07.12.1992

Mit Voodoo-Zauber gegen die Gewalt

Der Kanzler fordert den sauberen Bildschirm. Auf Philip Grönings Fernsehfilm „Die Terroristen!“ hat Helmut Kohl mit einem wütenden offenen Brief reagiert - und damit die Frage provoziert, ob die Diskussion über Brutalität in den Medien nur von realer Gewalt ablenken soll. Zensurversuche häufen sich.
In diesen dunklen, feuchten Nächten schleicht der Schrecken durchs Bonner Regierungsviertel, und in den deutschen Fernsehzimmern wächst die Angst, daß alles noch viel schlimmer kommen könnte.
Mordend und brandschatzend werden demnächst Rambo und der Terminator über unsere Dörfer ziehen. Aus Rumänien werden die Vampire einreisen und aus der Hölle die Zombies, hungrige Wirtschaftsasylanten allesamt. Und bevor dann im Land der Dichter die Lichter ausgehen, kriegt Doktor Mabuse noch einen Job im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen.
Doch der Kanzler ist wachsam und entdeckt den Feind dort, wo er wirklich steht: nicht etwa unter den Brandstiftern, Mördern und Schlägern, welche die deutschen Nächte unsicher machen - sondern in Drehbüchern, auf Bildschirmen und den Leinwänden deutscher Kinos.
Am Tag nach den Morden von Mölln kämpfte Helmut Kohl besonders heftig gegen fiktive "Terroristen" - jenen Film von Philip Gröning, in dem fiktive Menschen einen fiktiven Anschlag auf einen erfundenen Regierungschef planen, weshalb das echte Kanzleramt sogleich die Ausstrahlung zu verhindern versuchte (SPIEGEL 48, 49/1992). Der Südwestfunk aber ließ sich nicht beirren und sendete den Film.
Drei Tage später, in jener Woche also, in welcher ein paar harte, ehrliche und entschlossene Worte wider den echten, rechten Terror sinnvoller gewesen wären, formulierte der Kanzler nur ein paar unerschrockene Sätze wider Grönings Film: "Ein unerträglicher Vorgang, der uns auch menschlich stark belastet", hieß es in Helmut Kohls offenem Brief, den die Frankfurter Allgemeine in voller Länge abdruckte (und im Vorspann kühn behauptete, "Die Terroristen!" propagierten ein Attentat auf den Regierungschef).
Daß die Politiker sich in die Belange des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einmischen, das ist zwar ein Skandal, passiert inzwischen aber so häufig, daß sich kaum einer mehr darüber aufregen mag. Neu hingegen und mindestens ebenso erschreckend ist der Verdacht, daß der Kanzler und seine Berater wirklich glauben, was sie da schreiben; daß Kohl sich von ein paar erfundenen Terroristen so bedroht fühlt wie von Mördern, die es wirklich gibt.
Es ist, als rächten sich die Bilder an jenen, die sie jahrelang mißbraucht haben; es wirkt, als probten die Symbole den Aufstand gegen jene, deren Politik den Symbolen und Gesten mehr als den Handlungen und Entscheidungen vertraut: Seit Jahren ist die Kunst des Regierens mit der Kunst des Inszenierens identisch; seit Jahren kämpfen die Parteien für ihre Bildschirmpräsenz viel hartnäckiger als gegen die realen Probleme; seit Jahren nehmen sie am liebsten jenen Teil der Wirklichkeit zur Kenntnis, welcher sich in Fernsehbildern darstellen läßt - kein Wunder also, daß ein Politiker irgendwann all das, was das Fernsehen zeigt, für die Wirklichkeit nimmt und echte Attentäter von gespielten nicht mehr unterscheiden kann.
"Tragen Sie dafür Sorge, daß künftig im Programm des SWF keine Sendungen ausgestrahlt werden, in welchen die Ausübung von Gewalt gegen die Repräsentanten unseres Staates dargestellt wird": So schreibt der Kanzler an den Vorsitzenden des Rundfunkrats, und wenn das Beispiel Schule macht, werden bald auch rothaarige Fabrikanten-Ehefrauen, Obdachlose mit ostdeutschem Dialekt oder Münchner Edel-Huren sich mit demselben Recht dagegen wehren, daß ihresgleichen in irgendwelchen "Tatort"- oder "Derrick"-Folgen umgebracht wird.
Der deutsche Bundeskanzler ist nun mal ein potentielles Terror-Opfer, und wenn er glaubt, daß er nur die Darstellung eines Attentats verhindern muß, um die Gefahr eines echten Anschlags zu bannen, wenn er die Bilder zu manipulieren versucht, um dadurch die Realität zu verändern - dann handelt er ungefähr so realistisch wie ein Voodoo-Priester, der eine Puppe quält, damit ein echter Mensch davon Bauchschmerzen bekomme: ein Akt der Beschwörung, ein magisches Ritual.
Zum faulen Zauber wird die ganze Affäre, weil sie auch als Ersatzhandlung und als Ablenkungsmanöver taugt: Wer heute die Gewalt in der Kunst und den Medien anprangert, der steuert die Aufmerksamkeit weg von der wirklichen Gewalt und hin zu Autoren und Regisseuren, mit welchen man natürlich auch viel leichter fertig wird als mit rechten Kriminellen. Und wer, wie etwa die Frankfurter Allgemeine, ganz dreist und ohne Beleg behauptet, "Die Terroristen!" sei ein Film, "der Haß und Mord ganz gewiß Vorschub leistet", dem mangelt es vielleicht an intellektuellem Schub - doch die Zensoren ermutigt er allemal.
