07.12.1992

„Wer, zur Hölle, bin ich?“

SPIEGEL: Mr. McEnroe, werden Sie jetzt unwiderruflich zum Tennisrentner?
McENROE: Sagen wir es so: Ich ziehe mich zurück. Mit dem Begriff Rücktritt wird von Sportlern zu leichtfertig umgegangen. Die treten zurück, und dann melden sie sich aus dem Ruhestand zurück. Falls ich aus irgendeinem Grunde einmal wieder spielen sollte, möchte ich nicht hören: Aha, auch einen McEnroe kann man mit Geld umdrehen.
SPIEGEL: Wie groß ist denn die Versuchung?
McENROE: Die Leute im Tennisbusiness werfen dir ''nen Haufen Dollar an den Kopf und prüfen, ab wann du käuflich bist. Ich will aber mein Leben nicht durch Geld diktieren lassen.
SPIEGEL: Warum treten Sie dann beim Münchner Grand Slam Cup um sechs Millionen Dollar Preisgeld an?
McENROE: Das sind für mich obszöne Zahlen. Deshalb werde ich mein Geld einer wohltätigen Organisation, die etwas bewegt, stiften. Ich habe mich noch nicht entschieden, wer das Geld erhält. Sicher ist jedoch: einer nicht - John McEnroe. Und wenn auch nur einer glaubt, daß ich damit etwas Gutes tue, bin ich zufrieden.
SPIEGEL: Wie weit geht denn Ihr Rückzug? Muß sich Michael Stich einen anderen Doppelpartner suchen?
McENROE: Hundertprozentig entschieden ist nichts, aber ich weiß, daß es jetzt dem Ende zugeht. Ich möchte so in Form bleiben, daß ich noch ein oder zwei Jahre Showturniere spielen kann - auch gegen Top-Spieler wie Boris Becker oder Michael Stich. Doch in Wimbledon, Paris sowie bei den US Open werde ich als Kommentator arbeiten.
SPIEGEL: Sie möchten nicht wie Jimmy Connors enden: 40 Jahre alt und notfalls bereit, von Schwächeanfällen geschüttelt den Platz zu verlassen?
McENROE: Die Frage ist, ob man sich damit abfinden kann, jede Woche zu _(* Mit Redakteur Helmut Sorge in Paris. ) verlieren und in den Ranglisten in die Unendlichkeit abzurutschen. Wenn''s ihm Spaß macht, ist das seine Sache.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt: "Ich muß das Gefühl haben, daß ich alle schlagen kann. Wenn ich das nicht mehr kann, höre ich auf." Der Tag ist gekommen, oder?
McENROE: Genau. Ich habe seit Februar kein Turnier gewonnen. Einige Male war ich ganz dicht dran, aber ich habe meine Chance nicht nutzen können. Im Tiefsten meiner Seele habe ich offenbar nicht mehr dieselbe Motivation wie früher.
SPIEGEL: Kapitulieren Sie nicht auch davor, daß Profis wie Jim Courier, Andre Agassi, Goran Ivanisevic oder Boris Becker Sie mit ihrem Kanonenkugel-Tennis buchstäblich vom Platz prügeln?
McENROE: Ja. Die jungen Spieler haben erkannt, daß ich mit diesen wuchtigen Schlägen nicht so gut zurechtkomme. Die wissen, wenn sie unermüdlich die harten Sachen über das Netz dreschen, machen sie mich irgendwann klein.
SPIEGEL: 206 Asse, wie sie Ivanisevic in Wimbledon geschlagen hat, lassen Spielern mit Ballgefühl doch kaum noch Chancen. Ist das Tennis vor den Aufschlägern noch zu retten?
McENROE: Die Katze ist aus dem Sack. Jetzt ist es zu spät, die Entwicklung zurückzudrehen. Das Service auf einen Aufschlag zu begrenzen geht auch nicht.
SPIEGEL: Es würde Ihnen womöglich neue Chancen einräumen.
