21.09.1992

Holocaust für Horror-Freunde

Mit der Angst vor den Deutschen lassen sich gute Geschäfte machen: „Fatherland“, ein Polit-Thriller des Briten Robert Harris, steht seit Monaten an der Spitze der britischen Bestsellerliste und erscheint nun auf deutsch. Harris' Botschaft: In Europa herrschen Zustände, als ob die Nazis den Krieg gewonnen hätten.
Sieg über Rußland im Frühjahr 1943. Die Sommeroffensive der deutschen Wehrmacht im Jahr zuvor hatte Moskau vom Kaukasus und damit die Rote Armee von den Ölfeldern Bakus abgeschnitten. Stalins Kriegsmaschinerie war aus Mangel an Treibstoff steckengeblieben.
Friede mit den Briten im Jahre 1944. Die deutsche U-Bootflotte hatte sich mit einem neuen Chiffriersystem unverwundbar gemacht und England durch eine Blockade ausgehungert. Churchill war nach Kanada geflohen.
1946 schließlich Friede mit den USA. Als die Air Force ihre Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki abwarf, schickte Hitler eine V-3 über den Atlantik, um den Amerikanern zu beweisen, daß er zum atomaren Gegenschlag bereit sei.
Eine finstere Vision.
Das Schreckensbild vom "Triumph des strategischen Genies des Führers" entstammt der Phantasie des Londoner Journalisten Richard Harris, 35. Sein Debütroman "Fatherland" stellt sich der von Hobby-Historikern immer wieder aufgeworfenen Frage: Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?
Harris antwortet mit einem imaginären Geschichtspanorama aus dem April 1964: Das Nazi-Reich erstreckt sich von Flandern bis zum Ural. Während die Wehrmacht an der Ostfront immer noch mit sowjetischen Partisanen kämpft, bereitet sich die Reichshauptstadt Berlin auf die Feiern zum 75. Geburtstag des Führers vor.
Die monströse Szenerie wird von einer mysteriösen Mordserie überschattet, der hohe SS-Offiziere und andere Nazi-Größen zum Opfer fallen. Ein Kriminalpolizist namens Xaver März nimmt die Ermittlungen auf . . .
Der Geschichtskrimi stieg sofort nach der Veröffentlichung im Mai an die Spitze der britischen und, seit Juli, auch der amerikanischen Bestsellerliste. In dieser Woche nun bringt der Schweizer Haffmans Verlag "Vaterland" auf den deutschen Buchmarkt*. Vergebens hatten die Agenten des britischen Autors zuvor bei deutschen Verlagen angefragt. 25 Verleger winkten der Reihe nach ab: Das Werk sei historisch "frivol" und vor allem - "deutschfeindlich".
Das aber will Robert Harris nicht verstehen. Er gibt sich als Freund der Deutschen aus: Sein positiver Held, Mordfahnder März, verachte doch die Faschisten. Und unter der SS-Elite wachse eine junge, regimekritische Generation heran, die das Nazi-Reich von innen her aufzulösen beginne.
"Deutschfeindlich" ist allerdings die Stimmung, für die der Thriller komponiert ist. Sein historisches Kostüm besitzt frappierende Ähnlichkeit mit jenem Europa-Bild, das viele Briten und Franzosen derzeit umtreibt: Das Deutsche Reich, so erfährt der Leser, habe zwölf Vasallenstaaten "durch den Vertrag von Rom in einem europäischen Handelsblock zusammengepfercht". Die Reichsmark dient als Europawährung, _(* Robert Harris: "Vaterland". Aus dem ) _(Englischen von Hanswilhelm Haefs. ) _(Haffmans Verlag, Zürich; 384 Seiten; 39 ) _(Mark. ) und die Deutschen wissen: "Die Briten, die Franzosen und die Italiener tun, was wir ihnen sagen."
