30.03.1992

Wenn der Trennjäger kreischt

Unter dem Namen „Herbert der Säger“ narrt ein gerissener Erpresser seit anderthalb Jahren Polizei und Bundesbahn. Der Unbekannte zersägt Intercity-Gleise, zerbombt Schließfächer und riskiert, Hunderte von Menschen zu töten. „Dieser Fall“, prophezeit ein Hamburger Fahnder, „wird in die Kriminalgeschichte eingehen.“
Alle hatten gehofft, sie wären ihn los: Das Landeskriminalamt hatte seine Sonderkommission aufgelöst, die Bundesbahndirektion Hamburg war zum üblichen Trott zurückgekehrt. Aber dann passierte es, nachts um 2.56 Uhr, im Bahnhof Hamburg-Harburg.
Die Bombe lag in Schließfach Nummer 28. Als sie, vor vier Wochen, hochging, schoß eine Tür 80 Meter weit durch die Luft, in der Umgebung platzten Schaufenster und Glasdächer, übrig blieb ein Trümmerhaufen.
Die Polizei rätselte, wer der Täter gewesen sein könnte. Auch Experten von der Bahn konnten sich keinen Reim machen: "Wir sind nicht erpreßt worden", sagte ein Sprecher tags darauf.
Irrtum: Die Bombe war ein Gruß von einem alten Bekannten. Seit dem Anschlag ist Herbert wieder präsent - Herbert, den alle zuvor nur "den Säger" genannt hatten. Tage nach der Explosion erhielt die Bahn Post von ihm, einen Brief mit dem Schlüssel von Schließfach 28.
Seit anderthalb Jahren schon erpreßt Herbert der Säger die Bahn. Anfangs wollte er zwei Millionen Mark, nun hat er in etwa verdoppelt. Die Bundesbahn will zahlen, so verkündet sie offiziell. Herbert ist der gewiefteste Erpresser, mit dem sie es je zu tun hatte.
Seine Geiseln sind alle, die in Deutschland Bahn fahren. Mehrfach hat _(* Oben: Text auf Wunsch der Polizei ) _(geschwärzt; unten: nach einem Anschlag ) _(von Herbert-Vorbild "Monsieur X" 1977 ) _(bei Freiburg. ) Herbert bewiesen, daß er Züge fast nach Belieben entgleisen lassen kann, indem er meterlange Stücke aus den Gleisen sägt. Bisher hat er seine Anschläge allerdings stets so geplant, daß kein Mensch getötet oder verletzt wurde.
Jetzt aber scheint Herbert die Geduld auszugehen. "Der nächste Zug", schrieb er nach der Bombenexplosion, "geht bestimmt hoch." Die Polizei nimmt die Drohung ernst: "Dieser Fall", weiß der Hamburger Kriminalhauptkommissar Dankmar Lund, 48, "wird in die Kriminalgeschichte eingehen."
Selten war ein Krimineller so nahe dran am perfekten Verbrechen. Vor allem aber zeigt Herbert, wie anfällig und erpreßbar die Bahn ist.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1990 beginnt die Serie. Herbert sägt ein 1,41 Meter langes Stück aus einem Gleis von Hamburg nach Glinde und dazu ein 35 Zentimeter langes Stück aus einem Gleis beim nordniedersächsischen Tostedt. Beide Linien werden nur von Güterzügen befahren.
Drei Tage später landet der erste Brief bei der Bahndirektion Hamburg - maschinengeschrieben und eingeworfen in Hamburg, wie die meisten der anderen, die noch folgen werden. Der Erpresser fordert zunächst zwei Millionen Mark, gezeichnet: "Herbert". Die Bahn hält still, die Polizei soll ungestört ermitteln können.
Fünf Tage später legt Herbert nach. Diesmal trifft es den Stolz der Bahn - die Linie des Intercity-Express, ICE, von Göttingen nach Würzburg. In einem Tunnel bei Jühnde sägt Herbert ein 1,74 Meter langes Stück aus dem Gleis.
Die Strecke ist noch im Bau, der ICE fährt dort noch nicht. Nebenbei jedoch zerschneidet Herbert ein Signalkabel. Dadurch wird ein Bautrupp alarmiert; die Männer rücken mit ihrem Arbeitszug an - und entgleisen prompt im Tunnel. Sachschaden: 100 000 Mark. Herbert sei, so der Kriminalbeamte Lund, "schon sehr, sehr clever".