McENROE: Ich will aber gegen die Top-Profis nicht nur gewinnen, wenn sie mal einen schlechten Tag erwischt haben oder neue Regeln sie bremsen. Ich will sie auch schlagen können, wenn sie Spitzenleistungen bringen.
SPIEGEL: Anderes läßt Ihr Stolz nicht zu?
McENROE: Sicher nicht. Ich mußte zuletzt doppelt so hart arbeiten wie zu der Zeit, als ich die Nummer eins war, und trotz aller Qualen verliere ich gegen Typen, gegen die ich nicht verlieren sollte. Da habe ich begriffen, daß sich auch meine Prioritäten verschoben haben: Ich bin nicht mehr so auf Tennis fixiert, wie ich es sein sollte.
SPIEGEL: War es eine bestimmte Niederlage, die Sie dazu getrieben hat aufzuhören?
McENROE: Nein, da sind eine ganze Reihe von Gründen zusammengekommen. Ich habe mir irgendwann einen sehr fähigen Coach genommen, Larry Stefanki, und mir gesagt: John, bevor du aufhörst, gibst du dir noch einmal eine Chance. Und wenn du keine großen Turniere mehr gewinnst, zumindest nicht bis ins Finale kommst, dann ist''s vorbei, aus. Dies ist keine einfache Entscheidung für mich, sondern in gewisser Weise eine sehr emotionale Sache . . .
SPIEGEL: . . . jetzt überfällt Sie plötzlich die Erkenntnis, erst 33 Jahre alt und arbeitslos zu sein?
McENROE: Es ist das Gefühl, vor einer Leere zu stehen. Die Leute werden sagen: Ach, der arme Kerl mit all seinem Geld und Ruhm wird schon keine schlaflosen Nächte haben. Aber wer kann verstehen, was ein solcher Übergang bedeutet? Ich mache mir ernsthaft Sorgen, denn dies ist eine große Veränderung für mich. Die meisten Leute, die 30 oder 35 Jahre alt sind, fangen mit ihrer Karriere gerade an, bei den Profi-Sportlern ist das umgekehrt. Ich komme aus einer Traumwelt, der Welt des Tennis, in die Wirklichkeit zurück. Und das bedeutet, daß ich viel an mir arbeiten und lernen muß.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor Entzugserscheinungen, weil Sie fortan auf den Beifall, den Rausch des Sieges verzichten müssen?
McENROE: Ja, dieses Gefühl, den Triumph in Wimbledon, diese Erlebnisse wie bei den US Open werde ich nie mehr haben. Damit muß ich mental fertig werden. Das ist sowenig zu ersetzen wie das Gefühl, das ich empfand, als ich die Geburt meiner Kinder miterlebte, bei allen dreien war ich dabei - unvergleichbar, einmalig. Und so ähnlich ist es auch mit dem Profi-Dasein. Es macht schon traurig, daran zu denken, daß nun alles vorbei ist.
SPIEGEL: Abschied vom Tennis als Auslöser einer Depression?
McENROE: Nein, aber man fühlt sich an manchen Tagen schon ziemlich elend. Mir hilft dann, darüber reden zu können.
SPIEGEL: Hat dieses Stimmungstief mit zur Belastung Ihrer Ehe geführt?
McENROE: Die Ehe ist meine Privatangelegenheit. Aber ich weiß, daß ich mich mehr um meine Familie kümmern muß, bevor Tatum die Sache hinschmeißt. Das wird jetzt eine meiner größten Herausforderungen: an mir selbst zu arbeiten, versuchen, zu einer reiferen, erwachseneren Person zu werden, damit ich ein besserer Vater, Ehemann und Mensch werden kann, weniger egoistisch, ohne die Erwartung, daß alles so läuft, wie ich es will - ein hartes Stück Arbeit.
SPIEGEL: Was hat Sie außerhalb des Tennisplatzes am meisten belastet?
