30.03.1992

AffärenBöse Stiefmutter

Intrigen, Skandale, üble Nachreden: das Drama um die Zeitschrift Psyche.
Penisneid bis über den Tod hinaus, narzißtische Gekränktheit, Verfolgungswahn, Verdrängung und Verschiebung - Therapeuten hätten jede Menge Arbeit. Doch der brutale Machtkampf um die Psyche, jene berühmte von Alexander Mitscherlich begründete "Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen", hat schlechte Chancen, seelisch aufgearbeitet zu werden.
Dazu müßten sich jene, die sonst analysierend hinter der Couch sitzen, höchstselbst mit ihren Problemen auf das Psycho-Möbel strecken. Und auch für Seelendoktoren ist Selbsterkenntnis ein mühsames und zudem wenig einträgliches Geschäft.
Analysiert oder nicht - der Psyche-Streit taugt nicht nur zur hämischen Beglaubigung des Karl-Kraus-Bonmots, daß die Psychoanalyse genau die Krankheit sei, für deren Therapie sie sich halte.
Der Kampf um die renommierte Fachzeitschrift ist auch ein erschreckender Beleg für die Regression einer linken, kulturkritisch inspirierten Diskussionskultur: Weil die kontroversen Themen fehlen, streitet man sich um so heftiger um Köpfe.
Alexander Mitscherlich, dessen Analysen ("Die vaterlose Gesellschaft", "Die Unwirtlichkeit der Städte", "Die Unfähigkeit zu trauern") die verdrängten Seiten der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft offenlegten, hatte die Psyche bald nach dem Krieg mitbegründet; sie sollte die von den Nazis verpönte Freudsche Theorie in Deutschland wieder heimisch machen.
Als Mitscherlich 1981 kurz vor dem Tod sein Haus bestellte, übergab er den Nachfolgern "eine wissenschaftliche Fachzeitschrift von internationalem Rang" (Die Zeit). Zu seinen Nachfolgern als Herausgeber bestimmte der Psycho-Papst den linken Soziologie-Professor Helmut Dahmer, den er bereits 1968 mit der Redaktionsleitung der Psyche betraut hatte; den jüdischen Psychoanalytiker Lutz Rosenkötter, der wie Mitscherlich von den Nazis verfolgt worden war; sowie seine zweite Frau Margarete Mitscherlich, Analytikerin und Mitautorin von "Die Unfähigkeit zu trauern".
Die Dreiteilung des Erbes machte Sinn: Psyche sollte nicht nur Forum der Freudschen Psychoanalyse als Neurosenlehre und Therapieform sein, sondern auch den kritischen Stachel einer aufklärerischen Kulturtheorie behalten: Die Zeitschrift war kein ödes Spezialistenblatt, sondern widmete sich, getreu dem Vorbild Freuds, den politischen und gesellschaftlichen Phänomenen.
Das Konzept hatte Erfolg. Noch im Mai 1990, so belegt ein internes Protokoll des Herausgebergremiums, war die Welt der Psyche in Ordnung: Von steigender Auflage (6802 Abonnenten - eine für Fachblätter achtbare Zahl) und einem "wachsenden Zustrom zur Veröffentlichung angebotener Beiträge" war die Rede.
Über diese Manuskripte entschieden eine sogenannte innere Redaktion, die aus Dahmer und zwei vollzeitbeschäftigten Mitarbeitern bestand, sowie eine äußere Redaktion, der fünf Psychoanalytiker vom Fach angehörten.
Zwar bestimmte die testamentarische Verfügung Alexander Mitscherlichs, daß in Zweifelsfällen die Herausgebermehrheit das Sagen habe, doch meist entschied man einvernehmlich. Allerdings gab es zusehends weniger zu diskutieren - die Mitglieder der äußeren Redaktion und auch Margarete Mitscherlich erschienen immer seltener zu den wöchentlichen Sitzungen.
Sie hatten Wichtigeres zu tun, sie bereiteten einen "Coup" (Dahmer) vor, um die Macht in der Psyche an sich zu reißen. Mit machiavellistischer Präzision bootete Margarete Mitscherlich im Zusammenspiel mit den ihr ergebenen Mitstreitern der äußeren Redaktion die Dahmer/Rosenkötter-Anhänger aus - und bewies dabei, daß man im Bündnis mit den Mächtigen ein renommiertes Fachblatt wie eine Fritten-Bude nach Lust und Laune erst dicht- und dann wieder aufmachen kann.
