14.12.1992

Escht escht

Die „Fußbroichs“, die erste Reality-Serie mit O-Tönen einer echten Kölner Arbeiterfamilie, haben sich zu einer Kultsendung entwickelt.
Wenn das Fernsehen kleine Leute groß herausbringen möchte, überzieht es oft. Else Kling, die reaktionäre Hausmeisterin aus der Lindenstraße, grantelt übertrieben herum - eine Knallcharge. Ekel Alfred, Wolfgang Menges faschistoide Vogelscheuche aus dem Ruhrpott, bediente zwar die Klischees, die Intellektuelle von Kleinbürgern haben, hatte aber mit der Realität des Lebens am unteren Ende der Gesellschaft wenig zu tun.
Absurd wurde es, wenn sich Großkünstler wie Rainer Werner Fassbinder zum vierten Stand hinunterbeugten. Da wandelte dann Hanna Schygulla wie in Trance durch die Szenen und wollte mit verschleiertem Blick glauben machen, sie passe in eine Arbeiterwohnküche. "Acht Stunden sind kein Tag" hieß die Serie und bewies, daß acht Fernsehstunden, selbst wenn sie vom großen RWF stammen, nichts als Fernsehen sind.
Bei den "Fußbroichs" ist alles anders. Was Vater Fred, der Schichtmeister in einer Kabelfabrik, Mutter Annemie, Büroangestellte bei der Stadt, und Sohn Frank, der Schlosser, sowie dessen Freundin Pia über Gott und die Welt zum besten geben, erscheint zwar auf dem Bildschirm, ist aber alles echt, eben "escht escht", wie die Mitglieder der Kölner Arbeiterfamilie sagen würden.
Vor 13 Jahren besuchte die Filmemacherin Ute Diehl im Auftrag des WDR zum ersten Mal die Fußbroichs in ihrer 68 Quadratmeter großen Genossenschaftswohnung in Köln-Buchheim. Damaliges Ziel der TV-Frau: durch bloße Kamerabeobachtung herauszubekommen, welche "Spuren die Gesellschaft im Alltag hinterläßt". Geduldig verkroch sich das dreiköpfige Team in die Küche, hielt stumm die Kamera hin. Da kamen zwar manchmal die Fußbroichs herein, aber nicht die Gesellschaft samt Spuren. Der so entstandene Film begeisterte allenfalls Doku-Freaks.
Ein Jahrzehnt später jagte die Filmemacherin zwar immer noch die Banalität des Alltags. Aber sie hatte erkannt, daß ein solches Unterfangen Unterhaltung nicht auszuschließen brauche. Diehl entsann sich der Fußbroichs, animierte sie, vor der Kamera über Traumautos und Türken zu sprechen, ging mit zu den Beerdigungen der Omas, schlich sich ein, wenn Kaffeeklatsch oder die Urlaubsreise anstanden.
Als im vergangenen Jahr die erste Staffel mit fünfmal 30 Minuten aus dem Leben der Fußbroichs in West III lief, entwickelte sich die "einzig wahre Familienserie" (WDR-Ankündigung) zu einem unerwarteten Erfolg: sechs Prozent Einschaltquote, viel für ein Drittes Programm. Es folgten der Adolf-Grimme-Preis für Diehl und jede Menge Rummel um die Arbeiterfamilie in der Kölner Lokalpresse.
Diesmal sind die Erwartungen groß, wenn der Kölner Sender von diesem Samstag an jeweils zu Beginn des Abendprogramms die erste Staffel wiederholt und dann vom zweiten Weihnachtsfeiertag an sieben neue Folgen zeigt. Die Fans werden nicht enttäuscht werden.
Denn der pausenlos redende Vater Fred, mit Halskettchen und in kakadubuntem Trainingsanzug, bietet wieder mal alles, was die Fußbroich-Gemeinde so wohlig an ihm verabscheut: "Watt willste mit Englisch", quengelt er seine Frau an, wenn die ihm gerade ihre frischen, noch nicht ganz korrekten Kenntnisse aus dem Volkshochschulkursus ("Me name is Annemie") vorträgt, "im Urlaub schpreschen se all deutsch." _(* Fred, Annemie, Frank, Pia, auf dem ) _(Balkon der Kölner Wohnung. )
Wenn sich die Frau unter der Sonne von Rhodos den Schlagerklängen aus dem Walkman hingibt, hört man ihn trocken sagen: "Du wirst immer jecker." Für Beziehungen hält der unglaubliche Fred geradezu klassischen Rat bereit: "Wenn et klappt, dann klappt et."
Seitensprünge kommen bei ihm nicht in Frage, nicht nur wegen der Treueideale, sondern aus Mangel an Gelegenheit: "Dat is schwer bei de Arbeit mit Wechselschischt." Wenn er sich dann noch feinfühlig erinnert, daß ihm die Annemie gleich aufgefallen sei, weil sie "Holz inne Bluse" hatte, dann ist die Frau, den Tränen nahe, "am Platzen".
Das von Diehl belauschte Dauerparlando über Partnerschaft, neue Couch und Bodybuilding stellt keine kleinen Leute bloß, auch keine Proletarier in den TV-Zoo. Familie Fußbroich macht vielmehr jene Banalität sichtbar, die vermeintlich bessergestellte Menschen vor der Kamera gerade vermeiden würden. Weil Fred, Annemie und Frank den Zuschauern Grundwahrheiten des Lebens ungekünstelt, ohne medientypisches Selbstdarstellungsgehabe vermitteln, lacht das Publikum wie befreit.
Kein Wunder, daß sich der Ruhm der originellen Original-Familie unaufhaltsam verbreitet: Nicht nur in Köln, sondern auch unter Studenten in Freiburg gibt es Fanklubs. Im kommenden Jahr soll die Serie bundesweit ausgestrahlt werden - mit Untertiteln.
Vater Fußbroich hat der Filmemacherin Diehl beim Dreh schon mal eine gefährliche Variante des Ruhms ausgemalt: "Sie kriejen de ,Oscar'' un wir de Scheidung."
* Fred, Annemie, Frank, Pia, auf dem Balkon der Kölner Wohnung.

DER SPIEGEL 51/1992
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