McENROE: Daß ich die Anonymität verloren habe. Ich bin, ob Sie es glauben oder nicht, eine schüchterne Person. Der Ruhm, die Popularität haben mich belastet. Ewig diese Leute, ich würde gern einfach so durch München oder Paris laufen und mich fühlen als einer in der Masse. Das ist vorbei, das ist mein größter Verlust.
SPIEGEL: Der wurde Ihnen mit Millionen Dollar abgegolten.
McENROE: Natürlich weiß ich auch: Niemand zahlt dir die Millionen einfach so, ohne Gegenleistung. Irgendwann und irgendwie, jetzt oder in einigen Jahren, zahlt man einen Preis dafür. Ich habe gelernt: Man muß versuchen, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Wir leben in der Tat in unserer kleinen Tenniswelt und glauben manchmal, das sei das Wichtigste überhaupt. Ein Krieg wie in Jugoslawien, Hunger wie in Somalia - solche Tragödien reißen dich aus dieser Traumwelt.
SPIEGEL: Sie sind doch der Realität oft genug entflohen, in Ihr Haus am Strand von Kalifornien, in Malibu.
McENROE: Deshalb bin ich ja nach New York zurückgezogen. Malibu, das war die mentale, physische Erholung von 30 Wochen Reisen im Jahr. New York ist anders: Die Intensität, den Druck des Lebens kann man in den Straßen dort beinahe mit den Händen greifen. Diese Dosis Realität ist für mich jetzt wichtig, weil ich mich auf eine andere Welt einstellen muß.
SPIEGEL: Was bedeutet es Ihnen heute noch, mehr als drei Jahre in der Rangliste ganz oben gestanden zu haben?
McENROE: Die schönste Zeit meiner Karriere waren die Jahre zuvor, als ich die Nummer zwei war. Da konnte ich ohne Druck leben. Weltranglistenerster zu werden ist beinahe wie ein Traum, der keine Wirklichkeit werden darf. Wer oben steht, muß auch die Belastungen aushalten, er trägt quasi den gesamten Tennissport auf seinen Schultern.
SPIEGEL: Sie haben einmal erklärt: Mit dem Rücktritt Ihres schwedischen Rivalen Björn Borg habe auch Ihre Motivation einen solchen Knacks bekommen, daß Sie prompt als Nummer eins abgelöst wurden. Wieso eigentlich?
McENROE: Für eine gewisse Zeit hat mich das durcheinandergebracht, das stimmt. Wir waren zwei Rivalen, dazu bestimmt, ewig und immer um die Meisterschaft zu kämpfen wie etwa die Basketball-Teams der Boston Celtics und Los Angeles Lakers. Plötzlich gibt''s die eine Seite nicht mehr - der Druck ist weg. Wenn Borg nicht hingeschmissen hätte, wären wir noch besser geworden. Er hat mich mehr als andere motiviert.
SPIEGEL: Stimmt es Sie traurig, daß Ihr alter Rivale seinen Mythos zerstört?
McENROE: Ich kann nicht nachvollziehen, wie jemand, der zu den größten Spielern aller Zeiten gezählt wird, Spaß daran haben kann, jedes Spiel zu verlieren, und trotzdem glücklich darüber ist.
SPIEGEL: Experten behaupten, das Wimbledon-Finale McEnroe-Borg 1980 sei eines der besten Spiele in der Geschichte des Tennissports überhaupt gewesen. Sehen Sie das auch so?
McENROE: Da ich verloren habe, kann ich diese Meinung kaum teilen.
SPIEGEL: Haben Sie sich deshalb dieses Spiel nie mehr auf Video angesehen?
McENROE: Ich setze mich nie zu Hause vors Video, um meine Matches anzusehen - das wäre für mich so, als würde ich in der Vergangenheit leben wollen.
SPIEGEL: Womöglich wollen Sie sich nicht noch einmal über Ihre Fehler und Niederlagen grämen?