Damit nicht genug. Bei Harris steht das Europaparlament in Berlin, auf dem Brandenburger Tor wehen die Europafahne und die Hakenkreuzflagge einträchtig nebeneinander. Ganz Europa ächzt unter dem Joch der Deutschen: _____" Deutsch war auf allen Schulen offizielle " _____" Zweitsprache. Die Leute fuhren deutsche Autos, hatten " _____" deutsche Radios, besaßen deutsche Fernsehgeräte, " _____" arbeiteten in Fabriken in deutschem Besitz, stöhnten über " _____" das Benehmen deutscher Touristen in deutsch beherrschten " _____" Ferienorten, während deutsche Mannschaften jeden " _____" internationalen Sportwettkampf gewannen, mit Ausnahme von " _____" Cricket, das nur die Engländer spielten. "
Ansonsten aber hat es die Engländer besonders hart getroffen: Die vornehme Universitätsstadt Oxford wird 1964 von einer "SS-Akademie" entweiht, in Londons Royal Albert Hall dirigiert Herbert von Karajan das Festkonzert zum Führergeburtstag.
Virtuos appelliert Harris an die Ängste und Ressentiments des angelsächsischen Publikums. Die Nazi-Story ist denn auch weit mehr als nur literarische Spielerei. Harris glaubt an die Legitimität seiner Vergleiche. "Zum erstenmal seit 50 Jahren", erklärte der Autor im Mai in der Sunday Times, "beachtet ganz Europa ängstlich die Entscheidungen eines deutschen Kanzlers."
Über die Höhe der britischen Zinsen etwa werde in Frankfurt und Bonn entschieden. Jede "Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung Großbritanniens" sei, so Harris weiter in der Sunday Times, längst abhängig vom "deutschen Dynamo". Und mit dem Zusammenbruch des Bolschewismus stehe auch ganz Osteuropa vor einer Epoche deutscher Hegemonie. "Eines nach dem anderen", so bilanzierte Harris, "sind Hitlers Kriegsziele erreicht worden."
Sofort nach Erscheinen des Aufsatzes intervenierte der deutsche Botschafter Hermann Freiherr von Richthofen in der Chefredaktion der Sunday Times: Mit derartig abstrusen Ansichten werde die deutsch-englische Freundschaft unnötig belastet.
Den so Gescholtenen focht das nicht an. Im Gegenteil: Harris pflegt seither das Image des unbeugsamen Kritikers, des rastlosen Mahners. "Die Deutschen", davon ist der eloquente Jung-Autor nun fest überzeugt, "wollen im Grunde nichts mehr über ihre dunkle Vergangenheit hören."
Tatsächlich aber hat Harris den Deutschen überhaupt nichts mitzuteilen, jedenfalls nichts, was ihnen zu neuen Erkenntnissen über die Nazi-Vergangenheit verhelfen könnte.
Harris'' Schreckensbild ist an seine britischen Landsleute adressiert. Mit der düsteren Vision eines siegreichen Nazi-Deutschland wird - wie in einem Ritual - die in den Kriegsjahren durchlittene Angst vor einer Niederlage nochmals wachgerufen. Wer diese Prüfung besteht, darf auch wieder auf einen - ökonomischen - Sieg über die neue Großmacht Deutschland hoffen.
Harris bleibt damit den seit Jahrhunderten geltenden Maßstäben britischer Politik verhaftet. Im Schicksal des Nazi-Imperiums begreift er nur ein weiteres Beispiel für den ewigen Kreislauf der Macht, für den Aufstieg und Niedergang von Weltreichen. Nur wer den Faschismus als irgendeine Epoche unter vielen einschätzt, kann dessen politische Ambitionen mit denen des wiedervereinigten Deutschlands vergleichen.
Hinter der Dämonisierung der Bundesrepublik verbirgt sich also zugleich eine Verharmlosung des Dritten Reiches. Allein die Vorstellung, Hitler hätte irgendwann Herr seiner Hybris werden und den Krieg zu einem militärisch günstigen Zeitpunkt stoppen können, verfehlt völlig den Charakter seines wahnwitzigen Regimes. Hitler mußte so lange siegen, bis er nur noch verlieren konnte.
