21.09.1992

„Ein Morden wie in Sarajevo“

Paraga, 31, Chef der Kroatischen Partei des Rechts (HSP) und Nachfolger des einstigen Hitler-Verbündeten Ante Pavelic, kontrolliert die Kroatische Befreiungsgemeinschaft (HOS). Die kämpft in Bosnien unter bosnischer, in Kroatien unter kroatischer Flagge.
SPIEGEL: Herr Paraga, Ihre HOS-Milizen kämpfen zur Zeit an fast allen Frontabschnitten im ehemaligen Jugoslawien. Wann und wo werden die HOS-Kämpfer stoppen?
PARAGA: Wenn sie unsere Grenzen erreicht haben, die Grenzen des vereinigten Kroatiens. Das entspricht der heutigen Republik Kroatien und dazu der Nachbarrepublik Bosnien-Herzegowina. Wir wollen die Vereinigung der beiden Staaten zu einer gemeinsamen Republik Kroatien - genauso und mit dem gleichen Recht, wie das geteilte Deutschland sich vereinigt hat.
SPIEGEL: Aber die Deutschen in Ost und West wollten die Vereinigung. Die meisten Bosnier jedoch möchten ihren eigenen Staat erhalten. Das, was Sie wollen, ist doch eine Okkupation.
PARAGA: Nein, in diesem Krieg zeigt Bosnien-Herzegowina, daß es auf der Seite der Kroaten steht und nicht auf der Seite der Serben.
SPIEGEL: Das ist ja kein Grund für eine Zwangsvereinigung der beiden Länder unter militärischem Druck . . .
PARAGA: Außerdem waren im Mittelalter die Königshäuser von Bosnien und Kroatien eng verwandt; beide führten die Lilien im Wappen, die jetzt auch wieder auf der bosnischen Flagge zu sehen sind. Bosnien und Kroatien bluten nur, weil sie getrennt sind. Wären sie vereint, wäre die serbische Aggression am Ende.
SPIEGEL: Heißt das, Ihre HOS verteidigt nicht nur das heutige Kroatien, sondern kämpft auch auf fremdem Gebiet in Bosnien-Herzegowina?
PARAGA: Die HOS wird so lange kämpfen, bis Groß-Serbien besiegt ist. Deshalb steht sie in Bosnien. Alle Gebiete, die der bosnische Staat kontrolliert, hat die HOS von Serben befreit - ohne Unterstützung aus dem Ausland. Die europäischen Politiker lassen Kroatien im Stich. Deshalb würden wir uns freuen, wenn uns moslemische Kämpfer, zum Beispiel Mudschahidin aus Afghanistan, zu Hilfe kommen.
SPIEGEL: Noch scheint sich keine arabische Legion gemeldet zu haben.
PARAGA: Aber wir haben Informationen über eine große Zahl von Freiwilligen aus diversen islamischen Ländern, die sich auf den Weg gemacht haben. Wenn sie für Bosnien kämpfen, kämpfen sie gleichzeitig für das kroatische Volk. Am Ende wird Kroatien islamischen Ländern zu Dank verpflichtet sein und nicht dem westlichen Europa.
SPIEGEL: Wer kontrolliert die HOS ?
PARAGA: Der Oberkommandierende der HOS in Bosnien ist offiziell der bosnische Präsident. Gleichzeitig sind die Kommandeure der HOS aber, als Mitglieder der Kroatischen Partei des Rechts, mir verbunden.
Ich selbst kommandiere die HOS nicht. Ich übe jedoch Einfluß auf sie aus, denn ich habe im November letzten Jahres den Ausbruch eines Bürgerkriegs verhindert, als Tausende von HOS-Anhängern nach Zagreb strömten, um mich aus der U-Haft zu befreien, in die mich der kroatische Präsident Franjo Tudjman brachte. Es hätte hier ein Morden gegeben wie jetzt in Sarajevo.
SPIEGEL: Würden Sie Ihre HOS gegen Landsleute kämpfen lassen?
PARAGA: Das würde ich nie tun, ich habe gerade das verhindert. Obwohl uns Präsident Tudjman ständig provoziert. Immer wieder fordert er die Auflösung der HOS. Tatsache ist, daß das Innenministerium meinen Stellvertreter Ante Paradzik ermorden ließ und daß die Mörder bis heute unbestraft geblieben sind.
SPIEGEL: Es gibt Schätzungen, nach denen die HOS bis zu 30 000 Mann unter Waffen hat. Wie stark ist sie wirklich?
PARAGA: Darüber möchte ich nichts sagen. Aber gehen Sie an die Front, und Sie werden sehen, daß die HOS sehr stark ist.
SPIEGEL: Wie viele ausländische Söldner kämpfen in der HOS?