McENROE: Auch das - das Match gegen Borg hätte ich gewinnen können. Es ist frustrierend, solche Videos anzusehen. Man denkt immer darüber nach, was man hätte anders tun sollen. Ich war immer überzeugt davon, daß eines meiner größten Spiele überhaupt mein Wimbledon-Sieg gegen Connors 1984 war. Als es im letzten Jahr in Wimbledon regnete, haben die das Match im Fernsehen noch einmal gezeigt, und ich habe es mir angesehen. Das Ergebnis: Es war nicht so toll, wie ich es in Erinnerung hatte. Es ist also manchmal besser, die Vergangenheit ruhenzulassen.
SPIEGEL: Kaum eine Niederlage hat Sie wohl so deprimiert wie die im Finale der French Open 1984, als Sie die beiden ersten Sätze gegen Ivan Lendl gewannen und dennoch verloren?
McENROE: Ich habe da eine große Chance vertan und ärgere mich im nachhinein noch mehr darüber, weil die Tennishistoriker eines Tages sagen werden: Na ja, so perfekt kann der McEnroe wohl auch nicht gewesen sein, denn Paris hat er nie gewonnen.
SPIEGEL: Haben Sie Ihren langjährigen Rivalen Connors jemals um das Talent beneidet, sein Rüpel-Image in die Aura eines Volkshelden zu verwandeln, obgleich er sich auf dem Platz oft genug nicht anders aufführt als Sie?
McENROE: Neid würde ich das nicht nennen. Aber ich wünsche mir zuweilen, ich hätte ihm einiges abgeguckt. Ich hätte mir sicher einigen Ärger erspart. Aber so bin ich einfach nicht. Ich bin mir stets treu geblieben.
SPIEGEL: Stört Sie nicht der Gedanke, nun als intolerantes und rüpelhaftes Tennisgenie in Erinnerung zu bleiben?
McENROE: Natürlich wäre es schade, wenn sich die Leute nur an die negativen Szenen erinnerten, die Sekunden, in denen ich Probleme mit den Offiziellen hatte. Natürlich bin ich nicht glücklich darüber, daß ich diese Dinge nicht in den Griff bekommen habe.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung für Ihre Überreaktionen?
McENROE: Das hat sicher viele Gründe, und ich wünschte, ich hätte klare Antworten darauf. Möglicherweise hätte ich dann auch noch nächstes Jahr spielen können und in den letzten Jahren glücklichere Zeiten erlebt.
SPIEGEL: Wissen Sie, wieviel Strafgelder Sie zahlen mußten?
McENROE: Nein. Bedeutsamer ist, daß ich es mir selbst übelnehme, daß ich mit den Situationen auf dem Platz nicht besser klargekommen bin. Die Mehrheit der Zuschauer konnte auf meiner Seite sein, aber sobald ich spürte, da sind einige gegen dich, hat mich die Frage gequält: Warum sind die gegen dich? Es war dann stärker als ich. Allen guten Vorsätzen zum Trotz wurde der Schiedsrichter dann zu meinem Feind.
SPIEGEL: Ihr einziges Zugeständnis war, die Schimpfwörter auf spanisch einzustudieren?
McENROE: Ich habe gemerkt, wie anders die Schiedsrichter auf die Flüche der Ausländer reagierten. "Arschloch" klingt in einer anderen Sprache eben anders. Arschloch klingt auch anders in New York als in Illinois oder Florida, das hat nur niemand je verstanden. In New York beschimpft einer den anderen mit "Arschloch", und fünf Sekunden später ist es vergessen, man meint es einfach nicht so, wie es klingt.
SPIEGEL: Ihre Generation hat das Profi-Tennis zum Entertainment werden lassen - wer sind die Genies, die Unterhalter von morgen, wer ersetzt McEnroe oder Connors?