In einem zunächst geheimgehaltenen Schreiben an den Verleger Michael Klett schwärzte die Mitscherlich-Fraktion den seit 23 Jahren zur Psyche gehörenden Dahmer an. Als Vorwand diente die angeblich zu barsche Behandlung einer Mitarbeiterin der äußeren Redaktion, deren Streitlust, erinnert sich Dahmer, im umgekehrten Verhältnis zur Leistung für das Journal stand.
Die Protestler kritisierten den angeblich autokratischen Umgang Dahmers mit der äußeren Redaktion: So etwas gefährde den Bestand der Zeitung, Frau Mitscherlich werde übergangen. Sachlich hatten die Rebellen zur Begründung ihres Putsches wenig vorzubringen.
Das brauchten sie auch nicht. Frau Mitscherlich gelang es, Verleger Klett auf ihre Seite zu ziehen, der nach mehreren vergeblichen Versöhnungsversuchen - die Grande Dame der Psychoanalyse weigerte sich konsequent, zu einem Friedenskonklave zu erscheinen - Rosenkötter und Dahmer und damit indirekt auch dem geschäftsführenden Redakteur Detlef Michaelis kündigte. Im selben Atemzug nahm Klett Frau Mitscherlich als Alleinherausgeberin für eine Zeitschrift mit neuem Titel unter Vertrag: Die Psyche war tot, es lebte die Psychoanalyse.
Dahmer und Rosenkötter wiegten sich in dem Glauben, sie wären, einmal mit dem schriftlich erklärten Alexander-Mitscherlich-Segen versehen, unkündbar oder hätten zumindestens das Recht, von Klett die Herausgabe der Abonnentenkartei zu verlangen. Ein Trugschluß: Das Landgericht Frankfurt schmetterte ihr Begehren ab und bestätigte Klett "das Recht an der Zeitschriftenunternehmung". Nur den Titel Psyche durften Dahmer und Rosenkötter behalten.
Die Herausgebergemeinschaft hatte, ohne die rechtlichen Konsequenzen zu bedenken, in einer harmlos erscheinenden Finanzierungsvereinbarung einen entsprechenden Passus unterzeichnet. Solch idealistische Verkennung kapitalistischer Machtverhältnisse hat Verleger Michael Klett schon bei anderen "spezialisierten Intellektuellen" wie dem Merkur-Mitherausgeber Karl Heinz Bohrer beobachtet.
Ein in der vorvergangenen Woche geschlossener Vergleich macht den Sieg von Mitscherlich und Klett komplett: Dahmer und Rosenkötter müssen den Titel herausrücken, sind persönlich mit hohen Anwalts- und Gerichtskosten belastet, werden aber von finanziellen Nachforderungen verschont. Die Psyche ist wieder auferstanden - alleinige Herausgeberin: Margarete Mitscherlich.
So kann über die Hintergründe nur spekuliert werden: Hat sich da - wie ein offener, hoch emotionaler Brief des Sohns aus erster Mitscherlich-Ehe, Thomas Mitscherlich, insinuiert - eine böse Stiefmutter an den Nachfahren gerächt? Dazu würde passen, daß die Herausgeber-Witwe den inzwischen gekündigten Diplom-Soziologen Michaelis mit besonderem Ingrimm verfolgt ("Der Mann hat doch keinerlei akademische Qualifikation") - Michaelis lebt mit einer Mitscherlich-Tochter zusammen. Oder nimmt da eine immer stärker feministisch orientierte Analytikerin allzu gewaltsam Abschied vom Patriarchat?
Margarete Mitscherlich hat nicht nur den Verleger, sondern auch den Zeitgeist auf ihrer Seite: Immer lauter werden die Zweifel an der Freudschen Lehre, immer mehr Analytiker beschränken sich auf die Rolle des Therapeuten - da wirken die aufrechten Gesellschaftskritiker Dahmer und Rosenkötter nur noch wie Relikte aus der alten, linken Zeit.
Die Frankfurter Szene aber ist nach dem Fall des Marxismus so ermüdet, daß sie die Machenschaften um die Psyche ignoriert. Besonders enttäuscht sind Dahmer und Rosenkötter von der Reaktion des linken Altstars Jürgen Habermas. In einem Leserbrief nimmt der Soziologe Margarete Mitscherlich gegen den Vorwurf, eine Rechte zu sein, in Schutz. Ansonsten äußert sich der Theoretiker des herrschaftsfreien Diskurses zu der gewaltsamen Liquidierung der Psyche nicht: "Was immer die Gründe für das Zerwürfnis sein mögen . . ."
Ein ausländischer Dahmer-Kollege hingegen schrieb, die Vorgänge um die Psyche bewiesen die Notwendigkeit der Witwenverbrennung.
Die Sitten in der Psychobranche sind rauh geworden.

DER SPIEGEL 14/1992
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