07.12.1992

Opfer für ein Pop-Idol

Wenn sich zwei wiedertreffen, die vielleicht einmal die dicksten Freunde waren, einander aber seit vier oder fünf Jahren nicht gesehen haben, ist einiges an Freudenbekundung und Rührung fällig. Da es sich in vorliegendem Fall um Amerikaner handelt, wollen Umarmerei und Schulterklopfen, Schattenboxen und kumpelhafte Rippenstöße kaum ein Ende finden. Auch ein paar Tränen wären recht.
Deutsche Schauspieler sind gelernte Nachahmungskünstler, und so führen auf der Bühne der Münchner Kammerspiele Lambert Hamel und Manfred Zapatka diese Begrüßungs-Ouvertüre hervorragend locker vor. Sie spicken dabei ihre Sätze reichlich mit Ausrufen wie "Verdammt!" und "Scheiße!", die, wie man weiß, in der deutschen Synchronfassung für jene Four-Letter-Words stehen, mit denen der eloquente Amerikaner seinen Gefühlsüberschwang interpunktiert. Sie machen das so amerikanisch, daß es eine Freude ist.
Aber dann, rasch, besinnen die beiden sich darauf, daß sie deutsche Darstellungskünstler sind, die sich bevorzugt in Bühnenmitte und Rampennähe aufzuhalten pflegen, halb dem Partner zugewandt, halb dem Publikum, und so absolvieren sie den Fortgang ihrer Wiederbegegnungsszene, den Beginn einer neuen Gemeinsamkeit.
Wenn sie später doch noch mal körperlich aneinandergeraten, erledigen sie das - sie schlagen sich die Nasen blutig - dezent hinter der Bühne: Deutsches Theater ist primär Sprech-Theater, und zu diesem Zeitpunkt hat deutscher Kunst-Sinn schon wieder ganz über amerikanische Show-Frechheit gesiegt. Wer etwa gemeint hatte, hier würde endlich mal hemmungslos dem inflationären Gebrauch des Wortes "Scheiße" gefrönt, sah sich bald zurechtgewiesen: Gerade das war durchaus künstlerisch legitimiert und von Bedeutung.
Es ist ja, aufs Ganze gesehen, nicht so, daß das Theater hier und jetzt besonders viel mit sich anzufangen wüßte; von Ermüdungskrisen und Zerfallsprodukten ist manchmal mehr zu lesen als von Ereignissen. Die Münchner Kammerspiele gelten da zu Recht als ein Wunder an Stabilität, garantiertem Niveau und Ruhe in sich - seit langen Jahren aufgehoben in den pfleglichen Händen des Intendanten Dieter Dorn und der überwältigenden Liebe des Publikums.
Dieser Dorn, dem außer Botho Strauß selten ein neuer Theatertext fein genug ist, hat nun das Stück von den beiden Freunden zur deutschen Erstaufführung gebracht, Arthur Kopits "Road to Nirvana". Bei Zeitstücken muß man Rabatt geben, mag er sich gesagt haben, ein Fest für das Komödianten-Duo Hamel & Zapatka wird allemal draus, und insoweit es sich um eine eher grobe Farce handelt, kann man die ja wohl kammerspielmäßig verfeinern.
Die beiden Freunde, Al und Jerry, sind abgehalfterte Filmproduzenten in _(* Manfred Zapatka, Lambert Hamel, Sunnyi ) _(Melles. ) Hollywood. Vor fünf Jahren, als sie zusammen für ein großes Studio arbeiteten, hat Al Jerry gefeuert und ist dann selbst hinterhergeflogen; überdies hat Al sich über Jerrys Frau hergemacht, sie möglicherweise in den Selbstmord getrieben; und während Jerry sich nun kläglich als Hersteller von Schulfilmen durchschlägt, lebt Al mit seiner Gefährtin Lou in einigem Wohlstand - ob der windigen Filmgeschäften entstammt oder soliderem Drogenhandel, bleibt ungewiß.
Was die beiden nun wieder zusammentreibt, zu Versöhnung und Verbrüderung, ist die Spekulation auf ein Riesengeschäft, einen Mega-Hit, einen Film ohnegleichen, der sie, wenn ihnen die Produktion gelänge, quasi über Nacht auf den Gipfel von Ruhm und Reichtum katapultierte.
