29.06.1992

Aufstand im Kinderzimmer

Er soll ja besser sein als der erste", sagt die 14jährige Maria, die mit ihrer Freundin vor dem Loew''s-Kino am Broadway ansteht und nur millimeterweise vorrückt in der Schlange, die sich vor der Kasse gebildet hat. Obwohl sie an diesem Wochenende mithelfen wird, einen Rekord zu brechen, klingt sie nicht gerade begeistert. Es klingt wie: mitmachen und absitzen. Hier wird kein Fest angesteuert, sondern eine Hypnose.
Für Maria steht der Termin seit Wochen fest, auf einem Plakat, drei Stockwerke hoch über dem Times Square, schwarz auf gelb: Gummi-Ohren, leerer Blick, Augenmaske: "Batman kehrt zurück". Der Film.
Batman, die Geldmaschine, spuckt wieder. Bereits im ersten Anlauf vor zwei Jahren hatte der Mann mit der Fledermausmaske Platz sechs in der Liste der gewinnträchtigsten Filme aller Zeiten geschafft. Nun spielte die Fortsetzung schon am ersten Wochenende 46,5 Millionen Dollar ein. Weltrekord.
Da bereits beim ersten Durchgang die Kritiken eher flau auf einen teuren, schlechten Film reagiert hatten und die Zuschauerreaktionen nach den Vorstellungen überaus gedämpft waren, kann es sich bei der Batman-Hysterie nur um etwas handeln, das jenseits des Kinos liegt. Vielleicht ist das eine Erklärung: Batman ist kein Film, sondern ein amerikanischer Trance-Zustand. Ein Selbstgespräch des kollektiven Unterbewußtseins.
Eine neuere Umfrage gibt Aufschluß. Über 90 Prozent aller Amerikaner glauben, daß Gott sie liebt. Es gibt, vom Iran abgesehen, kein religiöseres, kein gottesfürchtigeres Volk auf Erden und keines, das derart an die eigene Sendung glaubt. Amerikanische Kinder wachsen auf mit Schulgebet und Gottesdienst und dem Wissen, daß die Welt zweigeteilt ist: Hell und Dunkel, Licht und Schatten, Gut und Böse. Und dazwischen: eine gewaltige Mauer.
Natürlich möchten alle Kinder zu den Guten gehören. Aber natürlich ahnen sie auch, daß es jenseits der Mauer eine Menge Spaß gibt.
Natürlich möchten alle in den Himmel. Aber die Hölle hat auch ihre Reize. Barbecue im Vorgarten ist ganz nett. Aber ein psychotischer Amoklauf durch die Schattenwelt, das hat auch etwas. So sammeln amerikanische Kinder nicht nur Karten von Lichtgestalten, sondern auch von Teufeln: von Baseballhelden und Serienmördern.
Alle amerikanischen Kinder seit 1939 sind mit Batman groß geworden. Der Fledermaustyp mit der tragischen Kindheit ist ein schüchterner einsamer Mensch, der sich verwandelt, wenn er sich die Maske überstülpt. Dann ist er von einem besessenen Sendungsbewußtsein. Dann pflügt er mit seinem Technoschnickschnack durch den Sündenpfuhl Gotham City, ein expressionistisch-verfratztes Nacht-New-York, und erlöst die Bürger von ihren Alpträumen. Batman, tagsüber braver Bürger, ist der Lotse durch die Schattenwelt, ist, analytisch gesprochen, ein klassischer Borderline-Fall. Er trifft den Nerv des amerikanischen manichäischen Weltgefühls.
Die Werbeschlacht um den ersten Batman-Film war gleichzeitig teuer und minimalistisch. Sie reduzierte alles auf das Emblem: gezackter Fledermaus-Umriß, schwarz auf gelb - ein Brandzeichen für die dunklen, riskanten neunziger Jahre. Für den zweiten Teil konnte Warner Brothers die Kampagne erheblich zurückfahren. Batman, der Kinomythos, war etabliert.
