14.12.1992

GerichtsmedizinFingerzeig aus dem Grab

Ein Hamburger Kürschner steht im Verdacht, Leichen in Salzsäure aufgelöst zu haben - gar nicht so einfach.
Vor dem gepflegten Reihenhaus im Hamburger Stadteil Rahlstedt verbreitete vergangene Woche eine Lichterkette am Tannenbaum Vorweihnachtsstimmung, an der Haustür hing ein Adventskränzchen. Nur der umgepflügte Rasen verdarb das idyllische Bild.
Drei Wochen vor Heiligabend hatten Polizeibeamte mit Baggern die Erde im Garten des gelernten Kürschners Lutz Reinstrom, 44, ausgehoben und entdeckt, wonach sie gesucht hatten: eine blaue Plastiktonne, gefüllt mit einer Brühe aus Salzsäure und Überresten der zerstückelten Leiche einer Frau.
Die Fahnder sahen sich letzte Woche auf der Spur einer Reihe von Verbrechen, die Kriminologen schon als Jahrhundertfall erscheinen. Der "Kürschner von Rahlstedt", wie die Boulevardpresse ihn nennt, soll nicht nur die (seit 1986 vermißte) Ehefrau seines Ex-Chefs ermordet und deren Leiche in Säure versenkt haben: Drei Tage zuvor hatten Polizisten im Garten von Reinstroms Ferienhaus in Basedow bei Lauenburg ein weiteres Leichenfaß entdeckt.
Den Ermittlungen zufolge hat Reinstrom, der seit Mai dieses Jahres wegen Menschenraubs hinter Gittern sitzt, vor vier Jahren auch seine ehemalige Freundin getötet, die Leiche zerteilt, in das Faß gesteckt und mit Säure übergossen. Der Täter war bemüht, so scheint es, das perfekte Verbrechen zu begehen - den Mord ohne Leiche.
Die Körper der Opfer waren nicht nur zerstückelt und in Säure geworfen worden, der Täter hatte die Plastiktonnen zudem in Beton gegossen und vergraben. Zum Verhängnis wurde dem mutmaßlichen Mörder, daß die Opfer aus seinem Bekanntenkreis stammten. Durch nicht näher benannte "Hinweise" kam ihm die Polizei auf die Spur. _(* Michel Piccoli in "Trio Infernal". )
Zwei andere Plastikfässer, allerdings nur mit Salzsäure gefüllt, wurden letzte Woche bei Reinstroms Ferienhaus ausgegraben. Die Ermittler prüfen jetzt, ob dem Kürschner noch weitere Mordfälle angelastet werden können, darunter der Tod einer 31jährigen Hamburgerin, deren Leiche im Februar 1991 aus der Elbe geborgen wurde - ebenfalls eine Bekannte Reinstroms.
Obwohl Reinstrom letzte Woche alle Vorwürfe abstritt, reihen ihn Kriminologen schon jetzt in die Galerie berühmter Mörder ein, deren Taten nicht allein durch die Zahl der Opfer bekannt wurden - Berühmtheit erlangten die Unholde vor allem durch besonders makabren Umgang mit den Leichen: *___Der 24fache Knabenmörder Fritz Haarmann aus Hannover ____zerstückelte zwischen 1918 und 1924 die Körper seiner ____Opfer, zum Teil mit einem Fleischwolf, um sie ____anschließend zu vergraben oder in der Leine zu ____versenken; *___John George Haigh wurde 1949 als "Säuremörder" von ____London bekannt; er ermordete und beraubte sechs Frauen, ____löste ihre Leichen in Säure auf und vergrub die ____Überreste in seinem Garten; *___der Hamburger Fritz Honka wurde 1976 wegen der Tötung ____von vier Frauen verurteilt, die er zerstückelt und auf ____seinem Dachboden gelagert hatte; *___der ehemalige US-Soldat Jeffrey Dahmer wurde Anfang ____dieses Jahres in Milwaukee des Mordes an 15 meist ____homosexuellen Männern überführt, deren Körper er in ____seinem Kühlschrank und einem Säurefaß verborgen hatte.
