des Landes abhängt - von Hongkong, Taiwan und Südkorea. China braucht den Hafen von Hongkong, seine Telefonverbindungen und Banken. 40 Prozent des Exports geht durch die Kolonie, und 35 Prozent der Devisen werden hier erwirtschaftet. Ein Bruch mit Hongkong würde in China zu Aufständen führen.
Schon ist die Rede von einem künftigen Groß-Hongkong, einem Gebiet mit 70 Millionen Einwohnern, das Teile der Provinz Guangdong einschließen würde. Andere sprechen davon, die ökonomische Einflußzone werde bis zum Jangtse-Fluß reichen und so den Lebensraum von 350 Millionen Menschen umschließen.
Täglich treffen offizielle und inoffizielle Delegationen aus China ein, Bürgermeister und Parteifunktionäre mit Projekten, Finanzierungswünschen und Angeboten für Joint-ventures. Eine 2500 Kilometer lange Autobahn von Peking nach Hongkong soll gebaut, das Telefonnetz im Reich der Mitte erneuert werden. Drei Millionen Chinesen arbeiten bereits für Unternehmer aus Hongkong. Ihre Zahl steigt.
Ihre Stundenlöhne betragen ein Zehntel des Niveaus in der angrenzenden Kronkolonie. Weil Grund und Boden billig sind, wohnen bereits an die 10 000 Familien aus Hongkong in China. Alles wäre bestens, wenn nun nicht ausgerechnet die Briten begonnen hätten, kurz vor dem Rückzug mit ihrer Forderung nach mehr Demokratie Unfrieden zu stiften, klagen die Nutznießer der ungleichen Nachbarschaft am Südchinesischen Meer.
"Wir brauchen mehr Demokratie, um uns vor Machtmißbrauch und Korruption zu schützen, wie sie jenseits der Grenze herrschen und von den Chinesen auch nach Hongkong getragen werden", hält die Demokratie-Befürworterin Christine Loh dagegen. Die Menschen in der Kolonie beklagen, chinesische Kriminelle passierten problemlos die Grenze und verschwänden dann wieder mit ihrer Beute. Die chinesische Polizei stecke häufig mit den Schmugglern unter einer Decke.
Die Gefechtslinien für den diplomatischen Kleinkrieg der nächsten viereinhalb Jahre sind gezogen. Auf der Seite der Demokratie wird der britische Gouverneur stehen, unterstützt von ein paar jungen, lautstarken Geschäftsleuten und den Massen des einfachen Volks von Hongkong. Doch je mehr Zeit vergeht, desto weniger werden sie es wagen, sich gegen Peking zu erheben.
Auf der antidemokratischen Seite werden sich neben den Chinesen aus dem Mutterland die reichen Hongkonger Tycoons und Unternehmer schlagen, die handfeste Interessen in China zu verteidigen haben. Ihnen zur Seite steht eine exklusive Truppe prominenter Hongkong-Chinesen, die jahrelang den Kolonialherren gedient haben und ihnen Reichtum und Ruhm verdanken. Sie sind inzwischen die unterwürfigsten Sprachrohre Pekings geworden.
Im Konflikt zwischen Gouverneur Patten und den Herrschern in Peking sind zwei Auswege möglich. Entweder der Verfassungsrat der Kolonie verweigert den Vorschlägen des königlichen Statthalters seine Zustimmung, oder das Politbüro in Peking wechselt den Kurs und lenkt ein.
Gordon Wu jedenfalls, der Mann, der das Mammutprojekt einer sechsspurigen Autobahn von Hongkong nach Kanton plant, sieht dem Tag der kommunistischen Machtübernahme gelassen entgegen. Was wohl nach 1997 kommen werde, ist Wu gefragt worden. "1998", hat er erwidert.
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 50/1992
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