Die Verherrlichung von Gewalt ist in Deutschland strafbar gemäß Paragraph 131 StGB - und wird mit voller Härte verfolgt: Wenn auf deutschen Tanzböden die Skinhead-Hymne "Ich bin Bomberpilot, ich bringe euch den Tod" erklingt, hören die Staatsanwälte meistens weg. Wenn hingegen ein kleines, subversionsverdächtiges Underground-Kino sich traut, harte Horror- und Splatter-Filme vorzuführen, dann hat das zunehmend Strafbefehle, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen zur Folge. Vor allem dort, wo die Union regiert.
Das Münchner Werkstattkino etwa kriegt seit Jahren regelmäßig Besuch von der Polizei. Die Beamten beschlagnahmen Filme wie "Maniac", "The Texas Chainsaw Massacre" oder "Tanz der Teufel" - Werke also, die auf durchaus beunruhigende Weise von Gewalt und Grausamkeit handeln und die nach Ansicht von Kritikern und Filmhistorikern gerade deshalb zu den Meisterwerken ihres Genres zählen.
Und wenn, wie im Fall von "Tanz der Teufel", das Bundesverfassungsgericht das Verbot wieder aufhebt, braucht die bayerische Staatsanwaltschaft sich nicht lang zu grämen. Es gibt genügend Horrorfilme - und folglich noch viel zu tun für die tapfere Polizei.
Eine Berliner Richterin bekam es kürzlich mit Jörg Buttgereits "Nekromantik 2" zu tun, einem melancholischen Film über die Liebe einer jungen Frau zu einem toten Mann. Als das Werk auf einem österreichischen Frauen-Film-Festival vorgeführt wurde, waren die Feministinnen im Publikum begeistert.
Die Richterin aber war so erschüttert, daß sie den Film nicht nur beschlagnahmen und verbieten ließ, sondern seine totale und endgültige Vernichtung beschloß: "Weiterhin wird angeordnet, daß die zur Herstellung der Filme gebrauchten oder bestimmten Vorrichtungen wie Schriften, Platten, Formen, Drucksätze, Negative oder Matritzen (Masterbänder) unbrauchbar gemacht werden."
Der Beschluß ist inzwischen aufgehoben worden, drei Wochen lang aber war er gültig - und der Regisseur, der das Negativ gut versteckt hatte, war in dieser Zeit nicht ganz sicher, ob er wirklich in Deutschland lebe oder womöglich im Iran.
Auch diese furchtlosen Einsätze von Justiz und Polizei wirken wie Beschwörungen und Ersatzaktionen - so, als ließe sich die zunehmende Verrohung der Gesellschaft verhindern, wenn man nur die Darstellung von Brutalität und Grausamkeit verhinderte. Und jene Linken und Autonomen, die neulich eine Vorführung von Thomas Heises "Stau" sprengen wollten, bloß weil der Film junge Rechtsextremisten porträtiert, kämpfen auch nur deshalb gegen Bilder an, weil sie sich der Wirklichkeit gegenüber so hilflos fühlen.
Die Vermutung aber, daß ein Bild von der Gewalt zugleich deren Verherrlichung sei, fordert kein juristisches, sondern ein ästhetisches Urteil heraus, welches seinem Wesen nach immer subjektiv bleiben muß: Was ein Werk der Kunst (oder zumindest der Fiktion) eigentlich sagen will, das deutet jeder Betrachter anders.
Das Problem ist so alt wie die Kunst - und wahrscheinlich fällt der Beginn von Gewaltdarstellungen überhaupt mit dem Beginn der Zivilisation zusammen. Das antike griechische Theater zeigte zwar keine Bluttat auf der Bühne, beschrieb aber die Folgen und Konsequenzen von Gewaltverbrechen überaus drastisch und schreckte dabei auch vor den höchsten Repräsentanten des Staates nicht zurück. Ein deutscher Kanzler hätte sofort beim Intendanten protestiert.
Vermutlich ist die Darstellung der Gewalt in der Kunst sogar eine der Voraussetzungen dafür, daß eine Gesellschaft im Alltag auf die Gewalt verzichtet. Vermutlich muß die menschliche Brutalität sich erst in die Fiktion entäußern, muß abstrahiert werden von der Wirklichkeit und verbannt auf die Bühnen oder Leinwände - damit sie dem Publikum dann als das Andere gegenübertritt; als etwas, über das man reden und nachdenken, als Sache, welche man verhandeln und die man schließlich bändigen kann.
Die nationalsozialistischen Verbrecher jedenfalls, die KZ-Beamten und Massenmörder, schauten sich keine Horrorfilme an. Sie guckten lieber die fröhlichen und scheinbar harmlosen Komödien der Ufa, in denen eine blitzsaubere und fast konfliktfreie Welt vorgeführt wurde. Das machte ihnen richtig Mut, auch ihre Welt von dem zu säubern, was sie für Abschaum oder andersartig hielten.
Insofern ist die Gewaltverherrlichungs-Debatte nicht nur albern und abergläubisch, sondern auch gefährlich: Jene, die nun saubere Leinwände und Bildschirme fordern, offenbaren ihre Ignoranz in Fragen der Kunst und zugleich einen bestürzenden Wirklichkeitsverlust. Doch wenn Politiker sich im Reich der Fiktionen verirren, hilft ihnen keiner wieder hinaus. Superman ist neulich verstorben, und Batman hockt, wie Kinogänger wissen, den ganzen Abend vor der Glotze.
Claudius Seidl
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 50/1992
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