Die Mühen von Mördern, Leichen verschwinden zu lassen, haben immer wieder Krimiautoren und Filmemacher inspiriert. Oscar Wilde ließ den Maler seines Dorian-Gray-Bildnisses durch Salpetersäure beseitigen. Und 1974 lieferte der Film "Trio Infernal" mit Michel Piccoli und Romy Schneider eine detaillierte Anleitung, wie zwei Leichen mit Hilfe einer Badewanne voller Schwefelsäure entsorgt werden können.
Panische Angst, die Entdeckung der Leiche könnte die Fahnder auf die richtige Spur führen, veranlaßt Täter auch zu zwei anderen Methoden, sich der sterblichen Reste ihrer Opfer zu entledigen: einbetonieren und dann versenken.
Im August dieses Jahres entdeckten Kripobeamte bei Hannover die Leiche des 18jährigen Carl-Christian Wilkening, die der Mörder nach Mafia-Art in die Betonwand eines Rohbaus eingegossen hatte. Kaufinteressenten, die das Haus besichtigten, hatten im Keller Leichengeruch bemerkt.
Aus dem Mafia-Milieu stammt auch die - meist erfolglose - Methode, Leichen mit Gewichten zu beschweren und in Hafenbecken oder Flüssen zu versenken. Im Mai letzten Jahres wurde der Leichnam des Bordellbesitzers Friedhelm Strahloff, 47, in einem Hamburger Hafenkanal angeschwemmt - obwohl an den Füßen eine 36 Kilogramm schwere Gehwegplatte befestigt war.
Die meisten Wasserleichen werden trotz solcher Gewichte durch die Faulgase, die bei der Verwesung entstehen, an die Wasseroberfläche getragen - so der Leichnam des Pinneberger Unterweltlers Charly Lienau, den Mafiosi 1984 in eine Tonne einbetoniert und im Hamburger Osterbekkanal versenkt hatten. Ein Gewässerwart endeckte das auf dem Kanal dümpelnde Faß, nachdem es vom Grund aufgetaucht war.
Anderen scheint schlichtes Vergraben effektiver. Sie unterschätzen allerdings das Spürvermögen von Polizeihunden, die Verwesungsgeruch oft noch nach Jahren wahrnehmen und so die Ermittler zum Tatort führen können. Auch im Vorgarten des Hamburgers Reinstrom "schlugen die Tiere", so ein Polizeibeamter, "wie verrückt an".
Manches Opfer gibt, lange nach der Tat, den Fahndern im Sinne des Wortes einen Fingerzeig. So fand der Bonner Kriminalwissenschaftler Hans von Henting schon vor zwei Jahrzehnten in einer Untersuchung heraus, daß die Gebrauchshand des Leichnams, also in der Regel die Rechte, bei flüchtig verscharrten Opfern nachträglich die Bodenschicht durchstoßen und aus dem provisorischen Grab ragen kann. Hauptursache dieses Phänomens, in vielen Ländern der Erde Gegenstand von Trivialmythen, sei die Kontraktion der Muskeln infolge der Totenstarre (SPIEGEL 43/1973).
Um derlei Unbill zu vermeiden, verscharren einige Mörder ihre Opfer nicht direkt nach dem Mord und auch nicht in Gänze. Martina Zimmermann aus Mönchengladbach etwa benutzte zur Zwischenlagerung der Leiche ihres Geliebten eine eigens angeschaffte Tiefkühltruhe. Sie hatte 1983 den von ihr getöteten Hans-Josef Wirtz zunächst mit einer Kreissäge in Stücke geschnitten, dann die Leichenteile teils gebraten, teils gekocht und in Gefrierdosen in der Kühltruhe verstaut, die zehn Monate in ihrem Schlafzimmer stand. Als die Leiche trotz aller Vorsorge dann doch zu stinken begann, verstreute die Mörderin die Einfrierdosen in einem nahe gelegenen Park, wo Stadtgärtner die Leichenteile wenig später entdeckten.