McENROE: Ich sage das ohne Arroganz: Es wird schwierig werden. Tennis geht durch eine Entwicklung, die ich als ungesund bezeichnen würde: Es ist beinahe so, als wolle man Persönlichkeiten unterdrücken. Einer ist wie der andere, so wie Roboter. Es gibt zwei positive Ausnahmen: Boris Becker und Andre Agassi. Boris hat dem Sport schon viel gegeben und hat schon weit mehr durchgemacht, als die Leute ahnen. Beide haben die nötige Intelligenz und die Persönlichkeit, beide sind obendrein am Wohlergehen unseres Sports interessiert. Aber jene, die nicht viel zu sagen haben, die sich nicht engagieren und von der Persönlichkeit nicht viel hergeben, die stehen in der Rangliste oben.
SPIEGEL: Das Problem sind die Langweiler?
McENROE: Das sage ich nicht. Es scheint jedoch, als gelte heute: Je weniger interessant einer ist, desto größer sind seine Aussichten, Erfolg zu haben.
SPIEGEL: Wie unterscheiden sich denn Boris Becker und Michael Stich?
McENROE: Boris hat in jeder Beziehung den härteren Schlag drauf. Er ist länger dabei und hat das Herz eines Champions. Michael hat das Potential, oben zu stehen. Er ist sehr talentiert, immerhin hat er Wimbledon gewonnen. Aber damals konnte er ohne Druck spielen. Jetzt muß er alles aus sich herausholen und sich selbst beweisen, daß er das Zeug zum Champion hat. Ich mag Michael sehr, der kann was. Aber er muß sich jetzt in den Griff kriegen. Gegenwärtig fehlt es ihm an Selbstbewußtsein, vielleicht ist er mit seinem Kopf woanders.
SPIEGEL: Er hat kürzlich geheiratet . . .
McENROE: . . . eine Ehe muß nicht unbedingt negativ sein. Sehen Sie sich Guy Forget an. Der spielt weit besser, seit er Frau und Kind hat. Und auf mich hat die Ehe ebenfalls stabilisierend gewirkt.
SPIEGEL: Alkohol und Rauschgift gelten im Tennis als Mittel zur Streßbewältigung. Aus Zechtouren nach manchen Finalniederlagen haben Sie kein Geheimnis gemacht. Sind Sie auch schon mal in Versuchung geraten, einen Joint zu rauchen?
McENROE: Natürlich. Die Versuchung ist größer, wenn ich nicht spiele. Doch auch da hat sich was geändert. Ich bin nicht mehr 18, ich habe Kinder, eine Familie. Aber wenn ich mal einen Joint versucht habe, muß ich ja nicht gleich ein charakterloser Kerl sein.
SPIEGEL: Gibt es Doping im Profi-Tennis?
McENROE: Auch bei uns sollte sechsmal im Jahr kontrolliert werden oder noch häufiger. Dann wäre man sicher, daß die Sieger auch die besseren Athleten und nicht die besseren Betrüger sind. Es würde mich ärgern, irgendwann zu erfahren, daß jemand, gegen den ich oft verloren habe, dies über Doping geschafft hat und nicht dabei erwischt wurde.
SPIEGEL: Warum möchten Sie gern Team-Chef der amerikanischen Daviscup-Mannschaft werden?
McENROE: Ich bin überzeugt, daß ich für den Job qualifiziert bin. Ich bin mit den Spielern vertraut, ich könnte ihnen sicher helfen und - wer weiß - in einer Notsituation sogar einspringen. Ich übertreibe sicher nicht, wenn ich behaupte: Ich bin immer noch einer der besten Doppelspieler der Welt. Und ich habe nach all den Jahren sogar hingenommen, für das Daviscup-Finale nur im Doppel nominiert zu werden, weil ich einfach noch einmal, ein letztes Mal, dabeisein wollte, auch in einer weniger wichtigen Rolle. Für mich ist dieses Mannschaftskonzept, dieses Gefühl, wir kämpfen gemeinsam für eine Sache, nämlich ungeheuer wichtig.
SPIEGEL: Das überrascht schon - der Individualist, der Egoist McEnroe schwärmt von der Gemeinschaft.