Wer eine ICE-Strecke bei Göttingen zerstört, kann das auch dort, wo die Renner mit 750 Fahrgästen voll besetzt dahinjagen: Die Bundesbahn entschließt sich zu zahlen. Wie von Herbert gefordert, signalisiert sie über eine unverfängliche Meldung in Bild ihre Kapitulation.
Herbert antwortet mit einem Brief und raffinierten Anweisungen für die Geldübergabe: Per Telefon-Klingelzeichen will er den Boten lotsen. Wenn der Säger zu einer bestimmten Zeit auf einem bestimmten Apparat der Bahn anruft, so seine Order, darf niemand abheben. Die Bundesbahner sollen nur zählen, wie oft es klingelt.
Jede Zahl bedeutet ein anderes Ziel, einen anderen Zug, den der Bote zu besteigen hat. Irgendwo unterwegs dann will Herbert per Funk ein Zeichen geben. Daraufhin soll der Bote den Geldkoffer aus dem Zug werfen.
Solange niemand abhebt und keine Verbindung zustande kommt, ist eine Fangschaltung unmöglich: "Der ist nicht dumm", ärgert sich Ermittler Lund, "der weiß genau, was läuft." Außerdem kann die Polizei so Herberts Stimme nicht aufzeichnen. Mancher Erpresser wurde gepackt, weil seine Anrufe mitgeschnitten und per Radio und Fernsehen verbreitet wurden, bis jemand die Stimme erkannte.
Einem Bahn-Attentäter, der sich "Monsieur X" nannte, verhalf der Mitschnitt seiner Stimme 1979 zu lebenslanger Haft wegen versuchten Mordes und räuberischer Erpressung. In einem reinen Indizienprozeß befanden die Richter, die Stimme auf dem Band sei exakt "der Tonfall, die Art des Sprechens, das kurze Lachen des Angeklagten".
"Monsieur X", der in Wirklichkeit Hermann Kraft hieß und im Hauptberuf mit Aquarienzubehör handelte, schlug Ende der siebziger Jahre zwölfmal zu. Um 250 000 Mark zu erpressen, ruinierte er Strecken und Züge im Wert von drei Millionen Mark. So ließ er 1977 den Italia-Expreß entgleisen.
Herbert scheint auch die Erfahrungen anderer Vorgänger studiert zu haben. Beispielsweise baute er in seinen Klingel-Code diverse Umsteige-Signale ein: Kommt auf der Strecke nicht das Zeichen für den Abwurf, so Herberts schriftliche Anweisung, hat sich der Bote jeweils an einem bestimmten Schalter im Zielbahnhof zu melden. Dort werde wieder das Telefon klingeln und ihn in eine andere Richtung dirigieren. "Der schickt uns durch ganz Norddeutschland", schimpft Polizist Lund.
Diese Taktik schützt Herbert vor dem, was Fahnder den "Ausputzer" nennen - eine Polizeimethode, die bereits im August 1970 erprobt worden ist.
Damals schickte ein Erpresser einen Geldboten mit dem Trans-Europ-Express "Parsifal" von Hamburg nach Paris. Auch er sollte auf ein Signal hin das Geld abwerfen. Kurz hinter Parsifal aber rollte der Ausputzer: ein Sonderzug mit drei Anhängern, voll mit Polizisten und Fährtenhunden. Hätte der Erpresser das Zeichen gegeben, hätten Minuten später die Handschellen geklickt. Doch offenbar hatte er Wind von dem Manöver bekommen und muckste sich nicht.
Meist kontrollieren Hunderte von Polizisten die Strecke, auf der das Geld abgeworfen werden soll. "Da steigen wir gleich immer voll ein", meint Norbert Stark vom Polizeipräsidium Niederbayern, wo Gangster es häufiger auf diese Tour versucht haben. Herbert aber kann an fast jedem der rund 27 000 Bundesbahnkilometer stehen und den Boten zu sich lotsen.
Am 16. November 1990 klingelt das angegebene Telefon, Herberts Startzeichen für die Übergabe. Der Bote macht sich auf den Weg. Alles läuft, wie der Säger es geplant hat. An einer Stelle in Norddeutschland funkt er das Kommando zum Abwurf. Dann wird die Aktion, so wie Polizisten sie darstellen, zur Groteske.
