06.12.1993

KonzerneAbrupte Wende

Die Fusion von Volvo und Renault ist gescheitert. Kooperieren die Schweden nun mit einem japanischen Konzern?
Pehr Gyllenhammar, 58, Oberaufseher der schwedischen Volvo-Gruppe, wollte noch einen Karrieresprung machen und Chairman des zweitgrößten europäischen Auto-Unternehmens werden. Doch vergangenen Donnerstag war der Traum aus.
Bei einer Sitzung der Aufsichtsräte, die das von ihm ausgehandelte Fusionsabkommen mit dem französischen Staatskonzern Renault gutheißen sollte, sah der Vorsitzende sich einer Fronde von Vorstand und Aufsichtsratskollegen gegenüber.
Am Ende der Sitzung unterschrieb Gyllenhammar ein Protokoll, das Volvos Rücktritt von den Fusionsplänen und seine eigene Demission als oberster Kontrolleur des Unternehmens enthielt.
Das Fiasko hatte sich bereits vorher abgezeichnet. Zwar waren sich noch im September Vorstand und Aufsichtsrat der schwedischen Firma einig gewesen, die Fusion mit dem mehr als doppelt so großen Konzern Renault im Verhältnis 65 zu 35 anzustreben. Denn Volvo brauchte Geld für dringend notwendige Nachfolgemodelle.
Doch plötzlich kassierten die Schweden unerwartet hohe Gewinne. In den USA, dem Hauptmarkt des Konzerns, hatte sich die Nachfrage stark belebt. Volvos Verkaufszahlen stiegen.
Mit dem höheren Absatz kamen Währungsgewinne hinzu. Die schwedische Krone hatte sich durch Entkoppelung vom Europäischen Währungssystem um gut 25 Prozent abgewertet. Für jeden in Nordamerika eingenommenen Dollar gab es nun mehr schwedische Kronen.
Umgekehrt waren die Gewinnzahlen der bis vor kurzem noch ertragsstarken Renault-Gruppe abgesackt. Volvo-Unternehmens-Chef Sören Gyll, bislang ein heißer Verfechter der Fusion, geriet unter den Druck der Gyllenhammar-Gegner. Der Vertrag mit den Franzosen, forderten sie, müsse nachverhandelt werden.
Tatsächlich steckten im Fusionsvertrag Tücken. Die Schweden hatten akzeptieren müssen, daß die Design-Zentrale für das Gemeinschaftsunternehmen in Paris liegen werde. Die Marke Volvo wäre bald nur noch ein Aufkleber fürs Renault-Auto gewesen.
Zudem wollten die Schweden nicht Ableger eines französischen Staatskonzerns werden. Die Franzosen hatten zwar die Privatisierung von Renault zugesagt, aber keinen genauen Zeitpunkt dafür nennen wollen. Zudem sicherten sie sich weitgehende Vetorechte.
Während Gyllenhammar immer noch hoffte, die Fusion durch Nachbesserungen retten und sich damit auf den Platz des Aufsichtsratsvorsitzenden hieven zu können, vollzog Macher Gyll ein abruptes Wendemanöver.
Mehrere Großaktionäre und die meisten Kleinaktionäre hatten sich, vor allem weil der Volvo-Kurs an der Börse abstürzte, inzwischen ganz gegen die Fusion gewendet. Der Vorstand stellte sich auf ihre Seite. "Wir waren gezwungen, die Signale der Börse und der Aktionäre zu beachten", redete Gyll sich heraus.
Da die Aktien sich erholten, als die geplante Fusion durch gut lancierte Gerüchte in Frage gestellt wurde, hatte Gyll es anschließend nicht schwer, sie auf der Aufsichtsratssitzung am 2. Dezember endgültig zu Fall zu bringen.
"Schweden wendet Europa den Rücken", erklärte Gyllenhammar melodramatisch seine Niederlage. Tatsächlich aber hat Volvo Pehr Gyllenhammar den Rücken gekehrt.
Nach dem Ende seiner 22jährigen Herrschaft sagt Gyllenhammar der Firma nun eine "ganz, ganz schwere Zukunft" voraus. "Ausländische Kooperationspartner", so der gestürzte Boß, "werden künftig skeptischer sein."
Volvos Management stört das nicht. Es steuert bereits auf einen Kooperationspartner zu, der ihm mehr liegt: Mitsubishi Motors in Japan. Y

DER SPIEGEL 49/1993
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