07.12.1992

FilmGeisel im Gewächshaus

„The Crying Game“. Spielfilm von Neil Jordan. England/Irland; 1992.
Ein Skorpion bittet einen Frosch, ihn über einen Fluß zu tragen. Nein, sagt der Frosch, du wirst mich stechen. Werde ich nicht, sagt der Skorpion, dann sterben wir doch beide. Darauf willigt der Frosch ein. Mitten im Fluß spürt er den giftigen Stachel im Rücken. Warum hast du das getan? fragt er den Skorpion. Der antwortet: Es liegt in meiner Natur.
Was liegt in der Natur des Menschen? Was tun wir, weil wir es tun müssen? Nichts weniger als das will der irische Filmemacher Neil Jordan in seinem abgründig-kühnen Thriller "The Crying Game" wissen. Er lotet Obsessionen aus, Zwänge und Zwangsläufigkeiten.
Zweimal wird die Fabel vom Skorpion und dem Frosch erzählt, zunächst von Jody (Forest Whitaker), einem schwarzen britischen Soldaten. Er hockt in einem Gewächshaus irgendwo in Nordirland, gefesselt, eine Geisel der IRA. Jody erzählt sie seinem Bewacher, dem IRA-Freiwilligen Fergus (Stephen Rea).
Die beiden verbringen mehrere Tage und Nächte zusammen. Das Opfer, zur Exekution vorgesehen, und sein Mörder. Sie brüllen sich nicht an, streiten _(* Mit Forest Whitaker, Stephen Rea. ) nicht lange über Politik, über Recht und Unrecht. "The Crying Game" ist kein Film über die Ziele der IRA.
Jody und Fergus im Treibhaus: eine Laboranordnung, ein psychologischer Versuch. Was passiert, wenn zwei zusammentreffen, die beide miserabel dran sind: der schwarze Underdog und der irische Prolet? Und die beide eigentlich ganz anständige Kerle sind?
Damit Jody essen kann, muß Fergus ihn füttern. Damit Jody pinkeln kann, muß Fergus ihm den Hosenschlitz öffnen. Eine perverse Nähe. Wie halten sie das aus? Und wie soll Fergus diesen vertrauten Feind danach erschießen? Was wird er tun, weil er es tun muß?
Richtig ist: Es passiert fast nichts im ersten Teil des Films. Richtig ist aber auch: Es passiert ungeheuer viel - in den beiden Gesichtern, in den Gesten und Gesprächen. Forest Whitaker, ein schwerer, unbeholfener, jungenhafter Riese, und Stephen Rea, ein verschlossener magerer Zauderer, spielen sich lauter widerstreitende Gefühle vom Leib: den Druck, die Zweifel, die Sympathie füreinander, die Wut, den ganzen Wahnsinn dieser Situation.
Die Armee stöbert das IRA-Versteck auf, Jody kommt dabei um. Fergus setzt sich nach London ab, nennt sich Jimmy, findet einen Job auf dem Bau. Das geschieht rasch, in wenigen Bildern. Neil Jordan, der seine "Ungeduld mit der Wirklichkeit" für eine typisch irische Eigenschaft hält, hat keine Zeit für langweilige Zwischenschritte. Seine Kinowelt ist eine Welt der philosophischen Phantasie. So läßt er den Film einfach abbrechen - und erneut beginnen.
Einen ähnlichen Bruch hatte Hitchcock 1958 in "Vertigo" gewagt. Er ließ die Heldin scheinbar sterben und schickte dann den Helden auf die Suche nach einer Frau, die sie ersetzen könnte. Als er sie findet, drängt er sie, ihr Äußeres seiner toten Geliebten anzugleichen. Er ahnt zunächst nicht ihr Geheimnis: daß sie die Frau ist, die er geliebt hat.
Jordan variiert diese Geschichte um Schuld und Schein, um Verkleidungen, Verwandlungen und Schatten der Vergangenheit. Fergus macht Dil (Jaye Davidson) ausfindig, die schöne, rätselhafte Freundin, von der ihm Jody stolz erzählt hatte. Er folgt ihr, lernt sie kennen, geht mit ihr aus.
Er versucht, mit ihrer Hilfe den toten Jody besser zu verstehen; versucht schließlich sogar, sie äußerlich in Jody zu verwandeln.
Bei Hitchcock hatte das in den Tod geführt. Die Natur der Menschen, so lautete das bittere Urteil seines Films, ist zerstörerisch.
Jordan ist barmherziger. Bei ihm läßt die Natur der Menschen eine Rettung zu. Sie können einander vergeben, sie können sich lieben. Doch zuerst müssen sie ehrlich zueinander sein, ihre Geheimnisse preisgeben: Fergus das seine, Dil das ihre. Dazu schickt der Film die beiden durch ein Fegefeuer der Gewalt.
Erst danach, als sie sich wirklich kennen, kommen sie zusammen - getrennt allerdings durch kugelsicheres Glas. Fergus sitzt im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Dil bringt ihm am Besuchstag Vitaminpillen mit. Nach den großen tragischen Krisen kommt wieder der kleine Alltag. Und dann folgt die Fabel vom Skorpion und vom Frosch zum zweiten Mal. Jetzt erzählt sie Fergus.
* Mit Forest Whitaker, Stephen Rea.

DER SPIEGEL 50/1992
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