21.12.1992

PresseSchande für Monaco

Die Regenbogen-Presse hat dem Publikum einen Wechselbalg als „Stephanies Baby“ präsentiert - Produkt elektronischer Bildfälschung.
Am 3. Dezember meldete die in Baden-Baden erscheinende Frau mit Herz beglückt Vollzug im Fürstenhause der Grimaldis zu Monaco - "Stolze Stephanie: Hurra, ihr kleiner Prinz ist da!"
Die Düsseldorfer Illustrierte Neue Welt war der Baden-Badener Konkurrenz um mehr als eine Preßwehe voraus. "Stephanie: Die stolze Mami feiert endlich Hochzeit", verhieß das Blatt aus dem Welt-am-Sonnabend-Verlag bereits am 23. September und präsentierte seiner weiblichen Leserschaft das junge Mutterglück mit einem Guckin-die-Welt im Arm.
Als der vermeintliche Grimaldi-Sproß bereits die Titelseiten des Frauen-Blattes schmückte, strampelte der jüngste Abkömmling des monegassischen Adelshauses in Wahrheit noch ein Dutzend Zentimeter unter dem Herzen seiner Mutter in der fürstlichen Fruchtblase. Erst acht Wochen später, am 26. November dieses Jahres, wurde Stephanies Sohn Louis Robert geboren.
Bizarrer noch als die Falschmeldungen nahmen sich die Illustrationen zum Thema aus. Weil es Fotos von Louis Robert noch gar nicht geben konnte und sie später nur zu horrenden Stückpreisen zu haben waren, behalfen sich die Regenbogen-Blätter in den letzten Wochen dutzendfach, sogar auf den Titelseiten, mit raffiniert gefertigten Fotomontagen, bei denen der Prinzessin irgendwelche Babys in den Arm retuschiert worden waren.
Eines der Bilderblätter hat die Trickserei jetzt zum Thema gemacht. Die Münchner Bunte berichtete vorletzte Woche, zum Ärger der Branche, über die "Regenbogen-Hysterie um das Baby der Prinzessin Stephanie von Monaco": "Der kleine Louis Robert", spottete die Bunte über die Presse-Frühgeburt, sei "das erste Baby der Welt mit mindestens zwölf Gesichtern".
Weil sie "derartige Geschäfte mit einem Baby höchst lächerlich" finde, hatte Chefredakteurin Beate Wedekind zwölf Titel von Regenbogen-Blättern nebeneinandergestellt. Auf allen strahlt frisch onduliert Mutter Stephanie, im Arm ein Baby: "Mal kahl, mal blond, mal mit Segelohren", wie die Bunte über das Dutzend-Gesicht feixte.
Am buntesten hatte es Die Aktuelle aus dem Gong Verlag getrieben, die den fürstlichen Wechselbalg ("Schande für Monaco") bereits am 6. Juni ihren Leserinnen präsentierte - drei Monate nachdem der Vater in spe Daniel Ducruet seine Leibwächter-Pflichten im Hause Grimaldi großzügig ausgelegt hatte.
Was wie eine Schnurrpfeiferei im Konkurrenzkampf der sogenannten Yellow Press anmutet, hat System - und es verstößt gegen Persönlichkeitsrechte. "Die ,Yellows''", weiß der Hamburger Presse-Anwalt Matthias Prinz, 36, "versuchen immer wieder mit gefälschten Bildern Leser zu gewinnen."
Prinz vertritt derzeit Stephanies Schwester Caroline von Monaco gegen dieselbe Bunte, die sich jetzt als Aufsichtsorgan gerierte und so süffig "die Wahrheit hinter der Dichtung" über das Stephanie-Baby enthüllte. In der dritten und vorerst letzten Runde des Rechtsstreits verurteilte das Hamburger Landgericht die Münchner Illustrierte am 11. Dezember, ein angebliches Exklusiv-Interview mit Caroline auf der Titelseite zu widerrufen; außerdem muß die Bunte einen vorgeblichen Schnappschuß aus dem Familienalbum der Grimaldis auf ihrem Titel selber als Fälschung entlarven.
Seit Blattmacher ihre Titelbilder und "Exklusivfotos" mit elektronischen Bildbearbeitungsanlagen komponieren können, sind, so der Hamburger Repro-Fachmann Jürgen Günther, "den Fotomanipulationen keine Grenzen mehr gesetzt". Ob angebliche Liebhaber prominente Frauen in den Armen halten, ob Babys am Busen ahnungsloser Mütter greinen oder Hängebäuche geliftet werden sollen - stets gelingt das optische Betrugsmanöver technisch perfekt.
So hatte Prinz-Mandantin Caroline in einem Regenbogen-Heft schon einen _(* Collage aus der Illustrierten Bunte. ) Liebhaber an der Seite, den die Foto-Manipulateure offenbar aus einem Modekatalog geklaubt hatten. Und das Hamburger Heinrich-Bauer-Blatt Das Neue schickte in seiner Ausgabe vom 28. September dieses Jahres Carolines Kinder für ein Titelfoto zum Spielen auf die grüne Wiese - echt daran, so Prinz, war nur der Spieltrieb der Titelredaktion.
Derlei Foto-Schmu hat vor keinem deutschen Gericht Bestand. Schon 1958 bekräftigte der Bundesgerichtshof im "Herrenreiterurteil" das Recht am eigenen Bild und erkannte auf Schmerzensgeld. Einem durch Fotomontage entblößten Mann sprach dann das Landgericht Köln 1977 ein Schmerzensgeld zu.
Beim Schmerzensgeld, meint Presse-Anwalt Prinz, liege in der Praxis das Problem. Bei derartigen Verstößen gegen das Persönlichkeitsrecht, so Prinz, erkennen die Gerichte gewöhnlich nur auf Schadensersatz in Höhe von wenigen tausend Mark. Diese Summe aber machen verkaufsfördernde Fotomontagen auf dem Titel mehr als wett.
"3100 g schwer, 49 cm groß, Entbindung bei klassischer Musik", wußte die einschlägig erfahrene Das Neue auf ihrem Stephanie-Titel zu berichten. Daneben hielt die selig lächelnde Jungmutter den halben Meter im Arm.
Welches Baby da wirklich gezeigt wurde, ob das Kind einer Redaktionssekretärin oder ein Säugling aus dem Bildarchiv, war letzte Woche nicht zu erfahren. "Kein Kommentar", hieß es in der Hamburger Redaktion zu dem fotomontierten Mantelkind.
Nur soviel wollte die stellvertretende Chefredakteurin Ingeborg Schönbrodt-Kreuzer aus dem Bauer Verlag zugeben: "Natürlich macht man mit solchen Titeln Auflage."
* Collage aus der Illustrierten Bunte.

DER SPIEGEL 52/1992
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