07.06.1993

Die Mauer wieder höher gezogen

Die Mauer steht immer noch, unsichtbar zwar, aber dennoch deutlich zu spüren. "Wie ein Kainsmal", klagt Olympiasieger Roland Matthes, trügen die Athleten der Ex-DDR ihre Dopingvergangenheit im wiedervereinigten Sport. Die Haut der Sportler, so der 1989 in den Westen gewechselte Schwimmer, werde immer "dünner". Jeder wisse, daß überall in Deutschland gedopt wurde - verfolgt und angeklagt würden aber vor allem die Ostathleten.
Nicht nur die alten, auch die aktuellen Doper aus der ehemaligen DDR sehen sich als Opfer scheinheiliger Westler: Die Magdeburger Schwimmerin Astrid Strauß kämpft gegen ihre Dopingsperre, indem sie darauf verweist, daß zwei Aachenerinnen schnell begnadigt wurden; die Neubrandenburger Sprinterinnen um Weltmeisterin Katrin Krabbe vermuten eine Hexenjagd, die der Kölner Dopingfahnder Manfred Donike veranstaltet habe.
Das Drogenproblem verhinderte bisher jene Annäherung von Ost und West, die Funktionäre so gern beschwören. Jetzt dürfte die Mauer des Mißtrauens noch höher werden. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nährte leichtfertig den Verdacht, mit zweierlei Maß zu messen: Nur zwölf Monate nach seinem Dopinggeständnis läuft ein westdeutscher Mittelstreckler wieder Bestzeiten - der DLV schaffte den Fall klammheimlich aus der Welt.
Im September 1991 ließ sich Thomas Kreutz mindestens dreimal, so gab er zu, "Testoviron" spritzen. _(* Am 16. Mai in Trier. ) Weitere Dosen des muskelaufbauenden Hormons sollte ihm ein Sportarzt verabreichen, den er unter dem Vorwand "erheblicher Hodenschmerzen" aufsuchte. Das Mittel hatte er gleich mitgebracht - der Doktor weigerte sich aber.
Als Doping und Versuch publik wurden (SPIEGEL 22/1992), kündigte der DLV vollmundig eine konsequente Verfolgung an. Doch als das öffentliche Interesse an Kreutz nachließ, weil Katrin Krabbe zum zweitenmal beim Dopen erwischt worden war, fand der DLV-Rechtsausschuß eine geräuschlose Lösung: Er sperrte Kreutz für nur acht Monate.
Das Urteil wurde aus gutem Grund nicht veröffentlicht - es widerspricht den Statuten. Auch wurde der Fall, anders als bei Krabbe, nicht dem Weltverband gemeldet, der nach seinem Regelwerk auf eine zweijährige Sperre erkannt hätte.
Grund für die Milde sei gewesen, so erinnert sich der DLV-Dopingbeauftragte Rüdiger Nickel, daß Kreutz eine "therapeutische Begründung" für seinen Anabolikaeinsatz vorgab: Er sei häufig verletzt gewesen. Ansonsten habe der Athlet aber gestanden.
Daß einem 24jährigen wegen Ermüdungsbrüchen männliche Sexualhormone gespritzt werden müssen, halten Experten für "medizinischen Humbug". Und auch mit seinen Geständnissen nahm es Kreutz nicht so genau. Vor dem Staatsanwalt, der wegen des Verdachts auf Medikamentenmißbrauch ermittelte, mußte der Läufer zugeben, zwei DLV-Ärzte belogen zu haben, die nach der Herkunft der Anabolika gefragt hatten. So konnte bis heute nicht die Quelle verstopft werden, aus der Kreutz die Dopingmittel besorgte.
Und noch ein Umstand dürfte die Ostdeutschen stutzig machen. Kreutz, der vor drei Wochen über 1500 Meter eine deutsche Jahresbestzeit erzielte, startet für den ASC Darmstadt, jenen Traditionsverein vor der Haustür der DLV-Geschäftsstelle, dem sich die Verbandsfunktionäre seit langem besonders verbunden fühlen.
* Am 16. Mai in Trier.

DER SPIEGEL 23/1993
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