21.12.1992

„Wir sind die Stärkeren“

SPIEGEL: Herr Giordano, Sie haben nach den Morden von Mölln in einem Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl die Bewaffnung jüdischer Bürger angekündigt, weil Minderheiten in Deutschland nicht mehr sicher seien. Bleiben Sie dabei, nachdem in den letzten Wochen in Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt und anderswo über zwei Millionen gegen den Rechtsradikalismus auf die Straße gegangen sind?
GIORDANO: Ich bin kein jüdischer Pistolero, und John Wayne war mir stets in der Seele zuwider. Meine Ankündigung war eine defensive Notwehraktion, nachdem sich der Staat gegenüber der Gefahr von rechts als Papiertiger erwiesen hatte. Ich hoffe, daß aus dieser Reaktion nie eine Aktion werden muß. Im übrigen stehe ich nach wie vor zu meinem Brief.
SPIEGEL: Die Lichterketten haben Sie also nicht beeindruckt?
GIORDANO: Ganz im Gegenteil. Schon bei der Aktion in München habe ich gejubelt. Und angesichts der überwältigenden Demonstration in meiner Vaterstadt Hamburg habe ich gebrüllt wie ein Löwe: "Wir sind doch die Stärkeren!" Aber ich mache Unterschiede zwischen Bürgern und Regierenden.
SPIEGEL: Bonner Kabinettsmitglieder haben die Demonstranten auch gelobt.
GIORDANO: Mag sein. In Wahrheit jedoch ist dieses Feuerwerk von Massenprotesten gegen Rassenhaß und Fremdenfeindlichkeit eine Ohrfeige für die Regierung. Und der Transmissionsriemen, der diese ungeheure gesellschaftliche Kraft von unten hoch zur Exekutive und Legislative, zur Politikerklasse in den Penthäusern des deutschen Parlamentarismus tragen soll, der funktioniert noch nicht.
SPIEGEL: Plötzlich gibt es aber Reaktionen. Der Generalbundesanwalt schaltet sich in Ermittlungen ein, die mutmaßlichen Täter von Mölln sind gefaßt, rechtsextreme Organisationen werden verboten, die Republikaner vom Verfassungsschutz überwacht.
GIORDANO: Gut so. Dennoch geschieht das mehr oder weniger widerwillig. Die deutschen Konservativen und ihre Führungsriege sind unfähig, sich von rechts wirklich bedroht zu fühlen. Für sie steht der eigentliche Feind immer noch links. Rechts - das sind irgendwie ungezogene Verwandte. Die von Bundeskanzler Kohl im Bundestag geübte Gleichsetzung von linker und rechter Gefahr in einer Situation so eindeutiger Demokratiebedrohung durch rechte Gewalttäter belegt das eindrucksvoll.
SPIEGEL: Der Kanzler hat rechtsradikaler Gewalt eine klare Absage erteilt.
GIORDANO: Aber doch wohl kaum aus einer inneren Beziehung zu den inzwischen 17 Ermordeten, sondern weit eher aus zwei anderen Motiven. Erstens aus der Angst, der außenpolitische Schaden könnte zu handfesten materiellen Nachteilen des Industriestandorts Bundesrepublik führen und letztlich Wählerstimmen kosten.
Zweitens aus der womöglich noch tiefer sitzenden Befürchtung, daß ein jüdisches Opfer rechtsextremistischer Gewalttäter - vor dem Hintergrund des Holocaust - zu einer Katastrophe mit weltweiten Folgen für Deutschland werden könnte. Das Schreckliche dabei ist, daß es in diesem Land eben Opfer erster Klasse gibt - Juden - und solche zweiter Klasse oder noch niedriger. Die Roma sind dabei natürlich auf dem letzten Platz.
SPIEGEL: Einige Kritiker argwöhnen, ein Teil der Bürger, die jetzt demonstrieren, wollte nur mit ein paar Kerzen ihr Gewissen beruhigen.
GIORDANO: Auch viele, die gegen weitere Einwanderung sind und für die Einschränkung des Asylrechts, haben die Gewaltexzesse nicht gewollt und machen sich heute womöglich Vorwürfe, daß sie so lange geschwiegen haben. Aber das steht für mich nicht im Vordergrund.
Entscheidend ist, daß sie mitmachen, daß die Kräfteverhältnisse klargestellt werden. Die rechtsextremistischen Gewalttäter, vor allem aber ihre politischen Hintermänner, können allerdings durch Demonstrationen allein nicht besiegt werden.
SPIEGEL: Was schlagen Sie als Alternative vor?
GIORDANO: An Ort und Stelle Farbe bekennen gegen Rassenhaß und Ausländerfeindlichkeit, wo immer das provoziert wird, jeden Tag und überall. Dem gewöhnlichen Nazismus, der bekennenden Unbelehrbarkeit unsere bürgerliche Courage, die wachsame Humanität im Alltag entgegenstellen. Verhältnisse schaffen, in denen nicht wir bedroht werden, sondern in denen Altnazis, Neonazis, Skins, Rassisten, Extremisten und Fanatikern die Luft ausgeht. Das ist die demokratische Republik, die wir erkämpfen müssen.

DER SPIEGEL 52/1992
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