Batmans Rückkehr beginnt, wo der erste Teil aufhörte. Batmans Erlösungsmission gegen den Übergangster Joker hatte keinen dauerhaften Erfolg. Das Böse ist in der Welt wie die Erbsünde und zur ewigen Wiederkehr verdammt. Diesmal erleben wir den Sündenfall, die Vorgeschichte des neuen Gegenspielers, des Pinguins.
Die Welt ist ein dunkler, unbarmherziger Ort, durch den eisiger Wind grauen Schnee treibt. Im Schloß der Cobblepots fällt Weihnachten entsprechend förmlich aus. Man stößt unter einem großen Baum mit Champagner an. Man trägt Monokel im harten, bösen Gesicht und schaut mißmutig auf die Käfigkiste, in der der Jüngste rappelt. Frohe Weihnachten - heute wird die Mißgeburt ertränkt.
Verladen wird der Unglückswurm, der mit schwarzen Flossen zur Welt kam, in einen altmodischen Kinderwagen, zum Weiher hinaus verbracht, ein gelber Blick über die Schulter, die Luft ist rein, nichts wie weg mit dem Ungeheuer.
Eisgraue Wellen tragen das Korbgeflecht davon, hinab in die Kanalisation, Choräle schmettern, das Kind ist abgetrieben, fortgetragen übers Meer und schließlich angespült an arktische Gefilde. Pinguine adoptieren den Kleinen. Doch er wird wiederkehren, böse geworden durch das Unrecht, das ihm widerfahren ist. Und er wird Gotham City beherrschen. Sein Name, na klar: Der Pinguin.
33 Jahre später. Pinguins Welt ist ausgeschildert wie Disneyland. Sie liegt in Gotham Citys Untergrund, in der Kanalisation. Pinguins Reich heißt "Arctic World". Ein eisiges Disneyland, ein tiefgefrorener Jahrmarkt, beherrscht von Kindern, die in ihren Spielen wie erstarrt sind: Pinguin, das böse, unschuldige Monster, umgibt sich mit mörderischen Clowns.
Mit Maschinengewehren und Feuerwerfern sprengt Pinguins Horde Gotham Citys Weihnachtsfest vor dem Rathaus. Die Menge flieht in Panik. Schaufenster klirren. Ein Geschäft brennt. Es ist ein Spielzeuggeschäft - ein dicker, großer, brauner Teddybär wird angezündet. Und merkwürdig: In dieser überdrehten, nachtdunklen Phantasmagorie wirkt das Massakrieren des Teddybären schauriger als die Verluste unter den Bürgern von Gotham City.
Wie schon der erste Film ist auch dieser ein Alptraum, der von einem Kind geträumt wird. Ein gigantischer Aufstand im Spielzimmer, eine anale Rebellion gegen den Zwang zu Reinlichkeit, Ordnung und Tugend - diese Rebellion hat nach vorsichtigen Schätzungen um die 75 Millionen Dollar gekostet.
In seiner Bathöhle sitzt Batman über blaublakenden Monitoren. Sein Butler serviert ihm kalte Nouvelle-Cuisine-Suppen. Batman hat Gallenfalten. Das ist ungefähr alles, was wir über Batman erfahren. Dafür sind uns die technischen Details seines Batmobils geläufig: Panzerplatten, Bordcomputer, versenkbare Räder, Raketenantrieb. Szenenapplaus bekommt nicht Batman, sondern sein Auto, das seine Verlängerung ist. Batman ist eingesperrt in seine Maske, eingesperrt in seine Höhle, eingesperrt in sein Auto wie in einen Sarkophag. Batman - eine Zwangsvorstellung. _(* Michelle Pfeiffer, Danny De Vito. )
Batman-Darsteller Michael Keaton kommentierte seine Rolle mit den treffenden Sätzen: "Der Film ist wie eine Party, die Regisseur Tim Burton geschmissen hat und zu der ich den Gastgeber mimen sollte. Amüsiert haben sich die anderen." Amüsiert hat sich Danny DeVito in seiner Pinguin-Rolle, und amüsiert hat sich ganz sicher Michelle Pfeiffer als Catwoman.
