30.03.1992

„Mist aus den Winkeln kehren“

Der Herzchirurg Berisha, 47, ist Chef der Demokratischen Partei Albaniens. Bei der Parlamentswahl am 22. März errang die bisherige Oppositionspartei eine Zweidrittelmehrheit der Mandate und sorgte damit nach 46 Jahren kommunistischer Herrschaft für einen Machtwechsel.
SPIEGEL: Albaniens Kommunisten, die seit einem Jahr als "Sozialisten" firmieren, haben ein Waterloo erlebt. Wie erklären Sie sich den unerwartet hohen Wahlsieg Ihrer Demokratischen Partei?
BERISHA: Eine Kommunistische Partei - und dies nicht nur in Albanien - kann nicht reformiert werden. Das hat unsere Bevölkerung begriffen. Nicht einmal die Bauern hegen noch Illusionen. Die Sozialisten bedienten sich während des Wahlkampfs noch schlimmerer Methoden als die Kommunisten unter Enver Hodscha. Sie engagierten Killer, nannten uns öffentlich Faschisten, verglichen mich sogar mit Hitler.
SPIEGEL: Trotzdem hatten Sie vor den Wahlen den Kommunisten de facto eine Generalamnestie versprochen. Weil Sie einmal selbst Kommunist waren?
BERISHA: An einer Diktatur ist nicht nur der Diktator schuld. Es gibt Zigtausende von Familien, in denen die Ehefrauen ihre Männer und die Söhne ihre Väter bespitzelten. Sollen wir all diese Familien jetzt zerstören? Deshalb versprach ich: Die Dossiers werden nicht geöffnet. Ich selber begann gegen dieses Regime zu opponieren, weil ich mich für die Diktatur mitverantwortlich fühlte. Ich log, statt die Wahrheit zu sagen. Die Kommunisten waren oft Täter und Opfer in einem.
SPIEGEL: Trotzdem wird der Ruf nach Rache bei den Demonstranten immer lauter. In Tirana skandierten sie: "Hängt die Kommunisten."
BERISHA: Unser Weg in die Demokratie begann mit der Parole: Freiheit und Menschenrechte. Den Kommunisten muß verboten werden, illegale Methoden anzuwenden. Aber ich bin gegen Prozesse und Verurteilungen. Wenn wir damit beginnen, hätten unsere Gerichte bis zum Jahr 2010 zu tun, und unsere Konzentrationslager würden größer sein als jene zu Hodschas Zeiten.
SPIEGEL: Wie lange wird der Ex-Chef der KP, Ramiz Alia, noch Präsident sein?
BERISHA: Er muß zurücktreten - auch wenn er glaubt, der Wahlausgang habe mit ihm nichts zu tun.
SPIEGEL: Sie werden voraussichtlich Albaniens nächster Präsident sein. Haben Sie bereits eine Regierungsmannschaft zusammen?
BERISHA: Das ist Aufgabe des Nationalrates der Demokratischen Partei. Da wir eine Zweidrittelmehrheit besitzen, können uns die Sozialisten nicht mehr blockieren.
SPIEGEL: Was wollen Sie alles ändern?
BERISHA: Fast alles. Hier müssen wir den Mist von 50 Jahren aus den Winkeln kehren. In spätestens zwei Monaten werden Gemeindewahlen stattfinden. Danach werden die Reformen einsetzen: bei der Polizei, beim Geheimdienst, in der Bürokratie, in den Organisationen und Betrieben, im Parlament. Unsere Botschaften im Ausland werden ausgemottet. Die waren die Stützpfeiler dieses Horror-Regimes. Alle Albaner, die im _(* Bei der Abschlußkundgebung der ) _(Demokratischen Partei am 20. März in ) _(Tirana. ) Exil leben, sollen die Staatsbürgerschaft zurückerhalten. Und dann natürlich: neue Gesetze.
SPIEGEL: Das wird alles Makulatur bleiben, wenn Sie nicht die Wirtschaft auf Trab bringen.
