22.06.1992

Katrin Krabbe: Eine ganz andere Frau

Freudige Überraschung für alle Verehrer der langbeinigen Blondine Katrin Krabbe, 22. Die Sprinterin, 18 Wochen nicht mehr öffentlich gestartet, präsentierte sich am vorletzten Wochenende in Neubrandenburg schöner denn je: in einem neuen Trikot, mit reinem Teint und - erstmals - einem fraulichen Busen. Auch am Schultergürtel, der Hüfte und den Oberschenkeln ist die machtvolle Silhouette harter Muskeln einem weichen Relief gewichen.
Die beiden Delta-Muskeln über den Schultergelenken, früher athletisch und voluminös, sind jetzt modellhaft zart. Verschmälert hat sich auch Katrin Krabbes hintere Kontur, besonders die großen Gesäßmuskeln. Das ist ja eine ganz andere Frau, staunten die Fotografen. Geschätzter Muskelverlust: mindestens vier Pfund.
Katrin Krabbe wurde Anfang Januar von der Heidelbergerin Brigitte Berendonk, Buchautorin und Deutsche Meisterin im Diskuswurf, öffentlich des Anabolika-Dopings bezichtigt, wie es von anderen DDR-Sprinterinnen bekannt war.
Nach ihrer Rückkehr aus einem mehrwöchigen Trainingslager in Südafrika wurde die Leichtathletin vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) wegen "Manipulation von Urinproben" gesperrt. Nachdem der DLV-Rechtsausschuß die Sperre im April aufgehoben hatte, entscheidet nun am kommenden Wochenende der Internationale Leichtathletik-Verband über ihre Olympia-Teilnahme in Barcelona.
Krabbes Trainer Thomas Springstein verkündete, er habe seine Schützlinge "wie immer" vorbereitet. Zur Vorbereitung von Sprinterinnen zählte in der DDR die mehrwöchige Gabe von Anabolika, meist vier Zyklen Oral-Turinabol pro Jahr.
Anabolika sind chemische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Sie sind dafür bekannt, daß sie die Muskelmassen vergrößern, gleichzeitig lassen sie das Unterhautfettgewebe und das konturierende Fett der weiblichen Brust schwinden. Am Kinn, auf der Schulter oder in der Schweißrinne des Rückens _(* Bei der ) _(Leichtathletik-Weltmeisterschaft in ) _(Tokio, beim Sportfest in Neubrandenburg. ) bilden sich bei Anabolika-Gabe häufig verräterische Aknepickel.
Drei bis fünf Monate nach Absetzen des Medikaments klingen erwünschte und unerwünschte Wirkungen ab. Die Mecklenburgerin hat Anabolika-Gebrauch stets bestritten. Trotz monatelangem "Psycho-Streß" trainierte sie intensiv weiter.
Aus dem Trainingslager wurden bereits hervorragende Trainingszeiten berichtet. Es waren jedoch nur Hochrechnungen von Kurzsprints - ähnlich wie vor einem Jahr bei Ben Johnson. Auch vor dem ersten Lauf nach der Sperre des überführten Dopingsünders wurden gute Zwischenzeiten überliefert. Als Johnson jedoch erstmals wieder über 100 Meter lief, war er über sieben Zehntelsekunden langsamer als unter Doping. Für Barcelona konnte er sich nicht qualifizieren.
Katrin Krabbe blieb in Neubrandenburg mit 11,70 Sekunden über 100 Meter genau 0,81 Sekunden (das entspricht 10 Metern) hinter ihrer Bestzeit zurück. Wegen "psychovegetativer Störungen" sagte sie für die Deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in München ab.
* Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Tokio, beim Sportfest in Neubrandenburg.

DER SPIEGEL 26/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Katrin Krabbe: Eine ganz andere Frau