PARAGA: Ich habe keine präzisen Zahlen, aber es sind viele. Die meisten arbeiten als Ausbilder. Sie sind keine Söldner, denn sie kommen nicht für Geld. Wir könnten sie auch nicht bezahlen. Sie arbeiten zu den gleichen Konditionen wie alle anderen HOS-Soldaten. Denn, Gott sei Dank, haben wir mehr Freiwillige, als wir bewaffnen können.
SPIEGEL: Woher bekommt die HOS ihre Waffen?
PARAGA: Den größten Teil haben wir den Serben abgenommen. Außerdem haben wir Fabriken in Zentral-Bosnien, die Munition für uns herstellen.
SPIEGEL: Es gibt zuverlässige Hinweise, daß die HOS auch nagelneue amerikanische Waffen einsetzt.
PARAGA: Ja, wir haben zum Beispiel amerikanische M-16-Sturmgewehre und Spezialwaffen. Das müssen wir alles sehr teuer einkaufen.
SPIEGEL: Wer verkauft Ihnen denn diese Waffen?
PARAGA: Es gibt viele Waffenverkäufer in dieser Welt, sehr viele.
SPIEGEL: Nennen Sie wenigstens die Länder, aus denen Sie beliefert werden.
PARAGA: Ich denke gar nicht daran, mir die Nachschubkanäle zu verstopfen.
SPIEGEL: Und wer bezahlt das alles?
PARAGA: Das sind Spenden aus aller Welt.
SPIEGEL: So stark Ihre Partei militärisch ist, so schwach ist sie politisch. Bei den letzten Parlamentswahlen erreichten Sie gerade mal 6,8 Prozent, Tudjman kam auf über 40 Prozent. Das Volk scheint nicht hinter der HOS und ihren Träumen von einem Groß-Kroatien zu stehen.
PARAGA: Das ist falsch. Tudjmans regierende Partei hat die Wahlergebnisse frisiert. So wurden zum Beispiel 3,5 Millionen mehr Stimmzettel gedruckt, als es Wahlberechtigte gab. Das wissen wir von der Druckerei. Und die ausgefüllten Stimmzettel sind verschwunden. Jetzt gibt es nur noch die Listen mit den Wahlergebnissen, aber keinen Beweis für ihre Richtigkeit. Bei den Wahlveranstaltungen zuvor hatten wir viel mehr Unterstützung als Tudjman, dieser gewendete Kommunist.
SPIEGEL: Immerhin hat Tudjman zum Beispiel die internationale Anerkennung von Kroatien erreicht.
PARAGA: Ja, aber für den Sitz in den Vereinten Nationen hat er kroatisches Gebiet aufgegeben. Er verhandelt mit den Serben in Belgrad, er verhandelt mit den Serben in Bosnien. Tudjman erklärte schon vor zehn Monaten den Krieg für beendet. Für welche Nation aber kann ein Krieg vorbei sein, solange der Feind noch im Land steht? Die internationale Anerkennung hat nicht ein einziges Problem des kroatischen Volkes gelöst.
SPIEGEL: Ihre politischen Gegner pflegen Sie als den neuen Ante Pavelic zu bezeichnen, als Faschisten oder Nationalsozialisten.
PARAGA: Ich bin Anti-Kommunist und Anti-Faschist. Ich bin Dobroslav Paraga, ein kroatischer Patriot. So wie viele in Europa Angst haben vor dem vereinten Deutschland, so haben viele Angst vor einem vereinten Kroatien. Daher kommen all diese Lügen.
SPIEGEL: Wenn Sie kein Faschist sind, warum benutzen Sie und die HOS-Milizen dann die Faschisten-Symbole der mit Hitler verbündeten Ustascha?
PARAGA: Die Ustascha war keine faschistische Organisation. Sie nahm in ihrem Kampf gegen die Serben nur die Hilfe von dem einzigen an, der sie gab. Und das war Hitler. Er half uns Kroaten nicht als Chef der Nazi-Partei, er half uns als Führer Deutschlands.
SPIEGEL: Und den vermissen Sie nun.
PARAGA: Nein, wir vermissen ihn natürlich nicht. Wenn die Europäer nicht helfen wollen, dann haben wir bald islamische Soldaten aus außereuropäischen Staaten hier, aus Iran oder Afghanistan. Falls wir ihre Hilfe annehmen, wird uns jemand zu islamischen Fundamentalisten abstempeln, genauso, wie man uns auch zu Faschisten erklärt hat, obwohl wir weder das eine noch das andere sind. Uns ist jeder willkommen, der für Kroatien kämpft.

DER SPIEGEL 39/1992
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