BERISHA: Unsere letzte Reform war ein Desaster, eine Schocktherapie ohne Produktion, mit leeren Läden und freien Preisen. Unsere Arbeiter spazieren auf den Straßen, statt zu produzieren. Ihre Kinder schicken sie mit leeren Mägen in die Schule.
SPIEGEL: Der Wirtschaftsminister war aber kein Kommunist, sondern Gramoz Pashko, Mitbegründer der Demokratischen Partei.
BERISHA: Gramoz machte viele Fehler. Er wollte seinen Ministersessel um jeden Preis behalten - auch als längst klar war, daß mit den Kommunisten keine Reform möglich ist. Albanien ist ein Agrarland. Ich bat die Regierung wiederholt, das Land zu privatisieren, doch es liegt weiter brach.
SPIEGEL: Im Wahlkampf zeigten Sie sich oft mit dem amerikanischen Botschafter. Sind sie pro-amerikanisch?
BERISHA: Ich bin Europäer, und Albanien ist ein Teil Europas. Neben den USA haben uns auch europäische Länder umfangreiche finanzielle Hilfe versprochen - in Deutschland die CDU und der Bundestag.
SPIEGEL: Was erwarten Sie von Bonn konkret?
BERISHA: Ohne ausländische Investitionen und Joint-ventures brauchen wir mit den Reformen erst gar nicht zu beginnen. Wir werden von Deutschland das Konzpet der sozialen Marktwirtschaft übernehmen. Aber wir werden nicht nur Almosenempfänger sein. Albanien hat seinen Handelspartnern auch etwas zu bieten.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
BERISHA: Bodenschätze, Tourismus, das Meer.
SPIEGEL: Davon schwärmte schon Chruschtschow. Der wollte in den albanischen Buchten Raketen aufstellen. Streben Sie jetzt zur Nato?
BERISHA: Ich bin für die Integration Albaniens in die Nato - und zwar als Mitglied. Albanien war niemals eine Gefahr für Europa - nicht mal unter den Kommunisten.
SPIEGEL: Mit dem Nato-Staat Griechenland sind Ihre Beziehungen wegen der griechischen Minderheit in Albanien derzeit gespannt.
BERISHA: Diese Minderheit - es handelt sich um 45 000 Menschen und nicht um 400 000, wie Athen behauptet - wird von extremen Kreisen in Griechenland dirigiert. Und die sind verrückt. Sie haben sogar eine Landkarte herausgegeben, die Anspruch auf ganz Südalbanien erhebt.
SPIEGEL: Auch mit Ihrem Nachbarn Jugoslawien gibt es Ärger wegen der Lage der Albaner in der Provinz Kosovo.
BERISHA: Wir verlangen, daß Kosovo den Status einer eigenständigen Republik erhält und unsere Landsleute dort die von der Helsinki-Schlußakte garantierten Menschenrechte genießen.
SPIEGEL: Werden Sie Waffenhilfe leisten, wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen Serben und Albanern in Kosovo kommt?
BERISHA: Wir sind für eine friedliche Lösung.
SPIEGEL: Wenn Ihnen in Albanien nicht bald die Überwindung der Versorgungskrise gelingt, drohen neue Fluchtwellen. Wie können Sie die stoppen?
BERISHA: Ich werde versuchen, Deutschland und alle anderen europäischen Länder zu überzeugen, Emigranten aus Albanien offiziell zu akzeptieren - vorübergehend, zum Teil nur als Saisonarbeiter. Ein halbes Jahrhundert gab es keine Flüchtlinge aus Albanien - während aus anderen sozialistischen Ländern Hunderttausende Arbeit in Europa fanden.
* Bei der Abschlußkundgebung der Demokratischen Partei am 20. März in Tirana.

DER SPIEGEL 14/1992
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