McENROE: Vielleicht überrascht das manche Leute, mich nicht. Man hat nie begriffen, daß ich ein schüchterner Typ bin. Nur wenn ich in die Ecke gedrängt werde, mich bedroht fühle und angepöbelt werde, dann beiße ich zurück, verliere die Kontrolle, obwohl ich mich dabei überhaupt nicht wohl fühle. Daraus entwickelt sich dann dieses Image, wie ein Schneeball wird es immer größer: McEnroe, dieser Wüterich, der Egoist und Flegel. Nur: So sehe ich mich absolut nicht. Ich fange also an, mich zu fragen: Wer, zur Hölle, bin ich eigentlich?
SPIEGEL: Haben Sie schon eine Antwort?
McENROE: Nein, habe ich nicht. Die muß ich jetzt finden. Ich muß an mir, mit mir arbeiten. Das ist Teil des jetzigen Umstiegs vom Profi zum Ex-Profi. Das muß ich einfach tun, um die zweite Lebenshälfte, oder wie viele Jahre ich noch habe, vernünftig auszufüllen und nicht verbittert über meine Vergangenheit nachzudenken.
SPIEGEL: Für Verbitterung gibt es doch keinen Grund.
McENROE: Doch. Ich ärgere mich darüber, wie beschissen die Spielergewerkschaft ATP das Profi-Tennis organisiert. Der Kommunismus bricht überall zusammen, existiert nur noch in Nordkorea, China - und in der ATP, einer der letzten kommunistischen Bastionen überhaupt.
SPIEGEL: Wieso Kommunismus? Die ATP produziert doch jede Menge Millionäre. Auch Sie haben über elf Millionen Dollar Preisgelder kassiert.
McENROE: Es geht um die diktatorische Art. Weil die ATP mit dem Geld nur so um sich wirft, treibt sie Spieler dazu, 30 Turniere pro Jahr zu spielen - aber nur die 14 besten Ergebnisse zählen für die Weltrangliste. Wer weniger Turniere spielen kann, wird bestraft.
SPIEGEL: Sie wollen eine Sonderbehandlung für alternde Stars?
McENROE: Nach all dem, was ich für den Tennissport geleistet habe, hätte mir eine bessere Behandlung zugestanden. Aber nicht nur mir, allen Top-Leuten. Die derzeitige Entwicklung läuft all dem zuwider, was die Spitzenspieler 1988 eigentlich wollten, als sie mit der ATP das Profi-Tennis neu organisierten. Der Gedanke, daß da Leute das Sagen haben, die niemals selber spielten, macht mich wahnsinnig.
SPIEGEL: Wollen Sie sich deshalb den schönen Künsten widmen und sich als Kunsthändler versuchen?
McENROE: Eigentlich bin ich Sammler. Aber um an wertvolle Werke zu kommen, muß man auch handeln. Ich habe immer von einer großen Sammlung der Impressionisten geträumt - Renoir, Monet. Aber man muß schon Milliardär sein, um sich solche Träume zu erfüllen.
SPIEGEL: Immerhin hat es bei Ihnen zu einem Renoir gereicht. Und auch zu einigen Warhol-Originalen.
McENROE: Der Renoir war keiner aus der Spitzenklasse, und von Warhol habe ich zwei Porträts, von meiner Frau Tatum und von mir. Wenn ich die auf den Markt bringen würde, wären die wohl schnell weg. Aber die werde ich nie verkaufen. Die gehören uns allein. Ich konzentriere mich jetzt allerdings zunehmend auf zeitgenössische Künstler, jene, die ich persönlich kenne, für die ich ein Gefühl habe.
SPIEGEL: Vielen Ihrer Fans, die Sie als einen der letzten Tenniskünstler feiern, gilt das als logische Fortsetzung der Karriere.
McENROE: Was ich als Kompliment empfinde. Irgendwie stimmt es ja auch: Meine Art zu spielen war künstlerisch. Möglicherweise habe ich wirklich eine künstlerische Ader.
SPIEGEL: Mr. McEnroe, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteur Helmut Sorge in Paris.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 50/1992
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