Historisch ebensowenig überzeugend klingt Harris'' Begründung für die Wahl des Stoffes: Bei verschiedenen Recherchen sei er auf die Pläne des Architekten Albert Speer für den Umbau Berlins zur Nazi-Metropole gestoßen. Gewaltige Triumphbögen, Regierungspaläste, kolossale Festhallen und Siegesalleen - das alles sei doch "höchst faszinierend". Es gilt wohl immer noch: Nazi-Geschichten prickeln so schön.
Zunächst allerdings wollte Harris die Pläne Speers gründlich erforschen. Schon bevor er 1989 politischer Kolumnist der Sunday Times wurde, hatte er bereits mehrere Sachbücher veröffentlicht, darunter eine Biographie Neil Kinnocks und das britische Standardwerk über die Affäre um die "Hitler-Tagebücher".
Daß aus dem Speer-Buch dann doch keine schlichte Dokumentation wurde, _(* Triumphbogen und Rathaus; Entwürfe von ) _(Albert Speer. ) lag vor allem am publizistischen Ehrgeiz eines Autors, der ganz offen gesteht: "Ich bin nun einmal Journalist und will für ein möglichst großes Publikum schreiben."
Die nötigen Ingredienzen hatte Harris schnell beisammen: die schaurige Nazi-Ära fürs Ambiente, eine spannende Detektiv-Story gegen die Langeweile, den deutschfeindlichen Anstrich für die Publicity - und dann noch ein bißchen Holocaust für die Horror-Freunde.
Kripo-Mann März gerät nämlich auf die Spur eines politischen Komplotts. Sicherheitspolizei-Chef Reinhard Heydrich, so entdeckt der brave Polizist, läßt nach und nach alle Teilnehmer der Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 umbringen. Bis zum Hitler-Geburtstag des Jahres 1964 soll der gesamte Kreis jener Funktionäre ausgelöscht werden, die damals bei Kaffee und Kognak die "Endlösung" beschlossen. Die Nazis, so Harris'' Fiktion, wollen die letzten Zeugen des Holocaust beseitigen.
März macht da nicht mit. Im Verlauf seiner Recherchen kommt er sogar in den Besitz diverser Dokumente über die Judenvernichtung, auf die es auch Heydrichs Häscher abgesehen haben. Der Roman zitiert diese Dokumente ausführlich, über mehrere Seiten etwa werden erschütternde Augenzeugenberichte aus Konzentrationslagern abgedruckt sowie das Protokoll der Wannsee-Konferenz.
Streckenweise scheint der Krimi den Charakter einer ambitionierten Chronik anzunehmen - ein durchsichtiger Trick. Harris weiß nur zu gut, daß seine literarische Phantasie es nie und nimmer mit dem Grauen aufnehmen kann, das die Zeugnisse des Holocaust beschreiben. Also greift er skrupellos zum ultimativen Kitzel: Er montiert die Realität in seinen Roman.
An literarische Vorbilder will Harris bei all dem nicht gedacht haben. Dabei gibt es zumindest ein positives Pendant: 1979 hat Carl Amery den merkwürdigen Geschichtsroman "An den Feuern der Leyermark" veröffentlicht, einen skurrilen Schinken, der damals weitgehend unbeachtet blieb.
Anders als Harris gab Amery der Weltgeschichte eine gute Wendung: Die für die Zukunft Deutschlands so entscheidende Schlacht von Königgrätz, 1866, gewinnen nicht die Preußen, sondern Österreicher und Bayern. Bismarcks Reichsgründung fällt also flach, Bayern wird zur mitteleuropäischen Vormacht, ab sofort herrschen Bierseligkeit, viel Frohsinn und etwas Korruption.
Welch schöner Traum. Der preußische Fanatismus und manche Schrecken des 20. Jahrhunderts wären uns womöglich erspart geblieben - auch Harris'' "Vaterland".
* Robert Harris: "Vaterland". Aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs. Haffmans Verlag, Zürich; 384 Seiten; 39 Mark. * Triumphbogen und Rathaus; Entwürfe von Albert Speer.

DER SPIEGEL 39/1992
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