06.09.1993

SlowakeiVerlorene Ahnen

Der Klerikalfaschist Tiso, Präsident des ersten slowakischen Staats, soll rehabilitiert werden.
Tote werden wiederbestattet, Denkmäler gefällt, Straßen umbenannt: Neue Zeiten, neue Staaten brauchen neue Helden. In Osteuropa sind es die ganz alten.
Die Sowjets hatten ihren Vasallen die historische Identität geraubt, jetzt sind die postkommunistischen Länder überall auf der Suche nach der verlorenen Vergangenheit - und geraten prompt wieder auf Abwege. Autoritäre, nationalistische, faschistische Politiker, von den Kommunisten auf den Misthaufen der Geschichte geworfen, werden abgestaubt und wieder aufs Podest gestellt.
In Ungarn findet der Reichsverweser Admiral Miklos Horthy seine Rehabilitierung, in Polen Marschall Jozef Pilsudski, in Kroatien Ustascha-Führer Ante Pavelic, in der Ukraine der Judenschlächter Semjon Petljura: Nur die Slowaken zögern noch, einen historischen Leichnam für die nationale Ahnengalerie zu präsentieren. Das wollte nun ein katholischer Bischof ändern.
Anläßlich der Feiern zum 55. Todestag des slowakischen Vorkriegspolitikers Andrej Hlinka forderte der Diözesanbischof Alojz Tkac die "tschechischen Brüder" auf, sich kollektiv für die Hinrichtung des Pfarrers Josef Tiso am 18. April 1947 zu entschuldigen. Das Todesurteil für den Führer des slowakischen Staates von Hitlers Gnaden hatte CSR-Präsident Edvard Benes, ein Tscheche, unterzeichnet.
Der Vorstoß des Klerikers für seinen mißratenen Amtsbruder entfesselte in der tschechischen Presse einen Proteststurm. Staatspräsident Vaclav Havel wies die Zumutung zurück, denn "Josef Tiso wurde durch ein tschechoslowakisches Gericht verurteilt und nicht durch die tschechische Nation oder den tschechischen Präsidenten".
In der Slowakei indes erhielt der Bischof mit seinem Rehabilitierungsversuch, der gleichzeitig die Tschechen demütigt, viel Beifall. Tiso wird von weiten Kreisen der Bevölkerung nach wie vor als Märtyrer und Symbol slowakischen Unabhängigkeitsstrebens verehrt.
Der bullige Priester war in der Zwischenkriegszeit einer der führenden Politiker in der von Hlinka gegründeten katholischen Slowakischen Volkspartei (HSL'S). Als Hlinka im August 1938 starb, wurde Tiso zum Führer der HSL'S ernannt, die im Kampf gegen die Bevormundung durch Prag zunehmend in den Sog Hitlerdeutschlands geraten war.
Nach der Weisung Hitlers, die "Erledigung der Rest-Tschechei" vorzubereiten, rief Tiso, von Berlin ermuntert, am 14. März 1939 die unabhängige Slowakei aus, die stets ein Satellit des Nazi-Regimes blieb. Tiso trug Verantwortung dafür, daß die berüchtigten Hlinka-Garden 52 000 slowakische Juden in deutsche Vernichtungslager deportierten; nur 284 überlebten.
Seine unrühmlichen Hilfsdienste beim Holocaust sind es auch, die es der Regierung des Nationalisten VladimIr Meciar heute schwer machen, sich zu diesem Vorkämpfer für eine unabhängige Slowakei zu bekennen.
Die jüdischen Bürger, die in Majdanek und Auschwitz umgebracht wurden, "lasten auf Tisos Gewissen, das darf nicht vergessen werden", sagt Kulturminister Dusan SlobodnIk. Andererseits sei es an der Zeit, den Führer des ersten unabhängigen slowakischen Staates "objektiv zu beurteilen". Tiso sei von den Deutschen über die wirklichen Ziele der jüdischen Transporte getäuscht worden.
Als jüdische Augenzeugen slowakische Bischöfe über die grausige Wahrheit aufklärten, habe Tiso den Deportationen unverzüglich Einhalt geboten, "und Hitler hat diese Entscheidung respektiert", so SlobodnIk. Tatsächlich kam es im Sommer 1942 in der Slowakei "zum ersten wirklichen Fehlschlag der ,Endlösung'", so der Holocaust-Historiker Gerald Reitlinger.
Unerwähnt bleibt, daß sich Tiso nach einem Aufstand gegen seine Vasallenregierung 1944 nicht widersetzte, als die SS weitere 18 937 Juden deportierte oder erschoß.
Eine eindeutige Distanzierung von der widersprüchlichen Gestalt des "Vodca" (Führer) will sich aber auch kein Politiker aus der Umgebung des Ministerpräsidenten Meciar leisten.
"Diese Regierung ist nicht die Fortsetzung der slowakischen Regierung von 1939 bis 1945", war alles, was Meciar in seiner Rede zur Feier des Jahrestages des slowakischen Aufstandes, der am 29. August 1944 im Industriegebiet von Banska Bystrica ausgebrochen war, zum Tiso-Regime einfiel.
So wie die Person Tisos sind auch der Aufstand und seine Bedeutung für die slowakische Geschichte bis heute heftig umstritten. An der Erhebung hatten auch der Kommunist Alexander Dubcek sowie sowjetische Fallschirmjäger teilgenommen. Während Meciar mit Präsident Kovac die antifaschistische Rebellion würdigte, wurde auf einem Seminar in Bratislava der Aufstand als nationales Unglück für die Slowaken beklagt.
Die Tagung leitete Bartolomej Kunc, Vizevorsitzender der Christlichsozialen Union, deren Vorsitzender Jan Klepac dem Staatspräsidenten Kovac als Berater zur Seite steht. Das Motto für die reaktionäre Versammlung: "Dies ater", lateinisch für "schwarzer Tag". Y

DER SPIEGEL 36/1993
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