21.12.1992

ParteienVollblut von rechts

Darf ein CDU-Mitglied den Auschwitz-Leugner David Irving zum Vortrag laden?
Das Gasthaus war gutbürgerlich, das Publikum war's auch. Der Redner fiel aus dem Rahmen: Die Augen funkelnd, überbordend die Stimme - der britische Historiker David Irving, 54, deutete im "Adler" zu Pforzheim-Büchenbronn die Nazi-Greuel zur Legende um, wieder einmal.
Der Holocaust sei eine "englische Propagandalüge" gewesen und Auschwitz vor allem eine "Touristenattrappe", behauptete der Brite - Aussagen, für die Irving schon vom Münchner Amtsgericht mit einer Geldstrafe und vom Bundesinnenministerium mit einem Einreiseverbot belegt worden war. Doch die guten Bürger bedachten die Tiraden des Briten mit kräftigen "Bravo"- und "Jawoll"-Rufen.
Zu Irvings Hinterzimmerrede hatte, ausgerechnet, ein CDU-Mitglied geladen, ein Ortsprominenter zumal: der frühere Pforzheimer CDU-Kreisrat Manfrid Dreher, 69, Ehrenvorsitzender des CDU-Ortsverbandes und Vizepräsident der Vereinigung Mittelständischer Unternehmer, ein "Vollblutunternehmer mit großem internationalen Ansehen", wie es in einer Pforzheimer Chronik heißt.
Gekommen waren "Freunde und bestes Pforzheimer Bürgertum" (Dreher), aber auch rechtsradikale Republikaner und Neonazis wie der Deutschkanadier Ernst Zündel und der US-Hinrichtungsexperte Fred Leuchter, der mit einem pseudowissenschaftlichen Report die Gaskammermorde in Auschwitz zu leugnen versucht.
Seit jenem Abend tobt in der CDU Baden-Württembergs ein Streit darüber, wie weit sich ihre Mitglieder mit Radikalen einlassen dürfen.
Der Pforzheimer CDU-Kreisverband verlangt den Rausschmiß Drehers aus der Partei. Kreisvorsitzender Hugo Leicht empfindet es als "unerhört", Rechtsextremen ein "solches Forum" zu bieten. Kreis- und Landesparteigericht mußten sich schon mit dem Fall befassen, und die Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelte gegen Dreher wegen Beleidigung jüdischer Bürger.
Jetzt soll das CDU-Bundesparteigericht die Angelegenheit prüfen. Zum erstenmal in der Geschichte dieser Institution, erinnert sich der Parteigerichtsvorsitzende Heinrich Barth, geht es um einen Fall von krassem Rechtsabweichlertum.
Zwar sind aus der CDU schon Mitglieder ausgeschlossen worden, weil sie bei Grundstücksgeschäften betrogen, bei Kandidaturen getäuscht oder ihre Beiträge nicht bezahlt hatten. Sogar eine Einladung an den Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt gab in den frühen sechziger Jahren den Grund zum Ausschluß aus der Christenunion her.
Noch nie jedoch ist über die Frage befunden worden, ob Unionisten rechtsradikalen Historikern wie Irving "die Hand reichen dürfen" (Barth). Der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Volker Kauder erwartet daher von der letzten Parteiinstanz "klare Aussagen mit Signalwirkung".
"Dreher ist extrem", meint Kauder. Der Metallmaschinen-Unternehmer selber stuft sich als "Wertkonservativen" ein. Er erzählt, daß er bis vor kurzem noch von Parteifreunden zu Kandidaturen ermuntert worden sei: als "konservatives Aushängeschild" der Union.
Der umstrittene Irving-Vortrag, argumentiert Dreher, sei zu einem anderen Thema geplant gewesen, zur Rolle Deutschlands im neuen Europa nämlich. Als Gastgeber hatte Dreher, der Träger der Bundesverdienstkreuze 1. Klasse und am Bande ist, allerdings schon bei der Einladung zu der privaten Veranstaltung ein "Zurechtrücken der Vergangenheit" angekündigt.
Der Referent habe sich, behauptet Dreher gleichwohl, ohne Absprache zu seinen Ausführungen über Auschwitz verstiegen. Als "interessant" und "faszinierend" beurteilte der Christdemokrat die Irvingschen Thesen damals dennoch. "Das waren doch Floskeln", meint er heute.
Dreher ist sicher, daß einer wie er weiterhin in die CDU gehört. Das Kreisparteigericht hat ihn schon rehabilitiert, das Landesschiedsgericht erteilte ihm zwar ein Funktionsverbot und entzog ihm den Ehrenvorsitz, Christdemokrat aber darf er vorerst bleiben.
Auch das Strafverfahren gegen ihn ist eingestellt worden, aus Mangel an Beweisen.

DER SPIEGEL 52/1992
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