Der Geldbote, ganz allein mit den Millionen, reißt eine Tür des fahrenden Zuges auf und versucht, den Koffer abzuwerfen. Ausgerechnet in diesem Moment spazieren so beherzte wie ahnungslose Fahrgäste durch das Verbindungsabteil zwischen den Waggons. Sie sehen den Boten an der Tür, denken, der Mann wolle sich umbringen - und zerren ihn samt Koffer zurück.
Der Bote kann sich loswinden, doch zu spät: Er wirft den Koffer zur Tür hinaus - direkt vor das Führerhaus eines Zuges, der in diesem Augenblick aus der anderen Richtung mit Karacho entgegenkommt. Der Koffer platzt, der Fahrtwind zweier Züge bläst die Millionen wie Konfetti übers Land. Herbert aber erscheint nicht, um das Geld langsam aus den Büschen zu klauben. Statt dessen müssen später Polizisten die Scheine einsammeln.
Immerhin, so die Polizei, habe sie echtes Geld abgeworfen. Das ist nicht üblich: Einem Bahn-Erpresser in Saarbrücken, der anderthalb Millionen Mark gefordert hatte, drehten Beamte 1000 Mark und etliche Pfund Papierschnipsel an, bevor sie ihn festnahmen.
Die verpatzte Übergabe scheint Herbert zu ärgern: Am 3. Dezember gegen 3.30 Uhr sägt er die Intercity-Strecke von Hamburg nach Hannover an.
Es kommt nur nicht zur Katastrophe, weil zunächst ein Güterzug über das zersägte Stück rumpelt. Da dessen vierachsige Waggons die Gefahrenstelle überbrücken können, entgleist er nicht.
In berechtigter Angst signalisiert die Bahn erneut Zahlungsbereitschaft. Die "Sonderkommission Herbert" hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung.
Mancher Erpresser entging zwar den Fahndern, stolperte aber über einen Zufall. So hatte Mitte der sechziger Jahre ein schon legendärer Attentäter mit dem Pseudonym "Fantom Roy Clark" sechs Anschläge verübt.
Die Fahndung nach ihm kostete ebensoviel, wie der Mann haben wollte - 700 000 Mark. Und sie forderte mehr Opfer als die Sabotageakte: Ein Polizist verletzte sich schwer bei einem Autounfall; ein Verdächtiger erlitt während der Vernehmung eine Herzattacke; ein anderer, schon vorher herzkrank, starb drei Tage nach einem Verhör.
Doch gefangen haben die Beamten "Roy Clark", weil er mit seinem Goggomobil in eine Kontrolle geriet. Bei Überprüfung der Personalien stellten die Polizisten fest, daß die Handschrift ihres Goggofahrers Ähnlichkeit hatte mit der in den Briefen des "Roy Clark".
Solche Lässigkeiten hat sich der Säger bislang nicht geleistet. Die "Soko Herbert" weiß kaum mehr, als daß ihr Gegenspieler einen sogenannten Trennjäger benutzt, eine Art hochfrisierter Kreissäge. Die runde Scheibe treibt ein Zweitaktmotor, der wie ein Rasenmäher per Reißleine angeworfen wird.
Mit einem solchen Werkzeug können schon begabte Heimwerker ein Inferno bei der Bahn auslösen, die verwundbarer ist als jede Fluggesellschaft. Der Trennjäger, ein handelsübliches Gerät, kostet in der kräftigen 6-PS-Version eines deutschen Herstellers rund 1900 Mark. Die Halterung, mit der die Maschine am Gleis fixiert wird, könnte jeder Schlosser zusammenschweißen.
Den Trennjäger kann ein Mann allein bedienen und an abgelegene Stellen tragen. Das muß sein, denn das Kreischen der Schleifscheibe ist nachts über Kilometer hinweg zu hören. Verräterisch ist zudem der gleißende, lange Funkenstrahl. "Im Sommer müssen wir aufpassen", so ein Gleisbauer, "daß wir nicht die Böschung abflämmen." Das erklärt Herberts Vorliebe für Tunnels.
Auch das herausgetrennte Gleisstück könnte ein einzelner beiseite schaffen. Ein Meter davon wiegt etwa 60 Kilogramm - mit einer Brechstange kein Problem. Deshalb kann die Polizei auch nicht wissen, ob Herbert ein Einzelgänger oder eine Bande ist.