Sie ist es, die die Chemie des Films verändert, von einer sinnlosen, düsteren Zerstörungsorgie zu einer Liebesgeschichte zweier verkrüppelter Schattenwesen. Sie ist Selina Kyle, Sekretärin eines Geschäftsmannes (Christopher Walken), der in schmutzige Schiebereien um Atomkraftwerke verwickelt ist. Sie stellt ihn. Er stürzt sie aus dem Fenster. Sie wird gerettet. Von Katzen.
Selina lebte bis dahin das ganz normale, miese, einsame Großstadt-Angestelltenleben: auf dem Anrufbeantworter nur die Stimme ihrer tyrannischen Mutter, Überstunden am Heiligabend, Schuhe mit flachen Absätzen und der Freund beim Analytiker. Sie ist das geschundene Opfer. Ihr Sturz, ihre Bewußtlosigkeit ist der Schritt in eine andere Persönlichkeit. Wie in Trance kehrt sie zurück in ihre Wohnung. Sie zerschlitzt ihre Stofftiere, zertrümmert ihre Puppenstube, zerstört ihr Apartment, ihre Vergangenheit - und verwandelt sich in die Katzenfrau.
Nun ist sie es, die Tritte verteilt. Sie schlägt zurück. Sie jagt die Giftfabrik ihres einstigen Bosses in die Luft. Sie ist sexy und gefährlich, und sie haßt Batman. Um ihn zu zerstören, macht sie sich den Pinguin gefügig. Sie ist gleichzeitig ein feministisches Wunschklischee und eine Macho-Projektion - eine Wahnsinnsfrau im schwarzen Lacktrikot, die Batman und den Rest der schlappen, verbrecherischen Männergesellschaft mit links besiegt.
Sie kämpft mit Batman und liebt dessen Alter ego, Bruce Wayne. Ihre Flirts sind Duelle und Duette gleichzeitig. Sie haut ihm die Krallen in die Seite und streichelt ihm die Wunde bei einem Tete-atete vor dem Kaminfeuer. Michelle Pfeiffer turnt ihre Flic-Flacs durch den dunklen Metropolis-Wahn, und für Minuten nimmt der Film tatsächlich eine Art Handlungsbogen auf, tankt Geschichte und Erotik.
Nun funktionieren auch die surrealen Späße Tim Burtons. Pinguin, die Mißgeburt, will die Welt für das Unrecht büßen lassen, das sie ihm angetan hat. Er rächt sich mit dem Weg durch die Institutionen - er kandidiert als Bürgermeister. Die Imagekampagne, die sein Gangsterfreund für ihn koordiniert, ist erfolgversprechend. Regisseur Burtons Kommentar zum Präsidentschaftswahljahr: So einfach, so plump sind Stimmen zu gewinnen.
Batman vereitelt Pinguins Plan in letzter Sekunde. In einem wahnwitzigen Finale erleben wir eine Armee dressierter Pinguine, die mit Dynamitstangen auf dem Rücken einer bombastischen Explosion entgegenwatschelt. Der Bösewicht fährt auf dem Kopf einer überdimensionierten Gummi-Ente in den Abgrund.
Burtons Humor ist schwarz. Er zeigt Freaks, Mißgeburten, Entgleisungen. Er bereitet Fellini auf für die Video-Clip-Generation. Er übernimmt Fellinis Lust an Masken, an Clowns, an der Welt der Artisten - allerdings ohne dessen Menschenliebe, dessen Klugheit. Wo Fellini die Seelenlandschaft erkundet, inszeniert Burton Geisterbahnfahrten. Wer aus Fellinis Filmen kommt, ist wach und bereit für Wunder. Aus Tim Burtons Kino schleicht man wie aus einem Alptraum. Die Welt - verwüstet von Kindern, die dazu verdammt sind, sich immer weitere, immer bösere Spiele auszudenken.
In dieser Welt wird auch Batman ein weiteres Mal zur Stelle sein. Maria jedenfalls, die mit ihrer Freundin wie erschlagen aus dem Kino trottet, sieht es so: "Batman sollte als Präsident kandidieren - den würde ich sofort wählen."
* Michelle Pfeiffer, Danny De Vito.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 27/1992
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