21.12.1992

„Dankschreiben sind unterwegs“

Runde 70 wird er nun, der alte Häuptling der Republikaner - da haben sich seine Krieger aus dem Stammland Bayern natürlich etwas Besonderes einfallen lassen: Sie wollen zu Franz Schönhubers Geburtstag am 10. Januar "eine exklusive Telefonkarte in Vier-Farb-Druck" präsentieren, Auflage: 10 000 Stück.
Den Entwurf hat der bayerische Rep-Landesvorsitzende Wolfgang Hüttl, 42, von Beruf Technischer Zeichner, eigenhändig angefertigt. Er zeigt, auf schwarzrotgoldenem Untergrund, das altbübische Schönhuber-Konterfei nebst dem Partei-Logo in Blau. Der Text ist selbstredend patriotisch: "Ein Leben für Deutschland" und "Deutschland zuerst".
Theoretisch ist, laut Hüttl, schon mehr als die Hälfte der Telefonkarten "Franz Schönhuber" im Vorverkauf abgesetzt worden, zum Stückpreis von 70 Mark.
Vorerst allerdings gehen die Käufer und der Jubilar leer aus. Denn die Deutsche Postreklame GmbH (DPR), die das Monopol für derlei Werbeträger besitzt, hat den Rep-Auftrag nach Erhalt des Entwurfs zurückgegeben, postwendend.
Nach Einschätzung der Frankfurter Telekom-Tochter verstößt das Kartenmotiv, vor allem die Parole "Deutschland zuerst", gegen die in ihren Geschäftsbedingungen festgelegte Pflicht zu politischer Neutralität. Die Schönhuber-Karte, sagt DPR-Geschäftsführer Werner Buchwald, sei schon "nicht mehr in der Grauzone" zweifelhafter Entscheidungen einzuordnen, sondern eindeutig geeignet, "starke Emotionen auszulösen".
Dabei sind die Postwerber in dem blühenden Geschäft mit den Plastickärtchen, um die sich in der Bundesrepublik schon über 200 000 Sammler raufen, sonst gar nicht so pingelig. Mit den Telefonbilletts werben inzwischen fast alle Parteien, einzelne Parlamentarier genauso wie Ministerpräsidenten. Hessens Regierungschef Hans Eichel (SPD) beispielsweise wünschte heuer "Viel Vergnügen beim Hessentag in Wolfhagen" - 5000mal.
Die rechtsextreme Deutsche Liga für Volk und Heimat des ehemaligen Schönhuber-Kronprinzen Harald Neubauer vertreibt seit November eigene Karten. Die Linksaußenpartei PDS steht sogar schon im einschlägigen Michel-Katalog - mit einem Werbeträger ihrer Frauen-"AG Lesbisches Leben".
Praller Sex stößt bei der Postreklame kaum auf Bedenken. Eine "knackige Nackte", die von den Hamburger St. Pauli Nachrichten in 10 000 Exemplaren ins Rennen geschickt wurde, war binnen drei Wochen restlos vergriffen. Die Mieze mit der Einschubmarkierung auf dem Unterleib war nach dem Protest einer Hamburger Bürgerin von der Postreklame aus dem Verkehr gezogen worden. Doch die Postler mußten sich einer Schadenersatzklage des Kartenkunden fügen und die Nackte wieder auf den Markt werfen.
Mit der Justiz drohen den Frankfurtern nun auch schon die Republikaner. Der Bayer Hüttl hat der Postreklame inzwischen einen neuen Entwurf - ohne den beanstandeten Deutschland-Slogan - geschickt. Sollte der ebenfalls verworfen werden, wollen die Reps die Schönhuber-Karte durch Gerichtsbeschluß erzwingen lassen. Sie berufen sich auf den Vertragszwang, dem ein Monopolbesitzer auch in ihrem Fall unterliege.
Derweil halten sich Freud und Leid wegen des verpatzten Geburtstagsgeschenks bei den Rechten durchaus die Waage. Wolfgang Hüttl ist sauer, weil die Postler "solche Sperenzchen" machen, wo doch Franz Schönhuber schon allerfeinste Auszeichnungen wie den Bayerischen Verdienstorden und die Medaille "München leuchtet" bekommen hat.
Schönhuber selbst, alter Medienprofi, kann sich indes gut vorstellen, daß durch die Post-Blockade mehr Werbung rüberkommt als durch 10 000 Telefonkarten. "Das ist unbezahlbar", freut er sich, "Dankschreiben sind unterwegs."
Hugh, der Häuptling hat gesprochen. Vermutlich die Wahrheit.

DER SPIEGEL 52/1992
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