Überführt wurde die damals 28jährige aufgrund der Fingerabdrücke, die trotz Kochens und Einfrierens an den Fingern der Leiche nachgewiesen werden konnten. Außerdem paßten die Gefrierdosen in die Abdrücke, die sie in der Kühltruhe hinterlassen hatten.
Ähnliche Erfolge haben Gerichtsmediziner auch schon mit weit weniger Indizien erzielen können. Die Berliner Medizinerin Maria Unterlöhner berichtet in einer Dissertation ("Defensive Leichenzerstückelung - eine besondere Form der Leichenbeseitigung") von einem Oberschenkel, den Spaziergänger 1967 im Berliner Teltowkanal entdeckten. Ein Grützbeutel auf der Haut des knapp 50 Zentimeter langen Schenkels verriet die Herkunft: Ein 62jähriger Rentner war einen Monat zuvor als vermißt gemeldet worden. Besonderes Kennzeichen: ein "Grießei" am Bein.
Als Täter entlarvte die Polizei kurz darauf einen 74jährigen Handwerksmeister, dem der Rentner zwei Jahre zuvor seinen Laden verkauft hatte und der sich dabei angeblich übers Ohr gehauen fühlte. In der Badewanne des Handwerkers fanden sich laut Polizeibericht Gewebebröckchen von der Leiche des Rentners, der nach dem Mord in dreistündiger Prozedur mit Beil und Messer zerstückelt und anschließend auf verschiedene Gewässer verteilt worden war.
Wenig Erfolgsaussichten haben nach Ansicht des hannoverschen Gerichtsmediziners Hans Dieter Tröger auch jene Mörder, die Leichen verbrennen. "Ein Leichnam verbrennt meist nicht vollständig", weiß Tröger; die Hitzeentwicklung eines normalen Feuers sei zu gering. Mindestens die Knochen blieben als Beweisstücke zurück.
Auf diese Weise wurde vor drei Jahren der Hamburger Pferdepfleger Hans-Joachim Böhnke überführt: Er hatte zunächst seine Frau und dann sein Kind erschlagen und die Leichen im Garten verbrannt. In der verbliebenen Asche identifizierten Kripobeamte später die Knochenreste der Opfer.
Auch der Versuch, durch einen fingierten Brand eine Leiche als Opfer der Flammen hinzustellen, gilt unter Gerichtsmedizinern als wenig intelligent. "Menschen, die im Feuer sterben, atmen kurz vor dem Tod Kohlenmonoxid ein", erklärt Tröger: "Brandleichen ohne Rückstände des Gases im Körper sind daher selten echt."
Moderne Methoden der Rechtsmedizin ermöglichen es, selbst aus kleinsten Geweberesten oder Haaren mit dem Verfahren des "Genetischen Fingerabdrucks" Spuren des Erbmaterials, der sogenannten DNA, nachzuweisen. Verglichen werden die DNA-Abschnitte mit den Genen von Verwandten oder, sofern vorhanden, mit Blut- oder Geweberesten der Ermordeten.
Die Fertigkeiten von Gerichtsmedizinern werden womöglich auch den Kürschner von Rahlstedt überführen. Ihm hat nach Ansicht Trögers vor allem eines gefehlt: Zeit. Die Menge der Säure, mit der Reinstrom seine Opfer übergossen haben soll, habe kaum ausgereicht, vermutet der Hannoveraner Tröger, "um die Leichen in vier oder sechs Jahren so zu zersetzen, daß eine Identifizierung ausgeschlossen ist".
Daß, laut Polizeibefund, "große Teile" der Kürschner-Leichen "zwar angefressen, aber nicht aufgelöst" sind, erklärt Tröger-Mitarbeiter Manfred Wolf damit, daß sich die Ätzwirkung der Salzsäure durch Vermischung mit anderen Stoffen von Jahr zu Jahr vermindere.
Schneller zersetzen lasse sich eine Leiche, so Wolf, "höchstens dann, wenn immer wieder neue Säure nachgegeben oder ständig umgerührt" werde.
* Michel Piccoli in "Trio Infernal".

DER SPIEGEL 51/1992
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