Für solche Verbrecher gibt es nur ein ernstes Problem - die Geldübergabe. "Wir kriegen jeden Erpresser", sagt deshalb Kriminaldirektor Michael Weiß, 53, Chef der "Soko Herbert". Das sei, so der Polizist, "nur eine Frage der Zeit". Aber die Zeit, die sich Herbert zum Beispiel genommen hat, hätte schon für viele Tote gelangt.
Ein Glück für Bahn und Fahrgäste, daß es bisher meist Trottel versucht haben. So fingen Polizisten in Heidelberg im Januar einen 28jährigen Maurer, der mit Anschlägen auf Gleise gedroht hatte. Der Amateur rief mehrmals aus derselben Telefonzelle an. Die Beamten mußten ihn dort nur noch abholen. So schlicht ist Herbert nicht beizukommen.
Ende Dezember 1990 scheitert die zweite Geldübergabe. Die Bahn hatte ihre Zahlungswilligkeit, wie verlangt, über eine Meldung im Verkehrsservice des Norddeutschen Rundfunks (NDR) verkündet: Ein "Herbert Klein" möge sich in Hamburg melden.
Der Verbrecher scheucht den Boten von Hamburg über Würzburg nach Itzehoe. Doch das Abwurfsignal, ein gelbes Licht, konnte der Bote auf der ganzen Strecke nicht entdecken.
Die "Soko Herbert" hat noch keine Ahnung, mit wem sie es zu tun hat. "Über Herberts Psyche können wir nur spekulieren", meint Kripo-Mann Lund. Einiges deutet darauf hin, daß Herbert ein Eisenbahner sein könnte.
"Seine Briefe", meint Fahnder Weiß, "sind gespickt mit Insider-Informationen." So weiß Herbert etwa, in welchem Dienstraum der Bahn in Norddeutschland welches Telefon steht. Seine Klingelzeichen gibt er direkt über die Durchwahlnummern.
Monatelang passiert nach der geplatzten zweiten Geldübergabe erst mal nichts - bis Ende April vergangenen Jahres: Wieder setzt Herbert seinen Trennjäger an ein Intercity-Gleis. Ein Zug, mit dem Bahner sachte Strecken und Maschinen testen, holpert über die Lücke und wird leicht beschädigt. Dann ist wieder monatelang Ruhe.
Die Ermittler können sich die langen Pausen nicht erklären. Womöglich ist Herbert ein Angestellter mit 30 Tagen Jahresurlaub und hat deshalb wenig Zeit, seine Attentate zu planen.
Anfang Oktober 1991 bringt der Säger sich in Erinnerung. Auf einer Nebenstrecke bei Peine entgleist ein Zugwaggon, Sachschaden: 25 000 Mark. Ende des Monats scheitert die dritte Geldübergabe. Der Bote will wieder kein Abwurfsignal entdeckt haben.
Damit scheint der Fall Herbert erledigt - bis vor vier Wochen die Schließfach-Bombe detoniert. "Ich kann nicht nur sägen", begründet Herbert im Bekennerbrief den Wechsel seiner Technik und verdoppelt die Forderung.
Die wieder mobilisierte "Soko Herbert" tappt im dunkeln. Die Bahn beteuert erneut via NDR, sie wolle zahlen: "Herbert, bitte antworten Sie!" Aber die Polizei läßt Herbert über Zeitungen wissen, daß sie auf seine Übergabemethode nicht mehr eingehen mag. "Wir werden nicht Geld aus der Bahn werfen, das dann nirgendwo ankommt", sagt Kripo-Mann Lund.
Herbert besteht auf seiner Methode und droht am vergangenen Dienstag in einem Brief an das Hamburger Abendblatt: "Von heute an geht alles auf das Konto der Bullen."
Die Beamten bleiben hart und riskieren, daß Herbert die Geduld verliert, durchdreht und doch noch einen Intercity in den Graben rasen läßt.
Vorerst warten die Polizisten auf weitere Vorschläge von Herbert. Kripomann Lund: "Er ist jetzt am Zug."
* Oben: Text auf Wunsch der Polizei geschwärzt; unten: nach einem Anschlag von Herbert-Vorbild "Monsieur X" 1977 bei Freiburg.

DER SPIEGEL 14/1992
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