Die Sache ist die: Eine Frau namens Nirvana hat das Drehbuch zu einem angeblich autobiographischen Film geschrieben, in dem sie selber die Hauptrolle spielen möchte - und Nirvana ist der größte Popmusik-Star der Welt, so unermeßlich berühmt und erfolgreich und unergründlich wie Michel Jackson und Prince und Madonna aufs Mal.
Dieser Film, daran zweifeln Al und Jerry keine Sekunde, wäre so zirka das Größte seit "Vom Winde verweht" - der Schwachpunkt des Stücks aber ist, daß außer ihnen beiden kein Mensch das auch nur einen Augenblick glaubt, vermutlich nicht einmal Nirvana.
Sie lebt längst auf Höhen, wo man sich nicht mehr für Geld interessiert, sondern allenfalls für Liebes-, Gehorsams- und Treuebeweise. Drei Prüfungen werden von dem Initianden Jerry verlangt, bevor er ins Filmgeschäft mit der Göttlichen einsteigen darf: Er soll sich die Pulsadern aufschneiden, er soll Scheiße fressen, er soll sich eins seiner Eier abschneiden lassen - davon im Wesentlichen handelt das Stück und versucht so die Spanne vom Herrenwitz zum Mysterienspiel zu durchmessen.
Der Autor Arthur Kopit, 55, hatte vor 30 Jahren einen ersten internationalen Erfolg mit einer Satire auf das modische "absurde Theater" (Titel: "Oh Vater, armer Vater, Mutter hing dich in den Schrank, und ich bin ganz krank"), und in großen Abständen sind seither auch in Deutschland Stücke von ihm (etwa "Indianer" oder "Das Ende der Welt mit anschließender Diskussion") gespielt worden, in denen sich ein vertrackter Humor hervortat.
"Road to Nirvana" hieß bei der Uraufführung vor drei Jahren in Louisville "Bone-the-Fish", und dieser Titel signalisierte die eigentümliche Abhängigkeit von einem anderen Stück, David Mamets "Speed-the-Plow" (auf deutschen Bühnen "Die Gunst der Stunde"). Auch in Mamets Stück sind die Hauptfiguren zwei erfolgsgeile Hollywood-Produzenten, und bei der Broadway-Premiere 1988 spielte Madonna die weibliche Hauptrolle, eine seltsame Schwärmerin, die für ein Filmprojekt erglüht.
Mamets Stück besaß eine gewisse Infamie, die dem wirklichen Leben nahekam, weil er zwei gleichermaßen zynische Geschäftemacher vorführte, Kopits Grotesk-Variante weicht die Sache moralisierend auf: Sein Al ist das Schwein, der Pechvogel Jerry hingegen der leider immer wieder verführbare, dennoch grundgute Kumpel.
Alles an virtuoser Komik, was in der Münchner Aufführung zustande kommt, entspringt dem Wechselspiel zwischen Hamels massiger Suada und Zapatkas geschmerztem Staunen über die Gemeinheit der Welt, und Andrea Bürgin in der Rolle von Als Freundin Lou ist den ganzen ersten Akt lang auf dem Sprung, um mit ein paar Pointen zu beweisen, daß sie längst nicht so blöd ist, wie er denkt.
Der zweite Akt dann wartet mit Nirvana in Person auf, die Münchner Kammerspiele haben dafür ihr kostbarstes Seelchen zu bieten, Sunnyi Melles - und in einer Rolle, die kaum eine ist und kaum eine sein darf, führt sie vor, wie man so tut, als sei man eine Göttin: Sie produziert, fast aus dem Nichts, die Aura eines Geheimnisses, einen Akt köstlicher Talentverschwendung.
Die altbacken moralische Behauptung, die "Road to Nirvana" verkündet, heißt: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die großen Erfolg haben, obwohl sie beschissen sind. Es wäre unklug, darauf zu beharren, denn in München wurde das Stück stürmisch beklatscht.
* Manfred Zapatka, Lambert Hamel, Sunnyi Melles.

DER SPIEGEL 50/1992
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